Kreuzbergs Magnet

Die Bergmannstraße ist bei Touristen und Anwohnern sehr beliebt. Der Kiez zwischen Mehringdamm und Marheinekeplatz hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert – Trödel- und Tante-Emma-Läden sind vor allem Restaurants und Cafés gewichen
Anziehungspunkt: In den zahlreichen Restaurants, Kneipen und Cafés an der Bergmannstraße treffen sich Anwohner und Touristen. Foto: Thilo Rückeis

Alte Schlager knistern aus einem unsichtbaren Lautsprecher. Im Takt dazu räumt Barbara Ertl Hüte auf. Die Geschäftsführerin des Ladens „Heimat Berlin“ bewegt sich barfuß durch diesen heißen Tag. Erst seit einem halben Jahr verkauft sie hier, an der Bergmannstraße 19 in Kreuzberg, Hüte, Kleider, Postkarten, Geschenkartikel und Souvenirs wie die bunten Hirschköpfe zum An-die-Wand-hängen. „Die Bergmannstraße hat inzwischen sehr viel Ähnlichkeit mit Prenzlauer Berg“, sagt Ertl. Dann erzählt sie, dass das Geschäft ein Ableger eines Ladens an der Kastanienallee ist. Im vergangenen Dezember war die Eröffnung. „In Prenzlauer Berg haben wir fast ausschließlich Touristen als Kunden, hier kommen auch viele Anwohner“, sagt sie. Viele Kunden aus dem Kiez hätten erleichtert auf die Eröffnung von „Heimat Berlin“ reagiert: „,Endlich mal kein neues Café, sondern ein richtiger Laden‘, haben sie gesagt.“

Die Bergmannstraße hat inzwischen sehr viel Ähnlichkeit mit Prenzlauer Berg

Die Bergmannstraße hat sich in den vergangenen Jahren sehr verändert. Man hört überall Französisch, Englisch und Italienisch – die Bergmannstraße wird in jedem Reiseführer empfohlen und zieht damit viele Touristen an, die sich vor allem in den Cafés und Restaurants tummeln. Davon gibt es seit einigen Jahren immer mehr. Die Trödelläden und Geschäfte, die bisher das Bild des Kiezes zwischen Mehringdamm und Marheinekeplatz geprägt haben, sind hingegen rar geworden.

Das gefällt nicht jedem Berliner. „Es hat sich eine Gaststättenszene entwickelt, die es in dieser Masse vorher nicht gab“, sagt Peter Beckers, stellvertretender Bezirksbürgermeister und Wirtschaftsstadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg. Grundsätzlich findet Beckers aber, dass durch die „Mischung aus Einkaufsmöglichkeiten und der Vielzahl von Gastronomie ein ganz besonderes Flair“ in dem Kiez entsteht. Aber: „Wenn man nur noch Gaststätten aneinanderreiht, kippt das irgendwann. Und man kann die Entwicklung schlecht umkehren.“ Der Bezirk habe kaum Steuerungsmöglichkeiten. „Das, was für ramschig gehalten wurde, ist jetzt weg. Das bedauere ich ein bisschen“, sagt Beckers. Ihm gefiel der „Widerspruch“ – etwa zwischen schicken Restaurants und Trödelläden.

„Regelmäßige Veränderung tut gut“, sagt dagegen Nils Busch-Petersen, Geschäftsführer des Handelsverbands Berlin-Brandenburg. Er findet nicht, dass es zu viel wird mit der Gastronomie. „Die Bergmannstraße ist eben keine klassische Einkaufsstraße. Sie ist ganz anders strukturiert als zum Beispiel die Wilmersdorfer Straße, viel kleinteiliger und individueller.“ Touristen seien für den Berliner Einzelhandel ein „Lebenselixier“. Und die Straße habe nicht nur wegen der Gastronomie ein „hohes touristisches Potenzial“, sagt Busch-Petersen. „Es gibt dort keine Einzelshandelsmagneten – kein Shoppingcenter, kein Warenhaus. Die Straße selbst ist der Magnet.“ Gerade wegen der kleinen Geschäfte. „Es ist ein Alleinstellungsmerkmal, dass man hier irgendwelche verrückten Dinge kaufen kann, die man eigentlich gar nicht braucht.“ Ganz begeistert ist Busch-Petersen etwa von dem Geschäft „Herrlich“, in dem es nur Geschenke für Männer gibt.

