Wenn Ideen zu Geld werden
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Bringen Menschen erfolgreich zusammen: Stefanie Hoffmann und Roman Hänsler - zwei von fünf aka-aki-Gründern. Foto: Kitty Kleist-Heinrich |
Man stelle sich folgende Szene einmal vor: Man geht auf eine Party, irgendwo in der Stadt, und trifft jemanden, den man noch nie zuvor gesehen hat. Bei ein, zwei Drinks unterhält man sich und merkt, dass man unglaublich viele Gemeinsamkeiten hat – die gleichen Hobbys, die gleiche Vorliebe für Filme oder Bücher, den gleichen Biergeschmack. Und nach stundenlanger Unterhaltung fällt plötzlich dieser Satz: „Wie, du wohnst auch in der Hamburger Straße 64?“ Man ist seinem Nachbarn begegnet, ohne ihn jemals zuvor gesehen zu haben und ohne zu wissen, dass er genauso tickt wie man selbst. So ging es Gabriel Yoran.
Der damals 29-jährige Student fragte sich, wie man diesem Nachbarn wohl hätte eher begegnen können, und gemeinsam mit vier Kommilitonen machte er sich daran, eine Lösung zu finden. Eine Geschäftsidee war geboren. Heute leitet er zusammen mit Stefanie Hoffmann die Firma aka-aki networks GmbH, die ein Team von rund 20 Mitarbeitern beschäftigt. Damit ist die Firma eine von über 23 000 zumeist kleinen und manchmal auch mittelgroßen Unternehmen, die die Berliner Kreativwirtschaft bilden.
Der Wirtschaftszweig, mit dem die Stadt gern in Imagebroschüren und Werbekampagnen für sich wirbt, ist so vielfältig und bunt wie die Ideen, die dort entstehen. Wer diese in Produkte und Dienstleistungen verwandelt und sie verkauft, gehört dazu – vom künstlerisch tätigen Einzelunternehmer bis hin zum Verlag oder Fernsehsender, der sich auf dem Weltmarkt bewegt.
Der Berliner Senat grenzt den Begriff genauer ein und zählt die Kernbranchen Musik-, Film-, Rundfunk- und Designwirtschaft, den Buch-, Kunst-, Architektur-, Presse- und Werbemarkt sowie die Darstellende Kunst und die Software- und Gamesindustrie zur Kreativwirtschaft.
Mehr als 20 000 Unternehmen produzieren kreative Dienstleistungen und Produkte
Mit ihren Attributen jung, innovativ, erfolgreich entsprechen die Gründer von aka-aki dem Bild der Berliner Kreativszene. Ihr Büro in der Hessischen Straße in Mitte strahlt WG-Atmosphäre aus. Die Jungunternehmer sagen, dass es ihnen nicht nur um den Gewinn gehe. Sie erfüllten sich hier auch ihren Traum von Freiheit und Selbstverwirklichung.
Nicht jede Neugründung in Berlins Kreativbranche liest sich wie die Erfolgsgeschichte von aka-aki. Die Kreativmetropole Berlin ist auch Heimat zahlreicher Denker und Tüftler, die auf ihren Ideen sitzen bleiben und nicht wissen, wie sie sie zu Geld machen sollen. Nicht jede Idee ist schließlich genial und nicht für jedes „next big thing“ ist die Welt auch schon bereit.
Für aka-aki war sie es offensichtlich. Das Unternehmen bietet einen Onlinedienst fürs Handy an, mit dem man Menschen in der Nähe orten kann, die dieselben Interessen haben wie man selbst. Das Programm erkennt andere aka-aki-Nutzer in der Umgebung und zeigt deren Profil mit Foto und ihren Interessen an. So hat man auf seinem Handy alle Menschen versammelt, die sich gerade in der der S-Bahn, im Supermarkt oder auf der Straße tummeln und beispielsweise auf kanadisches Kino stehen, Bierdeckel sammeln oder Fan von den Sex Pistols sind.
