Türkische Hoch-Zeit

Erfolgreich mit einer Mixtur aus deutschen Tugenden und südländischer Mentalität: Türkische Unternehmen in Berlin erwirtschaften jährlich 3,5 Milliarden Euro. Bülent Bilik hat unsere Titelgeschichte ins Türkische übersetzt. "Türklerin yükselişi" lesen Sie hier: www.berlin-maximal.de/magazin/titelthema/art168,861
Foto: Uwe Steinert
Auberginen, Lastwagen und Särge – das ist der Stoff, aus dem erfolg-
reiche Unternehmergeschichten entstehen und damit erfolgreiche Integration.

Hanifi Aydin hat Erfolg mit dem Klischee des türkischen Unter-
nehmertums schlechthin – er ist Dönerproduzent der ersten Stunde. Aydin ist Hauptschulabsolvent, Kind früherer Gastarbeiter aus Ostanatolien. Jemand, der gern anthrazitfarbene Anzüge trägt, mit denen er aussieht wie die Verkörperung eines Selfmademan. Der Türke sitzt in seinem großen, hellen Büro mit einem aufgeräumten Schreibtisch, zwei Ledersofas und ein wenig moderner Kunst an den Wänden. Wenn er aus dem Fenster blickt, sieht er den Innenhof seiner Fabrik in Weißensee, wo jeden Morgen zwei Tonnen Fleisch vom Lastwagen geladen werden.

Beim Gedanken an die Anfangsjahre seufzt der Geschäftsmann. „Das war ein langer Weg.“ Er habe so viel lernen müssen: Wie man einen schnell wachsenden Betrieb leitet. Dass man einen Buchhalter einstellen sollte, und bei der Warenannahme nicht nur den Lkw-Inhalt, sondern auch die Erscheinung des Fahrers inspizieren. „Um ein gründlicher Unternehmer zu werden, sollte man auch bereit sein, sich helfen zu lassen“, sagt Aydin. Er habe in den vergangenen Jahren deutsche und türkische Unternehmensberater konsultiert.

Mit Erfolg: Zwar ist die „Aydin Döner Produktion GmbH“ mit 2,5 Millionen Euro Umsatz im Jahr nicht der größte Fleischspießproduzent in Berlin, doch in der Branche ist Aydins Ware bekannt als zuverlässiges Qualitätsprodukt. Der Berliner ist stolz darauf, dass er den „ersten EG-zugelassenen Betrieb“ in Deutschland führt. Im Vorraum seines Büros hängen unzählige Zertifikate und Zeugnisse. Auch beim Sommerfest der Bundesparteien von CDU und CSU wird er seit ein paar Jahren mit einem Dönerstand eingeladen. Eine Anregung der Kanzlerin höchst persönlich. „Die Frau liebt Döner“, will Aydin über sie wissen.

Die Mauer war gefallen, die Stadt wuchs und für mich standen die Chancen gut

Die Geschichte von Aydin-Döner beginnt 1992. „Die Mauer war gefallen, die Stadt wuchs jeden Tag und für mich standen die Chancen gut, ein Unternehmen zu gründen“, sagt der 46-Jährige rückblickend. Der Bedarf sei groß gewesen Anfang der 90er Jahre, „damals gab es höchstens zehn Spieß-Lieferanten in der Stadt“. Inzwischen sind im Türkischen Branchenbuch „Türk Is Rehberi“ 36 Produzenten für Berlin gelistet. Die Stadt ist nach wie vor die Dönerhochburg schlechthin. Als der Drehspieß „to go“ hier in den siebziger Jahren erfunden wurde, mussten die Imbissverkäufer in den Morgenstunden noch selbst Fleischscheiben übereinander schichten. Das ist inzwischen Geschichte, heute lassen sich die Dönerwirte fast alle fertig abgepackte Spieße von Produzenten wie Aydin liefern. Die Branche ist in Deutschland zu einem Industriezweig gewachsen, mit jährlich über zwei Milliarden Euro Umsatz.
Aydin strahlt das Selbstbewusstsein aus, das sich mit dem Erfolg einstellt. Kein Wunder, schließlich lebt er den Traum der türkischen Einwanderer in Deutschland. Denn die Männer, die nach dem Abkommen 1961 einen Zug in Anatolien bestiegen, um in Stuttgart, München oder Berlin am Fließband zu arbeiten, teilten fast alle die gleiche Hoffnung: Sie träumten von schnellem Wohlstand in der Fremde und der Rückkehr in die anatolische Heimat in einem Mercedes Benz, mit einem dicken Scheckbuch in der Tasche. Für viele ehemalige Gastarbeiter bleibt diese Fantasie bis heute unerfüllt. Weder sind sie reich geworden, noch haben sie Deutschland verlassen.

