Wege aus der Krise
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Hier wird Zukunft gemacht: Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit und Sulfurcell-Chef Nikolaus Meyer stehen bei der Einweihung des Hauses auf dem Dach der neuen Firmenzentrale in Adlershof. Das Gebäude hat eine der modernsten Solarfassaden Europas. Foto: dpa |
Einen besseren Termin hätte sich das Unternehmen für die Einweihung der neuen Firmenzentrale nicht aussuchen können. Es ist ein eiskalter, glasklarer Tag Mitte Oktober, keine Wolke trübt den Himmel über Adlershof, und die Sonne strahlt mit ganzer Kraft auf die nagelneue Spezial-Fassade des Hauses. Das Gebäude mit den vielen Solarmodulen an der Alt-Berliner Allee ist quasi das Aushängeschild von Sulfurcell, einem jungen Berliner Unternehmen für Solartechnik.
An der schwarzen Verkleidung der neuen Firmenzentrale kann man sehen, was das Unternehmen produziert: Insgesamt 900 neu entwickelte Solarzellen, so genannte Kassettenmodule, wurden hier verbaut und produzieren nun Strom. 30 Prozent des Energiebedarfs des neuen Bürogebäudes werdem so gedeckt; die restlichen 70 Prozent kommen von einer riesigen Solaranlage auf dem Dach der angrenzenden Produktionshalle.
Ich gratuliere Ihnen zu dem Mut, zukunftsgerichtet zu investieren
Zur Eröffnung der neuen Unternehmenszentrale platzt das Foyer des Verwaltungsgebäudes von Sulfurcell aus allen Nähten. Hunderte von Gästen, darunter Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, sind gekommen, um das neue Haus einzuweihen und auf den Neubau anzustoßen – zur Feier des Tages gibt es Häppchen und Champagner. In nur sieben Monaten wurde das Gebäude an der Zufahrtsstraße nach Adlershof hochgezogen. Flachbildschirme an der Wand zeigen im Zeitraffer Bilder des Bauprozesses: Beim ersten Spatenstich am 2. Februar lag auf dem bis dato brachliegenden Acker noch Schnee.
„Ich gratuliere Ihnen zu dem Mut, zukunftsgerichtet zu investieren“, sagt Wowereit in seiner Rede, „gerade in Zeiten, in denen es nicht einfach ist.“ Der Bau der Sulfurcell-Zentrale sei „eine super Botschaft in der heutigen Zeit“, lobt der Regierende und stellt fest: „Sulfurcell trotzt der Krise.“
In wirtschaftlich schwierigen Zeiten kann man zweierlei tun: Abwarten und einsparen. Oder die Zeit nutzen, in der die Konkurrenz die Füße still hält, und selbst offensiv durchstarten — vorausgesetzt, die Finanzierung stimmt.
Geschäftsführer: Christian Heitmeyer,
Constantin Bisanz
Adresse: Johannisstraße 20,
10117 Berlin
Umsatz: k. A.
Mitarbeiter: 200
Telefon: 030 / 726 19 48 27
Web: www.brands4friends.de
Berliner Luft
Geschäftsführender
Gesellschafter: Michael Nagl
Adresse: Herzbergstraße 87–99,
10365 Berlin
Umsatz: 90 Mio. Euro
Mitarbeiter: 750
Telefon: 030 / 55 26 23 37
Web: www.berlinerluft.de
Klaus-Peter Niemann
Klang- und Bildsysteme
Inhaber: Klaus-Peter Niemann
Adresse: Steglitzer Damm 37–39,
12169 Berlin
Umsatz: k. A.
Mitarbeiter: 5
Telefon: 030 / 796 59 68
Web: www.niemanntv.de
Meininger
Shared Services GmbH
Geschäftsführer: Sascha Gechter,
Oskar Kan, Nizar Rokbani
Adresse: Schöneberger Str. 15,
10963 Berlin
Umsatz: k. A.
Mitarbeiter: 170
Telefon: 030 /66 63 61 00
Web: www.meininger-hotels.com
Roland Berger
Strategy Consultants Gmb H
Geschäftsführer: Burkhard Schwenker
Adresse: Mies-van-der-Rohe-Straße 6,
80807 München
Umsatz: 670 Millionen Euro
Mitarbeiter: 2100
Telefon: 089 / 923 00
Web: www.rolandberger.com
Sulfurcell
Geschäftsführer: Nikolaus Meyer
Adresse: Groß-Berliner Damm 149,
12489 Berlin
Umsatz: k. A.
