Der Preis des Kapitals
|
Foto: ddp |
Stellt man deutschen Geschäftsleuten in diesen Tagen die Frage, ob der Mittelstand in einer Kreditklemme steckt, bekommt man ganz unterschiedliche Antworten.
„Ja, eindeutig“, sagen die Unternehmer. Sie klagen über ihre Hausbanken, die immer weniger Kredite vergäben. Und wenn doch, dann zu unvorstellbar schlechten Konditionen.
„Nein, keineswegs“, sagen dagegen die Banken. Sie pumpten Millionenbeträge in die Kreditvergabe. Man verstehe gar nicht, wo das Problem liege.
„Je nachdem, wie man es nimmt“, sagen unabhängige Berater und Wissenschaftler. Sie sprechen von verwöhnten Unternehmen und davon, dass sich die Spielregeln auf dem Finanzmarkt eben geändert hätten. Das sind die Protagonisten, die mitten in den Folgen der schweren Wirtschaftskrise stecken. Drei Protagonisten an drei Berliner Standorten mit drei verschiedenen Meinungen. Und jeder beansprucht die Wahrheit für sich.
Die Unternehmen
Der Tag, an dem Carola Kirchner das Vertrauen in die Banken verlor, war sonnig und warm. Es war im Juni, als die Geschäftsführerin der I und B Isolier und Bautechnik einen Termin bei ihrem Bankberater hatte. Ihr zwölfköpfiges Unternehmen aus Berlin-Reinickendorf hatte kurz zuvor zwei große Aufträge in einer Höhe von 700 000 Euro an Land gezogen. Die Firma sollte zwei Parkhäuser sanieren. Das konnte der große Durchbruch auf dem neuen Geschäftsfeld werden, endlich. Kirchner musste die Sache allerdings vorfinanzieren und benötigte daher von der Bank einen Kontokorrentkredit in Höhe von 50 000 Euro, also die Erlaubnis, ihr Geschäftskonto kurzfristig zu überziehen. Keine große Sache, dachte sie. Schließlich hatte ihr Unternehmen schon seit 1963 ein Konto bei der Bank, die Zusammenarbeit lief immer problemlos, man kannte sich.
Als sie sich auf den Weg zur Bank machte, dachte sie gar nicht daran, dass etwas schief gehen könnte. Eine Stunde später wurde sie eines Besseren belehrt. Bei Carola Kirchner aus Reinickendorf war mit einem Mal die Wirtschaftskrise angekommen. Der Berater vertraute ihr nicht mehr uneingeschränkt. Er sprach plötzlich von einem „Risiko“. Und davon, dass er sich noch einmal mit seinem Chef in Verbindung setzen müsse. Ein paar Tage später dann das endgültige Aus: Der Kontokorrentkredit wurde verwehrt. Carola Kirchner konnte es nicht glauben.
Die Kreditklemme ist nicht gefühlt, sondern sie ist ganz real vorhanden
„Ich war völlig vor den Kopf gestoßen. Die Bank hat mich einfach fallen gelassen.“ Heute, ein halbes Jahr später, sieht sie immer noch fassungslos aus, wenn sie davon erzählt. Sie sitzt ihrem kleinen Besprechungsraum im Industriegebiet von Reinickendorf. Auf dem Tisch stehen eine große Thermoskanne mit Filterkaffee und ein dicker Aktenordner. „Ich habe das ganze Drama dokumentiert.“
Carola Kirchner und ihre Geschichte stehen exemplarisch für viele Unternehmer. Überall in Deutschland und in Berlin gibt es eine Unzahl von Carola Kirchners. Genau wie sie klagen derzeit immer mehr Mittelständler über ihre Hausbanken. Über eine restriktive Kreditvergabe, über schlechte Konditionen und darüber, dass der Mensch nichts mehr zählt, sondern ausschließlich die Zahlen.
In einer Umfrage der Europäischen Zentralbank unter 6000 kleinen und mittelständischen Unternehmen gab gut ein Drittel der befragten Betriebe an, nach eigener Einschätzung schlechter an Kredite zu kommen. Und: Sie gehen davon aus, dass sich ihre Situation in den nächsten Monaten nicht verbessern wird. Zudem beklagen sich 33 Prozent der Betriebe über gestiegene Gebühren und fast genauso viele über die Anforderungen der zu leistenden Sicherheiten. Nach einer Umfrage des Münchener Ifo-Instituts empfand sogar fast jedes zweite Unternehmen die Kreditvergabe der eigenen Bank als restriktiv. Im Baugewerbe war diese so genannte Kredithürde in den vergangenen drei Jahren nicht so hoch wie heute.
