Sommer im Stau
|
Volle Straße, leere Baustelle: Hinter den Absperrungen pausiert die Arbeit machmal für Tage. Foto: Kai-Uwe Heinrich |
Nichts geht mehr. Was beim Roulette die Spannung steigert, führt auf der Straße zu Stress. Selten saßen Autofahrer so häufig im Stau fest wie in diesem Jahr. „So schlimm war es noch nie“, stöhnt Bernd Dörendahl vom Vorstand der Taxi-Innung. Und es geht weiter: Derzeit bereitet man bei der Verkehrslenkung Berlin (VLB), die die Baustellen in der Stadt koordinieren soll, die Liste der Sommerbaustellen vor, denn vorrangig soll gebuddelt werden, wenn viele Berliner die Stadt in den Ferien verlassen haben.
Nach wie vor würden die Baustellen nicht aufeinander abgestimmt, kritisiert Jörg Becker vom ADAC. Die Verkehrslenkung sei damit überfordert, weil sie dafür zu wenig Personal habe. Becker schlägt vor, eine Institution zu schaffen, die in der Lage ist, „alle, wirklich alle“ Baustellen auf den Straßen, egal, wer sie veranlasst hat, zu erfassen und so zu koordinieren, dass wenigstens die Straßen der Umgebung frei bleiben.
Nach wir vor werden die Baustellen nicht aufeinander abgestimmt
Dörendahl bringt in Rage, dass die Planer es zugelassen haben, dass gleich zwei Zufahrtsrouten zum Flughafen Tegel durch Baustellenbereiche führen. Bei der Fahrt über den Saatwinkler Damm bremst der Neubau der Goerdelerdammbrücke, die den Westhafenkanal und die Stadtautobahn überspannt, den Verkehr. Und gleichzeitig wird die Stadtautobahn zwischen der Seestraße und dem Dreieck Charlottenburg erneuert.
Im Osten der Stadt wird Unter den Linden ebenso gebaut wie auf der Leipziger Straße und der Karl-Liebknecht-Straße oder der Alexanderstraße. Auch Querverbindungen wie die Wilhelmstraße sind dicht. Und im Westen haben derzeit der Hohenzollerndamm, die Lietzenburger Straße sowie der Kurfürstendamm und die Tauentzienstraße in Baustellen ihren gemeinsamen Nenner. Ganz dicht ist die Kantstraße zwischen Joachimstaler Straße und Hardenbergstraße/Budapester Straße. In Pankow behinderten Baustellen zeitweise auf fast allen Zufahrtsstraßen in den Bezirk den Verkehr.
Zumindest die Großbaustellen sollen der VLB gemeldet und dann durch sie aufeinander abgestimmt werden. Nach wie vor gibt es dabei aber Pannen; Informationen kommen nicht an der richtigen Stelle an und werden gar nicht weitergeleitet.
Hier wollen Leitungsbauer wie die Gasag, Vattenfall oder die Wasserbetriebe nun auf elektronische Hilfe setzen. Sie haben ein Forschungsprojekt, „E-Straße“, initiiert, das, entsprechend gefüttert, allen Betroffenen auf einen Klick einen aktuellen Baustellenüberblick in ihrem Bereich verschaffen soll. Marzahn-Hellersdorf und Steglitz-Zehlendorf waren die ersten Bezirke, die bereit waren, das neue System zu testen.
Allein die Wasserbetriebe machen nach Angaben ihres Sprechers Stephan Natz pro Jahr rund 800 Baustellen auf, um Rohre und Kanäle zu ersetzen oder neu zu bauen. Meist arbeite man hier „baufolgend“, sagt Natz. Das heißt, wenn eine Straße ohnehin aufgerissen werden muss, nutzt man dies, um parallel dazu am eigenen Netz zu arbeiten. So verlängere sich zwar die Bauzeit, man vermeide aber dadurch, dass die Straßen innerhalb kurzer Zeit mehrfach zu Baustellen werden, tröstet Natz.
Dass die Arbeiten der Wasserbetriebe meist länger dauerten als bei den Kollegen der Telekom oder von Vattenfall liege daran, dass der Austausch von Rohren oder das Sanieren von Kanälen erheblich aufwändiger sei als das Ziehen von Telefon- oder Stromkabeln. Hinzu komme, dass man beim Graben im Untergrund immer mit Überraschungen rechnen müsse, weil Pläne oft veraltet oder nicht mehr vorhanden seien. Und so können sich die Arbeiten länger hinziehen, als geplant war.
Dörendahl hält es aber für möglich, dass schneller gebaut wird. „Man muss nur in zwei Schichten arbeiten. Wo es geht, auch bis 22 Uhr“, schlägt er vor. So könne man die Bauzeit halbieren, ist Dörendahl überzeugt. „Es kann mir keiner erzählen, dass dies nicht möglich wäre.“ Derzeit verließen die Arbeiter meist am Nachmittag ihre Baustelle.