Mitarbeiter: 210
Telefon: 030 / 63 92 38 93
Web: www.sulfurcell.de
Berliner Unternehmer wählen offenbar den zweiten Weg: In der jährlichen Mittelstands-umfrage der Landesbank Berlin und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), an der 1200 Berliner Mittelständler teilgenommen haben, gaben 88 Prozent der befragten Unternehmen an, in den kommenden zwölf Monaten investieren zu wollen. Im Vorjahr waren es nur 71 Prozent gewesen. „Die mit steigenden Investitionen einhergehende Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit und die ersten Anzeichen einer konjunkturellen Erholung untermauern das Potenzial der mittelständischen Unternehmen, gestärkt aus der Krise hervorzugehen“, heißt es in der Studie des DIW. Allerdings klagten die Unternehmen darüber, dass ihnen Investitionskapital fehle.
Michael Jänichen, Leiter des Geschäftsbereichs Firmenkunden bei der Landesbank Berlin/Berliner Sparkasse, sagt dazu: „Die Kreditanfragen gehen konjunkturbedingt eher zurück. Davon ist auch unser Neugeschäft betroffen. Eine differenzierte Betrachtung zeigt jedoch, dass das Kreditneugeschäft mit den regional ansässigen Gewerbetreibenden und mittelständischen Unternehmen gestiegen ist.“
Nikolaus Meyer, der Chef von Sulfurcell, sagt: „Natürlich ist die Lage gerade schwierig. Aber umso wichtiger ist es, dass wir der Konkurrenz technologisch immer einen Schritt voraus bleiben.“ Die Solarfassade am neuen Hauptgebäude kommt hier weltweit erstmals zum Einsatz. Das Besondere daran: Da die Montage auf einer Unterkonstruktion stattfindet, können bei zukünftigen Projekten selbst unebene Untergründe wie Altbaufassaden verkleidet werden. Eine Innovation, die dem Unternehmen nach der Krise doppelt zugute kommen könnte — wenn die Wirtschaft wieder anzieht und weltweit wieder mehr gebaut wird.
Wann es wieder so weit sein wird, kann zurzeit niemand so genau sagen. „Viele Anzeichen sprechen dafür, dass wir das letzte Drittel der Krise erreicht haben“, sagt Sascha Haghani, Senior Partner und Leiter der Abteilung „Corporate Finance“ bei Roland Berger. Er sagt: „Für Unternehmen, deren finanzielle Lage stabil ist, ist das gerade ein interessantes Zeitfenster.“
Zwar müsse man davon ausgehen, dass 2010 noch ein schwieriges Jahr werde, vor allem für den Maschinenbau und die gesamte Automobilbranche. Aber: „Man darf sich von den Risiken, die 2010 mit sich bringen wird, nicht entmutigen lassen.“ Unternehmen können jetzt Branchenkonsolidierung betreiben. Das heißt: In einer Krise verschwinden Konkurrenten vom Markt, werden geschwächt oder aufgekauft. Dadurch verschieben sich die Gewichte unter den Wettbewerbern.
Die Berliner Hostel-Gruppe Meininger zum Beispiel nutzt die Krise, um ihren Konkurrenten Kundengruppen abzujagen, und erschließt sich neue Zielgruppen. „Auf einmal kommen Gäste zu uns, die es bisher nicht für möglich hielten, in einem Zimmer zu übernachten, das nur 60 Euro kostet“, sagt Sascha Gechter, Geschäftsführer und einer der Gründer von Meininger. Zwar gingen die Zahlen der internationalen Besucher in ihren Hostels wie überall zurück, dafür würden aber die Businessbesucher zunehmen.
Die Unternehmen sparen gerade verstärkt an Ausgaben für Reisen und Übernachtungen. Darum muss mancher Manager sein Haupt jetzt anstatt wie sonst im Luxushotel im günstigeren Hostel betten. „Die Gäste rieseln durch die Sterne nach unten. Viele sparen lieber beim Zimmer und leisten sich dafür trotzdem noch ein Steak für 30 Euro“, erklärt Gester. Seine Hoffnung ist, dass die Kunden dabei feststellen, dass man bei Meininger auch nicht schlechter schläft als in einer teuren Luxusherberge.