Mario Ohoven kennt jede dieser Umfragen. Für ihn steht fest: „Die Kreditklemme ist nicht nur gefühlt, sondern sie ist ganz real vorhanden.“ Der Präsident des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft gerät regelrecht in Rage, wenn er auf die Finanzierung der deutschen Unternehmen angesprochen wird. „Liquidität ist die Schicksalsfrage des Mittelstandes. Den Banken wurde massiv mit Steuermitteln geholfen, jetzt müssen sie endlich was an die Unternehmen weitergeben“, sagt er. „Es schwirren noch toxische Papiere im Wert von 550 Milliarden Euro umher. Das ist eine Katastrophe.“ Und: „Es wurde Casino Royale gespielt, jetzt müssen die Banken zu dem stehen, was sie verbockt haben.“
Joachim Schwalbach, Professor am Institut für Management der Humboldt-Universität zu Berlin sieht die Sache zwar nüchterner. Doch auch er beurteilt die Situation ähnlich kritisch. „Es gibt schon heute eine Kreditklemme. Und sie wird sich 2010 sogar noch weiter verschärfen.“
Die Folgen könnten verheerend sein – auch für eigentlich finanziell intakte Betriebe. Eine Umfrage der Beratungsfirma Roland Berger kommt zu dem Ergebnis, dass 2010 zunehmend auch im Kern gesunde Unternehmen wegen Finanzierungsproblemen in Schwierigkeiten geraten werden. Vor allem Mittelständler könnten der restriktiven Kreditvergabe zum Opfer fallen. Die Kreditauskunftsdatei Creditreform prognostiziert für dieses Jahr 40 000 Insolvenzen – das sind gut 5000 mehr als noch im vergangenen Jahr.
Deutsche Mittelständler stehen mit ihren Problemen nicht alleine da. Im gesamten Euro-Raum wurden seit Januar 2009 Kredite in Höhe von 153 Milliarden Euro weniger vergeben.
Carola Kirchner kennt all diese Zahlen nicht. Sie weiß nur, dass sich alles verändert hat. Früher brachte sie dem Filialleiter ihrer Hausbank in Reinickendorf zu Silvester einen Strauß mit Kleeblättern. Sie suchte mit ihrem Bankberater gemeinsam nach Lösungen. Vertrauen spielte eine große Rolle. Und heute? Sie fühle sich bei ihrer neuen Bank zwar gut aufgehoben, sagt Kirchner, aber grundsätzlich sei sie skeptischer geworden. „Die Banken sehen sich oftmals nur die Zahlen an und lassen die Unternehmen hängen, wenn man sie am dringendsten braucht.“
Die Banken
Acht Kilometer südlich von Kirchners Reinickendorfer Firmensitz, am Hackeschen Markt in Berlin-Mitte, sitzt Manfred Weber in einem schweren Ledersessel und atmet tief durch. Der Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken mag das Wort „Kreditklemme“ nicht. Natürlich, die Konditionen für Bankkredite hätten sich verschlechtert, sagt er. Der Grund dafür sei die schlechte wirtschaftliche Lage der Unternehmen. Und das bedeute: Die Banken tragen ein höheres Risiko. Und dafür brauchen sie höhere Zinsen. Weber versteht gar nicht, warum man diese Gleichung nicht verstehen kann.
„Wir haben aus der Krise gelernt und tun genau das, was unsere Aufgabe ist, nämlich Risiken noch genauer zu prüfen und adäquat zu bepreisen.“ Weber rechnet damit, dass sich die Wirtschaftsleistung in Deutschland frühestens 2014 wieder auf dem Niveau von vor der Finanzkrise befinden wird. Bis dahin wird die Lage angespannt bleiben. Und auch danach werden sich die Unternehmen auf strengere Vergabekriterien gefasst machen müssen.
