Vom Leder gezogen

Wünsch & Co fertigt seit über 100 Jahren Lederwaren in Handarbeit. Früher waren es vor allem Zigarrenetuis und Geldbörsen, heute sind es iPad- und iPhone-Hüllen
Vater Hartmut Wünsch mit Sohn Andreas: Seit der Gründung 1890 ist das Geschäft im Familienbesitz. Foto: Mike Wolff

Die Geschichte der Familie Wünsch liegt in 54 Schubladen. Sie wird gut behütet. Nur wenn Hartmut Wünsch den dicken Schlüssel im Schloss des Eichenholzschranks dreht, offenbart sie sich. Unten rechts liegen, von einer Staubschicht überzogen, die Zigarrenetuis, mit denen Karl Wünsch 1890 seinen Lederwarenbetrieb in Berlin begründete. Ein paar Schubladen darüber findet sich ein gerade einmal fünf mal fünf Zentimeter kleines Hirschlederetui: „Für Briefmarken“, sagt Hartmut Wünsch. „Das braucht heute keiner mehr.“

In die goldenen 20er Jahre ging die Firma mit Otto Wünsch an der Spitze. Hinterlassen hat er Variationen eleganter Geldbörsen. Otto Wünschs Söhne bauten das Unternehmen zu einem 100-Mann-Betrieb aus. Dann kam der Zweite Weltkrieg, an dessen Ende das Lederwarenviertel um die Kreuzberger Ritterstraße in Trümmern lag. Damals war es die Witwe Ingeborg Wünsch, die die Firma wieder aufbaute. „Meine Mutter.“ Aus dem oberen linken Drittel des Schranks zieht er ein rostbraunes Muster aus feinstem Lammnappa – eine Schmuckschatulle. Hartmut Wünsch, der seit 1974 Geschäftsführer der Firma ist, hat sich auf Schreibmappen und Stiftetuis spezialisiert. An seiner Seite steht heute sein Sohn Andreas. Der 31-jährige präsentiert nicht ohne Stolz eine Aktentasche mit Hightech-Verschluss und zugehöriger iPhone-Hülle.

Adresse
| Wünsch & Co. GmbH |
Kreuzbergstraße 37–38 | 10965 Berlin
Telefon: 030 | 786 30 05
Web: www.wuenschundcoberlin.de

Bis an die Decke stapeln sich bei Wünsch & Co im zweiten Stock des Kreuzberger Hinterhauses hinter einer rot lackierten Tür die Rollen feinsten Leders. Die Auswahl ist über die Jahre immer größer geworden. Zehn Ledersorten in bis zu 30 Farben sind vorrätig. Lammnappa kommt aus Frankreich, Schlangenleder aus Italien – Hartmut Wünschs Lieblings-Leder ist das Elchleder aus Finnland. Sein Sohn bevorzugt Straußenleder aus Südafrika, das von stark erhabenen, kräftigen runden Noppen gezeichnet ist. Die Gerber, bei denen sie einkaufen, sitzen aber fast alle in Deutschland – überwiegend im Süden. Im Betrieb Wünsch & Co wird das Leder zunächst zugeschnitten oder gestanzt, dann entfernen die gelernten Täschner einzelne Schichten, um das Leder für bestimmte Zwecke biegsamer zu machen. Im Werkraum des Betriebs ist das Surren der Nähmaschinen das einzige maschinelle Geräusch. Hier betreut jeder Mitarbeiter ein Produkt vom ersten Schnitt an bis zur letzten Politur. Für eine Schreibmappe brauchen die Täschner mehrere Werkstunden.

Inklusive derjenigen, die im Büro sitzen, beschäftigt die Firma Wünsch & Co zwölf Angestellte. Dass der Betrieb weniger bekannt ist als andere Manufakturen, liegt vielleicht daran, dass kein Emblem die Waren ziert. „Mir reicht es, wenn der Käufer Freude daran hat. Ich trage auch keine Pullover mit Markenzeichen“, sagt Hartmut Wünsch. Die Wünschs verkaufen ihre Waren nicht direkt. In Berlin sind ihre Stücke im KaDeWe und in der Papeterie Heinrich Künnemann in Charlottenburg erhältlich. Eine Schreibmappe kostet dann, je nach Material und Ausstattung, zwischen 250 und 800 Euro.
 
Die meisten Kunden hat die Firma Wünsch & Co aber außerhalb Berlins. Erst kürzlich hat es einen größeren Auftrag aus Japan gegeben. Um ihre Waren einem breiten Publikum bekannt zu machen, fahren Vater und Sohn einmal im Jahr zur Paperworld Messe nach Frankfurt. Preisgekrönt ist ihr Stiftekoffer, in dem 24 Stifte Platz haben. Verkauft werden davon aber nur wenige. „Der ist eben was für Sammler“, sagt Hartmut Wünsch. Einzeletuis und Schreibtischauflagen in Schwarz und Braun gehen aus dem Sortiment am besten. Insgesamt umfasst die Palette 200 Kleinlederwaren. Auf Wunsch machen die Wünschs auch Sonderanfertigungen. Individualität ist schließlich eine Geschäftsgrundlage.

Umso mehr sorgt es Harmut Wünsch, dass immer mehr Fachgeschäfte schließen. „Die Menschen kaufen meist Massenware. Die guten Läden sterben aus.“ Sein Sohn Andreas ist trotzdem entschlossen, die Firma zu übernehmen. „iPad- und iPhone-Hüllen machen inzwischen einen beachtlichen Anteil am Umsatz aus“, sagt der hochgewachsene Mann mit den freundlichen Augen. „So nostalgisch viele Manufakturenprodukte auch anmuten mögen: Wir sind keineswegs rückwärts orientiert.“ Der junge Wünsch ist zuversichtlich, dass sich immer wieder neue Märkte auftun. Wenn er ein bisschen umräumt, ist da auch noch Platz im Schrank.

Maris Hubschmid
maris.hubschmid@tagesspiegel.de


Aus der Ausgabe 4 / 2012

Zurück