Vor sieben Monaten hat Meininger das Marketingbudget sogar erhöht, um gezielt Businesskunden zu werben. Die Hostels haben zwar bislang das Image, eher Rucksacktouristen als Anzugträger zu beherbergen. Völlig grundlos, findet Gester. Denn die meisten Häuser liegen zentral, in Bahnhofs- oder Flughafennähe. Die neue Marketingstrategie zeigt schon Erfolg: „Vor der Krise hatten wir weniger als 20 Prozent Businesskunden. Jetzt sind es 27 Prozent“, sagt der Hostelchef, dessen Unternehmen beständig wächst. Im vergangenen Jahr konnte Meininger ein Umsatzplus von 30 Prozent verbuchen, in diesem soll es genauso viel werden.
Zehn Häuser hat die Kette bisher in ganz Deutschland eröffnet, drei sind zurzeit in Planung. Die Krise hilft nicht nur, neue Kunden zu gewinnen, sondern auch neue Standorte. „Es werden uns zurzeit attraktive Standorte angeboten. Früher wären diese Angebote nur an die gegangen, die größer und traditioneller sind als wir“, sagt Gester. „Jetzt tritt man auch an uns heran.“ Im Februar eröffnet Meininger in Berlin ein Hostel in bester Citylage, an der Oranienburger Straße. „Da wären wir in ganz normalen Zeiten vielleicht gar nicht zum Zug gekommen“, sagt der Geschäftsführer. Er vermutet, dass es an der schnellen Entscheidung seiner Truppe lag. Die großen Hotelketten, die mit im Spiel waren, hätten zu lange gezögert.
Man könnte Gester und seine Mitgeschäftsführer eigentlich Krisenprofiteure nennen. Er selbst formuliert es so: „Es tun sich mehr Chancen auf, die wir aktiv nutzen, vielleicht sogar aggressiv nutzen. In Berlin expandieren wir deshalb jetzt schneller als wir es noch vor zwei Jahren geplant hatten.“
Im Oktober haben sie das neueste Haus eröffnet, das Meininger am Hauptbahnhof. Sie haben ein pompöses Event daraus gemacht. Die Schauspielerin Nina Hoss hatte im Vorfeld einen Abend im Meininger mit sich selbst verlost, Nina Eichinger und andere Schauspielerkollegen spielten „Gäste“ in den neuen Zimmern. Sternekoch Christian Lohse und Hans-Peter Wodarz, der Macher von „Pomp, Duck und Circumstance“, grillten auf der Dachterrasse eine Entenwurst. Dazu trank man Champagner.
„Wir wollten ein Signal setzen, dass es uns nicht schlecht geht“, sagt Sascha Gester, „und zeigen, dass in Berlin innovative Konzepte immer einschlagen.“ Meininger sei dafür das beste Beispiel. Gerade hat die Gruppe den European Hospitality Innovation Award gewonnen, einen Preis für Innovationen im Hotel- und Gastgewerbe.
Meininger hat also nicht nur finanziell von der Krise und der damit einhergehenden Marktkonsolidierung profitiert. Für andere Unternehmen wird es dagegen so eng, dass sie ihren Betrieb einstellen müssen. Was dem einen Unternehmer als Leid erscheint, kann für den anderen zum Glücksfall werden: Die Pleite des einen eröffnet anderen die Chance der Firmenübernahme.
Das ist eine gute Zeit, um interessante und eingeführte Firmen zu erwerben
Die Gelegenheit sei günstig, komplett funktionierende Unternehmenseinheiten bei geringen Investitionen zu übernehmen, sagt Unternehmensberater Haghani. „Wenn das eigene Haus gut bestellt ist, sollte man jetzt zugreifen. Wenn sich alle Märkte wieder erholen, steigen auch die Preise.“ Man sollte sich jetzt ganz bewusst anschauen, wo es attraktive Nischenplayer gibt, die nicht die Mittel haben, aus eigener Kraft zu wachsen.