Man muss nur in zwei Schichten arbeiten.
Wo es geht, auch bis 22 Uhr
Dass hinter den Absperrungen oft auch tagsüber keine Arbeiten stattfinden, liegt nach Dörendahls Ansicht häufig auch an den Firmen, die gleichzeitig mehrere Baustellen übernähmen und dann dafür zu wenig Personal hätten. Dass es in Berlin so viele Baustellen ohne Arbeiter gebe, fiele auch Touristen auf, die sich mit dem Taxi durch die Stadt fahren lassen. Häufig müssen die Arbeiter aber auch eine Pause machen, weil etwa Beton erst aushärten muss.
Taxifahrer hätten aber das Glück, dass sie die Busspuren mitnutzen dürfen, sagt Döhrendahl. So könnten sie wenigstens manchmal den Stau umfahren. Ohne Sonderstreifen bleiben auch die Busse der BVG häufig im Stau stecken – wie zuletzt auf der Schönhauser Allee in Pankow. Weil dort der Viadukt der U-Bahn saniert wird und die Strecke deshalb zwischen Senefelderplatz und Pankow unterbrochen ist, müssen Fahrgäste auf diesem Abschnitt mit den Bussen im Ersatzverkehr fahren. Da pünktlich zu den Bauarbeiten dort aber auch ein Gasrohr gebrochen war, durfte die BVG auf Anweisung der Verkehrslenkung die vorgesehenen kurzen Busspuren zunächst nicht einrichten, um Platz für die Autos zu lassen. So gab es am Ende für alle ein gemeinsames Stehen im Stau.
Die BVG versuche, bei geplanten Baustellen die Fahrpläne anzupassen, sagt Unternehmenssprecherin Petra Reetz. Verlängert sich die Fahrzeit, müssen mehr Fahrer und Busse eingesetzt werden. Das seien Kosten, auf denen die BVG sitzen bleibe.
Die BVG plant die Baustellenfahrpläne nach den ihr genannten Terminen. Ärgerlich sei, wenn es zu Verschiebungen komme, sagt Reetz. Beginnen die Arbeiten später als vorgesehen, müssen die Fahrer die bereits für sie geltende längere Fahrzeit „abbummeln“. Verlängert sich aber die Bauzeit, und die Fahrer sind bereits wieder nach dem regulären Fahrplan unterwegs, verspäten sie sich – und die Fahrgäste verpassen beim Umsteigen ihre Anschlüsse.
Auch im Wirtschaftsverkehr mache sich die hohe Zahl der Baustellen derzeit besonders bemerkbar, sagt Lutz Kaden von der Industrie- und Handelskammer. Grundsätzlich sei es gut, wenn Schlaglöcher beseitigt oder Fahrbahnen völlig erneuert werden, aber noch immer stimme die Koordination der Arbeiten nicht, bestätigt Kaden die Ansicht des ADAC.
Etwas Entlastung erhofft sich Kaden durch den Weiterbau des Stadtrings A 100 vom Dreieck Neukölln zum Treptower Park, der heftig umstritten ist. Nach einem Bau des Autobahnabschnitts würden Innenstadtstraßen erheblich entlastet, sagt Kaden.
Baustellenstau könne auch vermieden werden, wenn es genügend Reserven gebe, argumentiert ADAC-Mann Becker. Er wehrt sich gegen den vom Senat geplanten „Rückbau“ von Straßen, bei dem die Zahl der Fahrspuren reduziert wird, wie es jetzt für den Straßenzug Grunerstraße–Mühlendamm–Gertraudenstraße–Leipziger Straße vorgesehen ist.
Gerd Bretschneider, Geschäftsführer der Fuhrgewerbe-Innung, bleibt dagegen ganz gelassen: „Die Lage ist nicht besser und nicht schlechter als in den Vorjahren“, sagt er. Mehr als über Baustellen, die schließlich notwendig seien, um die Straßen zu erhalten, ärgerten sich die Fahrer über die häufigen Sperrungen im Innenstadtbereich für Großveranstaltungen. Ansonsten hätten die Fahrer inzwischen „eine hohe Schmerzgrenze“ erreicht.
Und manchmal gibt es sogar einen Grund, sich zu freuen. Der Neubau der Spandauer-Damm-Brücke über die Stadtautobahn und die Bahnanlagen, an dem schon seit Mai 2008 gewerkelt wird, kann am Jahresende drei Monate früher als geplant abgeschlossen werden. Zumindest hier gilt dann: Alles fährt wieder.
Klaus Kurpjuweit
Aus der Ausgabe 7 / 2010
