Zuwachs im Schlaraffenland
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Das Gründerzentrum BIG in Berlin-Wedding ist das älteste Gründerzentrum in Deutschland. Foto: Ulrike Thiele/promo |
Kreative und Techniker sollen unter einem Dach zusammenfinden und sich im gegenseitigen Austausch ergänzen und inspirieren: Florian Seiff muss seine Fantasie im Moment noch gewaltig anstrengen, um sich das vorzustellen. „Man denkt ja immer, Kunst und Technik passen nicht so richtig zusammen“, sagt der Geschäftsführer der Innovations-Zentrum Berlin Management GmbH (IZBM) und schaut dabei selbst noch ein wenig skeptisch. Doch genau diese beiden vermeintlichen Gegensätze sollen künftig im neuen Gründerzentrum CHIC in Charlottenburg miteinander verschmelzen. CHIC steht für „Charlottenburger Innovations-Centrum“ und ist eine gemeinsame Initiative der Technischen Universität (TU) und der Universität der Künste (UdK). Die beiden Institutionen, die selbst bereits erfolgreiche Gründerzentren besitzen, bündeln ihre Kompetenzen, um in unmittelbarer Nähe beider Universitätsgelände ihren gründungswilligen Studenten und Absolventen günstigen Raum und Infrastruktur für ihre Start-ups zur Verfügung zu stellen.
Der Plan steht, das passende Gebäude ist auch schon gefunden. An der Bismarckstraße gibt es ein Haus, das Seiff gern mit EU-Fördermitteln erwerben und dann vergünstigt an die Neugründer vermieten würde. Es ist günstig gelegen, keine zehn Minuten von der TU und der UdK entfernt. Was bislang aber noch fehlt, ist grünes Licht vom Berliner Senat. Davon hängt ab, ob die Vision einer gemeinsamen Gründerförderung für Künstler und Ingenieure Wirklichkeit werden kann.
Aus der langjährigen Erfahrung mit Unternehmensgründungen beim IZBM weiß Seiff, dass Existenzgründer zu Beginn ihres Geschäfts wenig brauchen. „Am Anfang benötigen die meisten erst mal nur ein kleines Büro, und technologieorientierte Gründer brauchen eine kleine Bastelfläche, wo sie ihre Prototypen entwickeln können“, erzählt er. Das IZBM betreibt selbst drei Gründerzentren, darunter das 1983 eröffnete erste in Deutschland: das Berliner Innovations- und Gründerzentrum (BIG). Es berät und unterstützt gründungswillige Studenten der TU und hat seinen Sitz im Technologie- und Innovationspark im Bezirk Wedding. In den historischen Industriebauten der ehemaligen AEG-Maschinenfabrik sitzen heute technologisch und naturwissenschaftlich begabte und begeisterte junge Menschen und tüfteln an den Produkten von morgen.
52 000 Quadratmeter Firmenmietflächen stehen zur Verfügung. Wer hier gründet, kann bis zu acht Jahre von den günstigen Konditionen profitieren. Etwa 50 Start-ups und nochmal so viele bereits etablierte Firmen haben hier zurzeit ihre Heimat gefunden.
Für Gründer ist Berlin ein „Schlaraffenland“, ist Seiff überzeugt. Acht technologiebasierte Gründerzentren, sechs allgemeine Gründerzentren, zu denen auch Vereine und private Initiativen gehören, sowie sieben Innovations- und Technologieparks bieten, was das Gründerherz begehrt. Was der Neugründer selbst mitbringen muss, ist die gute Idee. „Für die gibt es immer Geld“, sagt Seiff. Bei der Finanzierung helfen auf Gründungen ausgelegte Stipendien, wie etwa das Exist-Programm und der High-Tech-Gründerfonds der Bundesregierung oder speziell auf Berlin zugeschnittene Unterstützungen wie Berlin Start oder Start: Chance. Eine erste Anlaufstelle für die Finanzberatung finden Gründungswillige bei der Investitionsbank Berlin (IBB), bei der Industrie- und Handelskammer (IHK), bei der Berlin Partner GmbH, bei der Handwerkskammer und vielen mehr. Die Förderfibel der IBB und die Seite www.gruenden-in-berlin.de geben darüber hinaus einen Überblick über die Vielzahl der einzelnen Programme.
Schwieriger wird es, zu erkennen, ob eine vermeintlich gute Idee wirklich eine gute Idee ist. „Für alles, was man verkaufen will, muss natürlich auch ein Markt da sein“, sagt Seiff. Er schätzt, dass rund die Hälfte bis zwei Drittel aller Ideen, die von Gründern entwickelt werden, gar nicht am Markt benötigt werden. Deshalb lege man in den Gründerzentren besonderen Wert darauf, den Markt zu erforschen, bevor überhaupt gestartet wird.
„Hier im BIG präsentieren die Studenten ihre Ideen vor potenziellen Kunden. Das ist der erste grobe Markttest“, erklärt Seiff. Umgekehrt ist das universitäre Gründerzentrum auch Anlaufstelle für große Firmen, die vom Know-how im Technologiesektor profitieren wollen und für die es günstiger ist, ein Start-up mit der Entwicklung eines Produktes zu betrauen, als die eigene Entwicklungsabteilung. Gemeinsam mit anderen Firmen, Gründern und den Beratern des Gründerzentrums wird dann am Geschäftskonzept gefeilt, bis es marktfähig ist.
