Visionen für Tegel

Im Oktober 2011 geht der Großflughafen BBI in Betrieb. Am Flughafen Tegel gehen dann die Lichter aus. Die Berliner Wirtschaft hat Großes mit dem Gelände vor
Foto: promo

Es war ein gemütlicher Abend mit einer bunten Mischung an Gästen aus der Berliner Wirtschaft. Vorn auf dem Podium sprach Eric Schweitzer, Berliner Industrie- und Handelskammer-Präsident und Unternehmer, über die Zukunft des Großflughafens BBI, in der Rotunde wartete das Buffet auf seine Eröffnung. Da überraschte der Podiumsgast plötzlich mit einer Bemerkung, die das Publikum aufhorchen ließ: „Die zukünftige Nutzung des Flughafen Tegel ist eine Riesenchance für die Berliner Wirtschaft.“

Der optimistische Ausspruch Schweitzers, gefallen beim Abend des „Berlin maximal“-Clubs Ende Januar, erschien jenen, die noch genau die düsteren Diskussionen über die „Causa Tempelhof“ im Gedächtnis haben, wie eine Offenbarung. „Neues Spiel, neues Glück“ scheint die Devise nun zu lauten. Lief bei der Schließung des Flughafens Tempelhof im Oktober 2008 in den Augen vieler einfach alles schief, so soll bei der Stilllegung von Tegel nun alles richtig gemacht werden. Dabei trumpfen Berliner Wirtschaft, Senat und Architekten mit zahlreichen Visionen und Vorschlägen für die Zukunft des Flughafengeländes auf. Skeptiker wiederum bremsen allzu große Hoffnungen auf den Standort.

| Ab 30. Oktober 2011 ist Schluss |

Der Flugbetrieb in Tegel endet früher, als viele denken: Das Bundesverwaltungsgericht hat am 16. März 2006 entschieden, dass der Flughafen Berlin-Brandenburg-International (BBI) unter Auflagen gebaut werden darf. Zu diesen Auflagen gehört zwingend, dass die Berliner Flughäfen Tempelhof und Tegel spätestens sechs Monate nach Inbetriebnahme von BBI geschlossen werden müssen. Tempelhof ist bereits dicht, Tegel müsste demnach spätestens am 30. April 2012 den Betrieb einstellen.

Tatsächlich wird aber bereits ab 30. Oktober 2011 in Tegel kein Flugzeug mehr starten und landen. BBI-Sprecher Ralf Kunkel bestätigte im Gespräch mit „Berlin maximal“, dass die Betreibergesellschaft in der Nacht vom 29. auf den 30. Oktober 2011 das gesamte Personal, also auch die Flughafenfeuerwehr, von Tegel nach Schönefeld verlegen wird. Da die Flughafengesellschaft der einzige Betreiber von Tegel sei, erlösche damit der Betrieb. Dies bestätigte auch der Sprecher der Deutschen Flugsicherung, Stefan Jaekl.

Am 29. Oktober 2011, null Uhr, gingen auf dem Tegel-Tower die Lichter aus: „Dann drücken wir auf einen Knopf, und dann läuft alles vom Tower in Schönefeld.“ Bereits einen Monat vorher werde die Flugsicherung einen Parallelbetrieb zwischen Tegel und Schönefeld installieren, Testläufe zur Eingewöhnung des Personals auf dem neuen BBI-Tower gebe es ab Mai 2011. apz