Margit Jankowski verkauft in der Bergmannstraße seit mehr als 25 Jahren Geschenkartikel, Papierwaren und Postkarten in ihrem Laden „Ararat“. „Ich sortiere immerzu“, sagt sie und räumt eine Schüssel voller gläserner Herzen zur Seite. Und dann erzählt sie von „früher, als es hier noch Kartoffel- und Kohlehandlungen gab. Und Trödler. Da war die Straße verstaubter, jetzt ist sie schicker und schöner.“ Ihr habe es nur leidgetan, dass das Reformhaus gegenüber schließen musste und „sich dort jetzt stattdessen das mexikanische Restaurant noch breiter gemacht hat“.

Informationen
| Bergmannstraße |

Länge: 1,2 Kilometer

Geschäfte (Auswahl): Ararat, Barcomis Kaffeerösterei, Männergeschenke Herrlich, Knofi, Bio Company, Markthalle, Bella Casa Orient Möbel, Été clothing, Heimat Berlin

Ladenmieten pro Quadratmeter: zwölf Euro zwischen Markthalle und Südstern, bis 40 Euro zwischen Zossener Straße und Solmsstraße

Lehrstandsquote: nahezu null

Verkehrsverbindungen: U-Bahn Gneisenaustraße und Mehringdamm, Bus Linie M 19 und Linie 140

Weitere Informationen im Netz: www.bergmannkiez-berlin.de, www.bergmannstrasse.de, www.flairberlin.de/d/bergmannstrasse/1.php

Ihr eigenes Geschäft sei vom ersten Tag an gut gelaufen. Sie kauft ihre Ware in Tokio, Paris, New York und London. Zum Beispiel den „Gun Fan“ – einen Mini-Ventilator, der aussieht wie eine Pistole. 5,95 Euro kostet er im Laden. Oder jene Plastikfinger, die als Handtuchhalter an die Wand geschraubt werden können. Eine Frau kauft Servietten mit dem Berliner Stadtplan als Motiv.
Seit 2001 habe sich ihr Umsatz verdoppelt, sagt Margit Jankowski.

Schräg gegenüber habe sie noch eine Postergalerie, die ebenfalls gut laufe. Zwei weitere Filialen, die sie in Charlottenburg hatte, habe sie inzwischen wieder geschlossen. So gut wie an der Bergmannstraße habe es ihr da nicht gefallen. An „ihrer“ Straße in Kreuzberg mag sie zum Beispiel das jährliche Jazzfestival im Juni. Das bringe auch neue Kunden in die Straße, die auf ihren Laden aufmerksam werden. Besonders wichtig für die Straße findet die Ladeninhaberin die Marheinekehalle.

„Das ist wahrscheinlich die einzige richtig erfolgreiche Markthalle in Berlin“, sagt Nils Busch-Petersen. „Der Relaunch ist gelungen.“ 2007 war die alte Markthalle umgebaut worden – aus einem düsteren alten Gebäude wurde eine moderne, lichtdurchflutete Konstruktion. „Sie hat eine wichtige Nahversorgungsfunktion – dort gibt es all die Geschäfte, die aus der Bergmannstraße verschwunden sind“, sagt Stadtrat Beckers. Vor dem Umbau gab es eine heftige Diskussion, dass die Markthalle ihren Charakter verlieren könnte und die alten Händler vertrieben würden. 

