Nach Nonnenart
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Der Chef an seinem Arbeitsplatz: Hanns-Cord Walter, Geschäftsführer von Klosterfrau Berlin, in der Produktionsstätte in Marienfelde. Foto: Doris Spiekermann-Klaas |
Mit großen Schritten durchschreitet Hanns-Cord Walter seine Hallen. Hier, im Erdgeschoss der Motzener Straße 41, sieht man ihm nicht an, dass er der Chef ist. Wie alle Mitarbeiter trägt der Geschäftsführer der Klosterfrau Berlin GmbH einen weißen Kittel und bequeme Sicherheitsschuhe. Das Haar ist unter einer Haube verborgen, die Hände hat er sich gewaschen und desinfiziert, bevor er den Produktions- und Verpackungsbereich betreten hat. „So sind nun einmal die Hygienevorschriften in der Arzneimittelproduktion“, sagt er. Im Hintergrund rattern und schnaufen die Maschinen. Flaschen klirren und Verschlüsse klicken.
Walter fühlt sich wohl in diesem Ambiente. Stolz erklärt der promovierte Pharmazeut, wie die modernen Abfüllanlagen funktionieren. Alles läuft vollautomatisch. Selbst die Beipackzettel werden maschinell gefaltet. Nur die blauen Pappverpackungen mit dem Bild dreier Nonnen im Spitzbogenfenster müssen von Hand nachgelegt werden. Alle paar Minuten füttert eine Mitarbeiterin die Maschine mit den vorgefalzten Kartonagen.
Über dem regen Treiben liegt ein würziger Geruch nach Melisse, Galgantwurzel, Zimt, Kardamom, Muskatnuss, Ingwer, Nelke und den anderen Heilkräutern des Klosterfrau Melissengeist. Denn anders als viele vermuten, wird das Pflanzendestillat nicht mehr in Köln hergestellt, sondern in der Hauptstadt. Am rheinischen Stammsitz sind zwar noch Vertrieb, Marketing und Forschung untergebracht. Die Produktion aber wurde schon 1962 nach Berlin verlagert – erst nach Neukölln und 1972 nach Marienfelde.
Am Standort im Industriegebiet Motzener Straße sind heute rund 200 feste Mitarbeiter beschäftigt. Auf dem 44000 Quadratmeter großen Gelände entstehen weit mehr Produkte, als der Firmenname vermuten lässt: In einer Halle werden sterile Gelspritzen für die Urologie abgefüllt. In einer anderen pressen die Maschinen Taxofit-Vitamintabletten in die Blister. Auch Neoangin Halspastillen, Soledum Erkältungskapseln und Nasic Nasenspray stammen aus dem Hause Klosterfrau. „Wir sind Marktführer in Deutschland bei frei verkäuflichen Arzneimitteln, noch vor Bayer und Novartis“, sagt Walter in den Lärm hinein.
Wir sind Marktführer in Deutschland
Unter der Dachmarke „Klosterfrau“ ist und bleibt jedoch der Melissengeist Vorzeigeprodukt der Firma. Um das Heilwasser zu gewinnen, werden 13 getrocknete Heilpflanzenarten zunächst eingemaischt. Die heilsame Essenz aus Alkohol und ätherischen Ölen entsteht anschließend im Destillationsverfahren. „Wie das genau funktioniert, ist natürlich unser Geschäftsgeheimnis“, sagt Walter. Verständlich, denn auf das Pflanzendestillat gibt es keinen Patentschutz. Auch andere Firmen stellen ähnliche Produkte her. „Das Besondere an unserem Melissengeist ist aber die hohe Konzentration ätherischer Öle.“
Um diese Öle zu lösen, braucht es einen hohen Alkoholgehalt von 79 Volumenprozent. Der Beipackzettel schreibt deshalb vor, die Arznei mit Wasser zu verdünnen. Klassisch nimmt man Klosterfrau Melissengeist gegen Erkältungen oder einen nervösen Magen ein. Bei Muskel- oder Kopfschmerzen kann man sich damit auch Rücken und Schläfen einreiben.
Um die wohltuende Wirkung der hochprozentigen Heilpflanzenmischung wusste die Karmeliter-Nonne Maria Clementine Martin schon im 18. Jahrhundert. Im Kloster Sankt Anna in Coesfeld hatte die Offizierstocher eine Ausbildung als Krankenpflegerin gemacht. Die Ordensschwestern hatten sie gelehrt, wie man Naturheilmittel herstellt. Sie wurden in der klostereigenen Apotheke bis zum Jahr 1803 verkauft. Nach den Napoleonischen Kriegen wurde Sankt Anna säkularisiert und ging in staatlichen Besitz über. Die Nonnen saßen auf der Straße. Maria Clementine Martin aber machte aus der Not eine Tugend. Wo sie hinkam, pflegte sie Schwerkranke und verkaufte ihre Heilwässer. 1826 ließ sie ihr Unternehmen in Köln unter dem Namen „Maria Clementine Martin Klosterfrau“ ins Handelregister eintragen. Ausgestattet mit dem Privileg, das Wappen des preußischen Königs auf die Flaschenetiketten zu drucken, vertrieb sie fortan ihr „ächtes Carmeliter- oder Melissenwasser“ als Markenprodukt.