So viel ist sicher: In der Nacht vom 29. auf den 30. Oktober 2011 wird der Flughafen Tegel endgültig der Vergangenheit übergeben. Um null Uhr werden in dem Tower in Tegel die Lichter ausgeknipst. „Dann drücken wir auf einen Knopf, und dann läuft alles vom Tower in Schönefeld“, sagt Stefan Jaekl, Sprecher der Deutschen Flugsicherung. Das gesamte Personal, vom Fluglotsen bis zur Flughafenfeuerwehr, zieht in den Stunden zuvor von Tegel nach Schönefeld um, bestätigt auch BBI-Sprecher Ralf Kunkel.
Auf dem 460 Hektar großen Areal im Bezirk Reinickendorf beginnt dann eine neue Zukunft. Wie die einmal aussieht, ob dort eine Boomtown entsteht oder Butterblumen auf der grünen Wiese blühen – dafür werden jetzt die Weichen gestellt. Und die Berliner Wirtschaft will diesmal ein Wörtchen mitreden – anders als bei Tempelhof, wo es zunächst gar kein Nachnutzungskonzept gab und der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) anschließend praktisch im Alleingang die Modemesse „Bread and Butter“ anwarb.

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) knüpft hohe Erwartungen an Tegel. Sie hat frühzeitig einen Vorschlag unterbreitet, wie das Flughafengelände nach seiner Schließung wirtschaftlich verwertet werden kann. „Das Areal ist mit geringen Auflagen als Industriefläche nutzbar“, bekräftigte IHK-Präsident Schweitzer beim „Berlin maximal“-Clubabend die Pläne. Der IHK schwebt ein Standort für Green Tech, also grüne Technologie, mit enger Verzahnung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft vor. Tegel könnte damit der Ort sein, an dem Berlin in eine Zukunft des „Green Leadership“, der Führungsrolle in grüner Technologie, startet. Interesse an dieser Rolle für den Wirtschaftsraum Berlin hat Wowereit auf der 3. Berliner Wirtschaftskonferenz Ende 2009 mit folgenden Worten schon mal angemeldet: „Wir streben eine Führungsrolle beim Ausbau der erneuerbaren Energien und der effizienten Nutzung natürlicher Ressourcen an.“ Gleichzeitig könnte dies der Beginn einer neuen Industrialisierung Berlins sein, die der Regierende Bürgermeister kürzlich zusammen mit SPD-Landes- und Fraktionschef Michael Müller in einem Thesenpapier als Ziel vorgegeben hat.

Industriestandort

Die große Fläche in Tegel, so der stellvertretende IHK-Hauptgeschäftsführer Christian Wiesenhütter, mache das Gelände durchaus attraktiv für Industrieansiedlungen. „Nirgendwo sonst in Berlin gibt es eine vergleichbar zusammenhängende Industriefläche, deshalb ist Tegel so wichtig“, sagt er. Schon im November 2008 hatte die IHK Fragebögen an 773 Unternehmer im Nordwesten Berlins verschickt, um den Bedarf an Fläche zu ermitteln. 15 Unternehmen schrieben zurück und meldeten einen Flächenbedarf von insgesamt rund 80 Hektar an. Ende Juni schrieb die Kammer diese Unternehmen nochmals an, um zu sehen, ob sich durch die  Wirtschaftskrise etwas verändert hatte. Das Ergebnis blieb dasselbe – der Flächenbedarf war noch immer vorhanden.

Tegel als Keimzelle eines neuen industriellen Aufbruchs in der Hauptstadt – davon träumt auch Mario Ohoven. Nach der langen Phase der Deindustrialisierung durch die deutsch-deutsche Teilung sei es nun an der Zeit, dass Berlin wieder an seine Tradition als starker und attraktiver Industriestandort anknüpfe, sagt der Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW). „Der Hauptstadt fehlen zurzeit rund 90 000 Industriearbeitsplätze, gerade im verarbeitenden Gewerbe“, sagt Ohoven. Die Zahl stammt aus einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) aus dem vergangenen Jahr. Um den Anschluss an andere Metropolen nicht zu verlieren, müsse Berlin mehr tun, forderten die Wissenschaftler. Weder von der Lage noch von der Größe her entsprächen die vorhandenen Flächen derzeit den Anforderungen der Investoren, so Ohoven. In Tegel sei das anders. „Ich kann mir gut vorstellen, dass sich dort Unternehmen unterschiedlicher Branchen ansiedeln, etwa aus der Umwelttechnologie oder Medizintechnik“, sagt er. 

