„Ein Must-Have für Männer“

Die Firma eRockit hat ein elektrisches Motorrad erfunden, das mit Muskelkraft angetrieben wird. Es ist cool, schnell – und vor allem anders
Der Selfmade-Motorradbauer: Stefan Gulas, Geschäftsführer und Erfinder von eRockit Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Der erste Tritt in die Pedale macht aus mir einen Supermann. Mit einem Vorschub, der Gänsehaut erzeugt, schießt das Zweirad los – obwohl ich kaum Kraft aufwende. Zwei, drei Umdrehungen genügen, und ich bin in voller Fahrt. Jedes Sportbike würde an der Ampel neben mir alt aussehen. Lautlos und druckvoll zieht das Motorrad nach vorne. Motorrad?
Der Feuerstuhl unter mir hat keinen Gasgriff, keinen Auspuff, keinen Motor, der Sprit verbrennt. Stattdessen einen schmalen Fahrradsattel und eine Menge Lithium-Ionen-Nanophosphat-Akkus im Gehäuse. Das erste Zweirad, das mit Muskelkraft elektrisch angetrieben wird. Ein„Human-Hybrid“, wie Erfinder Stefan Gulas das Gefährt nennt.

Wir treffen ihn auf einem Friedrichshainer Hinterhofgelände, das wie ein Schrottplatz aussieht. Hier, zwischen Auto-wracks, Pfützen und Graffitis vermutet wohl niemand ein Dutzend Tüftler, die nach eigener Darstellung an einem „Paradigmenwechsel im Motorradbau“ arbeiten, einem Mobilitätskonzept der Zukunft.Die beiden eRockit-Prototypen des Human-Hybrids sehen tatsächlich nach Zukunft aus. Dabei sind sie keine Science-Fiction, sondern straßentaugliche und TÜV-geprüfte Coolness auf zwei Crossrädern – anders als alles, was man bisher durch die Stadt fahren sah.

Das Zweirad der von Gulas gegründeten eRockit GmbH kombiniert die Bedienung eines Fahrrads mit der Leistung eines Motorrads. „Neu ist nicht der Elektromotor. Man muss sich bewegen, sonst läuft er nicht“, sagt Gulas. Dass dies trotz einer Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h so mühelos geschieht, liegt an einer cleveren Kombination von Kurbeltrieb, zwischengeschaltetem Generator und Elektromotor. „Der knapp zehn PS (8 kW) starke Elektromotor erzeugt ein Vielfaches der menschlichen Körperleistung“, erklärt Gulas. Der Generator registriere die Rotationsbewegung der Pedale und sende entsprechend der Trittfrequenz ein Ausgangssignal an die Steuerelektronik des Motors. „Je schneller getreten wird, desto stärker treibt der Motor das Hinterrad an.“ Schöner Nebeneffekt: Tritt- und Bremsenergie werden zurückgewonnen und zum Wiederaufladen der Batterien verwendet, die eine Gesamtkapazität von 2,9 Kilowattstunden haben. Das reicht je nach Fahrweise für 60 bis 80 Kilometer. Danach muss der Human-Hybrid für drei bis vier Stunden zum Aufladen an eine konventionelle Steckdose. Stromkosten pro 100 Kilometer: etwa ein Euro. Fahren darf man die Maschine mit einem Motorradführerschein der Klasse A1.
Die kurze Probefahrt auf der Straße hat ein Lächeln auf die Gesichter gezaubert. Das im Image-Flyer versprochene „Erlebnis scheinbar übernatürlicher Kräfte“ zeigt Wirkung.

Neu ist nicht der Elektromotor. Man muss sich bewegen – sonst läuft er nicht

Auch Gulas hat sichtlich gute Laune. In diesem Jahr will der Selfmade-Motorradbauer eine erste Kleinserie produzieren und verkaufen. Bei einem Produkt, das kaum jemand kennt und das derzeit pro Stück 28 900 Euro kosten soll, ist das keine leichte
Sache. „Wenn etwas neu ist, ist es immer zuerst verdächtig“, sagt Gulas. „Das kann ja nur Schrott sein. Warum gibt es das nicht schon seit 30 Jahren?“ Ja, warum eigentlich nicht?

