Interview zum Titelthema Flughafennachnutzung - Visionen für Tegel

„Wir machen hier ein Angebot“

Berlins Senatorin für Stadtentwicklung Ingeborg Junge-Reyer über freie Flächen in Tegel, neue Arbeitsplätze und den Militärflughafen
Ingeborg Junge-Reyer (SPD) Senatorin für Stadtentwicklung Foto: Mike Wolff

Frau Junge-Reyer, in der Nachnutzung des Flughafens Tegel sollen laut vorläufigem Flächennutzungsplan rund 200 Hektar für Gewerbe ausgewiesen werden. Gibt es überhaupt Bedarf an einer so großen Fläche?

Ja. Wir haben in Berlin zwar viele freie Flächen, aber diese sind für die Ansiedlung von Industrie in der Regel zu klein oder  in einer ungünstigeren Lage. Tegel hat die Möglichkeit, allein durch die Lage und die Flächengröße ein Industriestandort zu sein.

Haben Sie schon konkrete Anfragen von Unternehmen?

So weit sind wir noch nicht. Wir schaffen gerade die planerischen Voraussetzungen, indem wir den  Flächennutzungsplan ändern. Die uns vorliegenden Vorschläge zeigen uns allerdings, dass sich der Standort für moderne Technologien, Forschung und industrielle Fertigung besonders gut eignet.

An was für Unternehmen denken Sie da?

Unser Ziel ist es, einen Standort zu bieten, der jede Möglichkeit für kleinere und größere Unternehmen bietet.

Also soll es ein Nebeneinander von Großunternehmen und Mittelstand geben?

Das muss sogar so sein. Standorte mit Monostruktur gibt es kaum noch, sie werden auch nicht mehr neu entwickelt. Man strebt heute zum Beispiel an, Zulieferfirmen in direkter Nachbarschaft von Großbetrieben anzusiedeln, damit diese gemeinsam Produkte weiterentwickeln können.

Wie viele neue Arbeitsplätze hoffen Sie denn, durch den neuen Standort in Berlin zu schaffen?

Die Potenziale liegen zwischen 5000 und 40 000 Arbeitsplätzen. Die genaue Zahl hängt von der Art und Größe der Gewerbeansiedlung ab. Ich denke dabei aber nicht nur an 2020, sondern an die Entwicklung der kommenden Jahrzehnte.

Werden Sie den Standort als grünen Technologiepark vermarkten?

Ja, ein Standort unter einer anderen Ausweisung ließe sich am Markt nicht mehr platzieren. Wer moderne Produktion nachhaltig gestaltet, sucht eine entsprechende Umgebung mit Wald, Natur und Wasser, weil man so das Image des Unternehmens und seine Produkte glaubwürdig nach außen vertreten kann.

Laut dem vorläufigen Flächennutzungsplan wird ein Teil der Cité Pasteur in Gewerbegebiet umgewidmet. Erwarten Sie Widerstand?

Nein, warum sollte es nicht möglich sein, dort ein Gewerbegebiet zu entwickeln? Man muss selbstverständlich auf die vorhandene Bebauung Rücksicht nehmen. Das stimmen wir gerade mit dem Bezirk ab. Aber ich sehe keine Probleme, wenn man dort Gewerbe ansiedelt, das sich mit Wohnnutzung verträgt.

Was denn zum Beispiel?

Nehmen wir ein kombiniertes Forschungs- und Produktionszentrum, das sich mit Raumfahrttechnologie befasst, so wie in Adlershof, oder mit der Entwicklung und Fertigung moderner Energieträger. Produktion ist heutzutage nicht mehr mit schädlichen Emissionen verbunden. Es geht hier nicht darum, Hochöfen zu bauen.

Die Cité Pasteur steht auf bundeseigenem Gelände. Will Berlin das Land vom Bund kaufen?

Ich würde nie sagen, ich kaufe etwas, wenn es einen Artikel nur einmal am Markt gibt. Ich lehne es nicht ab, aber wir sind nicht gezwungen, zu kaufen.

Möchte die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) denn verkaufen?

Wir sind in Gesprächen mit der Bima, aber da geht es vor allem um die Entwicklung des Geländes.

Welche Anbindung mit öffentlichem Nahverkehr werden Sie in Tegel aufrechterhalten?

Die Anbindung mit dem Bus, so wie es jetzt der Fall ist.

Aber wahrscheinlich in geringerer Taktung …

Es kommt auf die Nachfrage an.

Was ist der Trumpf von Tegel?

Zum einen die Größe der zur Verfügung stehenden Fläche. Zum anderen die gute Anbindung durch die Bundesautobahn. Aber auch die räumliche Nähe zu Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen wie beispielsweise der TU oder dem Fraunhofer-Institut.

Aber was ist, wenn sich erst mal kein einziges Unternehmen in Tegel niederlässt?

Berlin hat unglaublich viele freie Flächen, die wir in Zukunft sinnvoll verwerten werden. Wenn sich Unternehmen in Tegel etwas später ansiedeln, ist das überhaupt nichts Negatives für die Stadt. Wir machen hier ein Angebot für Unternehmen für die Zukunft.

Die Bundeswehr hält sich bedeckt hinsichtlich ihrer Umzugspläne nach Schönefeld. Wie stehen Sie zu einer weiteren militärischen Nutzung des Flughafens in Tegel?

Wir unterstützen den Hubschrauberlandeplatz dort nicht. Wir wollen, dass der komplette Flugverkehr – also auch der militärisch genutzte – über den BBI abgewickelt wird.

Das Gespräch führten Constance Frey und Sarah Kramer


Aus der Ausgabe 3 / 2010

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