„Wir setzen uns zu sehr unter Druck“
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Rainer Richter ist Professor am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf und Präsident der Bundespsychothera-
peutenkammer in Berlin. Foto: promo |
Herr Richter, laut einer aktuellen Studie der Bundespsychotherapeuten-
kammer sind psychische Erkrankungen für knapp elf Prozent aller Fehltage wegen Krankheit verantwortlich. Wie erklären Sie sich das?
Wir gehen zum einen davon aus, dass die Zahl psychischer Erkrankungen zugenommen hat. Zum anderen schreiben Ärzte ihre Patienten heute eher wegen psychischer Erkrankungen krank. Und Menschen sind eher bereit, zum Arzt zu gehen und mögliche psychische Ursachen zu akzeptieren.
Macht uns die Arbeit kranker als früher?
Wir gehen davon aus, dass die Veränderungen in der Arbeitswelt vor allem in bestimmten Branchen ein erhöhtes Risiko für psychische Krankheiten mit sich bringen. Die Statistik zeigt, dass Beschäftigte im Dienstleistungssektor und in den sozialen und Gesundheitsberufen besonders davon betroffen sind.
Wieso sind gerade diese Branchen so stark betroffen?
Wenn Menschen unter hohem Anforderungsdruck stehen – sowohl vom Arbeitgeber als auch von sich selbst ausgehend – und zugleich wenig Einfluss auf die Zeitabläufe und Inhalte ihrer Arbeit haben, sind sie besonders für psychische Erkrankungen gefährdet. Ein Beispiel dafür sind Beschäftigte in der Altenpflege oder in Callcentern. Im Landwirtschaftsbereich und im Baugewerbe sind die Bedingungen besser: Dort ist die Quote von Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen vergleichsweise gering.
Die Dienstleistungsbranche hat also Nachbesserungsbedarf …
Ja. Die Arbeitsprozesse müssen verändert werden. Die Menschen müssen in der Lage sein, auf ihre Arbeitsbedingungen einwirken zu können, etwa auf Zeitmanagement nach individuellen Bedürfnissen. Einige große Unternehmen bieten mittlerweile Diskussionsgruppen an, bei denen sich Vorgesetzte und Angestellte zusammensetzen und über Belastungen am Arbeitsplatz reden. So können Chefs einen Eindruck davon bekommen, ob einzelne Arbeitnehmer überfordert sind.
In Ihrer Studie ist die Rede von „Gratifikationskrisen“, die das Risiko einer psychischen Erkrankung beim Arbeitnehmer erhöhen. Was heißt das?
Häufig steht der Lohn der Arbeit aus Sicht des Mitarbeiters in keinem angemessenen Verhältnis mit seiner Arbeitsleistung. Damit ist nicht nur das Geld, sondern auch die Gratifikation über Anerkennung und Arbeitsplatzsicherheit sowie Aufstiegsmöglichkeiten gemeint. Wenn das Verhältnis nicht stimmt, steigt das Krankheitsrisiko. Häufig bekommen die Arbeitnehmer Depressionen oder Angstzustände.
Was sind Symptome für eine Depression?
Depressive Menschen leiden unter gedrückter Stimmung und Antriebslosigkeit, und verlieren ihr Interesse und ihre Freude. Sie sind nicht mehr in der Lage, ihren alltäglichen Aktivitäten ohne Einschränkungen nachzugehen. Das fängt bei der Arbeit an, betrifft aber auch die sozialen Kontakte und die Sorge um sich selbst. Oft kommen sie morgens nicht mehr aus dem Bett. Wenn sie trotzdem zur Arbeit gehen, führt die verminderte Leistungsfähigkeit schnell zu einer Verringerung des Selbstwertgefühls. Das sind dann untrügliche Zeichen für eine beginnende oder bereits bestehende Depression.
Nicht jeder ist dazu in der Lage, das zu erkennen …
In diesem Fall ist es wichtig, dass Angehörige und Arbeitskollegen den Betroffenen ansprechen und ihn dabei unterstützen, sich Hilfe zu suchen.