Doch eine stetig wachsende Zahl von Türken schafft den Sprung in lukrative Erwerbstätigkeiten, so wie Hanifi Aydin. Inzwischen gibt es für die über 9000 kleinen und mittelständischen Betriebe von türkischstämmigen Machern ein eigenes Branchenbuch in Berlin. Türkische Firmengründer beschäftigen hier rund 29 000 Mitarbeiter und erwirtschaften laut Industrie- und Handelskammer einen Jahresumsatz von 3,5 Milliarden Euro. Längst hat sich im Stadtbild eine Bürgerlichkeit mit Migrationshintergrund eingerichtet, die allerdings nicht in schicken Autos in die Türkei zurückkehrt. Sie fliegt da hin, und auch das nur für den Urlaub. Die Heimat der neuen türkischen Unternehmer ist Deutschland.

Auch Aydin will sich und seine Familie einbürgern lassen, sobald er die Zeit dafür findet. „Wenn Sie mich fragen, bin ich integriert“, sagt er. Er könne sich nicht vorstellen woanders, als in Berlin zu leben. „Ich habe allerdings nicht das Gefühl, dass das bei allen Deutschen so ankommt.“ Der südländische Geschäftsmann bekommt im Alltag zu spüren, dass im Bewusstsein einiger Deutscher noch immer nicht angekommen ist, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. In der Wirtschaft sei das anders. Hier ist „Multikulti“ längst Realität. Die Berliner Behörden, wie etwa die Lebensmittelaufsicht, seien zwar am Anfang überfordert gewesen mit den Kontrollen in den vielen türkischen Betrieben. „Die kamen ganz selten.“ Doch inzwischen klappe das gut. Die behördlichen Hygieneauflagen bereiten ihm keine Kopfschmerzen mehr, sagt Aydin, er finde die Inspektionen sogar „eine wunderbare Sache“. Der Döner habe schließlich ein Imageproblem, „aber nur, weil wir nicht genug Lobbyarbeit betreiben“.

Da müssten Türken noch viel lernen und an ihrem Auftritt in der Öffentlichkeit arbeiten. Statt zuzulassen, dass bei jedem Gammelfleischskandal „unsere türkische Supermarke“, der Döner, in Verruf gerät, sollten alle dabei helfen, die schwarzen Schafe in der Branche öffentlich zu machen. „Dann werden endlich Verantwortliche, und nicht der Döner als Produkt an den Pranger gestellt.“ Hanifi Aydin fährt mit dieser Botschaft zu Konferenzen von Dönerherstellern, wo er für bundesweite Qualitätsstandards wirbt. Vor einigen Jahren hat er mit Kollegen zusammen einen Verein gegründet, die „Türkischen Dönerhersteller in Europa“ (ATDID). Er soll bei der Imagepolitur helfen.

Anfangs trauten sich die Pioniere der türkischstämmigen Unternehmer meist nur in ethnische Nischen. Sie verkauften orientalische Lebensmittel oder boten in Teleshops günstige Telefonanrufe in die Heimat an. Auch kennt heute fast jeder Berliner einen Änderungsschneider um die Ecke, dessen Name türkisch klingt. Doch die Berliner Imbissbranche ist das beste Beispiel für den Weg vom Rand in die Mitte. Die Fleischtasche mit Salat ist zum Lieblingssnack der Deutschen geworden. Nirgendwo sonst ist die Auswahl an Dönerbuden größer als in der Geburtsstadt Berlin. Der Döner ist zwar noch immer ein türkisches, aber längst kein Nischenprodukt mehr.

