Nichts geht mehr
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Angespannt: Wenn man sich nicht mehr so konzentrieren kann wie früher, sollte man auf regelmäßige Erholung achten. Foto: dpa |
Nach der Einweihungsfeier bricht der Unternehmer plötzlich zusammen. Dann kommen die Tränen. In den folgenden Wochen weint er fast ausschließlich. Eben noch haben mehrere hundert Menschen zur neuen Firmenzentrale in Berlin gratuliert. Wirtschaftssenator Harald Wolf hat ihm die Hand geschüttelt und eine Rede gehalten.
Carsten Bengst* hat in den vergangenen fünf Jahren beinahe jeden Tag mindestens 14 Stunden lang gearbeitet. Er wollte alles geben, das Unternehmen erfolgreich führen, ein guter Chef für rund 70 Mitarbeiter sein und gleichzeitig ein guter Familienvater. Dann kam noch der Neubau der Firmenzentrale hinzu. Neben dem normalen Tagesgeschäft traf Bengst Architekten, begutachtete Entwürfe, kalkulierte Kosten für Bauinvestitionen.
Das alles habe ihm viel Spaß gemacht, erzählt der Unternehmer. Die Geschäfte liefen gut, die Kunden zeigten ihre Zufriedenheit mit immer neuen Aufträgen. Es war schön zu sehen, wie die Firma wuchs. „Ich war tagsüber wie hochgepusht“, erzählt Bengst. „Und abends zu Hause kam dann der Endspurt, da sagt man noch schnell den Kindern Gute Nacht, fragt, wie es in der Schule war. Also der Körper war immer auf 180“.
Bis er zusammenbrach. Völlig fertig sei er gewesen. „Vier Wochen lang habe ich nur noch geweint vor Erschöpfung. Schlimm, was die Familie alles mitgemacht hat, auch mit Suizidgedanken“, sagt der vierfache Familienvater mit leiser werdender Stimme.
Carsten Bengst hatte einen Burnout. Als Bezeichnung für völlige Erschöpfung, das „Ausgebranntsein“, ist Burnout vielen ein Begriff. Dass die Betroffenen ernsthaft psychisch erkrankt sind, wissen viele nicht. „Der Begriff Burnout kommt aus dem Volksmund“, erklärt Mazda Adli, Oberarzt an der Charité Berlin. Er verantwortet den Bereich Stressprävention im Präventionszentrum Charité am Campus
Mitte. In der Regel handele es sich bei Burnout-Patienten um Menschen mit Depressionen oder Angsterkrankungen, die durch Stress im Berufsalltag ausgelöst werden. Meist seien es der hohe Erwartungsdruck und die Angst vor dem Scheitern, mit denen die Menschen nicht mehr fertig würden.
Schlimm, was die Familie alles mitgemacht hat. Auch mit Suizidgedanken
„Wir haben jetzt auch wieder aktuell gesehen, dass die gegenwärtige Wirtschaftskrise zu erhöhtem Stresserleben führt“, sagt Psychiater Adli. Die US-amerikanische Psychologenvereinigung berichtete kürzlich, dass innerhalb der zweiten Jahreshälfte 2008 die Zahl derjenigen US-Bürger, die sich durch die wirtschaftliche Unsicherheit erheblich gestresst fühlten, von 66 auf 80 Prozent gestiegen ist.
Treffen kann es jeden, an den zu hohe Erwartungen gestellt werden oder der sich selbst zu viel abverlangt. Und auch, wenn jemand ständig wechselnde Erwartungen zu erfüllen hat, kann das zu chronischem Stress führen, quasi eine Vorstufe des Burn-out. Menschen, die viel Verantwortung tragen, zum Beispiel für ihre Mitarbeiter, haben ein höheres Risiko. Für sie ist es besonders wichtig, sich Auszeiten zu gönnen. Doch vielen fällt es schwer, zwischen Anspannung und Entspannung zu unterscheiden. Besonders, wenn die Arbeit Spaß macht.
Früher hatte Bengst mindestens eine Sechs-Tage-Woche. Am Wochenende kümmerte er sich oft noch um Dinge, die in der Woche liegen geblieben waren. Für ihn war das nicht nur Arbeit, sondern auch Vergnügen. Die Firma hat er schon als Student gegründet, gemeinsam mit seinem Bruder. Anfangs arbeiteten sie ein paar Stunden in der Woche. Freunde kamen zum Helfen, sie machten sich einen Spaß daraus, um die Wette zu produzieren. Präzise sein und schnell, das war das Ziel. Dann bekamen sie immer mehr Aufträge, stellten Leute ein, expandierten. Heute ist Carsten Bengst 49. Und die Firma ist untrennbar mit seinem Leben verwoben.
Wenn die Grenzlinien zwischen Arbeit und Freizeit verwischen, woran merkt man dann, dass man die Erholung dringend braucht? Anzeichen für zu viel Stress können sein: Wenn man sich nicht mehr in der gewohnten Art und Weise konzentrieren kann oder von nichts anderem mehr spricht als von der Arbeit. Die Warnhinweise sind von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich. Manche bekommen Schlafstörungen, andere leiden unter ständiger innerer Unruhe, empfinden immer mehr Angst, so dass sie nicht mehr entspannen können.
