»Kritische Masse«
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René Gurka, Geschäftsführer der Marketinggesellschaft Berlin Partner und Eric Schweitzer, Unternehmer und Präsident der IHK Berlin. |
Herr Gurka, Herr Schweitzer, Durch die weitgehende Industrialisierung West-Berlins nach 1958 und den Zerfall der Industrie in Ostberlin nach der Wiedervereinigung ist der Wirtschaftsstandort schwer getroffen worden. Ein bleibender Nachteil oder wegen der Möglichkeit zum Neustart vielleicht sogar eine Chance?
Eric Schweitzer: Der Strukturwandel in Berlin war schmerzhaft, der Verlust von Arbeitsplätzen schwerwiegend. Nach einer langen Durststrecke ist die Berliner Industrie nun wieder wettbewerbsfähig. Das gilt für die klassischen Industrie in den Branchen Elektrotechnik, chemische und pharmazeutische Industrie und Maschinenbau. Immer stärker gehören aber auch junge hochinnovative Technologieansiedlungen dazu. Für den Standort Berlin ergibt sich hier die Chance, die Entwicklung der„alten“ und „neuen“ Industrie miteinander zu koordinieren. Dazu gehört auch die immer stärkere Verzahnung von Wirtschaft und Wissenschaft.
René Gurka: Der Verlust von Arbeitsplätzen war hart, er bietet in der Tat aber auch die Chance zum Neuanfang, gerade in den jungen Industrien, wo die Standorte noch nicht verteilt sind, wie etwa bei den Grünen Technologien oder der Elektromobilität. Die nach 1990 entstandenen Berliner Industrieunternehmen sind oft noch klein, jung und hochinnovativ. Sie haben ein enormes Wachstumspotenzial. Deshalb ist die Unterstützung von in Berlin ansässigen Unternehmen, die wir als Berlin Partner gemeinsam mit der IHK, den Bezirken und weiteren Partnern aufgebaut haben, so wichtig.
Wo hat Berlin mit Blick auf innovative Branchen Standortvorteile?
E.S.: Standortvorteile ergeben sich aus der räumlichen Nähe von Unternehmen zur Forschung. Die Stadt zählt mit ihren Universitäten, Hochschulen und anderen Forschungseinrichtungen zu den größten Wissenschaftsregionen Europas. Hier entstehen in der Zusammenarbeit von Unternehmen und Wissenschaftseinrichtungen neue Produkte, die getestet und zur Serienreife geführt werden können. Allen ist die Innovationsfähigkeit dieser Branchen bekannt.Nachteilig ist vielleicht die derzeit noch nicht optimale Anbindung an das internationale Flugnetz. Daher brauchen wir den neuen Flughafen.
R.G.: Vorteile sind die hohe Forschungsdichte, die vielen Forschungsinstitute an Universitäten und die starke Anziehungskraft Berlins auf junge, gut ausgebildete Menschen aus aller Welt. In den genannten Branchen haben sich in Berlin mittlerweile Cluster gebildet. Hier haben wir eine kritische Masse an Forschung, Entwicklung und Produktion erreicht, aus der heraus ein selbsttragendes Wachstum möglich ist. Und diese Cluster wachsen ja tatsächlich überdurchschnittlich stark. Ein Nachteil mag sein, dass der lokale Markt im Ballungsraum Berlin relativ klein ist. Wir haben nur etwa 4,5 Millionen Menschen in Berlin inklusive Speckgürtel aufzuweisen.
Wünschen Sie sich von der StadtPolitik eine verbindlichere Raum- oder Rahmenplanung, was die Entwicklung bestimmter Standorte betrifft?
E.S.: Der „Masterplan Industrie“ sieht 34 konkrete Projekte vor, zu denen auch die Maßnahmenbereiche „Rahmenbedingungen“ und „Standortkommunikation“ gehören. Die Politik hat also schon die richtigen Ideen. Auch die IHK Berlin beteiligt sich sehr stark an der Umsetzung des Masterplans. Doch die Politik sollte die Schwerpunkte setzen und die besonders innovativen Standorte gezielt unterstützen. Ihre Stärke ist etwa die Nachbarschaft von Hochschulen, außeruniversitären Forschungseinrichtungen und technologieorientierten und produzierenden Unternehmen. Wichtig ist natürlich auch, dass Interessenten bei uns optimale Bedingungen für ihre Geschäftsidee vorfinden. Damit das gelingt, müssen wir ein kompetentes Standortmanagement sicherstellen, eine leistungsfähige Infrastruktur schaffen und den Verwaltungsaufwand vereinfachen.
R.G.: Die Stadtplanung definiert schon die richtigen Entwicklungsräume für die Wirtschaft. Wir werden auch gefragt und einbezogen. Die Zusammenarbeit mit den Senatsverwaltungen für Stadt-entwicklung und Wirtschaft ist gut. Bisweilen wünschte ich mir, dass diese Planungs- und Entwicklungsprozesse schneller gehen. Und ich finde es problematisch, wenn Entscheidungen über Entwicklungsgebiete, die für die ganze Stadt wichtig sind, in nur einem Bezirk fallen. Ich denke da an Mediaspree: Wenige Aktivisten konnten dort über eine Entwicklungsplanung entscheiden, die für ganz Berlin enorme Bedeutung hat.
In welcher Branche könnte die Region Berlin-Brandenburg in den kommenden 20 oder 30 Jahren am dynamischsten wachsen?
E.S.: Im Bereich der Green Economy werden wir sehr erfreuliche Wachstumsraten haben. Dazu gehört die Recyclingwirtschaft, die stark wissensbasiert ist. Gleiches gilt für die Wasserwirtschaft. Auch bei der Energietechnik und der E-Mobility erwarte ich günstige Entwicklungen.
R.G.: Das ist schwer zu sagen, man sollte nie alles auf nur eine Karte setzen. Aber wir haben über die Wachstumscluster ja gesprochen: Gesundheitswirtschaft, Grüne Technologien, erneuerbare Energien, Kreativwirtschaft, Medien - inklusive Internet und Kommunikationstechnik - und Dienstleistungen werden die Wachstumstreiber sein.
Die Fragen stellte Gerd Appenzeller
