Fortschritt im Tolstoi-Ambiente

Wo Wissen Arbeit schafft (4): Das Berliner Biotechnologie-Unternehmen Probiogen zählt zu den innovativsten Ideenschmieden in Europa. Die Firma in Prenzlauer Berg entwickelt Zellkulturen, mit denen die Wirkung von neuen Medikamenten getestet werden kann
Ausgezeichnet: Probiogen erhielt 2009 den Innovationspreis Berlin-Brandenburg. Hier im Bild: Forscher Dr. Ingo Jordan. Foto: Keystone/ProBioGen/promo

Hier könnte man einen der russischen Klassiker inszenieren, Tschechow etwa, oder Tolstoi. Ein tief verschneiter Garten, von einer hohen Mauer umgeben. Kahle Birken stehen wie in einem ungeordneten Wäldchen um eine hölzerne Baracke. Deren Farbe: abgeblättert, die Bretter verwittert. Die Fensterscheiben sind verhangen, beschlagen. Der ursprünglich wohl weiße Stoff der Gardinen hat ein Gelb angenommen, das auf ungeleerte Aschenbecher und kalten Rauch schließen lässt. Es ist weit unter null, der Wind schneidend. Käme jetzt eine Pferdekutsche von der Straße auf das Grundstück, am Eingangshäuschen vorbei, niemanden würde es wohl verwundern. Denn auch das Haus passt zum Ensemble, Art Deco, mit verspielten Steinfiguren unter dem Dachgesims, eine Eingangstreppe und ein Treppenhaus, die einmal bürgerlich-prächtig gewesen sein werden, heute aber so wirken, als führten sie zum Hauswart und nicht zur Herrschaft.

Und hier, nicht zwischen Moskau und dem Ural in der unendlichen Weite, sondern mitten in Prenzlauer Berg, soll eines der am schnellsten wachsenden Biotechnologie-Unternehmen seinen Sitz haben? Eine der innovativsten Ideenschmieden in Europa, hochkompetenter Partner der biopharmazeutischen Industrie in der alten Welt und in Nordamerika?

Ja, hier ist es, Goethestraße in Prenzlauer Berg, und das Haus, in dem Probiogen-Chef Michael Schlenk seine Besucher empfängt, ist schon ein Kontrastprogramm zu dem, was das Unternehmen dem Weltmarkt der Pharmazie anbietet. Amerikanische Besucher seien nach dem ersten Moment des Entzückens über die Jugendstilstuckdecke im Büro des CEO oft etwas indigniert und schlössen aus dem Ambiente auf die Kompetenz, sagt der 55-jährige Unternehmer, der 2003 in den Spin-Off von Charité-Ärzten einstieg. Kunststück. Dass die alte Heizung die Berliner Januarkälte nicht mehr recht auf zivilisationsnahe Temperatur bringt, zeigt schon der Heizlüfter, der unter dem Schreibtisch des Chefs vor sich hinschnurrt.

Für die Gäste von jenseits des Atlantiks hat Schlenk deshalb eine Etage tiefer ein schickes Besprechungszimmer einrichten lassen. Die Häuser auf dem Grundstück sind zwischen 1928 und 1932 entstanden, nur das Eingangshäuschen ist älteren Datums und hütete wohl tatsächlich einmal Bewohner aus besserer Gesellschaft, als ringsherum noch keine Mietblöcke standen. Über Jahrzehnte hatte sich die Humboldt-Universität auf dem Areal eingemietet, seit dem Jahr 2000 ist Probiogen hier zu Hause.
Gegründet haben das Unternehmen zwei promovierte Charité-Mediziner, Uwe Marx und Volker Sandig. Sie kannten sich vom Studium in Moskau und haben ihr Leben lang in der medizinischen Forschung gearbeitet. Als sie merkten, dass die Entwicklung biopharmazeutischer Produkte im Rahmen eines Großklinikums nicht möglich war, stiegen sie aus und machten sich selbstständig.

Als Michael Schlenk 2003 dazukam – vorher hatte er bei Novartis und Aboth, zum Schluss in Brasilien gearbeitet – ging es der Firma nicht so rosig. Uwe Marx und Volker Sandig hatten innovative Ideen, aber sie waren keine Kaufleute. Hätte es damals keinen Auftrag eines Pharmariesen aus den USA gegeben, mit dem sich der Forschungsbetrieb über Wasser halten konnte, würde die Probiogen heute nicht mehr existieren. Schlenks Devise: Das Unternehmen widmet sich nur noch Projekten, die innerhalb von fünf Jahren abgeschlossen werden können.

