Jungunternehmer auf Stippvisite

Beim Austausch-Programm der EU sollen junge Mittelständler in einem Betrieb im europäischen Ausland Erfahrungen sammeln
Juste Kostikovaite aus Litauen ist bis März zu Gast beim Berliner Unternehmen EUFUND. Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Geräumig ist ihr Arbeitsplatz nicht gerade: Juste Kostikovaite teilt sich ein kleines Büro in Mitte mit dem Geschäftsführer, dem Projektleiter und einer Mitarbeiterin. Aber die Litauerin ist froh, dass sie nach Berlin gekommen ist – als erste Teilnehmerin, die das EU-Programm „Erasmus für Jungunternehmer“ in der Hauptstadt absolviert. „Ich will zu Hause in Litauen eine Projektagentur mit Europaorientierung gründen“, sagt sie. Dafür hoffe sie hier auf Anregungen.

Die 29-Jährige ist seit Anfang Oktober in Berlin. Vor dieser Zeit hat sie in Litauen fünf Jahre im Marketing-Bereich gearbeitet. Bleiben wird sie bis Ende März. Im Moment sei sie in der „Ein­arbeitungsphase“: „Bislang habe ich hier vor allem gelernt, genau zu arbeiten“, sagt sie. Das Unternehmen, in dem sie lernt, heißt EUFUND. „Wir informieren und beraten Organisationen und Institutionen, die Geld für europäische Projekte beantragen“, erklärt Geschäftsführer Günter Chodzinski. Mit Juste Kostikovaite spricht er Englisch, Deutsch kann sie noch nicht. „Aber im Januar mache ich einen Sprachkurs“, sagt sie.

Erasmus - Das Förder-Programm will Europäer zusammenbringen

Das EU-Programm „Erasmus für Jungunternehmer“, das Anfang des Jahres gestartet ist, will ganz ähnlich wie das beliebte Austauschprogramm für Studenten, Europäer zueinander bringen: Die Jungunternehmer sollen in einem kleinen oder mittelständischen Betrieb in einem EU-Land Anregungen für ihre eigene Firma bekommen. Lernen sollen sie dabei vor allem, welches die entscheidenden Erfolgsfaktoren für ein gut laufendes Unternehmen sind, wie eine wirkungsvolle Planung aussieht, wie finanzielles und operationelles Management funktionieren. Und auch, wie man innovative Produkte und Dienstleistungen sowie erfolgreiche Verkaufs- und Marketingpraktiken entwickelt. Mehr erfahren können die angehenden Unternehmer aber auch über europäisches Handelsrecht, den Binnenmarkt, europäische Normung und EU-Förderprogramme.

Bislang haben sich 1200 Jungunternehmer und solche, die gerne ein Unternehmen gründen wollen, um die Teilnahme beworben. Rund 60 Prozent der gastgebenden Unternehmen und Jungunternehmer kommen aus Spanien und Italien. Am stärksten nachgefragt wurden bislang die Werbe- und die Medienbranche sowie der Bildungsbereich.

Vernetzt werden die Gastgeber und die interessierten Teilnehmer durch mehr als 100 lokale, regionale oder nationale Organisationen, zum Beispiel Handelskammern oder Zentren für Existenzgründer. Koordiniert werden die Aktivitäten dann durch Eurochambres, die Vereinigung der europäischen Industrie- und Handelskammern. Wer teilnehmen möchte, kann sich auf der Homepage www.erasmus-entrepreneurs.eu bewerben. Im kommenden Jahr sollen 870 Auslands­aufenthalte stattfinden.

Für EUFUND ist Juste Kostikovaite die perfekte Teilnehmerin. „Sie passt sehr gut zu uns“, sagt Projektkoordinator Luis Miguel Villaescusa Prada. Genauso wie das ganze Programm. Andere deutsche Unternehmen tun sich bislang schwer, ebenfalls am EU-Programm für Jungunternehmer teilzunehmen: Bislang kommen lediglich sechs Prozent aller Jungunternehmer aus Deutschland, und fünf Prozent aller gastgebenden Unternehmen. Das mag mit der Wirtschaftskrise zu tun haben. Zwar müssen die gastgebenden Firmen für die Teilnahme der jungen Unternehmer nichts bezahlen. Aber das Einarbeiten, Erklären und Beraten kostet eben auch Zeit. Ein zweiter Grund könnte darin liegen, dass nicht jeder Betrieb unbedingt nach ­Europa schaut: Wer seine Leistungen hauptsächlich für und in Deutschland anbietet, fühlt sich von dem Programm nicht zwingend angesprochen.

„Je nach Land bekommen die Jungunternehmer einen finanziellen Zuschuss für ihre Teilnahme“, sagt Diana Peitel, die das Programm für die Gsub Projektegesellschaft mbH koordiniert. In Rumänien liege der monatliche Satz bei maximal 560 Euro im Monat, in Dänemark bei 1100 Euro.

