EUROPA SEI DANK
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Die Kritik an Europa wächst – verursacht durch die alles beherrschende Staatsschuldenkrise Griechenlands und die zunehmende Sorge um die Stabilität der gemeinsamen Währung. Dabei gibt es keinen Zweifel, dass vor allem deutsche Unternehmen in den vergangenen Jahren vom europäischen Wirtschaftsraum profitiert haben – und es auch weiterhin tun werden.
Denn die Vorteile liegen auf der Hand: Seit der Einführung des Euro vor zehn Jahren gibt es keine Währungsschwankungen mehr. Diese Sicherheit bildet eine gute Grundlage für starke Handelsbeziehungen vor allem auch für mittelständische Unternehmen. Des Weiteren führte der Abbau von Zollkontrollen und Zollschranken an Europas Binnengrenzen zu einer Vereinfachung der Abwicklung innergemeinschaftlicher Handelsgeschäfte; ein nicht zu unterschätzender Vorteil, der den Unternehmen sowohl Zeit als auch Geld spart. Denn im europäischen Binnenmarkt gilt seit 1993 der Grundsatz des freien Warenverkehrs: Jede Ware, die in einem Mitgliedsstaat in Verkehr gebracht werden kann, muss auch in jedem anderen Mitgliedsstaat in Verkehr gebracht werden können.
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Und auch die Rechtsdurchsetzung ist in Europa mittlerweile aufgrund der so genannten Rom-I-Verordnung vereinheitlicht worden. „Mittlerweile gibt es Erleichterungen bei der grenzüberschreitenden Forderungsdurchsetzung“, sagt Nikolaus Schmalz, Europaexperte bei der IHK Berlin. Seit Dezember 2008 ist beispielsweise ein europäisches Mahnverfahren in Kraft. Es gibt standardisierte Formulare, mithilfe derer ein entsprechender Zahlungsbefehl beantragt werden kann. In Deutschland ist dafür das Amtsgericht Berlin-Wedding zuständig. Auch steuerlich tut sich einiges: Zwar liegt die Steuerhoheit nach wie vor bei den Mitgliedsstaaten und nicht bei der EU, sodass beispielsweise die Mehrwertsteuer in jedem Land unterschiedlich hoch ausfällt, doch es gibt inzwischen auch für die Umsatzbesteuerung von innergemeinschaftlichen Warenlieferungen einheitliche Richtlinien.
Probleme gibt es aktuell bei der so genannten Gelangensbestätigung, die in Deutschland zum Jahresbeginn 2012 eingeführt wurde. Dabei handelt es sich um eine Sonderregelung, die die bisherigen Beleg- und Buchnachweise ersetzen soll. Diese benötigt ein Unternehmer, damit er eine Netto-Rechnung ausstellen kann. Das sei „eine bürokratische Hürde“, sagt dazu Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbands mittelständischer Wirtschaft (BVMW). „Was als Vereinfachung gedacht war, erweist sich als zusätzliche Belastung für Klein- und Mittelbetriebe.“ Der Bundesfinanzminister müsse deshalb diese Neuregelung sofort wieder rückgängig machen, fordert Ohoven. Denn ausländische Speditionen könnten mit dem neuen Formular der Gelangensbestätigung wenig anfangen. Außerdem sei es außerhalb Deutschlands wenig bekannt. Wird das Gelangen aber vor Ort beim Empfang der Ware im Zielland nicht bestätigt, bleibt der ausführende deutsche Unternehmer am Ende auf der Mehrwertsteuerzahlung sitzen. Die IHK sieht das ähnlich, hat dagegen protestiert und zumindest vorerst erreicht, dass die Übergangsfrist bis 30. Juni 2012 verlängert wird. Dies ist nur ein Beispiel für diverse Hürden, die bei der Umsetzung europäischer Richtlinien immer wieder entstehen. Doch grundsätzlich herrscht Konsens in Bezug auf die wirtschaftlichen Vorteile, die Europa und der Euro mit sich bringen. „Der Euro ist ein hohes Gut, das es mit viel Einsatz zu verteidigen gilt“, sagt Thomas Letz, Referent für Wirtschaftspolitik bei der IHK Berlin. Und auch BVMW-Präsident Mario Ohoven betont, dass der deutsche Mittelstand von der EU und vom Euro gleichermaßen profitiert. „Das wissen die Unternehmer aber auch“, sagt er. Nach einer Befragung der BVMW-Mitgliedsunternehmen lasse sich eindeutig sagen, dass fast 87 Prozent Ja zur europäischen Gemeinschaftswährung sagen: „Allerdings sagen auch knapp 60 Prozent der Mittelständler, es könnten nicht alle Länder im Euro bleiben, weil die Wirtschaftsstrukturen zu unterschiedlich sind.“ Das sei ein klarer Auftrag an die Politik, denn letzlich haben es Brüssel und Berlin in der Hand, wie es mit der EU und der gemeinsamen Wirtschaftswährung weitergehe, so Ohoven.
