Titelthema

Wir trotzen der Krise

Unsichere Zeiten für Berliner Unternehmen: Die Kunden halten sich zurück, Entscheidungen werden vertagt. Kurzfristig müssen manche jetzt Stellen streichen. Doch die Grundstimmung bleibt optimistisch

IBB-Chefvolkswirt Hartmut Mertens: Berlin rutscht nicht in die Rezession www.berlin-maximal.de/magazin/titelthema/art168,513

Umfrage bei Berliner Banken: Das Geld wird teurer magazin/titelthema/art168,512
Wer wird sich diesmal durchsetzen, Bulle oder Bär? Die Wahrzeichen der Frankfurter Börse stehen für steigende oder fallende Kurse.
Foto:Thomas Pflaum/VISUM

Finanzkrise, Abschwung, Rezessionsgefahr. Es sind hässliche Wörter, die durch die Medien geistern und Käufer wie Verkäufer vor Angst erstarren lassen. Angst davor, dass die virtuellen Kapriolen verantwortungsloser Zocker auch die so genannte Realwirtschaft, echte Leistungen und Erfindungen also, zum Stillstand verdammen könnten.
Wie gefährlich ist es wirklich? Wie stabil ist die Berliner Wirtschaft? Wie hart trifft uns die Krise?

Wer sich dieser Tage bei Berliner Unternehmen umschaut, sieht vor allem Eines: Lust, zu kämpfen, sich nicht unterkriegen zu lassen von den schlechten Nachrichten aus der Finanzwelt. „Das wird sich kurzfristig wieder beruhigen“, sagt Benjamin Körber, Chef der Körber Präzisionstechnik GmbH. Viel Grund zum Optimismus hat er nicht, möchte man meinen: Sein Unternehmen beliefert mit Continental und Daimler die schwer gebeutelte Automobilbranche, in der schon Produktionsstopps und Kurzarbeit angekündigt wurden.

Zur Zeit sei es nicht einfach, räumt Körber ein. Seit Anbruch der Krise seien die Aufträge deutlich zurückgegangen, im Oktober hätten sie schon 15 bis 20 Prozent unter dem Niveau des Vorjahres gelegen. Kurzfristig werde man sogar Stellen abbauen müssen. „Aber die bauen wir nächstes Jahr wieder auf“, sagt der Unternehmer. Erst Anfang des Jahres hat er ein Werk in den USA eröffnet, 2009 wolle das Familienunternehmen weiter wachsen: „Wir werden alle Investitionen wie geplant verwirklichen“.
Experten wie Hartmut Mertens, Chefvolkswirt der Investitionsbank Berlin, teilen Körbers Optimismus. Die Konjunktur werde sich eintrüben, das ganz große Gewitter aber wird Berlin erspart bleiben, schreibt Mertens in seiner Analyse für Berlin maximal. (www.berlin-maximal.de/magazin/titelthema/art168,513)

Auch Thomas Koch vom Autohaus Koch will die für 2009 angedachten Neueröffnungen „planmäßig durchführen“ — und das, obwohl die Krise sein Unternehmen schwer getroffen hat. Der Automarkt schwächele ja schon lange, sagt Koch, „aber die Finanzkrise verschärft die Kaufzurückhaltung noch mal. Wir verzeichnen Absatzrückgänge, die bis zu 50 Prozent unter unseren Plänen liegen.“ Für 2009 plane er eine „Konsolidierung: Es kann sein, dass wir zeitweise Arbeitsplätze abbauen müssen.“
Dass die Phase des großen Personalaufbaus vorüber ist, spürt auch Carola Hoffmann. Sie ist Chefin der Zeitarbeitsfirma AZ GmbH. Es sei „merklich ruhiger“ geworden als noch im Sommer, ein Kunde habe wegen der Finanzkrise einen bereits erteilten Auftrag wieder storniert. Hoffmann glaubt, dass die nächsten Monate „schwierig werden“. Eigentlich habe sie im nächsten Jahr geplant, ihre 120-Mann-starke Belegschaft auf 140 aufzustocken, „jetzt werde ich wohl eher auf 100 abbauen müssen“, sagt Hoffmann.
Klagen möchte sie aber trotzdem nicht, denn was den Unternehmern am meisten zu schaffen mache sei „diese ständige Schwarzmalerei: Wenn Sie das jeden Tag lesen, bekommen Sie Angst, und wer Angst hat, verharrt, verschiebt Entscheidungen nach hinten.“