Bei deutschen Unternehmen wirbt die Gsub vor allem mit zwei Argumenten um die Teilnahme: „Die Firmen erhalten einen frischen Blick der Jungunternehmer auf den eigenen Betrieb.“ Und sie hätten einen leichteren Zugang zu neuen Märkten und neuen Geschäftspartnern. „Sie können sich auf der europäischen Ebene stärker vernetzen.“

Da nicht jeder Jungunternehmer seinen Betrieb einfach mal einen bis sechs Monate allein lassen kann, gibt es auch die Möglichkeit, den Auslandsaufenthalt in mehrere kleine Portionen aufzuteilen. Andreas Illmann gehört zu den wenigen deutschen Teilnehmern, denn er lebt Europa: Er hat in Frankreich studiert, ein deutsch-französisches Doppeldiplom in Betriebswirtschaft gemacht, und er will noch mehr europäische Erfahrungen sammeln. Im Januar wird der Jungunternehmer, der seit 2007 Teilhaber im Unternehmen „Schaltzeit“ ist, deshalb nach Bukarest aufbrechen. „Nach Rumänien fahre ich, weil mich ein Unternehmen in Bukarest besonders interessiert hat“, sagt der 31-Jährige.

Illmanns Firma erarbeitet Trendreports über neue Technologien und publiziert Bücher. „Aber die Branche ist im Umbruch, und die Marketing-Welt verändert sich“, sagt er. Deshalb habe er sich dazu entschieden, am Jungunternehmer-Programm teilzunehmen. Was natürlich nur funktionieren kann, weil seine Kollegen in Berlin-Kreuzberg die Stellung halten. In Bukarest will er sich von einer Werbeagentur anregen lassen, die mit Online-Medien arbeitet. Damit sich auch sein Unternehmen in eine Agentur für innovative Dienstleistungen verwandelt.

Konkret will der 31-Jährige in Bukarest sich über technische Anwendungen informieren, über Möglichkeiten der Produktsteuerung und Projektbearbeitung. Und vielleicht auch etwas über ein paar allgemeine Managementmöglichkeiten erfahren. „Natürlich ist es super, wenn ich mit vielen Anregungen zurückkomme“, sagt er. Angst vor Einsamkeit hat Illmann dabei nicht: Ein paar von Illmanns französischen Freunden leben inzwischen in Bukarest. „Ich hoffe, dass ich die alten Freundschaften wieder aktivieren kann.“

Informationen
| Erasmus f. Jungunternehmer |

Wer kann teilnehmen?
Angehende Jungunternehmer, also Menschen, die ein eigenes Unternehmen gründen wollen oder in den vergangenen drei Jahren gegründet haben.

Gastgeber:
Unternehmer, die eine Firma in einem EU-Land besitzen oder leiten.

Dauer:
mindestens ein Monat, maximal sechs Monate

Kontakt:
Gsub Berlin,
Diana Peitel,
Telefon: 030 / 28 40 91 29
www.erasmus-entrepreneurs.eu

Gute Erfahrungen mit internationales Mitarbeitern hat auch Petra Maier gemacht, die Geschäftsführerin der Cfx Berlin Software GmbH, die in Friedrichshain ansässig ist. „Wir legen in der Firma ganz viel Wert auf kulturelle Vielfalt“, sagt sie. Ein Viertel von Maiers Belegschaft kommt aus dem Ausland, beispielsweise auch dem Iran, aus Frankreich und Kolumbien. „Außerdem haben wir in unserem Unternehmen viele internationale Studenten, die hier ein Praktikum machen oder ihre Diplomarbeit schreiben“, ergänzt die Geschäftsführerin. Es sei schön, jungen Leuten aus ganz unterschiedlichen Ländern etwas beizubringen, sagt sie: „Bei uns wird ein vorurteilsfreier Umgang gelebt.“

Für eine andere Branche sucht die Pflegestützpunkt Berlin GmbH aus Wedding einen angehenden Unternehmer – der aus Spanien kommen soll. Denn zu diesem Land hat das Unternehmen eine enge Verbindung. „Unsere Geschäftsleitung hat sich dazu entschlossen, einen Jungunternehmer aufzunehmen“, sagt Julia Schrod, die im Netzwerk für das Projektmanagement zuständig ist: „Wir haben unsere Unterlagen eingereicht, stehen nun auf der Internetseite und können auf die Bewerberdatenbank zugreifen.“ Der oder die Bewerberin sollte idealerweise ein examinierter Krankenpfleger oder eine Krankenschwester sein.

Für Julia Schrod ist das neue Programm eine Chance, vor allem, weil der demografische Wandel die Altenpflege in ganz Europa zu einem wichtigen Thema macht. „Wir haben so die einmalige Gelegenheit, einen internationalen Austausch zu einem so spannenden Thema zu machen“, sagt die 28-Jährige. Der Pflegestützpunkt freue sich auf Anregungen durch den Austauschgast. „Wir hoffen, dass wir noch vor Weihnachten einen geeigneten Teilnehmer finden“, sagt die Projektmanagerin.

Der Pflegestützpunkt will sogar noch weiter gehen und damit deutlich mehr Schritte tun, als das EU-Jungunternehmerprogramm vorsieht. „Wir bieten dem Teilnehmer auch an, ihn beim Ausbau seiner Firma in Spanien vor Ort zu unterstützen“, sagt Julia Schrod. Sowohl für den teilnehmenden Jungunternehmer als auch für ihr Unternehmen sei das Austauschprogramm deshalb eine „Win-Win-Situation“.

Das sieht auch Günter Chodzinski von EUFUND so: Er ist schon jetzt auf der Suche nach einem weiteren Teilnehmer, den er im kommenden Frühjahr in die deutsche Hauptstadt holen will: „In einigen Jahren wird das Programm ganz von selber laufen“, glaubt der Geschäftsführer.

Rita Nikolow


Aus der Ausgabe 12 / 2009

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