Interview zum Titelthema Fachkräftemangel

„Aus Polen kommt keine Rettung“

Harald Michel über die Folgen des demografischen Wandels und deren Auswirkungen am Arbeitsmarkt
Harald Michel (55) ist Geschäftsführer des Instituts für Angewandte Demographie Berlin-Brandenburg Foto: Mike Wolff

Herr Michel, wir wollen mit Ihnen über die alternde Bevölkerung in Deutschland sprechen. Bereitet Ihnen das Thema Magenschmerzen?

Sie meinen, weil die Aussichten dermaßen katastrophal sind? Ach was, da muss man durch.

Ihrer Prognose zufolge wird sich die Zahl der Erwerbsfähigen in den nächsten vierzig Jahren fast halbieren. In Berlin werden wir dann von aktuell 2,2 Millionen auf 1,6 Millionen schrumpfen. In Brandenburg gehen Sie sogar von …

… einer noch schlimmeren Entwicklung aus, richtig. Dort stirbt die Jugend nahezu komplett aus, das Land wird veröden.

Panikmache?

Keineswegs, leider. Es bringt nichts, euphemistisch drum herumzureden. Wir werden in den nächsten Jahrzehnten einen dramatischen Umbruch erleben. So etwas hat es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht gegeben.

Können Zuwanderer das Problem lösen?

Welche Zuwanderer? In ganz Osteuropa schrumpft die Bevölkerung dramatisch. In Polen zum Beispiel ist die Schrumpfung und Überalterung noch schlimmer als in Deutschland. Von hier kann also keine Rettung kommen. Sowieso stammen die meisten Zuwanderer in Berlin aus Brandenburg oder den umliegenden Bundesländern. Doch dort wird es kaum noch junge Menschen geben, die zuwandern können. Man muss es klar sehen: Es deutet nichts darauf hin, dass der Prozess der Überalterung gestoppt werden kann. Im Gegenteil: Er wird sich noch weiter verschlimmern.

Welche Folgen hat das für den Arbeitsmarkt? Schon jetzt klagen viele Branchen über einen Fachkräftemangel. Wird der demografische Wandel diese Situation weiter verschärfen?

Ich glaube nicht. Die Wirtschaft kann viel besser auf den demografischen Wandel reagieren, als wir vermuten. Die Unternehmen werden Tätigkeiten wegrationalisieren und Prozesse zunehmend automatisieren. Außerdem wird die Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen zurückgehen, da die Bevölkerung ja insgesamt schrumpft. Einer der wenigen Wachstumsmärkte der Zukunft wird der Markt für Senioren sein. Schon heute müssen wir uns auf diesen „Silver-Markt“ einstellen und beispielsweise Pfleger ausbilden. Da alle anderen Märkte aber schrumpfen, wird es lediglich zu einer Verschiebung kommen und zu keinem Fachkräftemangel. In dieser Hinsicht sehe ich keine Schwierigkeiten. Was aber noch zu einem großen Problem führen wird, ist die Integration der Migranten. Im Angesicht der immer sinkenden Erwerbsfähigenzahlen müssen wir zumindest auf die zurückgreifen können, die wir haben.

Das heißt?

In erster Linie muss die Politik in Bildung der Migranten investieren. Zudem muss die Schulpflicht konsequent umgesetzt werden, inklusive Sanktionen für Schulschwänzer. Und die Sprache ist natürlich das A und O. Wer auf dem deutschen Arbeitsmarkt integriert werden will, muss Deutsch sprechen können. Anders geht es nicht.

Kommen wir noch einmal zurück zum demografischen Wandel. Die Unternehmen sind inzwischen so alarmiert, dass es Demografie-Netzwerke gibt, Demografie-Berater und Seminare zur Frage, wie man den demografischen Wandel bewältigen kann. Was hält der Fachmann davon?

Gar nichts. Gute Unternehmer haben sich schon immer um eine Nachfolge im Unternehmen gekümmert. Die meisten Demografie-Berater sind normale Unternehmensberatungen, die auf den Zug des demografischen Wandels aufspringen. Dieses Wälzen von virtuellen Problemen lenkt von den wahren Herausforderungen des demografischen Wandels ab.

Die Fragen stellte Anne Hansen


Aus der Ausgabe 4 / 2010

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