Die Gelegenheit sei außerdem günstig, weil es eine Menge Familienunternehmen gebe, die einen passenden Nachfolger suchten. „Das ist eine gute Zeit, um interessante und eingeführte Firmen zu erwerben. Zeiten, in denen die Finanzierung schwierig ist, bieten für Unternehmen, die über genügend Mittel verfügen, auch attraktive Chancen für Investitionen.“
Diese Chance hat auch der Unternehmer Michael Nagl erkannt: Der Inhaber von „Berliner Luft“ hat in der Krise einen Millionenbetrag in sein Unternehmen investiert. Seine mittelständische Firma produziert und vertreibt Komponenten für Lüftungs- und Klimatechnik.
Nagl hat die Krise für die Expansion seines Unternehmens genutzt: In Polen hat er im Juli dieses Jahres für eine halbe Million Euro einen in der Nähe von Köslin (Westpommern) ansässigen Betrieb aufgekauft. Weitere drei Millionen fließen in den Ausbau der Räumlichkeiten. Dort soll künftig eine innovative Serie von Lüftungsgeräten hergestellt werden, die von Mitarbeitern der „Berliner Luft“ entwickelt wurden. Vom polnischen Standort aus will das Berliner Unternehmen sich neue Märkte in Osteuropa erschließen. Schon Ende Oktober sollen die Mitarbeiter in das neue Werk einziehen – durch die Investition sollen rund 50 neue Arbeitsplätze in Polen entstehen.
Aber auch für die Berliner Firmenzentrale an der Herzbergstraße in Lichtenberg hat Nagl in der Krise Geld in die Hand genommen. „Wir haben den Standort zukunftssicher gemacht und Bürogebäude und Fertigungshallen grundsaniert“, sagt Nagl. Für ihn gehört Investionsbereitschaft zum Unternehmergeist dazu.
Doch gerade in Zeiten der wirtschaftlichen Krise gilt: Bei Investitionen ist ein vernüftiges Augenmaß gefragt. „Sich mit massiven Investitionen gegen die Krise zu stemmen, ist ein hohes Risiko“, sagt Unternehmensberater Haghani. Er rät dazu, an der richtigen Stelle zu sparen. „Wenn man den Fuhrpark jetzt ein oder zwei Jahre nicht erneuert, hat man zwar später höhere Kosten, aber das ist überschaubar.“
Wo man jetzt jedoch auf keinen Fall sparen dürfe, sei bei Investitionen in Forschung und Entwicklung. „Wenn man die nicht auf einem vernünftigen Niveau hält, spürt man das nachhaltig.“ Außerdem sollte man sich gut überlegen, ob man jetzt Mitarbeiter entlässt. Man sollte lieber in Kauf nehmen, dass die Leute eine Zeit lang nichts zu tun haben, oder sich fortbilden, denn: „Wenn die Wirtschaft wieder anzieht, finde ich die nicht wieder.“
Die Unternehmen haben schon vor dem Ausbruch der Krise über den wachsenden Fachkräftemangel geklagt, es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Problem wieder auftaucht (Siehe auch Interview unter). Spezialisten mit Markt-Know-How sind nach wie vor stark gefragt, das sei auch ein Unterschied im Vergleich zu vergangenen Krisen, sagt Haghani: „Die guten Leute werden gesucht, nicht entlassen.“
Seine Einschätzung deckt sich mit den Ergebnissen der LBB-Mittelstandsumfrage. Zwar planen 15 Prozent der Befragten, ihre Belegschaften zu verkleinern (2008: zehn Prozent). Aber immerhin ein Fünftel der Mittelständler will im kommenden Jahr neue Mitarbeiter einstellen (2008: 24 Prozent), und mit 65 Prozent der Unternehmen will die große Mehrheit ihren Personalbestand halten (2008: 66 Prozent).
Das Start-up-Unternehmen Private Sales GmbH will nicht nur expandieren. Die Berliner, die unter dem Markennamen Brands for Friends bekannt sind, suchen derzeit sogar händeringend nach neuen Leuten, denn sie wollen ihren Personalbestand glatt verdoppeln. „Wir haben rund hundert offene Stellen zu besetzen. Bis Ende nächsten Jahres wollen wir insgesamt zweihundert Leute einstellen“, sagt Gründer und Geschäftsführer Christian Heitmeyer.