Und auch sonst haben die Türken ihre angestammten Geschäftsfelder verlassen. Die Nachkommen der Gastarbeiter verteilen sich auf sämtliche Branchen der Stadt. Sie haben Arztpraxen, arbeiten für Versicherungen, eröffnen Bankfilialen, verkaufen Autos oder beraten andere Unternehmer. Die Gründe für den türkischen Gründerboom, der sich in Berlin vor allem in den 90er Jahren abspielte, waren vielfältig: Es gab viele arbeitslose Türken, die nichts zu verlieren hatten. Gleichzeitig machten immer mehr Sprösslinge Berufs- und Schulausbildungen. Und auch das immerwährende Gerede von der Rückkehr in die Heimat wurde mit den Jahren leiser oder verlor an Bedeutung. Die Bereitschaft, etwas zu wagen, war groß. Und ist es offenbar heute noch.

Ich hatte die gleichen Chancen und Hürden wie andere auch

Eine Gründerquote unter Türken von etwa zehn Prozent macht Unternehmensberater Emre Kiraz aus. Ja, die hohe Quote entstehe durch die Not mancher Türken. Sie entspreche aber auch ihrer Mentalität: „Das sind geborene Dienstleister“, sagt Kiraz.
Was aber unterscheidet die türkischen Aufsteiger von ihren deutschen Kollegen? Und was können beide Seiten womöglich voneinander lernen? Zunächst einmal ist festzuhalten: Die Gruppe der Selbstständigen türkischer Herkunft ist alles andere als homogen. Sie unterscheiden sich in ihren verschiedenen Glaubensrichtungen (Aleviten, Sunniten oder andere), oder verstehen sich als eigene ethnische Gruppen (z. B. Kurden, Zaza) und sind natürlich, jeder für sich, verschiedene Persönlichkeiten.
Es ist schwer, sie pauschal zu beschreiben, doch man kann sie in zwei Unternehmergruppen unterscheiden. Die einen beziehen ihre Kundschaft noch immer überwiegend aus der türkischen Gemeinschaft und schneiden ihre Angebote auf sie zu. Sie legen Wert auf türkische Attribute und bieten Dienstleistungen „à la Turca“ an. Die anderen könnten genauso gut Heinz Müller heißen, wenn man sich ihr Firmenprofil ansieht. So wie der Chef der „BOS Spedition“, Osman Sönmez.

Auf die Frage, ob es etwas gibt, das türkischstämmige und deutsche Unternehmer unterscheidet, will er gar nicht antworten. Für ihn ist das einfach kein Thema. Er ist Unternehmer. Punkt. Sönmez leitet ein Transport- und Logistik-unternehmen am Berliner Großmarkt. Bei ihm werden Lebensmittel sortiert, etikettiert, auf 2200 Quadratmeter Kühlfläche gelagert und auf Tour geschickt. Der gelernte Versicherungskaufmann leitet einen Dreischichtbetrieb mit 103 festen Mitarbeitern und 7,5 Millionen Euro Nettoumsatz im Jahr. Auch seine Geschichte klingt wie die vom Tellerwäscher, der es zum Millionär brachte.

Als Sohn von Gastarbeitern kam er 1971 mit acht Jahren nach Berlin. Mit 25 Jahren kaufte sich Sönmez einen Daimler-Benz 809, es war die Idee seines besten Freundes. Beide fuhren mit dem Lkw „alles Mögliche“ aus. Das Geschäft lief nach der Wende richtig gut, so gut, dass Sönmez wenige Jahre später einen zweiten Lastwagen kaufte und seinen ersten Mitarbeiter einstellte. Das war 1993. Heute verfahren seine Mitarbeiter 160 000 Liter Sprit im Monat. „Wir haben uns als zuverlässige Partner bewährt“, erklärt Sönmez den steilen Weg nach oben.

Fast alle Angestellten bei der BOS Spedition sind Deutsche. „Auch geschäftlich haben wir mit Türken leider sehr wenig zu tun“, sagt Sönmez. Bei seinen Landsleuten seien seine Dienstleistungen nicht sehr gefragt. „Die kaufen sich lieber selber einen LKW, wenn sie einen Transporter brauchen“, sagt er, „sie glauben, das sei billiger“.

