Ganz in weiss

Die Designerin und Keramikmeisterin Stefanie Hering hat vor 20 Jahren ihre Manufaktur in Prenzlauer Berg gegründet. Inzwischen verkauft sie ihr Bisquit-Porzellan weltweit
Stefanie Hering in ihrem Element: Das Porzellan für ihre Stücke lässt sie eigens mischen. Foto: Hering Berlin/promo

Wer einmal ein Stück Hering Porzellan in den Händen gehalten hat, wird es wieder erkennen. Das zarte Weiß wirkt zerbrechlich, erweist sich aber als äußerst robust und schwer. Das Spiel von rauen und samtenen Oberflächen mit Loch- oder Reliefmustern ist typisch. Klare Formen und hohe Funktionalität erinnern an die Bauhaustradition. Alle Stücke sind spülmaschinenfest, mikrowellengeeignet und weitaus stabiler als industriell gefertigtes Porzellan.

1992 begann Stefanie Hering in Prenzlauer Berg damit, Formen für Vasen, Schalen und Lampenschirme zu entwickeln. Sechs Jahre später zog sie nach Kohlhasenbrück am Rande des Wannsees. Dort baute sie mit ihrem Mann Götz Esslinger, der Architekt ist, das eigene Haus. Noch vor zehn Jahren befand sich in dem lichten Wohnraum mit Blick auf den Garten die Werkstatt mit der Drehscheibe, auf der sie das schwierig zu verarbeitende Bisquitporzellan in Form brachte. Der Ein-Frau-Betrieb wuchs, erst hatte sie fünf, dann acht, schließlich zehn Mitarbeiter. Heute steht ein langer massiver Holztisch mit schwerer schwarzer Schieferplatte in der ehemaligen Werkstatt. Die erste Frühlingssonne fällt auf das Geschirr, das Hering samt Tee, Kaffee und kleinen Kuchenstückchen bereitgestellt hat.

„Der Durchbruch kam 2005“, sagt Hering, „als wir uns mit dem Wesen der Tafel beschäftigt haben.“ Das Tafelservice, wie man es seit dem Biedermeier kennt, sei nicht mehr zeitgemäß: „Wir speisen heute anders, essen Gerichte aus aller Welt.“ Diese Überlegungen habe sie in eine neue Formsprache umgesetzt, das klassische Service aufgelöst und stattdessen ein Sortiment von inzwischen 1200 Stücken kreiert, das es „in dieser Komplexität bisher noch nicht gab“. Aus einem Schälchen kann man genauso gut Espresso wie Sake trinken und auf einem Porzellanteller lassen sich Sushiröllchen genauso apart anrichten wie französischer Käse. Für Spitzenköche eine Spielwiese – das hat sich international herumgesprochen. Die Stücke lassen sich beliebig kombinieren und auf die kulinarischen Bedürfnisse maßschneidern. Neben der Gastronomie und Hotellerie, die ihr Geschirr auch wegen der hohen Bruchsicherheit schätzen, wurde der Handel auf Hering aufmerksam. Agenten in 53 Ländern sind für sie unterwegs.

Adresse
| Stefanie Hering Berlin GmbH |
Königsweg 303 | 14109 Berlin
Telefon: 030 | 810 54 11-0
Web: www.heringberlin.com

Die großen Stückzahlen sind am Wannsee längst nicht mehr zu bewältigen. Seit zwölf Jahren arbeitet Hering mit der Manufaktur Reichenbach in Thüringen zusammen, die schon um 1900 Porzellanmaler beschäftigt hat. Die Formen werden seriell auf Maschinen gedreht, die Oberflächen dann von Hand veredelt. Dadurch wird jedes Stück zum Unikat: „Der Unterschied ist sichtbar, wenn ein Mensch am Werk war. Dann bekommt man eine Emotion“, sagt Hering und streicht über ihre Teetasse. „Da steckt eine Wertschöpfung drin. Die Stücke leben durch die Besonderheit des Handwerks.“ Immerhin geht jedes davon 80 bis 90 Mal durch die Hände der inzwischen 55 Mitarbeiter. Die werden anständig bezahlt. Auf faire Herstellungsbedingungen legt Hering großen Wert und betont, dass sich der Betrieb selbst finanziert und nicht – wie andere in der Branche – am Tropf eines Investors oder des Staats hängt.

Heike Gläser


Aus der Ausgabe 4 / 2012

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