Wir entscheiden nicht, welche Substanz wir herstellen, wir sind der Dienstleister

Das Hauptgeschäft von Probiogen ist die Entwicklung von Zelllinien. Wenn früher ein neuer pharmazeutischer Wirkstoff, ein neues Medikament, getestet werden musste, ging das nur an Säugetieren, bevor die Erprobung am menschlichen Organismus erfolgte. Tierische Lebewesen als Versuchsobjekte zu benutzen, gilt aber seit vielen Jahren als ethisch verwerflich. Es geht aber auch anders, Forschung muss nicht Leben verbrauchend sein. Aus körpereigenen Substanzen kann man Zellkulturen, Zelllinien, entwickeln, die sich beliebig vermehren lassen und an denen die Wirkung von Substanzen beobachtet werden kann. Umgekehrt ist es vernünftig, körpereigene Substanzen daraufhin zu testen, ob sie zur Heilung von Krankheiten verwendet werden können oder sich auf ihrer Basis ein Medikament entwickeln lässt.

Ein solches Pharmazeutikum wäre, weil eben aus körpereigenen Substanzen gewonnen, vermutlich frei von Nebenwirkungen. Und an den Zelllinien von Probiogen kann das Produkt getestet werden. „Wir entscheiden nicht, welche Substanz wir herstellen, sondern wir sind der Dienstleister“, sagt Michael Schlank. „Wir entwickeln jene Substanzen weiter, die wir vom Kunden zur Wirkungskontrolle bekommen haben, weil wir die Erfahrung haben und zudem eine stabile und kostengünstige Produktion gewährleisten können.“ Unter anderem auch deswegen ist das Unternehmen gerade mit dem begehrten Innovationspreis Berlin-Brandenburg ausgezeichnet worden.

Ein zweites Beispiel zeigt die Möglichkeiten des Einsatzes der bei Probiogen entwickelten Zelllinien bei einer noch leichter verständlichen Anwendung. Neue Impfstoffe werden traditionell aus Hühnereiern hergestellt. Wenn Tierkrankheiten wie die Vogelgrippe ausbrechen, kann es sein, dass von heute auf morgen alle Eier und auch alle Hühner in einer betroffenen Region vernichtet, getötet werden müssen. Die Produktion ist damit lahmgelegt – angesichts einer möglicherweise parallel ausbrechenden massenhaften Humaninfektion eine bedrückende Perspektive. Mit den immer verfügbaren und unter klinischen Bedingungen hergestellten Zelllinien aus Berlin ist dieses Risiko ausgeschaltet. Willkommener Nebeneffekt: Eine nicht kleine Zahl von Menschen leidet unter Hühnereiweißallergien und verträgt deshalb viele traditionell hergestellte Impfstoffe nicht. Diese Menschen haben nun ein Problem weniger.

Firmeninfo
| Probiogen |
Geschäftsführer: Michael Schlenk
Adresse: Goethestraße 54,
13086 Berlin
Umsatz: k. A.
Mitarbeiter: 70
Telefon: 030 / 92 40 06 19
Web: www.probiogen.de

Unternehmen wie Probiogen leben von den Ideen der Forscher, die das Unternehmen vorantreiben. Die ehrgeizigste Idee von Uwe Marx war vor vielen Jahren die Entwicklung eines künstlichen Lymphknotens. Der Wissenschaftler wollte außerhalb des menschlichen Körpers eine dreidimensionale Zellmatrix konstruieren, an der man, inklusive der Immunabwehr, alle Reaktionen des Körpers auf Erreger und Substanzen beobachten könnte. In den Lymphknoten des Menschen werden Erreger lokalisiert und bekämpft – deshalb sind geschwollene Lymphknoten ein Indiz dafür, dass der Organismus sich mit einem Infekt herumschlägt. Wäre diese Idee in ihrer ganzen Komplexität wirklich umgesetzt worden, wäre Uwe Marx vermutlich ein heißer Kandidat für den Medizinnobelpreis geworden. Nur, wann dieser künstliche Lymphknoten Realität geworden wäre, wagte niemand zu prognostizieren. Sicher aber war, dass es neben der Zeit auch viel Geld kosten würde, ohne in der Entstehungsphase auch nur einen Cent abzuwerfen. Das konnte sich Probiogen nicht leisten. Also speckten die Forscher ihre Ansprüche ab. Heute können sie die Reaktionen der Leber oder der Niere gut außerhalb des Körpers simulieren. Das sichert dem Berliner Unternehmen ebenfalls seinen Spitzenplatz in der Branche.

Wenn Michael Schlenk selbstbewusst sagt: „Wir verstehen Zellen besser als jeder andere“, belegt er das mit seinen Kunden. Novartis gehört dazu, Boehringer Ingelheim, Sanofi-Pasteur. 70 Mitarbeiter sind angestellt, zwei Drittel davon sind Forscher, und da die Arbeit interessant ist, geht auch kaum jemand wieder, der mal bei Probiogen eingestiegen ist. Die Firma ist heute eine Aktiengesellschaft. Das Management und die Gründer halten davon zusammen 40 Prozent, größter Einzelaktionär ist die LBBW, die Landesbank Baden-Württemberg. Außerdem sind eine Venturekapitalgruppe in Tübingen und eine Investmentbeteiligungsgesellschaft in Magdeburg Anteilseigner.

Gerd Appenzeller


Aus der Ausgabe 2 / 2010

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