Soziologisch gesehen könnte der 45-Jährige wunderbar als Musterbeispiel für gelungene Integration herhalten. Doch solche Zuschreibungen scheinen ihm nicht zu gefallen. „Ich hatte die gleichen Hürden und Chancen wie andere auch“, sagt er zum Thema Herkunft und Erfolg, „ich habe keine Nachteile als Türke erfahren“. „Für meine Eltern war es noch verboten, sich selbstständig zu machen“, sagt er. Sie waren lediglich als Gastarbeiter da und mussten einen entsprechenden Vertrag mit einem Arbeitgeber vorweisen. „Da gab es einen entsprechenden Stempel im Pass.“ Die Zeiten seien zum Glück vorbei. Seit 1985 wurden die Regelungen schrittweise aufgehoben.

Allerdings können nach wie vor Türken nicht ohne Weiteres ein Unternehmen in Deutschland aufmachen. Diese Erfahrung musste auch Yusuf Oktar machen. Er kam 1998 nach Deutschland, wegen seiner Frau, die in Kreuzberg einen Friseursalon besitzt. Oktar hat in der Türkei Chemie studiert und ist Marmormeister. Doch in Deutschland habe er für drei Jahre nicht arbeiten dürfen, weil seine Frau einen türkischen Pass hat. Firmen seien mit ihm sogar eigens zur Agentur für Arbeit gegangen, weil sie nur ihn anstellen wollten – vergebens. Als er dann arbeiten durfte, durfte er sich nicht selbstständig machen. Also jobbte er bei McDonald‘s. Irgendwann war der Weg in die Selbstständigkeit frei, doch nicht unbeschränkt. Er hätte gerne einen Baubetrieb aufgemacht, aber seine Zertifikate aus der Türkei wurden in Deutschland nicht anerkannt. Also machte er einen Dönerladen in Wilmersdorf auf. Den verkaufte er und öffnete daraufhin ein Restaurant in Pankow. Auch das ist inzwischen verkauft, weil Oktar unbedingt in die Baubranche wollte. „Das wollte ich schon die ganze Zeit, aber Deutschland ließ mich nicht.“ Mit seiner neuen Firma YO Immo + YO Bau versucht er sich darin, Immobilien in Deutschland aufzukaufen und gewinnbringend wieder zu verkaufen.

Ich wollte in die Baubranche, aber Deutschland ließ mich nicht

Ob die Geschichte zu einer Erfolgsgeschichte wird, muss sich zeigen. Aber Erfolgsgeschichten schreiben türkischstämmige Unternehmer in jüngster Zeit viele. So wurden in den vergangenen Jahren Bücher mit Portraits von ihnen verlegt und sie wurden zunehmend zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. 2005 veröffentlichte das Zentrum für Türkeistudien im Auftrag des Berliner Senats ein Papier, wonach türkischstämmige Unternehmer in Berlin durchschnittlich 44 Jahre alt sind, seit 26 Jahren in Deutschland leben und überwiegend Kinder von Einwanderern sind. Rund die Hälfte besitze die deutsche Staatsbürgerschaft. Ein Fünftel von ihnen seien Frauen.

Das Wirtschaftsprüfungsunternehmen Pricewaterhouse Coopers (PwC) hat erst vor wenigen Monaten eine bundesweite Studie veröffentlicht, worin türkischstämmige Unternehmer als „eine der wichtigen Säulen des wirtschaftlichen Erfolgs“ bezeichnet werden. Sie würden dazu beitragen, Deutschland als führende Exportnation zu etablieren. Bei der Untersuchung wurden 150 Teilnehmer danach gefragt, welche Stärken und Schwächen sie bei sich und den deutschen Kollegen wahrnehmen. Das Ergebnis: Über die Hälfte der Befragten nannten Leistungsmotivation, Risikobereitschaft und Hartnäckigkeit, als spezifisch türkische Stärken, jeder dritte Mehrsprachigkeit und kulturelle Anpassungsfähigkeit. Als eigene Schwächen sehen sie demnach Sprachschwierigkeiten, zu viel Konzentration auf die eigene Community und Probleme bei der Buchhaltung oder Kalkulation. Gerade deshalb schätzen laut Studie die meisten türkischen Selbstständigen „deutsche Tugenden“ wie Ordnung, Pünktlichkeit, Disziplin und Zahlungsmoral sehr.