Interessenvertretungen in Brüssel
Um dem Mittelstand gegenüber den EU-Institutionen eine Stimme zu verleihen und sich Gehör zu verschaffen, gibt es einige Einrichtungen, die auf europäischer Ebene aktiv sind.
Mario Ohoven ist nicht nur Präsident des BVMW, sondern steht auch der europäischen Vereinigung kleiner und mittlerer Unternehmen als Präsident vor. Diese Vereinigung nennt sich CEA-PME, was für Confédération Européenne des Associations de Petites et Moyennes Entreprises steht. Die CEA-PME vereinigt 15 Unternehmensverbände aus ganz Europa, denen wiederum 300 000 kleine und mittelständische Unternehmen sowohl in der EU als auch in EU-Anrainerstaaten aus allen Wirtschaftszweigen angehören. Ziel ist es, deren Interessen gegenüber den EU-Institutionen zu vertreten. Doch sie sind nicht die Einzigen: Auch die Industrie- und Handelskammern sind auf europäischer Ebene vernetzt. Zum einen hat die DIHK einen Sitz in Brüssel, zum anderen haben sich die Kammern beziehungsweise vergleichbare Institutionen in anderen Ländern in der Dachorganisation „Eurochambre“ zusammengeschlossen. Diese tagt einmal im Jahr und setzt sich in Brüssel für die gesamteuropäischen Belange der Wirtschaft ein. Ein weiteres Gremium, das von der DIHK organisiert wird, ist das „Europäische Parlament der Unternehmen“. Einmal im Jahr versammeln sich 750 Unternehmer aus den 27 EU-Mitgliedsstaaten beziehungsweise insgesamt 45 Ländern im Plenarsaal des EU-Parlaments, um über Themen wie Bürokratieabbau, Rahmenbedingungen für die internationalen Märkte oder die Durchsetzung technischer Standards zu diskutieren. Darüber hinaus eignen sich diese Zusammenkünfte, um Netzwerke aufzubauen und die Internationalisierung der kleinen und mittelständischen Betriebe zu unterstützen.
Außerdem hat die EU-Kommission ihre Deutschland-Vertretung mitten in Berlin, am Pariser Platz. Auch sie ist neben den bereits genannten Organisationen eine Anlaufstelle für Unternehmer, die auf dem europäischen Markt Fuß fassen wollen.
Außenwirtschaft Berlins
Laut einer Studie der IHK Berlin wird die Berliner Wirtschaft immer internationaler. Die Zahl der in Berlin ansässigen ausländischen Unternehmen steigt stetig. Außerdem ist es vor allem der Berliner Außenhandel, der sich in den vergangenen zehn Jahren – sieht man einmal von dem Einbruch im weltweiten Krisenjahr 2009 ab – kontinuierlich nach oben entwickelt hat: Die Ausfuhren sind von 1991 bis 2008 um 60 Prozent gestiegen. Die Einfuhren nahmen im gleichen Zeitraum um knapp 50 Prozent zu.