Psychische Befindlichkeitsstörungen unterliegen immer noch einem Stigma
„Ein typisches Beispiel ist: Der Arbeitstag geht zu Ende, man geht nach Hause und es gelingt einem nicht mehr, vom Aktivitätsniveau des Tages herunterzukommen. Man fängt an, vermehrt über Dinge nachzugrübeln, ob man etwas richtig oder falsch gemacht hat“, erzählt Psychiater Adli.
Ab wann eine Belastung für jemanden zu einer nicht mehr zu bewältigenden Last wird, hängt von der Verfassung jedes Einzelnen ab. Das heißt, man kann dem Burnout aktiv vorbeugen. Im Präventionszentrum Charité lernen Risikopatienten in der Burnout-Prophylaxe, wie sie verhindern können, dass der Stress krank macht. Dazu gehören Entspannungsmethoden, die jederzeit einsetzbar sind. Außerdem werden Teilnehmer für das Thema sensibilisiert, damit sie erste Anzeichen sofort erkennen (siehe Kasten).
Adli rät dazu, die Arbeit grundsätzlich nach dem individuellen Tagesrhythmus auszurichten. „Es lohnt sich, den eigenen chronobiologischen Rhythmus zu kennen. Stress entsteht auch, wenn der Berufsalltag konträr ist zu der individuellen Chronobiologie“, sagt der Experte. Wer gerne früh aufsteht und dann am besten arbeiten kann, sollte das auch tun. Zeiten, in denen man eher müde und unkonzentriert ist, sollte man besser nicht für besonders kopflastige Arbeiten einplanen.
Wer glaubt, dass er unter einem Burnout leidet, sollte sich professionellen Rat suchen. Denn es handelt sich in der Regel zwar um vorübergehende, aber sehr ernst zu nehmende Erkrankungen. Helfen können Psychiater oder Psychologen. Eine erste Anlaufstelle kann auch der Hausarzt sein.
Viele Menschen scheuen den Gang zum Arzt, weil sie nicht über ihre Probleme sprechen wollen. „Psychische Befindlichkeitsstörungen unterliegen immer noch einem Stigma“, sagt Adli.
» Sich abends und am Wochenende nicht mehr entspannen können
» Antriebs- und Konzentrationsmangel
» Angst- und Panikzustände
» Schlafprobleme
» Nacken- und Rückenverspannungen
» Kopfschmerzen
» Kalte Hände und Füße
» Verdauungsprobleme
» Starke Gefühlsausbrüche, Reizbarkeit
» Übelkeit, Atemnot, Herzrhythmusstörungen
» Zähneknirschen
» Hautprobleme
» erhöhter Konsum von Alkohol, Zigaretten, Drogen
Auch Carsten Bengst möchte nicht, dass seine Geschäftspartner von seiner Krankheit erfahren. Darum will er seinen richtigen Namen auch nicht in der Zeitung lesen. Seinen Mitarbeitern aber hat er die Wahrheit gesagt. Nach dem Zusammenbruch hängte er eine Information ans Schwarze Brett des Unternehmens. Die Belegschaft sollte wissen, wie es um den Chef steht. „Wenn die Leute denken würden: ‚Der hat immer schlechte Laune‘, dann wirkt sich das doch negativ aus“, erklärt Bengst diesen Schritt. Angst, dass er vor den Kollegen das Gesicht verlieren würde, hatte er nicht. „Nein, ich denke, das ist doch eher ein Zeichen von Stärke, wenn man darüber redet.“ Tatsächlich erfuhr er von seinen Mitarbeitern große Unterstützung.
Zwei Jahre liegt der Zusammenbruch nun zurück. Bengst ist froh, dass es geschafft hat. Schmerzlich hat er erfahren müssen, wo seine Grenzen der Belastbarkeit liegen. Herzrasen gehörte zu den Vorboten seines Burnouts, der Zusammenbruch war das sichere Zeichen und der Beginn einer schweren Zeit. „Das erste halbe Jahr ist ein Krisenjahr gewesen, ohne Frage“, sagt Bengst.
Das Präventionszentrum bietet Programme für Unternehmen an
Leitung: Birgit Mazurek
Adresse: Charitéplatz 1,
10117 Berlin
Telefon: 030 / 450 65 51 69
Web: http://praeventionsmedizin.charite.de/
Er hat mit mehreren Psychologen gesprochen, eine Therapie hat er aber nicht angefangen. Stattdessen begann er, sich selbst stärker zu beobachten und Gewohnheiten zu hinterfragen. Jetzt blickt er wieder nach vorn, baut sich wieder einen Freundeskreis auf. Beruflichen Herausforderungen begegnet er gelassener. Und vor allem gönnt er sich mehr Pausen. Früher ist er nie zum Mittagessen gegangen, heute gehört es zu seinem Tagesablauf. Mal zehn Minuten an die frische Luft gehen, nur um zu entspannen – früher war das undenkbar. Heute ist es selbstverständlich.
Suana Meckeler
Aus der Ausgabe 7/8 / 2009