„Wir wollten Menschen im echten Leben miteinander verbinden, die sich sonst nur durch einen großen Zufall oder in den Social Communitys im Internet gefunden hätten“, sagt Stefanie Hoffmann. Die 32-Jährige ist eine der fünf Gründer, die beim Diplomprojekt an der Universität der Künste mitgemacht hat – dort, wo alles begann. Es war 2006 – eine Zeit, in der Social Networks und das Web 2.0 überall gehypt wurden. aka-aki schuf ein Angebot, bei dem es nicht bei der unpersönlichen Bildschirmbekanntschaft bleibt, denn: „Ansprechen muss man die Leute schon noch selbst, wenn man mit ihnen in Kontakt treten möchte“, erklärt Roman Häusler, der die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei dem Start-up macht.
aka-aki sucht Softwareentwickler Frogster sucht Programmierer
Geschäftsführer: Stefanie Hoffmann,
Gabriel Yoran
Adresse: Hessische Straße 11,
10115 Berlin
Mitarbeiter: rund 20
Telefon: 030 / 28 88 67 66
Web: www.aka-aki.com
Frogster Interactive Pictures AG
Vorstand: Christoph Gerlinger,
Andreas Weidenhaupt, Dirk Weyel
Adresse: Hardenbergstr. 9 A,
10623 Berlin
Mitarbeiter: über 80 in Berlin
Telefon: 030 / 28 47 01 10
Web: www.frogster.de
Inzwischen sind 350 000 Menschen weltweit in der aka-aki-Community versammelt. Mit Werbung will die junge Firma in Zukunft Geld verdienen und sich finanziell auf eigene Beine stellen. Bis dahin hilft das Geld von mehreren kommerziellen und privaten Investoren. „Wir waren in der komfortablen Situation, dass wir uns unsere Geldgeber aussuchen konnten“, erzählt Sefanie Hoffman.
Allein mit der Idee hätten es die Jungunternehmer sicher nicht geschafft, sich so erfolgreich am Markt zu positionieren. „Eine Idee allein ist noch nicht viel wert, es geht darum, sie auch umzusetzen“, sagt Stefanie Hoffmann. Sie und ihre Kommilitonen haben von Anfang an viel Aufwand in die Planung und ins Konzept gesteckt. „Es war uns wichtig, dass wir ein Produkt erschaffen, das auch wirklich gebraucht wird und am Ende funktioniert.“
Gerade daran scheitern aber manche Gründer in der Kreativbranche. „Einigen fehlt es an betriebswirtschaftlichen Kenntnissen“, sagt Thomas Letz von der Industrie- und Handelskammer (IHK). Auch hätten Kreative manchmal Probleme damit, eine geeignete Anschubfinanzierung zu finden. „Banken von einer Idee zu überzeugen ist meist schwieriger als von einem materiellen Produkt, wie etwa einem Auto“, erzählt Letz.
Allerdings, fügt er hinzu, gebe es in Berlin ein gut entwickeltes Netz an Hilfsangeboten für kreative Gründer - von der IHK über die Berufsschulen bis hin zur Investitionsbank Berlin (IBB). Kreative, die sich selbstständig machen wollen, können sich dort beraten und schulen lassen und gegebenenfalls auch die passende Anschubfinanzierung finden – vom Mikrokredit bis zum Beteiligungskapital. Auch ist Berlin gut versorgt mit Unternehmernetzwerken aus allen kreativen Bereichen. „Das alles trägt dazu bei, dass Berlin europaweit führend als Kreativstandort ist“, sagt Letz.