2010 exportierten Berliner Unternehmen Waren im Wert von 12,3 Milliarden Euro ins Ausland, während der Import aus dem Ausland bei einem Wert von 9,7 Milliarden Euro lag. Damit war die Exportquote Berlins im Bundesvergleich zwar immer noch relativ niedrig, legte aber dennoch im Vergleich zum Vorjahr um 1,4 Prozentpunkte zu. Die positive Entwicklung setzte sich nach dem krisenbedingten Einbruch anschließend wieder fort: Ende 2011 legte der Export in Berlin im Vergleich zu 2010 um 5,6 Prozentpunkte zu, die Importquote nahm um 6,4 Prozent zu im Vergleich zum Vorjahr.
Zu den wichtigsten Warengütern, die Berlin importiert, gehören nach Angaben des Statistischen Bundesamtes von November 2011 pharmazeutische Erzeugnisse, Luftfahrzeuge, Kraftmaschinen und Geräte zur Elektrizitätserzeugung sowie nachrichtentechnische Geräte und elektronische Bauelemente. Exportiert werden ebenfalls an erster Stelle pharmazeutische Erzeugnisse, gefolgt von Geräten zur Elektrizitätserzeugung, Kraftmaschinen, Fahrzeugen, Fahrgestellen, Motoren und Teilen für Kraftfahrzeuge. Darüber hinaus zählen Kaffee, Backwaren, Kakao und Kakaoerzeugnisse zu den wichtigsten Gütern, die die Stadt verlassen.
Mit 18 Prozent aller ausgeführten Waren im Jahr 2009 zählt Frankreich in Europa zu den wichtigsten Handelspartnern Berlins. Am meisten werden dorthin neben pharmazeutischen Erzeugnissen und Fahrzeugen Kaffee, Kakao und Backwaren exportiert. Weitere EU-Länder, die als Handelspartner eine Rolle spielen, sind Italien, Großbritannien, die Niederlande und Österreich.
Mittlerweile zeigen auch die Berliner Exporte nach Polen eine positive Entwicklung: Einerseits ist Polen in den vergangenen drei Jahren für Berlin zum siebgrößten Abnehmerland avanciert. Andererseits wurde Polen wohl aufgrund der geografischen Nähe zum zweitwichtigsten Lieferland. Die Importe nahmen seit Mitte der 90er Jahre stetig zu. 2009 kamen 10,3 Prozent aller Berliner Einfuhren aus dem polnischen Nachbarland. „Die unmittelbaren Nachbarn in den angrenzenden Regionen sind für den Mittelstand bedeutsam“, sagt Mario Ohoven. Mittelosteuropa habe sich in den vergangenen 20 Jahren grundlegend gewandelt, sowohl politisch als auch wirtschaftlich. Zwar seien die Handelsvolumina zwischen den mittelosteuropäischen Staaten und Deutschland noch nicht so stark wie zwischen Deutschland und Westeuropa. „Ich bin aber überzeugt“, so Ohoven, „Osteuropa wird in den kommenden Jahren weiter aufholen.“ Davon wird der Standort Berlin profitieren.
Heike Gläser
heike.glaeser@tagesspiegel.de
VON TÖPFEN UND DECKELN
Berlin erhält in der laufenden Förderperiode 1,2 Milliarden Euro aus Brüssel. Mittelständler rufen das Geld zu wenig ab. Künftig sollen Anträge vereinfacht werden
„Dieses Jahr ist strategisch das heiße Jahr“, sagt Thomas Letz. Er betreut bei der IHK Berlin das Thema EU-Förderpolitik. Und heiß ist das Jahr 2012 deshalb, weil jetzt die Weichen dafür gestellt werden, in welche Schwerpunkte die Fördergelder aus den Töpfen der Europäischen Union in der nächsten Förderperiode ab 2014 nach Berlin gelenkt werden.