Brands for Friends ist im September 2007 gestartet. Sie verstehen sich als Shoppingclub im Internet, bei dem nur registrierte Mitglieder einkaufen können. Auf der Webseite brands4friends.de werden zahlreiche Markenartikel aus den Bereichen Mode und Lifestyle angeboten. Die Preise liegen bis zu 70 Prozent unter der unverbindlichen Preisempfehlung des Herstellers. Der exklusive Shopping-Club ordert große Mengen bei den Produzenten, außerdem kaufen sie oft Lagerüberhänge ein. So können sie die günstigen Preise anbieten. Darum haben sie auch kein ständiges Vollsortiment im Lager, sondern immer nur Sonderangebote von drei oder vier Marken — eben das, was sie gerade günstig einkaufen konnten.
Der Zulauf der Kundschaft ist beachtlich. Innerhalb von zwei Jahren haben sich zweieinhalb Millionen Mitglieder bei Brands for Friends registriert. Die Umsatzprognose sei in diesem Jahr schon mehrfach nach oben korrigiert worden, sagt Heitmeyer. Zur Zeit liege sie bei 85 Millionen Euro. „Wir profitieren durchaus auch von der Krise“, sagt der Geschäftsführer. „Die Leute gehen jetzt besonders sensibel mit ihrem Geld um, wollen aber auf ihre Marken nicht verzichten.“
Offenbar gelingt Brands for Friends gerade, woran der Versandhändler Quelle nach allgemeiner Einschätzung scheiterte: Aktuelle Bedürfnisse der Kunden zu erkennen und flexibel umzusetzen. Bei Brands for Friends zeigt sich diese Flexibilität unter anderem bei der Angebotspalette: Bisher stammten 70 Prozent der Produkte aus dem Bereich Mode. Künftig will sich das Unternehmen breiter aufstellen und auch Kinderwagen, Kosmetik oder Einrichtungsgegenstände verkaufen.
Inzwischen arbeiten schon 200 Leute bei dem Berliner Onlinekaufhaus, die meisten davon in der Zentrale an der Johannisstraße in Mitte. Brands for Friends hat dort bislang drei Etagen angemietet, im nächsten Jahr wolle man die restlichen zwei noch hinzunehmen, sagt Heitmeyer. Den Platz wird das Unternehmen auch brauchen: Schließlich wollen Heitmeyer und Co. ihre Mitarbeiterzahl verdoppeln. Gesucht werden vor allem Leute im Einkauf, aber auch Mitarbeiter, die Texte schreiben, fotografieren und im IT-Bereich eingesetzt werden sollen.
In den letzten Jahren gab es bei etlichen Unternehmen einen Investitionsstau
Die richtigen Leute zu finden, sei trotz Krise gar nicht so leicht, sagt Christian Heitmeyer. Zwar kämen auf eine Ausschreibung regelmäßig mehr als 100 Bewerbungen an. Aber hochqualifizierte Leute, die gut ins Team passten und auch noch ein Faible für Mode & E-commerce mitbrächten, seien leider rar gesät. Brands for Friends wirbt darum schon jetzt mit Annehmlichkeiten wie Obstkörben, kostenlosem Kaffee oder hausinternen Yogakursen — denn wenn die Wirtschaft wieder anzieht, wird es noch schwieriger
werden, gute Leute zu finden.