Eine Fläche von 460 Hektar: viel Raum für große Pläne. Nirgendwo sonst in der Stadt gibt es so viel freie Fläche. Das Gelände des Flughafens Tegel ähnelt von oben betrachtet der Form eines Hammerkopfes. Von Südwesten nach Nordosten ziehen sich die Lande- und Startbahnen schräg über den trapezförmigen Bereich, in dem die Terminals, der Tower und die Parkplätze untergebracht sind. Ein Zubringer verbindet den Flughafen mit der Autobahn 111. Busse der Berliner Verkehrsbetriebe bringen die Passagiere von der Innenstadt nach Tegel und zurück. Auch einen Tunnelschacht für eine potentielle U-Bahn-Station gibt es am Flughafen. Die Haltestelle wurde allerdings nie gebaut und auch nie – wie ursprünglich geplant – an den U-Bahnhof Jungfernheide angebunden.
Für Ohoven ist die Verkehrsanbindung ein Standortvorteil, der für Tegel spricht. Ein weiterer Pluspunkt ist die räumliche Nähe zur Technischen Universität und anderen Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen. „Wissenschaft und Wirtschaft gehören immer mehr zusammen. Ich könnte mir vorstellen, dass etwa Ausgründungen aus der TU sich in Tegel niederlassen“, sagt IHK-Mann Wiesenhütter.

Moderne Technologien, Forschung und industrielle Fertigung: Das sind auch die Stichworte, die Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) zur Zukunft von Tegel einfallen. „Tegel hat die Möglichkeit, allein durch die Lage und die Flächengröße ein Industriestandort zu sein“, sagt sie (siehe www.berlin-maximal.de/magazin/titelthema/art168,1321). Erste Schritte hin zu dieser Entwicklung hat der Senat Ende Januar gemacht, indem er die Änderung des Flächennutzungsplans und des Landschaftsprogramms eingeleitet hat.

Vorläufige Planung

Vorausgegangen war ein Werkstattverfahren im Sommer 2009, in dem Planungsteams, Vertreter der Senatsressorts, Bezirksverwaltungen und Berliner Bürger miteinander diskutierten und berieten, was nach der Schließung des Flughafens mit dem Areal passieren soll.

Rund 200 Hektar weist der vorläufige Flächennutzungsplan für Industrie und Gewerbe aus – das entspricht 40 Prozent des gesamten Geländes. Dazu gehören das Gelände rund um das Terminal sowie östlich davon eine Fläche, die sich über die Cité Pasteur erstreckt. Als Wohngebiet wird dieses Areal in Zukunft aufgegeben werden, darüber sind sich der Senat und der Bezirk Reinickendorf einig.

Auch am nordöstlichen Rand zwischen Cité Guynemer und Kurt-Schumacher-Platz könnten sich Gewerbe und Industrie ansiedeln. Hier sieht der vorläufige Flächennutzungsplan eine so genannte gemischte Baufläche vor. Darauf können neben Gewerbe auch Wohnhäuser und Grünflächen entstehen. Für Wohnbau in diesem Bereich sehen derzeit allerdings weder der Senat noch der Bezirk Bedarf.

Der industrielle Kern soll im nördlichen Bereich des Flughafenterminals entstehen. Dazu gehört auch der Großteil der Landebahnen. „Diese große zusammenhängende Fläche in innerstädtischer Lage bietet die Chance, längerfristig Investoren großteilige Flächen anbieten zu können“, heißt es in einem Positionspapier des Bezirksamtes Reinickendorf, dem alle Fraktionen zugestimmt haben. Der vorläufige Flächennutzungsplan sieht hier einen „Forschungs- und Industriepark Zukunftstechnologie“ vor. Die restlichen 60 Prozent des Flughafenareals sollen als Landschafts- und Grünfläche genutzt werden. Der Flughafen Tegel grenzt im Nordwesten an den Tegeler Forst. Dass der Übergang zu dieser städtischen Grünanlage fließend verlaufen soll, hat nicht rein ästhetische Gründe. Der nordwestliche Bereich des Flughafens versorgt die Berliner Innenstadt mit Frischluft, die im Sommer äußerst wichtig für ein ausgeglichenes Klima im Zentrum ist.