Es geht um viel Geld. In der derzeitigen Förderperiode, die 2013 ausläuft, hat das Land Berlin 1,2 Milliarden Euro Fördergelder von der EU erhalten. Für die Wirtschaft sind die Mittel aus dem Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) am relevantesten, allein aus diesem Topf sind 876 Millionen Euro an Berlin geflossen. Darüber hinaus können Unternehmen Geld aus dem Forschungsrahmenprogramm, dem Rahmenprogramm für Wettbewerbsfähigkeit und Innovation, dem Programm Lebenslanges Lernen und weiteren Töpfen beantragen, die nicht primär für sie gedacht sind.
Die bereitgestellten Mittel aus all diesen Programmen werden von der Landesebene weiter in eine Fülle von Programmen, Stipendien und anderen Fördermöglichkeiten aufgeteilt und teils durch Geld vom Bund und Land kofinanziert weitergegeben. Verteilt wird es über die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Forschung. Für ihre Wirtschaftsförderungs-Programme hat die Investitionsbank (IBB) Berlin in dieser Periode 315 Millionen Euro zugewiesen bekommen. Dieses Geld wird bei der IBB in insgesamt 13 Förderprogrammen benutzt, beispielsweise um Jungunternehmer zu coachen oder Kredite zu finanzieren.
Insgesamt hat die IBB im zurückliegenden Jahr mehr als 50 Millionen Euro an EU-Fördergeldern vergeben. „Da diese immer komplementär finanziert werden müssen, hat das Land Berlin entweder über den Landeshaushalt oder die IBB ergänzend kofinanziert“, erklärt Jens Holtkamp, Leiter der Unternehmenskommunikation bei der Investitionsbank. Für die Baubranche gibt es vorab schon mal gute Nachrichten: Die IBB kann in der kommenden Förderperiode EU-Mittel auch für Energieeffizienzmaßnahmen im Wohnungsbau verwenden. „Zudem sollen verstärkt Programme für Risikopartnerschaften im Rahmen der KMU-Finanzierung angeboten werden“, sagt Holtkamp.
Die Beantragung läuft über die IBB oder direkt über die Hausbank. Je nach Programm bestehen unterschiedliche Anforderungen der EU und des Landes. Die IBB berät zwar zu Finanzierungsmöglichkeiten, hilft aber nicht direkt bei der Beantragung von EU-Fördergeldern. Diesen Service bietet Berlin Partner im Rahmen des Unternehmensservice. Darüber hinaus können sich Unternehmer auch von spezialisierten Firmen weiterbilden lassen, um ihre Anträge selbst stellen zu können.
Um bestimmten Wirtschaftszweigen besonders unter die Arme zu greifen, macht die EU inhaltliche Vorgaben für ihre Förderprogramme. Daher wurden 2011 vier Fünftel der IBB-Fördergelder Unternehmen aus den Clustern IKT/Medien/Kreativwirtschaft, Gesundheitswirtschaft, Verkehr, Optik und Energietechnik zugesprochen. „Aber ein Handwerker kann diese Mittel auch beantragen“, sagt Berlin Partner-Sprecher Christoph Lang. Zum Beispiel habe „Florida Eis“ Technologieförderung erhalten, weil das Unternehmen aus Spandau ein neues Produktionsverfahren für Eis entwickelt hatte. „Es sollen Dinge gefördert werden, die die Wirtschaft insgesamt voranbringen“, sagt Lang. Laut IHK-Förderexperten Letz sollen mit den EU-Geldern vor allem Projekte mit hoher Hebelwirkung für die wirtschaftliche Entwicklung Berlins gefördert werden. In der aktuellen Förderperiode lag der Fokus daher auf wissensbasierter Wirtschaft. Da dafür in Berlin die Nachfrage größer war als für die Investitionsförderung, sei sogar Geld umgeschichtet worden, so Letz.