Das Bild des Unternehmers ist in der deutschen Gesellschaft nicht verankert
Dank der etablierten Gründerzentren an den Berliner Hochschulen dürften Studenten relativ schnell einen Kompass finden, der ihnen den Weg zu ihrem eigenen Unternehmen weist. Menschen, die aus der Arbeitslosigkeit heraus gründen, fällt das zuweilen schwerer. „Viele kommen gar nicht auf die Idee, sich Beratung und Coaching zu holen“, sagt Anne Konopka. Die freiberufliche Gründungsberaterin bietet Coaching und Hilfe für Kleinstgründer in der Garage Berlin an. Die GmbH mit Sitz in Steglitz unterstützt Existenzgründungen aus der Arbeitslosigkeit mit drei verschiedenen Programmen. Der Slogan „Wer keine Arbeit hat, macht sich welche“, der auf einem der bunten Flyer steht, macht die Philosophie deutlich, um die es geht.
„Das Bild des Unternehmers ist in der deutschen Gesellschaft nicht verankert“, sagt Konopka. Dass Arbeitslose oft den Weg in die Selbstständigkeit scheuten, hänge auch damit zusammen, dass die Agenturen für Arbeit diesen Gedanken zu wenig förderten, glaubt sie. In der Garage werden Arbeitslose ermutigt, sich mit ihrer Idee auf den Markt zu wagen. Auf Langzeitarbeitslose, die einen geregelten Tagesablauf oft gar nicht mehr gewohnt sind, ist zum Beispiel das Programm „garage inkubator“ zugeschnitten.
Empfänger von Arbeitslosengeld I oder II erhalten sechs Monate lang die Möglichkeit, Seminare zu belegen und individuelle Coachings in Anspruch zu nehmen. Dazu finden sie in der Garage Gleichgesinnte, mit denen sie sich austauschen können, und ein Büro mit Telefon, Computerinseln und mobilen Arbeitsflächen, das sie in Beschlag nehmen können. „Es gibt festgesetzte Arbeitszeiten mit Seminaren, zu denen die Gründer erscheinen müssen, und freie Arbeitstage, an denen sie sich eigenständig um ihr Geschäft kommern“, erklärt Konopka.
Adresse: Holsteinische Straße 39,
12161 Berlin
Umsatz: k. A.
Mitarbeiter: 16
Telefon: 030 / 28 44 90 32
Web: www.garageberlin.de
So fördert das Programm die stückweise Wiedereingliederung in einen normalen Arbeitsalltag, den viele nur noch vage in Erinnerung haben. Doch die Garage will mehr sein als pure Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Natürlich soll es auch darum gehen, wirksame Geschäftsideen auf den Markt zu bringen. Deshalb steht die Analyse des potenziellen Kundenkreises und das Netzwerken bei der Garage im Mittelpunkt. Regelmäßig finden Treffen und Präsentationen statt, an denen die Gründer für ihre Ideen werben und das Feedback und Kritik der anderen aushalten und verwerten müssen. Instrumente wie Fragebögen oder Face-to-face-Befragungen dienen ebenfalls der Markterkundung und bringen die Gründer dazu, mit ihrer Zielgruppe persönlich in Kontakt zu treten – für viele eine große Herausforderung, wie Anne Konopka weiß.
Die intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Geschäftsidee zeigt ihre Wirkung. „30 Prozent der Teilnehmer ändern ihre Idee nach der zehnten Woche“, sagt Konopka. Das Konzept wird angepasst und noch zielgruppengerechter zugeschnitten.
Ende April veranstaltete die Garage ihren ersten Gründerkongress, bei dem die Teilnehmer lernen konnten, wie sie ihre Produkte auf einer Messe präsentieren können. Sie luden Kunden in die Fabrikhalle des Garage-Geländes und nutzten sie auch als Plattform, um Geschäfte abzuschließen. In Zukunft soll die „Probemesse“ zum festen Bestandteil des Angebotes werden.
Im Jahr 2009 nahm die Zahl der Betriebsgründungen in Berlin deutlich zu. Laut Statistischem Landesamt lag ihre Zahl bei rund 45.000 und stieg damit um neun Prozent gegenüber dem Vorjahr. Laut IBB hängt das auch mit der Wirtschaftskrise zusammen, da viele Arbeitssuchende sich wieder für eine unternehmerische Tätigkeit entscheiden.
Damit die Gründungen nicht im Sande verlaufen, finden Unternehmer auch Unterstützung für die Nachgründungsphase. Peter Haas, Gründercoach im Bereich Energiewirtschaft und Grüne Technologien, ist einer von zahlreichen Beratern, die für das KfW-Gründercoaching zugelassen sind. Das Coaching der Mittelstandsbank soll dabei helfen, das Geschäftskonzept langfristig auf stabile Füße zu stellen. „Dabei geht es darum, die Unternehmen an die Bedürfnisse eines Marktes anzupassen und es profitabel zu machen“, erklärt Haas. Besonders beim Weg aus der Arbeitslosigkeit mit Hilfe eines Gründungszuschusses geht es darum, dass sich die Geschäftsidee auch nach Auslaufen der finanziellen Förderung langfristig etablieren lässt.
Bis die ersten Firmen im CHIC aus der Wiege gehoben werden, wird wohl noch einige Zeit vergehen. Florian Seiff aber ist schon heute überzeugt davon, dass sie dem Gründerschlaraffenland Berlin weitere Innovation und Arbeitsplätze bringen werden – und wenn er sie erst einmal sieht, fällt die Vorstellung, wie Kunst und Technik zusammenpassen sicher auch leichter.
Ulrike Thiele
Aus der Ausgabe 6 / 2010
