Wohlfühl-Produkte
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Kreative (Proto-)Typen: Stacy Wiedenmann (l.) und Christine Haberstock wollen einfache Sachen zu etwas Besonderem machen. Foto: Kitty Kleist-Heinrich |
Das Projekt ergab sich aus einer Unterhaltung beim Abendessen. „Warum produzieren Sie eigentlich keine Chocolate Chips?“, fragte Stacy Wiedenmann ihren Sitznachbarn, „ich muss sie immer aus den USA mitbringen, wenn ich Cookies backen will.“ Der Lebensmittelhersteller verwies sie an seinen Schokoladenlieferanten. Aus der beiläufigen Frage nach Chocolate Chips entwickelte sich beim Tischgespräch eine Geschäftsidee: Statt nur Schokotröpfchen zu produzieren, könnte man mehr aus Schokolade machen und eine Berliner Schokoladenmarke entwickeln.
Wiedenmann war begeistert und handelte spontan. „Mir war klar: Wir brauchen ein besonderes Design. Ich dachte sofort an Tina, obwohl wir uns nur ganz flüchtig kannten.“ „Tina“, Christine Haberstock, eine erfolgreiche Illustratorin und Künstlerin, antwortete schon am nächsten Tag auf Wiedenmanns E-Mail und schlug ein Treffen vor.
Die Leute waren eher von den Illustrationen als von der Schokolade begeistert
Gemeinsam mit dem Lieferanten entwickelten sie ein Grobkonzept. Kleine, feine Schokoladenteile sollten durch farbenfrohe Verpackungen mit auffallenden Illustrationen zu einer Berliner Spezialität werden. „Der Entwicklungsprozess lief zuerst zu dritt, aber unser Lieferant hat in Dimensionen gearbeitet, die für uns einfach ungeeignet waren“, berichtet Wiedenmann. „Außerdem lieferte er eigentlich Rohmaterial, keine fertigen Schokoladenteile. Und er hatte nicht genug Zeit.“ Immerhin ergab sich durch ihn aber ein Kontakt: Ein Bekannter produzierte Schokolade in geeigneter Größe und Stückzahl. Wiedenmann und Haberstock suchten drei Sorten aus und tauften sie „One Shot Pralinen“. Es sind daumennagelgroße gefüllte Köstlichkeiten: „Mint Casanova“, „Strawberry Cream delight“ und braun-weiß gestreifte „Zebras“.
Die One Shot Pralinen waren der Grundstock der neuen Marke „Soberlina“. Sie wurden zunächst in einfache Zellophantütchen verpackt und mit einem illustrierten Papierlabel versehen. Die Zeichnungen bestehen aus wenigen Strichen und viel Farbe. Ein sattgelbes Label mit einem gestreckt galoppierenden Zebra für die „Zebra“, ein in Grün gehaltener Schönling auf Blaugrün für die „Mint Casanovas“, ein erdbeerrotes Label mit einer geflügelten Dame für die „Strawberry Cream delights“.
Potenzielle Kunden testeten die drei Sorten: „Im Dezember hatten wir ein Tasting für die Schokolade“, erzählt Haberstock. „Die Leute waren begeistert, aber eigentlich mehr von den Illustrationen als von der Schokolade“, ergänzt Wiedenmann. Der Schokoladenmarkt ist gesättigt, es gibt kaum etwas, das es nicht gibt. Schokolade mit Pfeffer, grünem Tee, Käse – alles alte Hüte. Es fehlte das Alleinstellungsmerkmal bei Soberlina. Außerdem fühlten sich die Geschäftsfrauen zu sehr abhängig von den Schokoladenproduzenten.
„Wir haben uns dann entschlossen, ein anderes Produkt zu wählen als Schokolade, damit es einmalig ist“, sagt Wiedenmann. „Wir waren auf zu viele Leute angewiesen.“ Die drei Sorten One Shot Pralinen bleiben der Marke jedoch erhalten; Wiedenmann fand auf der Süßwarenmesse eine Firma, die originelle Verpackungen herstellt. Im Gesamtbild – One Shots, Verpackung und Illustrationen – ist das Produkt einmalig genug, um den hohen Anforderungen der Geschäftsfrauen zu genügen.
Ohne die Zielrichtung „Schokolade“ musste nun ein neuer Fokus her. Klar war, dass die Illustrationen im Vordergrund stehen sollten. „Wir sind in der Phase, das zu konkretisieren. Jetzt suchen wir Designer und Künstler, mit denen wir zusammenarbeiten können“, sagt Wiedenmann. „Wir wollen gern Berliner Leute zu einem Team zusammenstellen. Bei der Schokolade ist es auch an der Entfernung gescheitert, deshalb wollen wir jetzt mehr lokale Leute einbinden.“ Den beiden Frauen schweben vor allem bedruckte Textilien vor: Hussen, Schals und Überwürfe, Schuhtaschen und Shoppingbags, Lampen und Windgläser. „Sachen, die einfach sind, können etwas Besonderes werden. Das finde ich schön daran“, erklärt Wiedenmann die Grundidee.