Büro des Landes Berlin
bei der EU
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Berlin Partner Brüssel
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IM INTERNET
Förderfibel der IBB
www.ibb.de unter „Service“,
„Downloads Formulare & Merkblätter“
Informationen zu Programmen und Antragsverfahren
www.foerderdatenbank.de
Informationen zum neuen Forschungsrahmenprogramm Horizon 2020
http://ec.europa.eu/research/horizon2020
Im Bereich wissensbasierte Wirtschaft ist auch die First Sensor AG aktiv. Das Unternehmen mit Sitz in Oberschöneweide entwickelt und produziert Spezialsensoren, die mit Siliziumscheiben arbeiten, so genannten Wafern. Derartige Sensoren können in elektronische Zollstöcke eingebaut oder in Krebszellendetektoren eingesetzt werden. First Sensor hat EU-Fördermittel aus dem GRW-Programm beantragt. Darin schießt die EU einen Anteil des vom Unternehmen investierten Betrages zu, wenn dieses sich dazu verpflichtet, eine bestimmte Anzahl von Arbeitsplätzen dauerhaft zu schaffen. „Zurzeit basiert unsere Produktion auf Vierzollwafern“, erklärt Finanzvorstand Ingo Stein. Da das Unternehmen auf sechs Zoll große Wafer umstellen will, bekommt es jetzt von der EU Fördermittel, mit denen die neuen Maschinen kofinanziert werden. Außerdem hat der Betrieb seine Produktion um Sensoren erweitert, die Druck, Lage und Beschleunigung messen können. „Diese Erweiterung wurde im Herbst 2011 abgeschlossen“, erzählt Ingo Stein. Auch dafür flossen Fördergelder.
„Die Erstellung des Antrags hat rund zwei Monate gedauert“, sagt Stein. Dafür musste das Vorhaben beschrieben werden, Investitionslisten mussten zusammengestellt und Ist- und Plandaten des Unternehmens angegeben werden. Der Prozess sei insofern erkenntnisreich gewesen, sagt der Finanzvorstand, weil man gewissermaßen einen Blick von außen auf das eigene Unternehmen bekomme. Außerdem helfe die Zusammenarbeit mit der IBB bei der Vernetzung mit der Berliner Wirtschaft.
Carl-Ernst Forchert zeichnet da ein etwas durchwachseneres Bild. Der Geschäftsführer der I-Vector Innovationsmanagement GmbH entwickelt im Auftrag von Unternehmen Zukunfts- und Technologiestudien, die beispielsweise anzeigen, wohin sich der Fahrzeugbau entwickelt. Im Rahmen seiner Tätigkeit hat Forchert in Brüssel Einblicke in die Praxis der Vergabe von EU-Förderprojekten erhalten. „Auch wenn die Programme zunehmend für den Mittelstand gedacht sind, werden die Mittel eher von großen Unternehmen abgerufen“, sagt er.
Gleich mehrere Dinge würden kleine und mittlere Unternehmen abschrecken. Zum einen sei der zeitliche Vorlauf ungleich größer als für die Beantragung vergleichsweiser nationaler oder regionaler Mittel. „In einem Antrag können mehrere Mann-Monate Arbeitskapazität enthalten sein“, sagt er. Dazu kommen die inhaltlichen Anforderungen. Zu den Richtlinien für Antragsteller („Guide for Proposers“) heißt es auf den Seiten der Förderdatenbank, die das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie bereitstellt: „Es empfiehlt sich, sich daran sklavisch zu halten. Das tun die Gutachter ebenfalls.“
Auch Auflagen für bestimmte Programme, die beispielsweise Geschäftspartner aus drei verschiedenen Nationen voraussetzen, seien für kleine Unternehmen eine weitere Hürde. Abschreckend sei in sehr populären Fachgebieten – wie etwa der Produktions- und Werkstofftechnik – die geringe Bewilligungsquote. Teilweise wird nur jeder zwanzigste Antrag bewilligt. Förderexperte Letz sagt, dass kleine Unternehmen gute Chancen auf Fördergelder hätten, auch wenn der Unmut über die oftmals sehr bürokratische Antragstellung und Abwicklung nicht gerade niedrig sei.
Forchert rät, sich bei den entsprechenden Stellen, wie beispielsweise der Berlin Partner oder der Technologiestiftung Berlin, nach neu aufgelegten neuen Förderprogrammen zu erkundigen. Denn bei den noch weniger bekannten Programmen gibt es weniger Bewerber und entsprechend größere Erfolgsaussichten. Angenehmer Nebeneffekt: eine bessere Vernetzung und interdisziplinäres Arbeiten.