Bei „Berliner Luft“ setzt man darum in den Zeiten der Wirtschaftskrise verstärkt auf den Nachwuchs: Knapp 40 Lehrlinge werden derzeit in dem Betrieb zum Feinblecher, Technischen Zeichner, Mechaniker oder Kälte-Ingenieur ausgebildet – zehn mehr als im Vorjahr. „In spätestens fünf Jahren wird sich das bezahlt machen“, prognostiziert Firmeninhaber Nagl. „Auf lange Sicht fehlen Deutschland die Ingenieure und Techniker.“
Investieren in der Krise, das können natürlich nur solche Unternehmen, die finanziell einigermaßen gut aufgestellt sind. „Im Moment gibt es nur Schwarz oder Weiß“, sagt Bernhard Wecker, Firmenkundenleiter für die Region Nord bei der Berliner Volksbank. „Diejenigen, die vernünftig aufgestellt sind, haben zwar Umsatzeinbußen, können dies kostenseitig aber gerade noch auffangen. Die Unternehmen, die schon vor der Krise schwächelten, haben jetzt teilweise ernste Probleme. Für alle wird es darauf ankommen, wie lange die Auswirkungen der Krise noch anhalten.“
Trotzdem merke man bei der Berliner Volksbank, dass sich die Kreditnachfrage wieder deutlich belebe. „Insgesamt steigt das Volumen im Vergleich zu 2008, die einzelnen Finanzierungen sind aber kleinteiliger“, sagt Wecker. Und im Gegensatz zum Vorjahr seien es weniger Kredite im Betriebsmittelbereich als vielmehr Kredite für Investitionen und Immobilien. Auch das Leasinggeschäft sei angesprungen.
„In den letzten Jahren gab es einen Investitionsstau. Jetzt können die Unternehmen vieles nicht mehr länger aufschieben“, erklärt Wecker das Phänomen. Er rät Unternehmen, dringend notwendige Anschaffungen noch in diesem Jahr zu tätigen. Wer im nächsten Jahr einen Kredit beantragt, muss dafür die Geschäftszahlen von 2009 vorlegen. Und die werden durchschnittlich schlechter ausfallen als die aus dem Vorjahr, wo sich die Krise lediglich im letzten Quartal negativ auswirken könnte.
Klaus-Peter Niemann hat den Handlungsbedarf rechtzeitig erkannt. Der Händler für Rundfunk- und Fernsehgeräte hat gerade seine Geschäftsfläche verdoppelt. Im März bemerkte Niemann die Krise. „Es kamen deutlich weniger Kunden. Und die wenigen Kunden, die kamen, haben überhaupt nichts mehr gekauft. Anstatt sich neue Geräte anzuschaffen, brachten sie die alten zur Reparatur. Die Umsätze gingen zwischen 20 und 25 Prozent zurück. Die neuen Räume waren damals zwar schon geplant, Niemann hätte die Investition aber noch stoppen können. Doch er sagte sich: „Jetzt erst recht.“
Die Gespräche mit den Banken waren schwieriger als vor der Krise
Er mietete die beiden Nachbargeschäfte am Steglitzer Damm mit an, baute für 67 000 Euro um und erweiterte außerdem sein Angebot: Jetzt bietet er neben kompletten Klang- und Bildsystemen auch Waschmaschinen und Kühlschränke zum Kauf an. Das Herzstück des Ladens ist nun ein großer Showroom, in dem Niemann die Fernseher und Lautsprechersysteme aus der „Reference“-Serie von Loewe ausstellt. Er ist einer von nur zwei Händlern in Berlin, die diese Geräte anbieten. Ohne die Räume hätte er den Anforderungen des Herstellers nicht genügt. Und siehe da: Die Leute kaufen wieder. „Sie glauben gar nicht, was ich schon für Luftsprünge gemacht habe“, sagt Niemann.
Schon zur Neueröffnung kamen 47 Kunden, die Feier ging bis drei Uhr morgens – so lange, bis keine Getränke mehr da waren. Danach ging es richtig los. Die Umsätze steigen wieder, Niemann meint, dass sie trotz des Tiefs zwischen März und Dezember am Jahresende wieder auf Vorjahresniveau liegen werden. Heute ist er überzeugt davon: „Wenn wir nicht investiert hätten, würde es uns heute immer noch so gehen wie allen anderen auch.“ Man müsse den Kunden etwas Neues anbieten. Sie können jetzt auf der Loewe-Internet-Seite für die Reference-Produkte werben, die hätten sie ohne die neuen Räume nicht bekommen. Sie haben auch selbst in einen neuen Internetauftritt investiert. Die Banken zu überzeugen, sei nicht einfach gewesen. „Die Gespräche waren schwieriger und langwieriger als vor der Krise.“
Die fünf Arbeitsplätze sind gerettet. „Und wenn das so weitergeht“, sagt Niemann, „werden wir im nächsten Jahr sogar wieder ein oder zwei Leute einstellen“.
Sarah Kramer, Miriam Schröder
Aus der Ausgabe 11 / 2009