Ende Juni sollen die Pläne der Öffentlichkeit zugängig gemacht und 2011 vom Abgeordnetenhaus beschlossen werden. Firmen, die sich auf dem Gelände niederlassen wollen, haben bislang aber nicht angefragt. „So weit sind wir noch nicht“, bremst Junge-Reyer die Erwartungen.

Zuvor müssen offenbar auch noch einige Unklarheiten ausgeräumt werden. Denn ein Thema gerät derzeit zum Zankapfel zwischen dem Land Berlin, dem ein Drittel des Flughafens gehört,  und dem Bund, der den Rest in Besitz hat: Die Bundeswehr, die auf dem militärischen Teil des Flughafens ihre Flugbereitschaft stationiert hat, will wohl nicht komplett umziehen. So denkt man bei den Streitkräften offenbar darüber nach, dort einen Hubschrauberlandeplatz beizubehalten. Die Stadtentwicklungssenatorin erteilt solchen Plänen eine klare Absage. „Wir wollen, dass der komplette Flugverkehr – also auch der militärisch genutzte – über den BBI abgewickelt wird“, sagt sie. Wie sich das Bundesverteidigungsministerium zu der Frage verhält, blieb bisher unklar. Für eine Stellungnahme war das Ministerium bis Redaktionsschluss  nicht zu erreichen.

Auch ob das Land Berlin die Anteile vom Bund kaufen wird, so wie es dieser vor einem Jahr angeboten hatte, bleibt ungewiss. Eilig hat es die Senatsverwaltung damit jedenfalls nicht.

Stadt der Zukunft

Täglich starten und landen am Flughafen zurzeit noch rund 400 Flugzeuge. Einst war hier das Tor Westberlins zur Welt außerhalb seiner Insellage. Heute fliegen die Maschinen von Air Berlin, Lufthansa und Co. zu Zielen in West und Ost – von New York bis Peking.
Dass das bald der Vergangenheit angehören soll, schmerzt einen Mann ganz besonders. Der Erbauer des Flughafens und Erschaffer des sechseckigen Terminals mit seinen kurzen Wegen vom Check-In bis zum Abflug, Architekt Meinhard von Gerkan, schaut nicht ohne Wehmut auf die Veränderungen, die mit seinem Werk geplant sind. Der 75-Jährige sagt: „Mir liegt vor allem daran, dass der Flughafen eine würdige und sinnvolle neue Nutzung erhält.“

| Anlaufstellen für
Unternehmen |

Da der Flächennutzungsplan noch nicht in endgültiger Form vorliegt, steht die offizielle Vermarktung der Gewerbeflächen am Standort Tegel noch nicht auf der Tagesordnung. An einer Ansiedlung interessierte Unternehmen können sich aber jetzt schon an folgende Anlaufstellen in Berlin wenden und sich informieren:

Berlin Partner
Unternehmensansiedlung
Rolf Seliger
Telefon: 030 / 39 98 02 20
E-Mail: Rolf.Seliger@berlin-partner.de

Senatsverwaltung für Wirtschaft
Gewerbegrundstücke
Gerd Uschmann
Telefon: 030 / 90 13 74 97
Wirtschaftsbezogene Planung
Norbert Alscher
Telefon: 030 / 90 13 89 83