In Brüssel ist die Nachricht, dass Mittelständler die Förderprogramme zu wenig nutzen, angekommen. Daher sollen insbesondere kleine Unternehmen bei der Vergabe von Geldern stärker berücksichtigt werden. Für das neue Forschungsrahmenprogramm Horizon 2020 plant die Kommission erhebliche Vereinfachungen bei der Antragstellung. „Das bedeutet statt 50 Seiten Antragstellung nur noch 30“, sagt der brandenburgische SPD-Europaabgeordnete Norbert Glante. Noch muss das Vorhaben zur Abstimmung durch mehrere Instanzen. Glante hofft, dass es Ende des Jahres verabschiedet werden kann. Aber er rechnet es der Kommission hoch an, dass Vorschläge aus den Wahlbezirken im Entwurf eingearbeitet wurden. „Den KMUs kann ich nur empfehlen, die Daumen zu drücken, damit die Änderungen auch so verabschiedet werden“, sagt er.
Für die Berliner Wirtschaft heißt es jetzt Daumen drücken. Denn es zeichnet sich ab, dass Brüssel in der kommenden Förderperiode weniger Mittel anweisen wird. Im europaweiten Vergleich steht die Hauptstadtregion besser da als zuletzt, andere brauchen das Geld dringender. Ziel für die Verhandler ist es zwar, dass Berlin auf gleichem Niveau gefördert wird. „Das ist aber eher unwahrscheinlich“, sagt Letz.
Constance Frey
constance.frey@tagesspiegel.de
DIE BESTEN LOCKEN
Der europäische Arbeitsmarkt bietet Berlin Fachkräfte. Doch aktives Anwerben spielt bislang kaum eine Rolle. Viele junge Menschen kommen statt dessen von allein – der Krise wegen
Einen wie Bogdan Pintea bräuchten Berlin und Brandenburg zurzeit noch genau 814 Mal. So viele IT-Spezialisten fehlen den Unternehmen in der Region. Nur wo sind sie zu finden? Auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht, das musste die Berliner Firma IPTEGO nachweisen, bevor der 31-jährige Rumäne eine Arbeitserlaubnis erhielt und einen Vertrag unterschreiben durfte. „Ich musste Monate darauf warten“, sagt Pintea, ein sportlicher Typ mit feinen, schwarzen Locken und freundlichen Augen. „Größere Probleme gab es nicht, aber mit offenen Armen bin ich hier in Deutschland auch nicht gerade empfangen worden“, erzählt er in flüssigem Deutsch.
Vor acht Jahren ist Pintea nach Berlin gekommen, damals noch als Student. Die Universität in Bukarest hatte ihm ein Stipendium gegeben, mit dem er am Berliner Fraunhofer-Institut seine Diplomarbeit schreiben konnte. Es war also mehr ein Zufall als ein Plan, dass Pintea ausgerechnet in Deutschland landete – ohne ein Wort Deutsch zu können. „Am Anfang habe ich nur auf Englisch gearbeitet, im IT-Bereich geht das, aber dann habe ich gemerkt, dass ich ohne Deutsch nie richtig in Deutschland ankommen werde.“ Also lernte er die Sprache, begann in einem Spin-Off des Fraunhofer-Insituts zu arbeiten und entschied sich, da zu bleiben.