Doch heute sind die meisten Kunden und Händler zufrieden. Türkan Izgin zum Beispiel. Die Änderungsschneiderin sitzt hinter einem Berg aus Hosen, Hemden, Jacken. Ihre Nähmaschine rattert, während sie den Saum eines knallgelben T-Shirts umnäht. „Meine Kunden kommen aus der ganzen Stadt hierher“, sagt sie zufrieden. Ihre Miete sei nicht besonders gestiegen, weil sie einen Stand habe, der ein bisschen versteckt sei. Deshalb könne sie es sich leisten, wenig für ihre Dienstleistung zu verlangen: „Ich will meine Preise nicht erhöhen, weil hier Kreuzberg ist. Man muss doch auch an die anderen Leute denken, die jungen Familien, die hier wohnen.“ Die Kundschaft habe sich in den letzten Jahren sehr verändert. Viele kaufen hier Feinkost und ökologische Produkte: In der Markthalle gibt es ein Bio-Buffet und Bio-Bäckereien. Gegenüber der Halle hat die Bio Company eine Filiale eröffnet, und am anderen Ende des Marheinekeplatzes wurde gerade ein „Alnatura Super Naturmarkt“ eröffnet. Die Geschäfte laufen hier gut, denn „das Umfeld ist intellektuell und durch vernünftige Einkommen geprägt, sagt Nils Busch-Petersen.

Die Mieten steigen, sodass manche Einzelhändler sie nicht zahlen können

Auf der anderen Seite der Bergmannstraße gibt es gleich drei herkömmliche Supermarktfilialen: Kaiser‘s, Netto und Penny. Es dürfe nicht zu viel großflächiger Einzelhandel entstehen, fordert Stadtrat Beckers. Darauf müsse der Bezirk achten. Deshalb wolle man im Kiez ein Einzelhandelszentren-Konzept durchsetzen. Er hoffe, dass die Bezirksverordnetenversammlung im Herbst einen Beschluss fasse. Nachdem das Ärztehaus fertig geworden ist, sei die Straße nun „baulich geschlossen“, sagt Beckers. Er und Busch-Petersen sind sich einig, dass es der Straße zusätzliche Kaufkraft gebracht hat. Nur die Tiefgarage sei nicht gut ausgelastet – die Preise fürs Parken seien zu hoch, sagt Beckers. Doch nicht nur das Parken an der Bergmannstraße ist teuer, sondern auch die Gewerbemieten. „Sie steigen immer weiter, sodass manche Einzelhändler sie nicht zahlen können“, sagt Beckers. Es finde teilweise eine Verdrängung statt – kleine Läden zögen eher in die Seitenstraßen.

Sie würden jetzt etwa doppelt so viel Miete wie vor 15 Jahren zahlen, schätzt Zeynep Celik von „Knofi“. Das Geschäft gibt es gleich zwei Mal an der Bergmannstraße. Auf der einen Straßenseite bietet „Knofi“ als Café und Restaurant gefüllte Teigtaschen und Torten an, auf der anderen Seite ist es ein Feinkostladen. Dort bekommt man Walnuss-Chili-Paste und Humus. Angefangen hat die Erfolgsgeschichte von „Knofi“ mit einem Obst- und Gemüseladen. „Damit wären wir aber nicht so weit gekommen“, sagt Zeynep Celik. Die beiden Läden profitierten von der Entwicklung der Bergmannstraße und liefen immer besser, sagt Celik. Deswegen könnten sie sich auch die gestiegenen Mieten leisten.

Die Celiks stammen aus der Türkei, ebenso wie Schneiderin Türkan Izgin. Man dürfe das Kapital nicht unterschätzen, das die „ethnische Ökonomie“ mitbringe, sagt Wirtschaftsstadtrat Beckers. Er meint damit Unternehmer mit Migrationshintergrund. Zeynep Celik sagt, dass es gerade an der Bergmannstraße viele Geschäfte gebe, die von  Unternehmern mit türkischem Hintergrund betrieben würden. Auch solche, die auf den ersten Blick überhaupt nicht türkisch wirkten.