Der Leiter des „Bildungswerks in Kreuzberg“ (BWK), Nihat Sorgec, kann viele dieser Zuschreibungen aus eigener Erfahrung bestätigen. „Bis zu 70 Prozent der türkischen Existenzgründer scheitern oder geben nach kurzer Zeit auf“, sagt er. Denn nur wenige würden sich die Zeit dafür nehmen, eine Bedarfs-analyse oder einen Finanzplan zu erstellen. „Diejenigen, die es trotzdem schaffen, sind wirklich sehr leistungsorientiert, flexibel und profitieren von dem starken Familienzusammenhalt unter türkischen Verwandten.“ Nihat Sorgec weiß, wovon er spricht. Er hat beruflich ständig mit Selbstständigen zu tun. Und er hat ein Unternehmen gegründet, das ihm nicht nur Erfolg, sondern auch ein klein wenig Ruhm einbrachte.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat ihn vergangenes Jahr beehrt. Der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau war ebenso in seinem Betrieb wie Klaus Wowereit, der Regierende Bürgermeister. Denn Sorgec hatte vor über 20 Jahren eine Idee, die so simpel wie zündend war, dass sie heute als Vorbild gilt: Er hat eine Bildungseinrichtung in einem Brennpunktviertel gegründet, deren Angebote sich vor allem an Arbeitslose und sozial benachteiligte Jugendliche richtet. Auf 7000 Quadratmetern lässt er im BWK Schweißer, Frisöre, Hotelfachleute und andere Berufe lehren.

Die Bedürfnisse von Türken wurden von deutschen Unternehmen nicht befriedigt

Das Besondere an dem Angebot: Indem Sorgec die Dienstleistungen am Markt anbietet, die von den Auszubildenden erlernt werden, ermöglicht er ihnen eine günstige Ausbildung. Er arbeitet in Symbiose mit dem Kiez. Kreuzberger können im BWK-Shop für ihren täglichen Bedarf einkaufen, während die jungen Verkäufer ihre erste Praxiserfahrung im Einzelhandel machen. Günstiges Mittagessen gibt es im „Casino“, einer Art Volksmensa für Passanten, mit Biergarten für den Sommer. Hinter der Theke: Azubis. Und wer einen günstigen Cateringservice für seine Party braucht, kann das ebenfalls dank der Lehrlinge haben. Das Konzept geht auf: Rund 700 Jugendliche und Erwachsene sind heute in BWK-Lehrgängen untergebracht. Um das Arbeitspensum zu stemmen, hat Sorgec inzwischen 100 Mitarbeiter angestellt.

Der Türke aus Antakya hat in den knapp dreißig Jahren, die er in Deutschland lebt, eine Erklärung für den Aufstieg der türkischstämmigen Unternehmer gefunden: „Die ersten Geschäfte sind vor allem deshalb entstanden, weil die Bedürfnisse der Türken von deutschen Läden und Unternehmen nicht befriedigt wurden“, sagt Sorgec. Viele typische Obst- und Gemüsesorten seien in Deutschland in den 70er Jahren nirgends zu bekommen gewesen, wie etwa Auberginen. „Also haben viele, die dem Fließband entkommen wollten, einen Gemüseladen eröffnet.“

Auch Kadir Sahins Unternehmensidee ist aus der Not geboren. Denn als Sahins Vater vor über zwanzig Jahren starb, ging sein Sarg auf dem Weg in die Türkei verloren. Das deutsche Bestattungsunternehmen war auf internationale Transporte nicht eingestellt, die Mitarbeiter hatten keine Ahnung, was schief gelaufen war. Sahin musste selbst bei der Lufthansa anrufen, um herauszufinden, dass der Sarg fälschlicherweise in Frankfurt auf seine Abholung wartete. „Das war eine Katastrophe“, meint der 50-Jährige heute. Nach islamischen Regeln muss eine Leiche am Tag nach dem Tod, spätesten aber nach drei Tagen beerdigt sein. „Das konnten deutsche Bestattungsunternehmen gar nicht leisten.“