Pintea ist ein Glücksfall für Deutschland, ein Erfolg im Kampf gegen den Fachkräftemangel. Und in diesem Kampf streckt Deutschland immer stärker die Fühler nach ganz Europa aus. Die begehrtesten Fachkräfte sind Ingenieure, technische Fachkräfte, Mediziner, Gesundheits- und Krankenpflegekräfte, saisonale Beschäftigte in der Hotellerie- und Gaststättenbranche sowie in der Landwirtschaft. „Wir suchen zurzeit verstärkt in den neuen EU-Ländern und in Spanien, Portugal und Griechenland“, sagt Marion Rang von der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV). Diese Abteilung hat die Bundesagentur für Arbeit im vergangenen Jahr gegründet, um noch gezielter nach Fachkräften zu suchen. Unternehmen, die auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht fündig werden, können sich an die ZAV wenden. Diese sucht dann auf Jobmessen im Ausland nach geeigneten Bewerbern, je nach Wunsch trifft sie sogar bereits eine Vorauswahl. Im so genannten EURES-Netzwerk kooperieren außerdem die Arbeitsverwaltungen von 31 europäischen Ländern, um Angebot und Nachfrage auf dem europäischen Arbeitsmarkt zusammenzubringen. Derzeit gibt es auf dem Internetportal 1,3 Millionen offene Stellen.
Kompromisslose Unternehmen
Noch steckt das staatlich finanzierte Head-Hunting, das für Unternehmen und Bewerber kostenlos ist, allerdings in den Kinderschuhen. „Wir reden hier nicht über vierstellige Zahlen, sondern über weniger“, stellt ZAV-Sprecherin Rang klar. Nach dem letzten Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Spanien hätte man den Eindruck haben können, Deutschland schließe wie 1960 ein groß angelegtes Anwerbeabkommen ab. Damals fehlte es der deutschen Industrie an billigen Hilfskräften, Sprachkenntnisse waren dabei überhaupt kein Kriterium. Anders als heute, wo es um gut ausgebildete Fachkräfte geht, die in den meisten Fällen Deutsch beherrschen sollten. Fachkräfte wären zum Beispiel in Spanien zu finden, aber Deutsch sprechen dort nur wenige: etwa 1,7 Prozent, besagt eine Studie des staatlichen Sozialforschungszentrums CIS.
„Fehlende Sprachkenntnisse sind das größte Hindernis bei der Fachkräftevermittlung, und viele Unternehmen sind in diesem Punkt auch nicht zu Kompromissen bereit“, berichtet Rang. „Gesucht wird auch im Ausland in der Regel die Eier legende Wollmilchsau.“ Das zeugt von einem gehobenen Anspruchsdenken, aber zugleich auch davon, dass der Leidensdruck der suchenden Unternehmen noch kein unerträgliches Maß erreicht hat. Um Spitzenkräfte nach Deutschland zu ziehen, legen sich manche Unternehmen aber auch nicht ausreichend ins Zeug. „Es fehlt uns immer noch eine Willkommenskultur“, sagt Rang. Unternehmen in anderen Ländern würden ihren neuen Mitarbeitern auch mal bei der Wohnungssuche helfen oder sogar einen Arbeitsplatz für deren Partner auftun.
Bogdan Pintea hat es auch ohne diese Starthilfe geschafft und leitet mittlerweile den Kundendienst bei IPTEGO. Das Unternehmen vertreibt ein Netzwerk-Kommunikations-Programm, mit dem Telefonanbieter zum Beispiel sehen können, wie viele Gespräche gerade laufen oder wo es Störungen gibt. Pintea berät die Kunden in der ganzen Welt und programmiert nur noch selten. Er ist zufrieden, die Bezahlung hält er für fair, und wenn ihn jemand nach seiner Meinung fragen würde, dann könnte er Deutschland empfehlen. „Aber ich kenne auch einige, die nach einem Jahr wieder zurück nach Rumänien gegangen sind“, erzählt der Ingenieur. Die Löhne in der IT-Branche lägen dort nicht allzu weit unter den deutschen und letztlich sei die Familie auch ein gewichtiger Grund.
In Deutschland gibt es eine Chance
Die Eltern von Zoraida Guijarro Cayuela haben sie bei ihrem Umzug nach Deutschland bestärkt. „Die haben gesehen, wie ich zwei Jahre lang gekämpft und alles unternommen und doch keinen Job gefunden habe“, erzählt die 29-jährige Spanierin. In Almeria, wo sie aufgewachsen ist, in Madrid, wo sie studiert hat, aber auch im übrigen Spanien habe es keine Chance für sie gegeben, also ist sie nach Deutschland gegangen. „Hier gibt es wenigstens eine Chance“, ist sie überzeugt. Dabei ist Guijarro Cayuela keine Ingenieurin, keine Krankenpflegerin und auch keine Hotelfachangestellte. Die Andalusierin hat erst einen Bachelor in Journalistik und danach einen Master in Sexualwissenschaften gemacht.