„Wir haben Verhältnisse gehabt, die langfristig nicht tragfähig waren“, sagt er zu den Zinskonditionen vor der Wirtschaftskrise. „Kapital hat seinen Preis, jetzt sind wir in der Realität angekommen.“ Außerdem würden die Banken derzeit alles daran setzen, dem Mittelstand unter die Arme zu greifen. Weber sinkt tiefer in seinen Ledersessel. Er sieht zufrieden aus.
Tatsächlich. Die Banken haben große Versprechen gemacht in den vergangenen Monaten. Die Commerzbank will ihr Kreditangebot für Firmen, die zwischen 2,5 und 500 Millionen Euro Umsatz machen, um fünf Milliarden Euro erhöhen. Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann kündigte einen milliardenschweren Eigenkapital-Fonds an, und auch die Sparkassen wollen einen Fonds gründen, um die Kreditvergabe anzukurbeln. Fünf bis zehn Milliarden Euro überschüssiges Kapital soll in den Fonds fließen, aus dem Sparkassen und Landesbanken Darlehen an Mittelständler vergeben können. Auch die Volksbanken wollen Geld bereitstellen.
Das Problem dabei: Viele Sätze bestehen vor allem aus dem Wort „wollen“. Die Initiativen könnten zur Symbolpolitik verkommen. Kritiker bemängeln die zu geringen Volumina der Fonds. Und: Die Gelder seien zu bürokratisch für mittelständische Unternehmen, die darauf angewiesen sind, schnell und einfach frisches Geld zu bekommen.
„Die Gelder haben reinen PR-Charakter“, sagt Werner Weiß von der Unternehmensberatung Tec7. „Und das Tragische an der Sache ist, dass man diese Fonds gar nicht bräuchte, wenn die Banken ihre Aufgabe richtig machen würden.“
Fest steht: Die Zeiten, in denen sich mittelständische Unternehmen darauf verlassen konnten, von ihrer Hausbank mit ausreichend Krediten zu guten Konditionen versorgt zu werden, sind vorbei. Sogar Manfred Weber vom Bankenverband sagt am Ende des Gesprächs: „Ich kann eine Kreditklemme für das Jahr 2010 nicht ausschließen.“
Es klingt alles nach einer katastrophalen Lage. Doch es gibt, auch in dieser Krise, gute Nachrichten: Auf dem Markt gibt es alternative Finanzinstrumente – und das zu bezahlbaren Konditionen. Es wird Zeit, dass die Optimisten zu Wort kommen.
Die Optimisten
Finanzierungsprobleme bei Unternehmen? „Natürlich gibt es die, aber lassen Sie uns doch lieber über Lösungen sprechen.“ Dietmar Thiele lacht. „Es ist alles eine Frage der Fantasie. Auch heute ist noch genug Geld vorhanden. Man muss nur wissen, wo man danach suchen muss“, sagt Thiele (siehe Interview unter http://www.berlin-maximal.de/magazin/titelthema/art168,1261).
Um zu erklären, was das heißt, erzählt er dem Besucher von seinem „Lieblingsbeispiel“, wie er es nennt. Für einen Büromöbelhersteller aus Berlin sollte er einen Investor suchen. Er fand ihn schließlich in Süddeutschland: Ein vermögender Privatmann beteiligte sich mit 20 Prozent am Unternehmen. „Am Anfang hätte ich nie gedacht, dass das zusammenpasst. Aber es funktionierte. Das Unternehmen bekam Geld und der Investor fand eine gute Anlage.“
Finanzierung ist eine Frage der Phantasie. Es ist noch genug Geld vorhanden
Das Beispiel zeige, sagt Thiele, dass gerade Mittelständler offen sein sollten für Beteiligungen. „Sie müssen ihre Berührungsängste abbauen, denn die Spielregeln auf dem Finanzmarkt haben sich nun mal geändert. Früher war es leichter, an frische Kredite zu kommen. Heute ist das anders. Wer sich jetzt nicht nach neuen Finanzierungskonzepten umsieht, wird womöglich scheitern.“
Neben der Möglichkeit, sich stille oder auch direkte Beteiligungsgesellschaften an Bord zu holen, gibt es eine Reihe anderer Finanzierungsinstrumente (siehe http://www.berlin-maximal.de/magazin/titelthema/art168,1262). So kann zum Beispiel Factoring für Betriebe sinnvoll sein, die lange auf Zahlungen von Kunden warten müssen. Unter Factoring versteht man, dass ein Dienstleister Forderungen seines Kunden gegen Dritte kauft und dem Kunden das Geld auszahlt, bevor der Schuldner die Rechnung beglichen hat. Der Hauptvorteil von Factoring: Man bekommt das Geld sofort und kann es umgehend wieder investieren.