Sind auch Betriebsärzte der richtige Ansprechpartner?
Im Prinzip ja. Wir wissen aber aus Erfahrung, dass die Schwelle, dorthin zu gehen, hoch ist. Viele Arbeitnehmer im Unternehmen scheuen sich, sich an den Betriebsarzt zu wenden. Sie haben – zu Unrecht – die Angst, dass ihre Erkrankung im Betrieb bekannt werden könnte. Einige große Unternehmen sind aus diesem Grund dazu übergegangen, externe Psychotherapeuten und Ärzte ins Boot zu holen. Der Betriebsarzt vermittelt dann den Kontakt.
Was ist mit kleinen und mittelständischen Unternehmen?
Dort gibt es meist nicht die Ressourcen, so etwas zu organisieren. Meiner Meinung nach müssten sich hier die Handelskammern stärker damit befassen, wie man ein entsprechendes Beratungsangebot organisieren kann. In kleinen Betrieben kommt dem Chef oder Firmeninhaber eine besondere Bedeutung zu. Er muss den Mitarbeiter ansprechen und ihn gegebenenfalls motivieren, sich helfen zu lassen.
Laut Ihrer Studie liegt der Anteil psychischer Erkrankungen an den Fehltagen in Berlin weit über dem Bundesdurchschnitt. Sind die Arbeitsbedingungen hier schlechter als woanders?
Dass Berlin ein Ballungsgebiet ist, ist sicher nicht die alleinige Erklärung dafür. In Köln beispielsweise ist der Anteil der psychischen Erkrankungen nicht überdurchschnittlich. Vermutlich hat es damit zu tun, dass in Berlin viele Menschen im Dienstleistungssektor arbeiten.
Welche Rolle spielen die Vorgesetzten?
Wenn sich Krankheiten in einer bestimmten Abteilung häufen, sind oft nicht die Arbeitnehmer das Problem, sondern die Leitung. Häufig gehen die Vorgesetzten zu wenig auf die individuellen Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter ein. Eines davon ist Anerkennung – die Arbeit, die man tut, soll von anderen auch geschätzt werden. Das funktioniert aber nur, wenn der Chef zum einzelnen Arbeitnehmer eine Beziehung hat. Manche Chefs stehen selbst so unter Druck, dass sie diesen nach unten weitergeben. Andere festigen ihren Selbstwert damit, dass sie andere entwerten.
Gibt es einen Ausweg?
Mehr Kontakt und Kommunikation zwischen Chefs und Arbeitnehmern. Dabei ist die Fähigkeit, Gefühle und Wünsche auch bei anderen wahrzunehmen, zentral.
Wie kann man psychischen Krankheiten am Arbeitsplatz noch vorbeugen?
Unternehmen können ihren Mitarbeitern Hilfe anbieten, mit Belastungen adäquat umzugehen, widerstandsfähiger zu werden. Ebenso wichtig ist es aber auch, die Arbeitsbedingungen zu ändern. Dazu gehört, überhöhten Arbeitsdruck und unangemessene Anforderungen zu verringern und dem Arbeitnehmer einen größeren Einfluss auf seine Arbeit zu geben. Wenn Mitarbeiter dann doch erkranken, müssen sie nach dem neuesten Stand der Wissenschaft behandelt werden.
Was kann der Einzelne tun?
Viele Menschen verlangen zu viel von sich selbst. Sie sollten lernen, sich stärker an den eigenen Bedürfnissen zu orientieren. Belastungen am Arbeitsplatz können auch in der Freizeit ausgeglichen werden. Allerdings setzen sich viele Menschen auch dort unter Leistungsdruck. Das Gegenteil, nämlich Muße, ist heute eher negativ besetzt. Kaum einer gönnt sich die Zeit, sich einfach eine Stunde irgendwo hinzusetzen, abzuschalten und nichts zu tun.
Die Fragen stellte Sarah Kramer
Aus der Ausgabe 5 / 2010