Wir wollen gern Berliner Leute zu einem Team zusammenstellen
Im Atelier von Christine Haberstock stehen zahllose Kleinigkeiten auf einem orange bedeckten Tisch. Seifenstücke mit eingegossenen Illustrationen, Metalldosen, Windlichter, ein zylinderförmiger Lampenschirm. Die Motive reichen von Katzen über Bollywoodfiguren und Kamasutra. Gemeinsam sind ihnen nur der Farbenreichtum und der künstlerische Anspruch. „Wir wollen ein hohes künstlerisches Niveau halten“, sagt Haberstock. Auf Motive haben sich die Partnerinnen nicht festgelegt, auch wenn die Marke die Hauptstadt im Namen trägt. „Hässliche Sachen wollen wir nicht“, das ist die einzige Einschränkung für die weitere Entwicklung.
Bei der Schöpfung neuer Kreationen geht es trotzdem nicht nur um ihren eigenen Geschmack. Die Ideenfindung verkauft das Unternehmen auch als Produkt: „Wir können das neue Produkt für Ihr Unternehmen finden“, bietet Haberstock an. „Ja, wir können es personalisieren“, sagt Wiedenmann. Beide Frauen sind begeisterungsfähig. Und vor allem sind sie sich einig. Ein „ich“ kommt bei ihnen kaum vor. „Wir lieben diesen Stoff.“ „Wir mögen keinen Filz, wir sind nicht von der Filzgeneration.“ Ob Filzgeneration oder nicht, die meisten Produktideen sind nicht auf eine bestimmte Altersgruppe zugeschnitten. Sie haben nur eins gemeinsam: Sie tragen „Wohlfühlbilder“, die beim Kunden für gute Laune sorgen, sagt Haberstock.
Haberstock.Berlin sucht kreative Hersteller
Geschäftsführer: Stacy Wiedenmann
und Christine Haberstock
Adresse: Atelier 5,
Stendaler Straße 5, 10559 Berlin
Web: www.soberlina.de
Mit Idealismus und guten Ideen ist aber noch kein Unternehmen gegründet, es sind auch formale Hürden zu überwinden. „Es ist wahnsinnig schwierig, eine Marke zu registrieren“, sagt Wiedenmann. Ein Anwalt müsse eine Ähnlichkeitsrecherche durchführen, und unzählige Namen seien schon vergeben. „Wir haben bestimmt tausend Namen ausprobiert, und alle waren schon weg“, erinnert sich Haberstock. „Soberlina haben wir nie geliebt, aber es war wenigstens noch frei.“ Der Name „Soberlina“ sei aber wenig griffig, und deshalb soll das Unternehmen wegen der Ausrichtung auf die Haberstock’schen Illustrationen künftig „Haberstock.Berlin“ heißen.
Auch die Unternehmensform steht noch nicht fest. Wiedenmann will an einem Existenzgründer-Workshop teilnehmen, um sich beraten zu lassen. Von dem Workshop erhofft sie sich auch Kontakte, zum Beispiel für die Einrichtung und den Betrieb eines Online-Shops. Die Produkte könnten zuerst über das Internet vertrieben werden, später auch in ausgewählten Geschäften. „Kontakte haben wir schon“, sagt Haberstock, „und dann führt ein Ding zum anderen“, ist sich Wiedenmann sicher.
Über einen dieser Kontakte präsentierten Wiedenmann und Haberstock ihre Geschäftsidee am 11. März beim Senses Wellness Award 2010 im Bristol Kempinski Hotel. Die Gäste waren angetan von den Produkten, aber wie schon beim Tasting im Dezember eher von den Illustrationen als von der Schokolade. „Alle haben gesagt, wir sollten uns auf exklusive Luxusprodukte konzentrieren“, berichtet Wiedenmann. Haberstock und sie freuen sich über das positive Feedback, wollen aber trotzdem zunächst parallel das Konzept der Zusammenarbeit mit lokalen Herstellern verfolgen, bevor sie sich endgültig auf einen Weg festlegen.
Seit der ersten Idee – der Berliner Schokoladenmarke – sind mehrere Monate vergangen. Das Projekt hat immer wieder neue Facetten bekommen: einen neuen Namen, neue Projektpartner, neue Produktideen. Was bleibt, sind die Energie und der Enthusiasmus von Stacy Wiedenmann und Christine Haberstock. Wiedenmann sagt rückblickend: „Wenn wir an der ersten Idee festgehalten hätten, hätten wir schon aufgeben müssen. Man muss flexibel bleiben.“
Meike Ferrari
Aus der Ausgabe 4 / 2010