Vor fast 40 Jahren wurden die Gebäude am südlichen Ende des Flughafens nach seinen Plänen gebaut. Nun hat er selbst einen Nachnutzungsvorschlag vorgelegt. Eine „Stadt der Zukunft“ will von Gerkan auf dem Gelände des Flughafens entstehen lassen.
Den Kern dieser Stadt soll das wabenförmige Terminalgebäude bilden. Dort soll eine Repräsentanz der deutschen Umweltindustrie entstehen. „Geplant ist ein Schaufenster für die Öffentlichkeit, wo Forschungslabore ihren Platz haben und sich die Menschen über die neuesten Technologien für erneuerbare Energien informieren können“, beschreibt von Gerkan. Eine Symbiose aus Forschung und Industrie, die gesellschaftlich relevant und öffentlich zugänglich ist, stellt er sich vor. Neben dem Terminal soll dann in einem zweiten Schritt eine 35 000 Quadratmeter große Solarfarm gebaut werden, die das Gelände mit Energie versorgt. Die restlichen Betriebsbauten des Flughafens stehen Gewerbe und Industrie zur sofortigen Nutzung zur Verfügung. Auch in der östlichen und westlichen Erweiterungszone können sich Betriebe ansiedeln. 

Dann wird es bei von Gerkan visionär. Ergänzt werden soll dieser Kern nämlich langfristig durch eine „Energie-Plus-Stadt“, in der mehr Energie erzeugt als verbraucht wird. Windkraft, Sonnenenergie und Biomasse werden direkt in der Stadt gewonnen, gespeichert und genutzt. „Nutzungsoffene Gebäudestrukturen“ sollen Raum für Wohnungen, Büros oder Gewerbe bieten – je nachdem, welchen Bedarf es gerade gibt. „Die flexiblen Nutzungsmöglichkeiten machen es denkbar, dass die Gebäude über mehrere Generationen hinweg und somit nachhaltig genutzt werden können“, sagt Architekt Stephan Schütz, der an der Planung von Gerkans beteiligt war.
Die „Energie-Plus-Stadt“, die aus vollständig recyclebaren Gebäuden besteht und keine schädlichen Emissionen abgibt, soll allerdings auf dem Rollfeld entstehen, also dort, wo der vorläufige Flächennutzungsplan derzeit den Forschungs- und Industriepark Zukunftstechnologie vorsieht.

Während man bei der Nutzung des Terminals und der anderen Gebäude mit dem Senat und der IHK also auf einer Linie liegt, gehen die Vorstellungen beim Rollfeld auseinander. „Bei den Plänen der Berliner Landesregierung und den Vorstellungen der IHK liegt ein Schwerpunkt auf der Produktion, bei uns eher auf Demonstration“, beschreibt Schütz. Und auch von Gerkan sagt, es gehe bei seiner „Stadt der Zukunft“ nicht um schnellen Profit, sondern um ein Vorzeigestück mit Beispielfunktion, das in der ganzen Welt ausgestellt werden und somit auch Firmen nach Berlin locken solle. „So eine Stadt könnte Berlin weltweites Renommee auf dem Gebiet der Umwelttechnologie einbringen“, schwärmt der Architekt.

Ob die „Energie-Plus-Stadt“ einmal Wirklichkeit wird oder nicht, ist bisher noch Zukunftsmusik, dessen ist sich Stephan Schütz bewusst. „Die Stadt ist eine Vision, die Idee, etwas Einzigartiges hier in Berlin anzubieten“, sagt er. Vorrang habe jetzt erst einmal das Terminal. „Die Umwidmung der Funktionen des Terminalgebäudes als Repräsentanz der deutschen Umweltindustrie soll so schnell wie möglich erfolgen, um unnötigen Aufwand zur Instandhaltung des Gebäudes bei Leerstand zu vermeiden“, steht in den Umsetzungsplänen des Gerkan-Konzeptes.

Investoren werben

Zuerst das Terminal, alles Weitere wird sich ergeben: Zu dieser Strategie rät auch das Bezirksamt Reinickendorf in seinem Positionspapier. „Das Terminal sollte erster Anlaufpunkt für potenzielle Investoren sein“, heißt es dort. Das Bezirksamt sieht sich selbst, aber auch das Land Berlin, die IHK und Unternehmensverbände in der Pflicht, diese anzuwerben. Im Bezirk gehen durch den Weggang des Flughafenbetriebs je nach Schätzungen 15 000 bis 20 000 Arbeitsplätze verloren, die schnellstmöglich kompensiert werden müssen. Allerdings hebt das Papier auch die Vorteile der Flughafenschließung hervor. So werde der Bezirk massiv vom Fluglärm entlastet und die Gebiete um den Flughafen herum als Wohn- und Lebensräume deutlich aufgewertet. Eine Entwicklung, von der nicht nur Reinickendorf, sondern auch der als Wohnviertel beliebte Nachbarbezirk Pankow profitieren dürfte.