Seit damals ist Sahin im Geschäft und versucht, die religiösen Auflagen reibungsfrei zu erfüllen. Zusammen mit einem Partner hat er in Neukölln die erste Bestattungsfirma der Hauptstadt gegründet, die den kompletten Bedarf für eine islamische Leichenfeier anbietet: Einen Raum für die rituelle Waschung, einen für das Gebet der Angehörigen gen Mekka, einen Kühlraum und ein steriles Büro mit Mustersärgen, auf denen grüne Tücher mit bestickten Koranfersen liegen.

Von den rund hundert Aufträgen, die das „Zentrum für islamische Bestattungen“ im vergangenen Jahr hatte, kamen drei von deutschen Konvertiten, die meisten seiner Kunden seien jedoch Araber, Türken und Muslime aus dem Balkan. Deswegen hat er inzwischen auch einen arabischen Mitarbeiter. „Wir bieten etwas an, was unsere Kunden bei deutschen Kollegen nicht finden“, sagt Sahin. Sein Unternehmen organisiere alles, bis hin zum Friedhofsplatz im Ausland, wobei er die Familien immer genau über den Verlauf der Überführung informiere. Außerdem seien Beratung zu Erbansprüchen und Hilfe bei Sozialanträgen im Preis inbegriffen. „Wenn in türkischen Familien der Ernährer zuerst stirbt, sind die Hinterbliebenen meist ratlos“, so Sahin. Die müsse man eine Zeit lang bei behördlichen Angelegenheiten betreuen.

Viele Türken, die Dienstleistungen in der ethnischen Ökonomie anbieten, müssen eine solche inklusive Rundumberatung anbieten. So auch Melek Temel, die vor zwei Jahren in Kreuzberg den „interkulturellen Pflegedienst Anna“ gründete. Sie muss türkischen Rentnern oft erst erklären, was Altenpflege überhaupt bedeutet. „Manche denken, wir seien ein mobiler Putzdienst“, sagt die 40-jährige, zierliche Frau. Außerdem wüssten viele Familien gar nicht, dass ihre Arbeit zu großen Teilen nicht von ihnen, sondern vom Staat bezahlt wird. „Das glauben mir manche gar nicht“, sagt sie und lacht. Außerdem müsse sie ihren Kunden viel „Papierkram“ abnehmen, wie etwa die Post übersetzen oder Anträge ausfüllen.

Das türkische Klientel hat besondere Bedürfnisse, die sich vor allem auf der zwischenmenschlichen Ebene abspielen: „Man kann bei unseren Kunden nicht ankommen und sofort mit der Arbeit loslegen“, sagt Temel in ihrer Zentrale, einem kleinen Laden in der Gneisenaustraße. Die betagten Damen und Herren würden erwarten, dass man sich zuerst hinsetzt, einen Tee mit ihnen trinkt und über das Befinden redet. „Und wenn sie gerade leiden, weint man eben mit ihnen“, sagt Temel. Auch deutsche Rentner seien auf den Geschmack der türkischen Fürsorge gekommen – unter Temels Kunden seien derzeit einige Deutsche, die ausdrücklich zu einem türkischen Pflegedienst wollten. Doch die Mehrheit der 30 Patienten, die Temel und ihre sieben Mitarbeiter betreuen, sind Türken. „Sie genieren sich oft lange vor Fremden. Aber wenn man das überwunden hat, wünschen sie sich ein sehr familiäres Verhalten“, sagt die Unternehmerin. Es sei nicht immer leicht, eine professionelle Distanz zu wahren, doch das sei eben die Herausforderung.

