„Kreativität ist gefragt“
|
Dietmar Thiele leitet das Berliner Büro der Beratung »Network Corporate Finance« und ist Spezialist für Unternehmensfinanzierungen. Foto: promo |
Herr Thiele, der Mittelstand steckt offenbar in einer Kreditklemme. Was …
Halt, ich muss Sie unterbrechen. Ich halte vom Begriff Kreditklemme überhaupt nichts. Es ist immer noch genug Geld vorhanden. Nur die Spielregeln haben sich geändert.
Inwiefern?
Früher hatten Mittelständler kein Problem, frische Kredite zu bekommen. Die Honigtöpfe waren voll. Spätestens im Zuge der Finanzkrise haben sich allerdings viele Dinge geändert: Erstens, viele Mittelständler stehen in ihrer Bonität schlechter da und haben dadurch natürlich schlechtere Chancen auf einen Kredit. Zweitens sind die Banken vorsichtiger geworden und prüfen jeden Antrag genauer als je zuvor. Drittens, auch die Banken haben erhebliche Verluste erlitten. Und viertens: Die neuen regulatorischen Rahmenbedingungen wie Ratings sowie Basel II sind Gift für den klassischen Mittelstand. In die standardisierten Raster passen große Unternehmen, kleine und mittlere Unternehmen tun sich damit deutlich schwerer oder fallen sogar ganz durch.
Klingt alles nach einem Desaster. Was kann der Mittelstand tun?
Kreativ werden! Er muss sich neue Finanzierungskonzepte überlegen. Heißt: Er muss sich davon verabschieden, dass der Weg zur Hausbank das Allheilmittel ist. Und vor allem: Er muss sich an den Gedanken gewöhnen, Mitgesellschafter als Partner an Bord zu holen.
Das ist oftmals die Horrorvision vieler Mittelständler. Schließlich ist plötzlich jemand da, der mitreden will.
Nicht unbedingt. Es kommt immer auf die Ausgestaltung des Vertrages an. Aber natürlich: Man wird in diesen Zeiten niemanden finden, der sagt: „Hier hast du Geld, meld dich mal in fünf Jahren.“ Ein Mitgesellschafter will natürlich über die laufenden Geschäfte informiert werden, schließlich investiert er ja Geld. Aber das wollen die Banken heute auch. Trotzdem: Der Mittelständler muss seine Berührungsängste gegenüber Beteiligungen abbauen. Es gibt nichts, wovor er Angst haben muss.
Es gibt ja auch öffentliche Beteiligungsfirmen wie die BC Capital in Brandenburg oder die IBB Beteiligungsgesellschaft in Berlin. Was halten Sie davon?
Sie sind hervorragende Partner. Denn wenn sie erst einmal Mittel in Form von Eigenkapital oder Nachrangdarlehen bereitstellen, ist es viel leichter, weitere Investoren und auch wieder Bankpartner zu finden. Das Problem ist aber: Viele Mittelständler wissen oftmals gar nicht, dass es diese staatlichen Beteiligungen gibt.
Wie geht man in diesen Zeiten mit der Hausbank um, wenn diese Kredite verweigert?
Unbedingt dran bleiben und den ständigen Dialog suchen. Es ergibt keinen Sinn, es unter Druck bei anderen Banken zu probieren, zu denen bisher kein Kontakt bestand. Die werden meistens noch kritischer, wenn sie hören, dass die eigene Hausbank den Kredit verweigert hat. Und was immer wichtiger wird: Die Aufbereitung der Zahlen. Eine einfache Gewinn- und Verlustrechnung reicht nicht mehr aus. Die Banken wollen eine schussfeste integrierte Planung mit Bilanz- und Liquiditätsrechnung sehen, und das für drei Jahre im Voraus. Wer dazu nicht in der Lage ist, sollte sich professionelle Beratung von außen holen.
Die Fragen stellte Anne Hansen
Aus der Ausgabe 2 / 2010