Peter Meyer, Chef der Werbeagentur Logo, beobachtet genau dieses Phänomen gerade bei seinen Kunden. Noch hätte niemand einen Auftrag storniert. Aber viele Projekte blieben gerade erstmal liegen, sagt Meyer: „Die Kunden treffen einfach keine Entscheidungen. Sie warten ab.“ So wie Knut-Dieter Bleck, Geschäftsführer von Bleck & Söhne.
Noch sind bei dem Hoch- und Tiefbauunternehmen überhaupt keine Auswirkungen der Krise zu spüren. Doch wenn der Unternehmer liest, dass Großprojekte wie das Zoofenster vorerst auf Eis gelegt werden, weil die Finanzinvestoren in Schwierigkeiten geraten sind, macht er sich Gedanken. Noch sei kein Investitionsstopp geplant, sagt Bleck. „Aber das ändert sich natürlich, wenn Aufträge wegbleiben“. 

Bei der Mänz und Krauss Ausbau GmbH glaubt man nicht daran, dass Aufträge verloren gehen: „Zu unseren Kunden gehören große Handelsketten, die machen ihre Finanzierung über drei Jahre“, sagt Johannes Klemm, Prokurist und Gesellschafter. Dass die Krise Nachteile mit sich bringen wird, schließt er nicht aus. Er hält es zum Beispiel für möglich dass die Leasingraten für Maschinen steigen könnten, weil die Rückversicherungen teurer werden. Die Grundstimmung aber sei optimistisch: „Wir gehen davon aus, dass sich die Gewerbemieten in Deutschland langfristig nach oben entwickeln und der Markt weiter Investoren anziehen wird“, sagt Klemm. Weil die Auftragsbücher für 2009 gut gefüllt seien, plane man auch keinen Personalabbau, im Gegenteil: „Wir wollen einstellen.“
Negative Schlagzeilen macht nicht nur der Immobilienmarkt: Die Berlin Tourimus Marketinggesellschaft rechnet damit, dass die Zahl der Berlintouristen 2009 erstmals stagnieren könnte. Das hätte direkte Auswirkungen auf Hotellerie, Gastronomie oder Handel.

Wir haben das Glück, dass wir nicht auf die Banken angewiesen sind

Nahezu wolkenlos präsentiert sich der Himmel hingegen über der Solarbranche. „Solarmodule werden immer noch deutlich stärker nachgefragt als produziert“, sagt Rüdiger Stroh, Geschäftsführer des Herstellers Sulfurcell. Sein Unternehmen werde im nächsten Jahr wie geplant eine zweite Produktionshalle am Standort Adlers-hof bauen. Die Finanzierungsrunde sei bereits abgeschlossen. „Wir haben das Glück, dass wir nicht auf die Banken angewiesen sind“, sagt Geschäftsführer Stroh. Auch Benjamin Körber geht davon aus, dass es künftig schwierig werden könnte, von der Bank Kredite zu bekommen. „Wir planen mit Beteiligungskapital“, sagt Körber.
Seine Skepsis ist berechtigt. Die Finanzkrise hat den Handel unter den Banken eingeschränkt. Die Kreditinstitute haben selbst Schwierigkeiten, sich Geld zu leihen. Berlin maximal hat die Berliner Banken gefragt (siehe Umfrage magazin/titelthema/art168,512): Geben Sie dem Berliner Mittelstand morgen noch Kredit? Ihre Antworten lesen sich einigermaßen beruhigend: Von Kreditklemme kann keine Rede sein. Das Geld kann aber teurer werden.

Eine interessante These stellt der Wirtschaftsprofessor Günther Faltin im B-max-Interview (www.berlin-maximal.de/magazin/titelthema/art168,514) auf: „Die Rolle der Banken wird überschätzt“, sagt Faltin. Firmengründer bräuchten weniger Kapital als allgemein angenommen. Sie haben es gehört: Bloß nicht bange machen lassen.

Miriam Schröder


Lesen Sie außerdem zum Thema: Wer bürgt jetzt für die Betriebsrente? www.berlin-maximal.de/magazin/titelthema/art168,515


Aus der Ausgabe 9 / 2008

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