Von den Entwicklungschancen durch die freiwerdende Fläche erhofft sich auch der Reinickendorfer CDU-Bundestagsabgeordnete Frank Steffel viel und fordert: „Die Phase der Ideensammlung, Kongresse und Fachtagungen zur Nachnutzung von Tegel muss endlich abgeschlossen werden.“ Der CDU-Mann vermisst ein konkretes Gesamtkonzept der rot-roten Berliner Landesregierung und mehr Werbung um nationale und internationale Investoren. Mancher Berliner fühle sich so an die „traurige Nachnutzungsdebatte um den Flughafen Tempelhof erinnert“, glaubt Steffel.

Schnelle Entscheidungen von der Politik – darauf hoffen auch andere Beteiligte. „Die Unternehmen, die sich in Zukunft in Tegel niederlassen wollen, brauchen eine verbindliche Aussage vom Senat. Sie müssen wissen, was wann fertig wird, um Planungssicherheit zu haben“, drängt René Gurka. Der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Berlin Partner GmbH kann sich nichts Schlimmeres vorstellen, als dass der Entscheidungsprozess um Jahre verschleppt wird. „Das wäre eine Todsünde.“
Gurka sieht die Zukunft Tegels als großindustrieller Produktionsstandort allerdings etwas weniger euphorisch als etwa die IHK. „Unternehmen suchen in der Regel erst einmal Gewerbeflächen für Labore, Forschung und Büros. Selten wollen sie gleich Industriefläche haben“, sagt er. Gurka hegt die Hoffnung, dass sich in Tegel die Berliner Schwerpunktbranchen ansiedeln, also Gesundheitswirtschaft, Kreativwirtschaft und Verkehrstechnik, aber auch Energietechnik. Bis sich der Standort zu einem echten Industrieschwerpunkt entwickele, könnten aber noch gut und gerne 20 bis 30 Jahre ins Land gehen. „Bisher gibt es ja noch keine einzige Anfrage irgendeiner internationalen Firma nach Industrieflächen“, sagt er und spricht damit die alles entscheidende Frage an: Woher soll die Industrie kommen?

Stadtplaner haben erhebliche Zweifel daran, dass Berlin für Industriefirmen schnell wieder attraktiv wird. „Berlin hat sein Industrieprofil jahrelang vernachlässigt – trotz Industrieflächensicherungsprogramm“, sagt Heinz Tibbe vom Berliner Planungsbüro Gruppe Planwerk. Anderen Städten sei es nach der Wiedervereinigung besser gelungen, durch gezieltes Marketing produzierendes Gewerbe anzuwerben. Tibbe nennt Leipzig als positives Beispiel. „Dort haben sich zum Beispiel Porsche und BMW angesiedelt“, sagt er. Berlin habe diese Entwicklung versäumt. Auch Laura Calbet i Elias ist skeptisch:  „Die Vorstellung der IHK, dass die Ausweisung einer Großfläche für Industrie eine Nachfrage generiert, halte ich für falsch“, schätzt sie die Lage ein. Die Wissenschaftlerin am Institut für Stadt- und Regionalplanung der Technischen Universität Berlin sagt, unter normalen Umständen könne es 20 Jahre dauern, bis ein Industriegebiet in der Größe von Tegel entstehe. „In Berlin, wo es wenig Wirtschaftswachstum gibt, kann das auch länger dauern“, fürchtet sie. Um wirklich wieder größere Industrie anzusiedeln, müsse Berlin stärker an diesem Profil arbeiten und das Konzept entschlossener vermarkten. Bis es soweit ist, müsse man sich in Tegel mit Zwischennutzungen zufriedengeben, etwa mit Veranstaltungen oder der Möglichkeit zum winterlichen Langlaufskifahren auf den Pisten.

