Der Untergang
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Bergab: In der Galeria Kaufhof am Alex läuft es zwar gut. Woanders zittern Kaufhausmitarbeiter aber um ihre Jobs. Fotos: Kai-Uwe Heinrich |
Wenn Giorgio Toscanini aus seinem 24 Jahre alten Schuhgeschäft „Über- und Untergrößen“ schaut, hat er den Neubau von Karstadt Steglitz auf der anderen Seite der Schloßstraße stets im Blick. Erst im April, also noch vor der Insolvenz des Mutterkonzerns Arcandor, war das modernisierte Haus eröffnet worden. „Karstadt ist lebenswichtig, ohne das Kaufhaus stirbt die Straße“, sagt Toscanini. Die besten Zeiten habe er erlebt, als es auf Karstadts Nachbargrundstück auch noch Wertheim gab. Sonnabends seien oft „Menschentrauben durch die Straße gezogen“.
Im benachbarten „Blume 2000“-Geschäft sagt die Franchisenehmerin Julia Jeromin: „Wenn das Kaufhaus verschwindet, verschwinden wir auch.“ Sie habe wegen der Wertheim-Schließung und vieler Baustellen in der Straße rund 40 Prozent ihres Umsatzes eingebüßt.
„Die Erfahrung lehrt: Ein Warenhaus ist ein extrem wichtiger Nachbar“, bestätigt Hauptgeschäftsführer Nils Busch-Petersen vom Handelsverband Berlin-Brandenburg. Karstadt, Kaufhof und Hertie trügen stark zur Kundenfrequenz in Einkaufsstraßen bei. Im Vergleich zu Shoppingcentern gebe es zudem „mehr Synergien“ mit der Umgebung und weniger Konkurrenz für den dortigen Fachhandel. Denn ein Kaufhaussortiment überschneide sich nur teilweise mit dem Angebot kleinerer Läden und spiele eine ergänzende Rolle.
Selbst die besonders angeschlagene Hertie-Kette sei in Berlin traditionell „ganz gut aufgestellt“, sagt Busch-Petersen. Bei Hertie in der Schöneberger Hauptstraße zeigen sich allerdings schon die Folgen der Insolvenz und der drohenden Schließung. „Das Sortiment ist sehr klein geworden“, stellt eine Kundin beim Stöbern in den Regalen fest. Eine Alternative hat sie in der Hauptstraße kaum. Hier findet sich Billigladen an Billigladen, für Warenvielfalt und Qualität stand immer Hertie. Doch die britische Dawnay-Day-Gruppe, die 85 Prozent an der Marke hält, kann sich das Kaufhaus nicht mehr leisten. Die Angestellten mussten sich bereits arbeitssuchend melden.
Kaufhäuser sind Anziehungspunkte für Kunden und wichtig für andere Händler
„Für die Hauptstraße wäre es ein Zusammenbruch, würde Hertie wegfallen“, sagt der Branchenkenner Boris Kupsch, der Internetportale für mehrere Berliner Einkaufsstraßen betreibt. Ungeachtet aller Probleme seien Warenhäuser immer noch „Anziehungspunkte“ für Kunden und damit auch wichtig für die Einzelhändler. „Ein Leerstand hätte schlimme Folgen für die Hauptstraße“, sagt der Tempelhof-Schöneberger Bürgermeister Ekkehard Band (SPD). So sieht es auch Draga Zdelar, Besitzerin einer Änderungsschneiderei: „Wenn nichts in die Räume rein kommt, wäre das fatal“. Das Kaufhaus präge die Straße seit Jahrzehnten.
Nicht bedroht, sondern höchst erfolgreich ist dagegen die Galeria Kaufhof am Alexanderplatz. Seit der Neueröffnung nach einer Modernisierung vor drei Jahren gilt die Filiale als umsatzträchtigster Standort der Kaufhof-Gruppe – die auch insgesamt viel besser dasteht als die Mitbewerber. Das hat seinen Grund. Der Kaufhof am Alex habe rechtzeitig auf veränderte Kundenbedürfnisse reagiert, sagt Jan Pörksen, Branchenkoordinator für den Handel bei der IHK Berlin. „Es gibt eine Tendenz zu großzügigen Räumen, breiten Gängen und klaren Strukturen. Auch die Erwartung an einen engagierten Service wird in dem Haus erfüllt.“
Vor dem Kaufhof haben sich viele Kleinsthändler positioniert, an tragbaren Tischen hängen Ketten und Ohrringe. Hinzu kommen „Grillwalker“ wie Martin Stolarsk, die Bratwürste im Brötchen unter die Laufkundschaft bringen. „Hier ist der beste Platz dafür“, sagt der 22-Jährige. „Viele bummeln hier lang und wollen einfach mal dort reinschauen. Wenn der Kaufhof nicht wäre, müssten wir komplett umdenken.“ Das Haus dominiere den Platz viel mehr als das nahe Shoppingcenter Alexa oder der neue Geschäftsbau „die mitte“.