In dieser Gegend sind die Kunden freundlich und das Verkaufen macht Spaß


„Zuerst kommen die Deutschen, dann die Türken und dann all die anderen – die Inder, Iraner und Italiener“, sagt Kenan Taner, der als Kleinkind aus der Türkei nach Deutschland gekommen ist und heute das Geschäft „Saftschubser“ betreibt. Er schiebt Ananas-, Karotten-, Apfel- und Selleriestücke in die Saftmaschine. Daraus wird ein Getränk namens „Stewardess“. Außerdem gibt es bei ihm viele verschiedene Sorten gebrannte Nüsse –Pinienkerne mit Honig zum Beispiel oder Wasabi-Kichererbsen mit Sesam. Außerdem getrocknete Früchte, wie Kumquat, Melone oder Kapstachelbeeren. Es duftet nach frischen Waffeln – die bietet Taner auch an. Die gebrannten Nüsse stellt er alle selbst in einer kleinen Maschine her, die auf der sauberen Marmorarbeitsfläche steht. „Ich musste mir ein Konzept überlegen, das das Angebot des Kaiser‘s Supermarktes ergänzt“, sagt er.

Vor einem Jahr eröffnete er den Laden, vorher hatte er einen Kiosk an der Kreuzberger Ritterstraße. Mit dem Umzug in die Bergmannstraße hat er sich einen Traum erfüllt: „Die Straße ist doch berühmt. Das ist eine Gegend, wo die Läden gut laufen, die Kunden freundlich sind und das Verkaufen Spaß macht.“ Ganz anders als im „problematischen Kiez“ um die Ritterstraße. Kenan Taner ist voller Begeisterung: „Es ist so bunt und schön hier, so eine freundliche Atmosphäre.“

Er ist nicht der Einzige, der sich von der Straße angezogen fühlt. Der Kiez ist begehrt. Leerstand gibt es so gut wie nicht. Wenn für einen Laden ausnahmsweise ein neuer Mieter gesucht werde, stünden die Interessenten Schlange, heißt es bei der Maklerfirma Engel & Völkers. Kenan Taner hatte schon eine Weile gesucht, bevor er sein Geschäft fand. Und zunächst ein Ladenlokal in einem Keller angesehen, das er aber viel zu teuer fand. Schließlich hatte er doppelt Glück: Ein Bekannter vermittelte ihn als Nachmieter für den Tante-Emma-Edeka-Laden, als der Inhaber das Geschäft aufgab.

Das Ladenlokal gehört einer Wohnungsbaugesellschaft. Die Mieten dort sind relativ niedrig geblieben. Im Gegenzug müssen die Mieter allerdings bestimmte Auflagen erfüllen: Sie dürfen etwa keine Tische und Stühle auf den Bürgersteig stellen. Eigentlich wollte Kenan Taner ein Café eröffnen. Aber durch die Bedingung musste er den Plan ad acta legen.

Heute ist Taner froh, dass er sich für die Nüsse und Säfte entschieden hat. Auch, weil die Anwohner mit Unmut auf den Plan mit dem Café reagierten. Es war nicht leicht, die Nachfolge des in der Nachbarschaft beliebten Tante-Emma-Ladens anzutreten. Der vorherige Betreiber hatte dort seit Jahrzehnten Kaffee und belegte Brötchen verkauft. Seine Geschäftsaufgabe deuteten einige als Anfang vom Ende der Bergmannstraße. Und so lief das Geschäft für Taner anfangs auch nur schleppend an. Heute kann er sich das gar nicht mehr vorstellen. Der Ladenbesitzer hat viel zu tun. Eine ältere Anwohnerin schaufelt gebrannte Erdnüsse mit Sesam und Honig in eine Papiertüte und lässt sich dazu noch einen Fruchtsaft mixen. Als sie den Laden verlässt, wirkt sie ebenso zufrieden wie Taner und die meisten anderen Leute, die etwas mit der Bergmannstraße zu tun haben.

Wenn Nils Busch-Petersen Gäste hat, zeigt er ihnen gerne den Kiez, „um ihnen zu zeigen, wie schön und vielfältig Berlin ist“. Und Stadtrat Beckers schwärmt – trotz aller Kritik – von der Bergmannstraße: „Sie hat so einen französischen Charme, solche Straßen findet man sonst doch nur in Paris.“

Daniela Martens


Aus der Ausgabe 7 / 2010

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