Zwischennutzung

Auch der stellvertretende IHK-Hauptgeschäftsführer Wiesenhütter könnte sich mit einer kurzzeitigen Zwischennutzung anfreunden. „Verfestigen darf sie sich aber nicht“, macht er deutlich. Bestünde sonst die Gefahr, dass aus Tegel eine Brache wird? „So schlimm ist es nicht“, sagt Calbet i Elias. „Da es im Moment keine Nachfrage von Investoren gibt, besteht auch kein Zeitdruck.“
René Gurka sieht in der Entwicklung Tegels hin zu einem Industriestandort einen natürlichen Prozess, der sich langsam entwickeln muss. Wenn sich dort erst einmal Zukunftstechnologien ansiedelten, werde dies langfristig auch zu industrieller Produktion führen. Für Gurka ist klar, dass spätestens dann der Bedarf an Industriefläche da sein wird. „Größere Flächen als in Tegel werden wir dann nicht finden“, sagt der Geschäftsführer von Berlin Partner.

Das Beispiel des Flughafens München Riem zeigt, wie lange die Entwicklung einer solch großen Fläche dauern kann. Der Airport wurde 1992 geschlossen, und der Betrieb zog komplett zum neuen Flughafen nach Erding um. 560 Hektar wurden mit einem Mal frei. Erst siedelte sich die Neue Messe München an, später kamen Geschäfte und Wohnhäuser dazu. Noch immer ist der Umwandlungsprozess nicht komplett abgeschlossen. Das zuständige Referat in München rechnet damit, dass die letzten Gebäude 2017 fertig werden. Bis aus einem leeren Rollfeld ein blühendes Wohn- und Gewerbegebiet wurde, gingen in München mehr als 20 Jahre ins Land. Alles eine Frage der Zeit?

Nicht nur. Wer sich als Investor in Berlin niederlassen will, hat mittlerweile eine große Auswahl an Flächen. Somit wird der Standort Tegel neben der Umgebung des neuen Flughafen BBI, dem ehemaligen Flughafen Tempelhof, dem Gebiet Marzahn-Nord und nicht zuletzt dem Wissenschafts- und Technologiepark Adlershof um Investoren konkurrieren.

Insbesondere der letztgenannte ähnelt in seiner Ausrichtung und seinem Anspruch verdächtig dem, was die Stadt und die Wirtschaft mit dem Tegelgelände in Zukunft vorhaben. Zwölf außer–universitäre Forschungseinrichtungen und 400 technologieorientierte Unternehmen haben sich dort mittlerweile angesiedelt. Insgesamt arbeiten in der Stadt für Wissenschaft, Wirtschaft und Medien rund 14 000 Menschen. Umso wichtiger ist es, sagt BVMW-Präsident Ohoven, dass man sich jenseits der Stadt- und Landesgrenzen nach neuen Investoren umsieht. „Ein Umzugskarussell von Berliner Betrieben kann in meinen Augen nicht das Ziel sein“, sagt er. „Statt Kannibalisierung möglicherweise auch noch durch Subventionen zu fördern, sollte der Berliner Senat alles daran setzen, auswärtige Investoren für die Hauptstadt und speziell für den künftigen Industriepark Tegel zu gewinnen.“

Die Hauptaufgabe in Tegel scheint derzeit also die Vermarktung zu sein. Wenn es die Stadt schafft, glaubwürdig und mit einer Stimme für einen zukünftigen Green-Tech-Industriestandort zu werben und damit Investoren von außen anzulocken, dürften damit wohl alle zufrieden sein. Und am ehemaligen Flughafen würde dafür gesorgt, dass Boomtown und Butterblumen in friedlicher Koexistenz miteinander leben.

Ulrike Thiele, Mitarbeit: Gerd Appenzeller, Constance Frey, Anne Hansen, Sarah Kramer


Aus der Ausgabe 3 / 2010

Zurück