Bereits seit 1906 gibt es das Karstadt-Warenhaus an der Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg, das bis Ende der 90er Jahre
zu Hertie gehörte. Es ist das älteste aktive Kaufhaus Berlins und wurde von Karstadt für 19 Millionen Euro modernisiert. Nicht nur eine 30-Jährige Passantin sagt, es habe „hier alles geprägt“. Auch Gabriel Turnis, der im seit 13 Jahren bestehenden Juweliergeschäft seiner Eltern arbeitet, sieht in Karstadt „ein Allroundgeschäft und den Mittelpunkt der Wilmersdorfer Straße“. Selbst das Shoppingcenter in der Fußgängerzone, die 2007 eröffneten Wilmersdorfer Arcaden, „leben auch von der Karstadt-Kundschaft“, sagt der Charlottenburg-Wilmersdorfer Wirtschaftsstadtrat Marc Schulte (SPD). Im Kaufhaus gebe es „Sachen, die man nur dort bekommt – zum Beispiel Staubsaugerbeutel.“ Wer dort Alltagsbedarf kaufe, erledige meist auch andere Besorgungen in der Straße. Anders sei es beim Karstadt-Haus am Kurfürstendamm, das in einem Touristengebiet liege und „nicht diese Funktion hat“. Laut Schulte
locken die drei Karstadt-Häuser in der City-West – darunter auch Karstadt Sport am Neuen Kranzler-Eck – jährlich fast zehn Millionen Besucher an und sind „ein eminent wichtiger Marktplatz und Treffpunkt“.
Kunden im Kaufhaus machen oft andere Besorgungen in der Straße
Die Steglitz-Zehlendorfer Wirtschaftsstadträtin Barbara Loth (SPD) stimmt zu: „Wir haben Glück, dass es den neuen Karstadt in der Schloßstraße gibt, er wirkt wie ein Magnet.“ Für eine Einkaufsmeile seien große Anlieger wie Kaufhäuser und Center wichtig, da nur sie viel für Werbung ausgeben könnten. Von den angelockten Kunden „profitieren auch die kleinen Geschäfte“. Loth glaubt nicht, dass Karstadt Steglitz die Schließung droht, schließlich ist die Schloßstraße die zweitgrößte Einkaufsstraße Berlins. Auch der niederländische Investor Multi Development, der Eigentümer des Karstadt-Gebäudes ist und nebenan auf dem früheren Wertheim-Areal das Center „Boulevard Berlin“ plant, setze große Hoffnungen auf den Standort und die Einbeziehung von Karstadt. Die bezirkliche Wirtschaftsförderung werde auch ihre eigenen Aktivitäten verstärken und EU-Fördermittel für ein Geschäftsstraßenmanagement beantragen.
Die Schloßstraßen-Händler wissen bereits, wie es ist, wenn ein Kaufhaus dichtmacht. Dem im März geschlossenen Wertheim-Haus trauern viele Händler rundum nach. „Es lief besser, als es Wertheim noch gab“, sagt Margret Timm, die gegenüber seit acht Jahren das Unterwäsche- und Dessousgeschäft Calida betreibt. „Je mehr Mitbewerber es gibt, desto größer ist der Kundenkreis.“ Edvar Ersoy, Inhaber des zehn Jahre alten Fachgeschäfts „Jacqueline’s Trauringstudio“, hält die verbliebene Karstadt-Filiale für einen „wichtigen Anziehungspunkt“, der ihm auch nur wenig Konkurrenz mache: „Karstadt führt zwar Trauringe, wird aber nie ein Spezialist sein.“
Unverständlich findet Ersoy, „warum so viele Einkaufscenter genehmigt werden“. Für die Schloßstraße seien die mittlerweile drei Center zuviel – das zeige der mangelnde Erfolg des Schloss-Strassen-Centers am Walther-Schreiber-Platz. Der Unternehmer betreibt dort einen Uhrenladen, will aber „nach dem Ende meines Mietvertrages raus“.
IHK-Handelsexperte Pörksen sieht in Kaufhaus-Insolvenzen auch eine Chance. Karstadt und Hertie hätten schon vor der Wirtschaftskrise an schlechtem Umsatz, Entlassungen und Führungswechseln gekrankt. „Die Verwalter müssen sich jetzt jeden einzelnen Standort anschauen und prüfen, wo die Probleme liegen. Was vor zehn oder 20 Jahren gut funktioniert hat, reicht heute nicht mehr“.
Natürlich gebe es auch Erfolgsgeschichten von Kaufhäusern, die erfolgreich laufen und zugleich die umliegenden Einzelhändler stärkten. Die attraktivsten Berliner Warenhäuser sind das KaDeWe am Wittenbergplatz und die Galeria Kaufhof am Alexanderplatz. „Die Kundenbedürfnisse sind dort hervorragend getroffen“, findet Pörksen. Großes Potenzial sieht er auch im Karstadt in der Schloßstraße. Zwei dieser Häuser sind von der Arcandor-Insolvenz betroffen – doch eine Schließung ist für Pörksen undenkbar.
Cay Dobberke/Saskia Weneit
Aus der Ausgabe 7/8 / 2009