Die Erfolgsgeschichte von Klosterfrau Melissengeist setzt sich bis heute fort. Vor allem nach der Wende erlebte das hochprozentige Universalmittel einen regelrechten Absatzboom. Seither zeigt die Umsatzkurve allerdings nach unten. Wohl auch, weil jüngere Kunden fehlen. „Wir wissen, dass Klosterfrau Melissengeist von einigen als Omas Morgenschnäpschen belächelt wird. Tatsächlich ist die gesundheitsfördernde Wirkung in vielen Studien nachgewiesen worden“, sagt Hanns-Cord Walter.
Inzwischen hat er seinen Hygienekittel gegen das Business-Outfit eingetauscht. Im anthrazitfarbenen Anzug und mit hellblauer Krawatte fährt er im Fahrstuhl in den fünften Stock. Im Konferenzraum angekommen, klickt Walter die offizielle Firmenpräsentation mit den Produktionsmengen an: 754000 Liter Melissengeist, mehr als sechs Tonnen Bonbonmasse und mehr als 22 000 Gelspritzen verließen im vergangenen Jahr das Werk. Umsatzzahlen verrät Walter nicht. Er sagt nur, die Zeichen stünden auf Wachstum – trotz Wirtschaftskrise. „Es gab zwar eine Absatzdelle, aber die war nicht dramatisch. Wir managen sehr konservativ und ohne Risikokapital. Somit können uns die Turbulenzen am Finanzmarkt nicht viel anhaben.“
Wir managen ohne Risikokapital
Deshalb solle die Berliner Produktion in den kommenden Jahren sogar ausgebaut werden: Rund elf Millionen Euro wolle der Konzern in die Gelspritzenproduktion investieren, um die Gebäude zu modernisieren und neue Maschinen anzuschaffen. „Andere Unternehmen haben in Berlin die Förderung mitgenommen und dann die Produktion ins Ausland verlagert. Wir denken jedoch in langen Zyklen“, sagt Walter.
Und dabei zählten nicht nur kurzfristige Kostensenkungen, sondern auch eine gute Infrastruktur – wie im Marienfelder Gewerbegebiet. Mit rund 220 Betrieben verschiedener Branchen gehört es zu den bedeutendsten Wirtschaftsstandorten der Stadt: Eine Firma entwirft Möbel, eine andere fertigt Duschkabinen und Sicherheitsglas. Elektro- und metallverarbeitende Unternehmen sind ebenso hier angesiedelt wie Buchbinder, Eventmanager und Pyrotechniker.
Seit knapp fünf Jahren arbeitet Klosterfrau mit rund 50 der ansässigen Unternehmen in einem EU-gefördeten Netzwerk zusammen. Um etwa Heizöl und Büromaterial günstiger einkaufen zu können, geben sie eine gemeinsame Bestellung auf. Bevor Mitarbeiter entlassen würden, versuche man sie innerhalb des Netzwerkes weiterzuvermitteln, so Walter.
Das Unternehmen sucht derzeit neue Mitarbeiter
Geschäftsführer: Hanns-Cord Walter
Adresse: Motzener Straße 41,
12277 Berlin
Umsatz: k. A.
Mitarbeiter: 200
Telefon: 030 / 72 00 70
Web: www.klosterfrau.de
Das neueste Gemeinschaftsprojekt heißt „Nemo“ und steht für „Null Emission Motzener Straße“. Mit fachlicher Unterstützung der Hochschule für Wirtschaft und Technik loten die Netzwerkpartner Möglichkeiten aus, die CO2-Bilanz im Industriegebiet mittelfristig um ein Drittel zu senken. Bei Klosterfrau hat man dafür bereits angefangen, die Fassaden zu dämmen und neue Fenster einzusetzen.
Bevor sich Walter zum nächsten Termin verabschiedet, spricht er noch von seiner Zukunftsvision einer umweltverträglichen und klimaschonenden Industrieproduktion: „Wir haben hier dampferzeugende und dampfverbrauchende Unternehmen. Die könnte man miteinander vernetzen und so einen autonomen Energiekreislauf herstellen“, sagt er. „Auf lange Sicht stelle ich mir vor, dass im Gewerbegebiet gar keine klimaschädlichen Emissionen mehr entstehen.“
Selina Byfield
Aus der Ausgabe 7 / 2010