Für Firmen, die oft große Anschaffungen wie etwa neue Maschinen benötigen, kann Leasing eine interessante Alternative zum klassischen Bankkredit sein. Denn auch Leasing schont wie Factoring die Liquidität. Maschinen, Firmenwagen oder Produktionsanlagen müssen die Betriebe nicht kaufen, sondern lediglich mieten.
Und: Die Mezzanine-Finanzierung, eine Mischform aus Eigen- und Fremdkapital, erlebt derzeit eine regelrechte Renaissance. Die Unternehmen bekommen Eigenkapital vom Mezzanine-Geber, ohne ihm dafür Stimmrechte gewähren zu müssen. Dafür müssen sie allerdings höhere Zinsen in Kauf nehmen.
„Die Zeit der Standardfinanzierungen ist vorbei“, sagt Berater Thiele. Doch gerade das kann eine große Chance bedeuten. „Wenn der Mittelstand aus der Krise lernt, dass er sich in seiner Finanzierung breiter aufstellen muss und dadurch unabhängiger von seiner Hausbank wird, hat die Krise schon ihr Gutes gehabt.“ Wie ein Mantra betet er seinen Kunden vor: Weitet den Blick, seid offen für Neues!
Auch Simone Schneider (Name geändert) wusste, dass sie das tun musste: offen sein für Neues. Vor einem Jahr benötigte sie für den Sprung in die Selbstständigkeit einen Kredit und war sich sicher: Sie würde keinen bekommen. „Ich bin der Alptraum jeder Bank.“ Wegen ihrer Scheidung musste sie vor ein paar Jahren einen Kredit aufnehmen. Der ist zwar inzwischen abbezahlt, doch der Schufa-Eintrag bleibt bestehen. Die Datei speichert Kredite noch drei Jahre nach der vollständigen Rückzahlung. „Wenn ich der Bank dann noch erzählt hätte, dass ich mich als freie Journalistin selbständig machen wollte, noch dazu in Berlin, hätte mich der Bankberater sicher nur ausgelacht. Ein größeres Risiko als mich kann es aus Sicht einer Bank nicht geben.“ Schneider brauchte eine Alternative – und fand sie im Deutschen Mikrofinanz Institut (DMI).
Das Institut hat in ganz Deutschland zwölf Partner, die so genannten regionalen Mikrofinanzierer, über die Kleinstkredite bis zu 20 000 Euro vergeben werden. In Berlin ist „IQ Consult“ dafür zuständig.
Fragt man Markus Weidner, Geschäftsführer des DMI, was das Besondere an seinem Institut ist, sagt er immer wieder einen Satz: „Wir finanzieren den Menschen und keine Zahlen.“ Dieses Prinzip gilt für Kreditanfragen ebenso wie für die Tilgung. So müssen bei der Antragstellung – anders als bei einem Bankkredit – keine Sicherheiten hinterlegt werden. Es reicht, Referenzen aus dem sozialen Umfeld anzugeben. Dies können zum Beispiel frühere Arbeitgeber, Vermieter, Verwandte – oder wie in Süddeutschland oft üblich – der Pfarrer sein. „Wir wollen herausbekommen, welchen Menschen wir vor uns haben“, sagt Weidner. „Ist dieser Mensch ehrlich? Versteht er, dass es ein Kreditgeschäft ist, das er mit uns eingeht?“
Auch wenn es darum geht, den Mikrokredit zurückzuzahlen, steht wieder der Mensch im Vordergrund. Statt anonymer Zahlungsanweisungen gibt es für den Kreditnehmer ein monatliches Monitoring. Das heißt, dass er jeden Monat einen Bogen mit Fragen zu seiner geschäftlichen und privaten Situation ausfüllen muss. „Das ist auch ein wenig Lebenshilfe“, sagt Simone Schneider und lacht. Wenn ein Kreditnehmer die monatlich vereinbarte Rate nicht zurückzahlen kann, kann sie um einen Monat aufgeschoben werden.