Mit der muss auch der Allgemeinmediziner und Diabetologe Sohrab Fahimi umgehen. Diabetologie sei eine „sprechende Medizin“, bei der er viel auf die Patienten eingehen muss. In der alten Praxis am Kottbusser Tor waren 90 Prozent der Patienten türkischer Abstammung. Inzwischen ist der Anteil auf 50 Prozent gesunken, seit er mit der Praxis, die er zusammen mit seinem Vater betreibt, in das Gesundheitszentrum Bergmannstraße umgezogen ist. Aber noch immer bietet er Schulungen in türkischer Sprache an.
Die speziellen Bedürfnisse der Muslime stellen die Gesundheits- und vor allem die Pflegebranche schon heute vor neue Herausforderungen. Denn anders als früher erwartet, sind viele Migranten in Deutschland geblieben, nachdem sie aus dem Berufsleben ausgeschieden sind. Einige wollen bei ihren Kindern bleiben, die hier Familien gegründet haben. Andere schätzen gerade im Alter das deutsche Gesundheitssystem. Im Jahr 2030 sollen schätzungsweise ein Viertel der in Deutschland lebenden älteren Menschen Einwanderer sein. „Und viele von ihnen sind allein“, berichtet Temel von ihren Erfahrungen, „auch, wenn man das bei Türken nicht denkt“.

Die türkische Community ist in der Gesellschaft benachteiligt

So kommt es, dass die Branche boomt. Die Zahl der Unternehmer, die in der sogenannten „kultursensiblen Altenpflege“ eine Marktlücke für sich entdeckt haben, wächst. Dreizehn ambulante Kranken- und Altenpflegedienste von Türkischstämmigen gibt es derzeit in Berlin. „Das Geschäft läuft fast von selbst“, sagt Melek Temel. Sie hatte zunächst Erfahrungen in einem anderen türkischen Betrieb gesammelt, eine Schulung gemacht und ihren eigenen Pflegebetrieb eröffnet. „Und seitdem wachsen wir und wachsen.“ Allerdings: Ohne die Hilfe ihrer Schwester und ihres Schwagers wäre das der alleinerziehenden Mutter nicht gelungen. Der Laden lebe vom Zusammenhalt der Familie. Auch aus der Sicht der Befragten in der PwC-Unternehmerstudie ist das ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal gegenüber deutschen Kollegen. Nach Ansicht von 81 Prozent können sich türkische Unternehmer eher auf die Unterstützung durch ihre Familien verlassen, als deutsche.

Ein Großteil der türkischen Berliner Geschäftsleute, knapp 6000, sind bei der Industrie- und Handelskammer organisiert. Doch die Newcomer haben auch eigene Lobbys gegründet, wie den Verein Türkische Unternehmer und Handwerker aus Neukölln (TUH-Berlin) oder die Türkisch-Deutsche Unternehmervereinigung Berlin-Brandenburg (TDU) in Wilmersdorf. Seit sich die TDU 1996 gegründet hat, konnte sie ihre Mitgliederzahl auf 280 Mitglieder verzehnfachen, darunter auch einige Deutsche. Nur warum haben sie das Bedürfnis, sich ethnisch zu organisieren?

„Die türkische Community ist in der Gesellschaft benachtei-ligt“, sagt Hakan Authman, Pressesprecher des Lobbyverbands. Viele Existenzgründungen kämen auch aus der Not. Deshalb hätten die Existenzgründer, die oft völlig neu in die Branche einsteigen, mit einer Vielzahl von Problemen zu kämpfen. „Die türkischstämmigen Mitglieder in der TDU versuchen, die Benachteiligung im wirtschaftlichen Bereich zusammen mit den deutschen Kollegen zu bewältigen“, sagt Authman. Die deutschen Mitglieder würden im Gegenzug dafür ihre wirtschaftlichen Beziehungen zu türkischen Unternehmern und zur türkischen Bevölkerung intensivieren. „Beide profitieren davon unmittelbar.“ Die TDU wünscht sich von der Politik, dass sie „bessere Rahmenbedingungen für Existenzgründer aus Einwandererfamilien schafft.“ Das sei „eine Investition in die Zukunft unseres Landes“, sagt Authman. Deutschland brauche mehr Menschen mit Unternehmergeist – die weniger Auflagen und bessere Informationen erhalten sollen.