Gulas braucht jetzt zahlende Kundschaft, die das Zweirad bekannt macht. „Es muss ein Verlangen entstehen, dass jemand dieses Lifestyleprodukt haben will“, sagt er und lacht. „Es soll ein ,Must-Have‘ für erfolgreiche Männer werden.“
Eine Handvoll Bestellungen hat eRockit schon in den Büchern stehen. Nach ein paar Medienberichten sei das Interesse groß. „Zehn, fünfzehn Bikes wollen wir dieses Jahr bauen“, sagt Gulas. Ein halbes Jahr müssen die Käufer – Unternehmer, Selbstständige, Ärzte, Rechtsanwälte – warten, bis der Human-Hybrid fertig ist.

Vor ein paar Tagen war der Unternehmer auf Werbetour in Monaco. „Mika Häkkinen hat unseren Human-Hybrid gefahren, und die Söhne von Roger Moore.“ Solche Werbeträger, die einen prominenten Namen haben, wünscht sich Gulas. „Diese Hürde müssen wir nehmen.“ Deshalb ist er gerade wieder an der Cote d‘Azur unterwegs, diesmal in der Filmstadt Cannes.

Firmeninfo
| eROCKIT GmbH |
Geschäftsführer: Stefan Gulas
Anschrift: Kastanienallee 21,
14052 Berlin
Mitarbeiter: 12
Telefon: 030 / 32 52 93 36
Web: www.erockit.net

Die Idee für das eRockit-Bike kam Stefan Gulas schon Anfang der 90er Jahre. Die Initialzündung aber folgte erst 2004, als er in einem Berliner Fahrradladen ein „langweiliges Elektrofahrrad“ sah, das von einem schwachen Motörchen angetrieben wurde und ziemlich uncool aussah. „Das wollte ich besser machen“, sagt er mit unverkennbar österreichischem Akzent. Schneller, schöner und anders.
Wir sitzen in seinem chaotischen Hinterhof-„Büro“ zwischen angebissenen Wurststullen, Papieren und einigen Laptops. Draußen kreischt die Metallfräse. An die Spree kam der studierte Bergbauingenieur 2002 als Angestellter der Geschäftskundensparte der Telekom. Vorher hatte er als Berater bei McKinsey gearbeitet und in den USA ein IT-Start-up in den Sand gesetzt. Bei der Telekom hielt es den kreativen Kopf nicht am Schreibtisch. Parallel sammelte er Tüftler um sich, die mit der Entwicklung des Elektro-Zweirads begannen. 2006 wurde die eRockit GmbH gegründet. Das Kapital für die erheblichen Investitionen stammt aus Eigenmitteln und von „Family & Friends“, wie Gulas sagt.

Wenn du einen Wunsch frei hast: eine Woche in Berlin eRockit fahren

„Handcrafted in Berlin“ – von Hand gemachte Bikes – so wirbt eRockit um Kundschaft. Bei den selbst angefertigten Teilen legt die Mannschaft Wert auf höchste Präzision: Von handgemachten Carbon-Teilen bis zu Aluminiumkomponenten aus eigener CNC-Fertigung. Der Friedrichshainer Hinterhof wird zur Hightech-Schmiede: In Computersimulationen und Belastungstests werden die Teile härtesten Bedingungen ausgesetzt, um ein möglichst hohes Sicherheitsmaß zu garantieren. Oder ein Höchstmaß an Speed: für das nächste Tourist-Trophy-Rennen auf der Isle of Man (30. Mai bis 13. Juni) präpariert eRockit gerade eine elektrische Rennmaschine. Erstmals treten auf der Insel auch elektrisch angetriebene Motorräder gegeneinander an. „Wir müssen gewinnen“, sagt Stefan Gulas. „Wir werden gewinnen.“

Auch beim Einkauf einiger Komponenten für das Straßenbike wie Gabeln, Dämpfer, Laufräder und Bremsanlagen greift eRockit auf Highend-Lieferanten zurück. Dieser hohe Qualitätsanspruch und das einzigartige Antriebskonzept haben auch das Interesse etablierter Motorradhersteller geweckt. „Wir sprechen miteinander – auf Vorstandsebene“, versichert Gulas. „Wir loten alle Optionen aus.“ Eine wäre, das Zweiradkonzept komplett zu verkaufen. Gulas ist Pragmatiker, und an neuen Ideen mangelt es ihm ohnehin nicht.

Das Human-Hybrid-Konzept könne im Prinzip auf jedes Fahrzeug übertragen werden, sagt der eRockit-Chef. „Ich habe schon ein Patent auf ein elektrisches Ruderboot“, deutet er an. Aber das ist jetzt wirklich noch Zukunftsmusik.

Henrik Mortsiefer


Aus der Ausgabe 6 / 2009

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