Was auf den ersten Blick etwas kindlich Naives an sich hat, erweist sich beim zweiten Hinsehen als effektives Geschäftsmodell. Seit der Gründung im Jahr 2004 hat das DMI Kredite im Wert von 3,6 Millionen Euro vergeben. Neben Existenzgründern nehmen auch gestandene Unternehmen die Kredite in Anspruch. Denn in vielen Branchen reichen schon ein paar Tausend Euro für den Start eines neuen Projekts. Der große Vorteil der Mikrokredite: Die Gelder werden schnell bewilligt. Simone Schneider hatte schon nach wenigen Tagen die Zusage auf dem Tisch.
Die Kreditnehmer wissen die Vorzüge des Modells zu schätzen. Die Rückzahlungsquote liegt bei 97,2 Prozent. „Das ist einfach sensationell“, sagt Weidner und plant schon den Ausbau der Mikrokredite. Ab März werden fünf weitere regionale Mikrofinanzierer mit dem DMI zusammenarbeiten.
Mikrokredite rechnen sich aus Sicht einer Bank einfach nicht
„Das Potenzial der Mikrokredite ist erheblich“, sagt auch Alexander Kritikos, Abteilungsleiter der Forschungsabteilung Innovation, Industrie, Dienstleistung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). „Gerade so genannte Projektfinanzierer, aber auch Einzelhändler oder kapital–unintensive Dienstleistungsunternehmen haben großen Bedarf an Mikrokrediten.“ In einer vom DIW durchgeführten Pilotstudie gaben 40 Prozent aller befragten Kleinunternehmen an, Interesse an einem Mikrokredit zu haben. In Polen und der Tschechischen Republik erleben Mikrokredite einen regelrechten Boom, auch in Deutschland könnte der Markt noch zulegen, sagt Kritikos. Sein einziger Kritikpunkt am hiesigen Modell: „Die niedrigen Zinsen von zehn Prozent oder weniger sind nicht hilfreich. Diese Kredite rechnen sich aus Sicht einer Bank einfach nicht. Es kann sich kein Markt entwickeln.“ Kritikos ist sich sicher, dass die Kreditnehmer auch höhere Zinsen in Kauf nehmen würden, wenn sie dafür ein gutes Kreditprodukt bekämen. „Wenn man in Deutschland einen Kredit unter 10 000 Euro benötigt, rennt man zu zehn Banken und wird am Ende wahrscheinlich abgewiesen. Ein gut funktionierender Mikrofinanzierer bewilligt den Kredit dagegen nach zwei Tagen. Dieser Vorteil sollte einem eine höhere Vergütung wert sein.“
Simone Schneider würde sich auf jeden Fall immer wieder für einen Mikrokredit entscheiden. „Er hat mir ein wahrscheinlich demütigendes Gespräch bei der Bank erspart. Ich bin froh, dass ich das umgehen konnte.“
Genau dieses „Umgehen“ ist wohl der Schlüssel zum Erfolg. Das, was Unternehmen aus der Krise lernen müssen. Carola Kirchner hat das geschafft. Sie hat in der Krise eine Chance gesehen – und vieles verändert.
Anstatt auf eine Hausbank zu vertrauen, ist ihr Unternehmen nun Kunde bei zwei Banken. Mit einer dritten ist sie im Gespräch. Und als der Leasing-Vertrag für ihren Firmenwagen auslief und sie den Wagen für 17 000 Euro kaufen musste, versuchte sie gar nicht erst, bei der Bank einen Kredit zu bekommen. Stattdessen meldete sie sich auf der Internetplattform „Smava“ an, auf der Privatleute Kredite vergeben. Kirchner hatte Erfolg. 17 Privatleute legten zusammen und gaben ihr das Geld für den Firmenwagen. Wenn sie eins aus der Krise gelernt hat, dann das: „Man muss in der Finanzierung kreativ werden, dann kann man es schaffen.“
2009 hat ihr Unternehmen einen Umsatz von 1,3 Millionen Euro gemacht. Es war das beste Ergebnis seit Jahren.
Anne Hansen
Aus der Ausgabe 2/2010