Hidir Güneser hat der Unternehmergeist erst mit 45 Jahren gepackt. Güneser ist ein einfacher Mann. Er gehört zu jenem Drittel der türkischstämmigen Manager, die keine Berufsausbildung haben. Der heute 47-jährige Arbeiter aus der Türkei hat in Deutschland viele Jahre als ungelernte Fachkraft auf dem Bau malocht und in Druckereien gejobbt. Nach Leuten wie ihm wurde auf dem Arbeitsmarkt nicht gerade gesucht. Also verschaffte er sich selbst Arbeit. „Nicht unbedingt aus Verzweiflung, aber schon aus Not.“
Er hatte gehört, dass der Festsaalbetrieb eines türkischen Bekannten den Pächter wechselt. „Da habe ich spontan reagiert und einen Kredit aufgenommen.“ – So wurde Güneser mal eben Unternehmer. Seit zwei Jahren organisiert er in den „Nostalgie Festsälen“ am Askanierring westlich von Tegel alles, was seine bunt gemischte Kundschaft bucht. Der Karnevalsclub Spandau feiert hier regelmäßig, auch die örtliche Polizei war hier schon und Türken, deren Söhne bei einer Party ihre Beschneidung erhalten. Im großen und kleinen Saal arrangiert Güneser getrenntgeschlechtliche Polterabende, Hochzeiten, Abibälle, Betriebsfeiern, je nach Wunsch mit gedämpftem Licht und weiß überzogenen Stühlen oder bunten Partykugeln und silbern glänzenden Vorhängen an der Wand.

„Die meisten meiner Kunden sind Deutsche und Osteuropäer“, sagt Güneser. Doch so eine Kundschaft müsse man sich erarbeiten. Er werde weiterempfohlen, manchmal schalte er aber auch Werbung in Lokalblättern. Denn Unternehmer wie er, mit starkem Akzent und einem ausländischen Namen, hätten es nicht gerade leicht, sagt er, „da gibt es oft Vorurteile“. Doch der positiv gestimmte Anatole steuert mit „typisch türkischen“ Attributen unbeirrt auf die Mehrheitsgesellschaft zu. „Wir rechnen nicht immer jedes einzelne Glas ab“, sagt er, „wir sind flexibel und machen alles möglich.“ Er will bald den großen Saal für 1500 Personen ausbauen lassen. Wer so große Partys feiert? „Die Türken von der Schwarzmeerküste, die aus Giresun, die aus Samsun…“ Türkische Lokalvereine, die meist große Familiensippen mitbringen, sind seine neue Zielgruppe.

Wir rechnen nicht jedes Glas einzeln ab, sondern sind flexibel

Eine Beratung habe Güneser sich bislang nicht leisten können, sagt er bedauernd. „Ich weiß, dass kann sich richtig lohnen, aber ich komme auch so zurecht“. Laut der aktuellen Umfrage von PwC hat sich gerade mal rund ein Drittel der türkischstämmigen Unternehmer an eine Unternehmensberatung gewandt.

Türkische Unternehmer unterscheiden sich von deutschen, wenn es darum geht, sich Hilfe bei Beratern zu holen, hat Steuerberaterin Sürreyya Inal erkannt. Trotz ihrer Probleme entscheiden sie sich nur kurzfristig und oft viel zu spät dazu. „Wenn ich Glück habe, ruft der Unternehmer an und sagt: Ich unterschreibe in fünf Stunden einen Vertrag. Wenn ich Pech habe, sagt er: Ich habe gerade einen Vertrag unterschrieben.“

Fakt ist: Türkische Unternehmer sind bestens integriert und vom Berliner Markt nicht mehr wegzudenken. Die Karrieren der türkischen Namensträger haben vielfältige Ursprünge: Die einen arbeiten vor allem für, die anderen am liebsten nur mit ihren Landsleuten. Wieder andere wollen gar nichts mit der ethnischen Ecke zu tun haben und sehen sich lieber als Geschäftsleute wie jeder andere auch. Das Motto des neuen „Made in Germany“ könnte doch lauten: „Mit deutscher Disziplin und türkischem Herz.“

Ferda Ataman
Mitarbeit: Matthias Jekosch, Anne Labinski und Lina Staubach

Übersetzung: Bülent Bilik



Aus der Ausgabe 5 / 2009

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