Abschied und Neubeginn

Wie junge Unternehmen sich nach der Trennung von einem Mutterkonzern mit einer neuen Firma erfolgreich am Markt behaupten
Vom Angestellten zum Chef: Merten Bulst (links) und Thorsten Winter wagten den Schritt in die Selbstständigkeit. Foto: promo

Tschüss Chef. Tschüss Aktionshaus eBay. Wir gehen und machen uns selbstständig.“ Ganz so direkt werden es Christian Koeper und Stefan Friemel wahrscheinlich nicht ausgedrückt haben. Aber sie haben den Sprung ins kalte Wasser gewagt, ihre festen Jobs aufgegeben und das Abenteuer Selbstständigkeit gewagt.

Das Ergebnis ihrer bisherigen Arbeit kann sich sehen lassen. Die beiden betreiben erfolgreich die Internetplattform „daparto.de“ mit Firmensitz in Berlin. Das Onlineportal vermittelt in erster Linie Ersatz- und Tuningteile für Autos. Auch in diesem Bereich gilt, dass Ersatzteile im Internet deutlich billiger sind als in Werkstätten. Diesen großen Markt wollen Friemel und Koeper transparent machen. Die beiden haben sich als Mitarbeiter des Internetkaufhauses „eBay“ kennen gelernt, haben dort jahrelang zusammen im Bereich „Automobil“ gearbeitet und sind seitdem ein eingeschworenes Team. „Wir haben so oft Vorschläge gemacht, wie der Onlinehandel im Automobilbereich optimiert werden kann“, sagt Koeper. „Leider haben unsere Ideen kaum gefruchtet. Es gab so gut wie keine Veränderungen. Ich vermute, dass ein Konzern  wie eBay bei solchen Entscheidungen einfach zu schwerfällig ist.“ Mit der Unzufriedenheit wollten er und sein Kollege nicht leben.

Firmeninfo
| assona |
Geschäftsführer: Merten Bulst und
Thorsten Winter
Adresse: Lorenzweg 5,
12099 Berlin
Umsatz: k. A.
Mitarbeiter: 58
Telefon: 0180 / 535 54 51
Web: www.assona.de

Koeper und Friemel beschließen, ihr Wissen und ihr Können zusammenzuwerfen und den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. „Wir haben erst einmal klein als Berater angefangen. Aber der Plan, diese Plattform ins Leben zu rufen, existierte natürlich schon von Anfang an. Schließlich wollten wir ja die Dinge anders machen, die uns bei unserem vorherigen Arbeitgeber gestört haben. Dafür mussten wir allerdings eine GmbH gründen, was ja in Deutschland nicht so ganz einfach ist“, sagt Koeper.

Diese Hürde meistern sie mit Unterstützung. Sie holen sich unter anderem das Technologie-Coaching-Center (TCC) ins Boot. Das bietet jungen Unternehmen ein subventioniertes Coaching in Form von Beratertagen an, quasi die Hilfe zur Selbsthilfe. Maximal können Existenzgründer 20 Beratertage in Anspruch nehmen. Die Regeln dafür sind klar definiert: Das Unternehmen muss in Berlin angesiedelt sein, es muss technologieorientiert sein und ein Alleinstellungsmerkmal haben. „Die Entscheidung darüber ist nicht immer ganz einfach. Am Ende zählt, dass ein Nischenprodukt auf den Markt gebracht werden soll. Außerdem ist es für uns maßgeblich, dass in mittelfristiger Zukunft neue Arbeitsplätze entstehen“, erläutert Ines Kretschmar vom TCC. Alle diese Voraussetzungen haben Koeper und Friemel erfüllt. Selbst neue Arbeitsplätze haben die beiden inzwischen geschaffen: Ihr Team besteht derzeit aus fünf Leuten, die sich alle bei eBay kennen gelernt haben.

Der Zeitpunkt, sich zu lösen, war richtig

Den Schritt der Ausgründung würden die beiden jederzeit wieder riskieren. Selbst, wenn Christian Koeper die Zeit zurück drehen könnte, würde er nichts anders machen. „Der Zeitpunkt, sich von Ebay zu lösen, war genau richtig. Wir gehen schließlich beide stramm auf die 40 zu“, sagt der Unternehmer. Von den ehemaligen Kollegen haben er und Friemel in erster Linie Respekt geerntet. „Die meisten waren beeindruckt, dass wir unseren Weg so konsequent gegangen sind. Allerdings wussten wir auch, worauf wir uns einlassen, schließlich kannten wir das Geschäft schon eine Weile“, sagt Koeper. Vom Mutterunternehmen selbst gab es keine Reaktion. „Ich vermute aber, dass man uns nicht gern gehen ließ. Schließlich haben wir doch viel Wissen, Können und einen ganzen Schatz an Erfahrungen mitgenommen. Aber Steine hat man uns nicht in den Weg gelegt.“

Pläne für die Zukunft haben die beiden Geschäftsführer reichlich. Sie setzen im Moment stark auf den Aspekt „Internationalisierung“. Das Angebot der Plattform gibt es bisher nur in deutscher Sprache. Dennoch wird es bereits auch von ausländischen Autowerkstätten und Mechanikern zum Beispiel in Polen, Costa Rica und Japan genutzt. Das Geschäft mit diesen und anderen Ländern soll in Zukunft noch stärker ausgebaut werden.

