Titelthema

„Berlin rutscht nicht in die Rezession“

Analyse von IBB-Chefvolkswirt Hartmut Mertens
Hartmut Mertens ist Leiter der Abteilung Volkswirtschaft bei der Investitionsbank Berlin, Hartmut.Mertens@ibb.de
Foto: promo

Berliner Wachstum über dem Bundesdurchschnitt

Der Krise an den internationalen Finanzmärkten zum Trotz gibt es am Standort Berlin bisher keine Anzeichen für eine Rezession. Zwar wird auch Berlin die weltweite Verschlechterung der Konjunkturlage im Gefolge der Finanzmarktkrise zu spüren bekommen, einen Rückgang der wirtschaftlichen Gesamtleistung wird es aber nicht geben.
Nach wie vor ist davon auszugehen, dass die ursprüngliche Prognose eines Anstiegs des Berliner Bruttoinlandsprodukts von 1,3 Prozent bis 1,5 Prozent im laufenden Jahr erreicht werden kann. Hierfür wurde der Grundstock bereits gelegt. So weisen die aktuellen Berliner Zahlen für das erste Halbjahr 2008 ein reales Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 2,5 Prozent aus. Damit liegt Berlin im Vergleich der Bundesländer sogar über dem Bundesdurchschnitt und gleichauf mit Baden-Württemberg.
Berlin profitierte dabei vor allem von den Unternehmensdienstleistungen, dem Baugewerbe und seiner jungen, aber leistungsfähigen Industrie. Allein das Industriewachstum betrug im ersten Halbjahr 7,5 Prozent.

Warnsignale: Die Konjunktur könnte sich eintrüben

Jedoch gibt es auch in Berlin Warnsignale, die zeigen, dass sich die Hauptstadt nicht von der weltweiten Konjunktureintrübung abkoppeln kann. So waren die Industrieaufträge in den letzten Monaten erstmals seit Juni 2006 wieder rückläufig. Obwohl die Berliner Industrieunternehmen auf den Märkten der Welt immer erfolgreicher agieren – die Exportquote der Berliner Industrie hat sich von 10,5 Prozent im Jahr 1991 auf 33,2 Prozent im Jahr 2007 kontinuierlich erhöht – gingen die Orders aus dem Ausland im Zeitraum Januar bis August 2008 um 6,7 Prozent zurück.
Besonders betroffen von den rückläufigen Auslandsbestellungen waren das Textil- und Bekleidungsgewerbe (minus 29,3 Prozent), das Papier- und Druckgewerbe (minus 22,2 Prozent), die Herstellung von chemischen Erzeugnissen (minus 17,7 Prozent) und der Maschinenbau (-15,6 Prozent). Zuwächse gab es lediglich im Fahrzeugbau (plus 25,2 Prozent) – der in Berlin wesentlich vom Motorradbau und von der Bahnindustrie geprägt ist – sowie in der Elektrotechnik (plus 3,4 Prozent).
Die rückläufigen Auslandsbestellungen sind gute Frühindikatoren, die zeigen, dass man in den Export in den nächsten Monaten keine zu großen Hoffnungen mehr setzen sollte. Nicht nur in Westeuropa und Amerika dürften wichtige Absatzmärkte stagnieren, sondern auch die Dynamik der expandierenden Märkte in Mittel- und Osteuropa sowie Asien wird Dämpfer einstecken müssen.

Leiden wird vor allem die Investitionsgüterindustrie

Die geringeren Wachstumsraten in diesen Ländern schlagen sich auch in einer schwächeren Nachfrage nach Berliner Produkten nieder. Dies wird vor allem die Unternehmen der Investitionsgüterindustrie belasten. Da die Exportquote in Berlin – trotz der Steigerung in den vergangenen Jahren – jedoch nicht so hoch ist wie in anderen Regionen, wird die Berliner Wirtschaft auch vom Rückgang der Ausfuhren nicht so stark getroffen. Zwar spüren die Firmen auf der Kostenseite eine gewisse Entspannung, denn der Ölpreis hat sich von seinem Höchststand im Sommer inzwischen halbiert und der Euro hat gegenüber dem Dollar wieder an Wert verloren. Diese Entwicklung wird sich allerdings erst verzögert bemerkbar machen.

Gesunde Industrie, wettbewerbsfähige Produkte

Die Berliner Wirtschaft steht heute auf einem besseren Fundament als noch vor wenigen Jahren. Inzwischen haben viele Berliner Unternehmen ihre Kosten verringert und die Betriebe neu organisiert. Die Industriefirmen sind gesund und Berliner Produkte im Ausland zunehmend wettbewerbsfähig. Auch der Arbeitsmarkt blieb bisher von den Auswirkungen der Finanzkrise weitgehend verschont.

Ende des Beschäftigungsausbaus auch in Berlin

Die Zahl der Beschäftigten nimmt bereits seit längerer Zeit wieder zu. Im Vergleich mit den anderen Bundesländern weist Berlin hier regelmäßig einen überproportionalen Zuwachs aus. Auch der Rückgang der Arbeitslosenquote fällt in Berlin stärker aus als für das Bundesgebiet insgesamt. Für die kommenden Monate aber ist mit einem Ende des Beschäftigungsaufbaus zu rechnen, denn die Bereitschaft der Unternehmen, neue Stellen zu schaffen, hat deutlich abgenommen. Vor dem Hintergrund des drohenden Fachkräftemangels ist jedoch nicht mit Entlassungen in großem Stil zu rechnen. Es spricht viel dafür, dass die Beschäftigungssituation nahezu stabil bleibt.
Aus heutiger Sicht gibt die Finanzmarktkrise keinen Anlass, die Einschätzung der Berliner Konjunktur für 2008 grundlegend zu korrigieren. Im kommenden Jahr wird die wirtschaftliche Gesamtleistung allerdings auch in Berlin deutlich schwächer zulegen als 2008.

Neben der Finanzkrise müssen die Märkte 2009 eine wesentlich schwächere Weltkonjunktur verkraften. Das wird das Wachstum in Deutschland spürbar dämpfen und somit auch negative Auswirkungen auf die Berliner Konjunktur haben.
Zum anderen aber hat es bei den hohen Ölpreisen in den vergangenen Wochen nennenswerte Korrekturen gegeben. Es ist davon auszugehen, dass diese Korrekturen längere Zeit Bestand haben. Dadurch wird Kaufkraft zurückgewonnen, die im weiteren Jahresverlauf den Konsum stützen wird. Sollten die Pakete zur Rettung des Finanzsystems rasch greifen und sich die Finanzkrise nicht weiter verschärfen, dürfte die Wirtschaft im späteren Jahresverlauf 2009 auf den Wachstumspfad zurückkehren. Davon wird dann auch Berlin profitieren.

Der größte Unsicherheitsfaktor der Prognose besteht dabei im Ausmaß und der Dauer der Finanzkrise an den internationalen Finanzmärkten. Zum jetzigen Zeitpunkt ist unklar, wie tief greifend das Finanzsystem gestört ist und wie rasch das System seine volle Funktionsfähigkeit wiedererlangen kann.


Aus der Ausgabe 9 / 2008

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