Die Bedeutung der Berliner Kreativwirtschaft ist in der Tat nicht zu unterschätzen. Mehr als 20 Prozent beträgt laut Senat der Anteil am Bruttoinlandsprodukt der Berliner Wirtschaft. Die Tendenz ist steigend. „Berlin lebt vom Ruf, kreativ zu sein“, sagt Andrea Peters von media.net berlinbrandenburg e.V. Das Unternehmensnetzwerk hat sich 2001 gegründet und betreut inzwischen über 200 kreative Firmen als Mitglieder. Junge Start-ups auf der Suche nach Kontakten und Geldgebern treffen hier auf die Großen der Branche. Peters bescheinigt vor allem der digitalen Wirtschaft große Wachstumspotenziale. „Web 2.0 und Games sind definitiv im Aufwind.“
Kreative Firmen erwirtschaften 20 Prozent des Berliner Bruttoinlandsproduktes
Eine Aussage, der Dirk Weyel zustimmen würde. Der 41-Jährige mit dem aufgeweckten Blick und der modischen Brille verdient sein Geld mit Spielen. Die Frogster Interactive Pictures AG vermarktet Online-Rollenspiele mit Namen wie „Runes of Magic“ oder „Bounty Bay Online“. Die Spieler erschaffen sich am Computer eine Figur, mit der sie in einer Online-Fantasiewelt Abenteuer erleben und Gefahren bestehen. „Runes of Magic“ hat nach Angaben von Frogster bereits mehr als zwei Millionen registrierte Spieler weltweit, nachdem es im März 2009 offiziell veröffentlicht wurde.
2005 übernahm Weyel gemeinsam mit Christoph Gerlinger die deutsche Dependance eines insolventen französischen PC-Spieleverlags, in dem er als Marketingchef für Europa beschäftigt war. Ziemlich schnell merkten sie, dass das Geschäft mit konventionellen PC-Spielen der Vergangenheit angehört. Deshalb sattelten sie um auf Onlinegames. Eine Umstellung, die nicht einfach war. „Da gab es viele schlaflose Nächte“, erinnert sich Weyel. Die Firma musste von einem reinen Produktverkauf auf den technischen Betrieb eines Onlinespiels mit Tausenden von Mitspielern und einem Rund-um-die-Uhr-Service getrimmt werden.
10623 Berlin
Ansprechpartner:
Dr. Thomas Letz – Stellvertretender
Branchenkoordinator Kreativwirtschaft
Telefon: 030 / 31 51 02 88
E-Mail: Thomas.Letz@berlin.ihk.de
Web: www.berlin.ihk24.de
Investitionsbank Berlin (IBB)
Adresse: Bundesallee 210,
10719 Berlin
Telefon: 030 / 212 50
Web: www.ibb.de
Projekt Zukunft der
Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen
Adresse: Martin-Luther-Str. 105,
10825 Berlin
Ansprechpartner:
Eva Emenlauer-Blömers
Telefon: 030 / 90 13 74 04
Web: www.berlin.de/projektzukunft
media.net
berlinbrandenburg e.V.
Adresse: Bundesallee 171,
10715 Berlin
Telefon: 030 / 21 25 31 47
Web: www.medianet-bb.de
Nebenbei flogen Gerlinger und Weyel oft nach Asien, insbesondere nach Südkorea – dem Mutterland der Online-Rollenspiele – um Kontakte zu Spieleentwicklern zu knüpfen. „Es gab oft Zweifel, ob wir es schaffen, im richtigen Tempo die neuen Strukturen zu schaffen“, erzählt Weyel. Dazu kam die Frage der Finanzierung. Zwar hatten Privatinvestoren und der schnelle Börsengang für Anschub und Wachstumsfinanzierung gesorgt, aber der Prozess der Umstellung und der Markteintritt zogen sich länger hin als gedacht. „Es war zeitweise ein schwieriger Spagat“, sagt Weyel. „Aber wir waren uns immer sicher, dass die strategische Ausrichtung die richtige war.“
Durststrecken haben auch die aka-aki-Gründer durchgemacht. „So ein Projekt verlangt viele Opfer, zeitliche, finanzielle und auch persönliche“, sagt Stefanie Hoffmann. Als ihre Firma am Anfang stand und noch keine Investoren in Sicht waren, hätten sie buchstäblich „am Hungertuch genagt“. „Wir haben gespart, wo es nur geht, wir mussten ja Büromiete und Ausgaben selbst bezahlen“, erzählt sie. Dass sie durchgehalten haben, macht Stefanie Hoffmann vor allem an einem fest. „Wir waren eine Gruppe von Leuten, die alle den gleichen Ehrgeiz hatten, es zu schaffen“, sagt sie. „Mit so einem Team und einem bisschen Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, kannst Du alles schaffen.“
Ulrike Thiele
Aus der Ausgabe 11 / 2009