Die Firma daparto.de ist nicht das einzige Beispiel für eine erfolgreiche Ausgründung eines Unternehmens. Obwohl weder die Industrie- und Handelskammer noch der Unternehmerverband Berlin eine Statistik über Firmenausgründungen erheben, fällt auf, dass diese keine Seltenheit sind. „Es kommt sogar relativ häufig vor, dass wir diese Unternehmen fördern und unterstützen“, erklärt Ines Kretschmar vom Technologie Coaching Center. „Es ist aber die Regel, dass Firmen und die Unternehmer in spe hier an einem Strang ziehen. Das bringt neue Optionen und Vorteile mit sich.“ Kretschmar ist sich sicher, dass neue Entwicklungen, Produkte oder Dienstleistungen nach einer Ausgründung besser vermarktet werden können. Man habe mit einer Ausgründung die Chance, aus dem Schatten des Mutterunternehmens herauszutreten und zum Beispiel eine neue Marke gut zu etablieren. „Dabei können wir ganz unterschiedlich helfen“, sagt Kretschmar. „Bei uns lernen die Neuunternehmer alles über den Businessplan, das Controlling und das Marketing. Wir versuchen den gesamten kaufmännischen Bereich abzudecken.“

Wir haben viel Wissen, Können und einen Schatz an Erfahrungen mitgenommen

Die einzelnen Schritte einer Ausgründung ähneln denen einer Existenzgründung, nur dass die Unternehmer im besten Fall bereits ein leistungsstarkes Unternehmen im Rücken haben. Trotzdem sollte ein Businessplan geschrieben und die Rechtsform der Firma abgestimmt werden. Dazu kommen ein Finanzplan und nach Möglichkeit ein Kommunikationskonzept.

Existenzgründer – oder besser gesagt „Ausgründer“ – können sich unter anderem vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie fördern lassen. Das EXIST-Stipendium unterstützt zukünftige Geschäftsleute aus Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Es wird durch den Europäischen Sozialfonds kofinanziert. Außerdem kann die Investitionsbank Berlin (IBB) Ausgründer unter Umständen auch mit Fördergeldern unter die Arme greifen.

Die Liste der Ausgründungen in Berlin ist lang. Die Charité zum Beispiel hat Tochterfirmen, die zwar selbstständig agieren, aber trotzdem zum Unternehmen gehören. Dazu gehören die Charité Research Organisation (CRO) und die Gesundheitsdienstleistungsgesellschaft, beides hundertprozentige Tochterunternehmen der Charité-Universitätsmedizin Berlin.
Ein weiteres Beispiel für eine Ausgründung ist die assona GmbH. Die ehemalige Jamba!-Tochter, die früher unter dem Namen „Jamba-Servicegesellschaft“ tätig war, hat vor zwei Jahren den Sprung in die Selbstständigkeit geschafft. Es war eine Entscheidung der Unternehmensführung, die Tochter auszugliedern und separat arbeiten zu lassen. Das Unternehmen ist heute ein Dienstleister für Zusatzversicherungen. Es bietet Schutzbriefe, Zusatzgarantien und Garantieverlängerungen für Handys und mobile sowie stationäre Elektronik an. Inzwischen ist assona im deutschsprachigen Raum Marktführer und zählt mehr als anderthalb Millionen Kunden.

„Wir waren uns schon zu Beginn darüber im Klaren, was uns erwarten wird. Deshalb war die Entscheidung nur bedingt ein Risiko für uns“, sagt Merten Bulst, einer der beiden assona-Geschäftsführer. „Außerdem war uns das Business ja nicht neu. Wir wussten, dass wir uns auf einen Bieterwettbewerb einzustellen haben.“

Diese Auslagerung von assona ist ein typisches Beispiel, wie Konzern und Neuunternehmen erfolgreich an einem Strang ziehen können. Zum Start bekam die neue Firma Büroflächen zur Verfügung gestellt und die Ressourcen im Bereich IT verstärkt. Zudem erhielt das Unternehmen Unterstützung bei der Unternehmenskommunikation und Pressearbeit. Die Jamba! GmbH hat sich außerdem dafür eingesetzt, dass alle Mitarbeiter in dem neuen Unternehmen unterkommen. „Es war für uns anfangs nicht einfach, einen Investor zu finden, der sich auf diese Forderung einlässt“, sagt Bulst. Trotzdem ist der Schritt gelungen. Das Tochterunternehmen wurde im Jahr 2007 verkauft, alle 30 Mitarbeiter haben aber ihre Stellen behalten. Heute arbeiten sogar mehr als 50 Mitarbeiter für das Unternehmen.

Wir wussten, was uns erwartet

Die damals gegründete Firma darf den Namen „Jamba-Service-GmbH“ noch genau ein Jahr tragen. Danach müssen die Markenrechte abgegeben werden. Das stört Geschäftsführer Bulst aber nicht. „Jamba ist eine starke Marke“, sagt er. „Aber sie passt nicht zu dem, was wir heute anbieten. Unter dem Namen assona haben wir eine deutliche größere Chance, uns zu positionieren und zu vermarkten.“ Der Markenrelaunch ging im September 2008 über die Bühne.

Die Beispiele zeigen, dass Ausgründungen neue Chancen bieten können. Sie ermöglichen die Neuorientierung einer Firma oder die Positionierung neuer Produkte. Im besten Fall trennt sich ein Unternehmen von Abteilungen und arbeitet danach trotzdem mit ihnen zusammen. Für die Geschäftsführer liegen die Vorteile auf der Hand: Die Mitarbeiter, das Können und die Qualität der Arbeit sind bekannt. Anders als bei komplett neuen Unternehmen ist bekannt, was von der anderen Seite zu erwarten ist. Auf der anderen Seite können zum Beispiel im IT-Bereich Kosten gespart werden.

Sandra Fritsch


Aus der Ausgabe 10 / 2009

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