Ihr erster Job in Deutschland war ein Praktikum in einer Online-Marketing-Agentur, vermittelt von der Europäischen Union. „Ich habe zehn Stunden am Tag gearbeitet, Suchmaschinenoptimierung für Mode-Internetseiten gemacht.“ Entlohnt wurde sie mit 100 Euro monatlich. „Das reichte nicht zum Leben.“ Ihre Eltern mussten sie weiterhin unterstützen. Am Ende des Praktikums, nach sechs Monaten, bot ihr die Firma einen Vertrag an, über die gleiche Arbeit, für 600 Euro – für eine Akademikerin eigentlich ein Witz. Die Spanierin sagte aus der Verzweiflung heraus trotzdem Ja und arbeitete anschließend sogar als Teamleiterin, verantwortlich für fünf weitere Spanier. Doch drei Monate später wurde Guijarro Cayuela durch eine billigere Arbeitskraft ersetzt.
In der Arbeitsagentur, wo sie sich arbeitssuchend meldete, winkte der Sachbearbeiter ab. Mit dem bisschen Deutsch werde sie nichts finden. Das Amt vermittelte ihr deshalb einen Sprachkurs, der sechs Monate dauert, jeden Tag vier Stunden, und empfahl ihr, Hartz IV zu beantragen. Dass sie als Spanierin einen Anspruch darauf hat, wusste sie gar nicht, als sie nach Deutschland kam.
Nur nicht ausgebeutet werden
Seit November unterstützt der deutsche Staat Guijarro Cayuela nun – dem europäischen Fürsorgeabkommen sei Dank. „In Spanien habe ich als Arbeitslose gar nichts bekommen, hier hilft man mir“, sagt sie auf Englisch, ihr Deutsch reicht noch nicht ganz aus dafür. Große Dankbarkeit empfinde sie, sagt die Spanierin. Sie wolle sich keinesfalls auf die faule Haut legen, sondern im Sommer unbedingt wieder anfangen zu arbeiten. „Auf etwas anderes als Babysitterin, Kellnerin oder Klavierlehrerin wird es wohl am Anfang nicht hinauslaufen“, vermutet Guijarro Cayuela. Aber das sei in Ordnung, weil sie so in einem deutschen Arbeitsumfeld weitere Erfahrungen sammeln könne. Das bringe sie voran. „Ich möchte nur nicht wieder ausgebeutet werden.“ Den Traum, eines Tages in ihrem eigentlichen Beruf als Journalistin zu arbeiten, habe sie trotzdem noch nicht aufgegeben. „Aber jetzt suche ich nach Stabilität in meinem Leben.“
Guijarro Cayuela allein kennt rund hundert Spanier, die in der jüngsten Vergangenheit nach Berlin gekommen sind. Darunter gebe es auch Erfolgsgeschichten, das heißt, Beschäftigte, die Steuern zahlen. In Spanien herrsche mittlerweile ein wahres Deutschland-Fieber. „Wir kommen aber wegen der Krise hierher, nicht weil wir schon immer davon geträumt haben, in Deutschland zu arbeiten“, bemerkt sie ganz unverblümt.
Mit gezieltem Anwerben von Fachkräften hat diese Arbeitsmigration nichts zu tun. Doch sie ist auch eine Seite des offenen europäischen Arbeitsmarktes.„Es steht sicher noch eine große Welle bevor“, ist die Journalistin überzeugt. Wirtschaftlich bewege sich Spanien weiter abwärts. Lediglich die Situation der Deutschlehrer habe sich zuletzt im Land verbessert.
Arne Bensiek
arne.bensiek@tagesspiegel.de
Aus der Ausgabe 3 / 2012
