Gemeinsam gezahlt
Zunächst als Finanzierungsalternative für Kreative gestartet, etabliert sich Crowdfunding inzwischen auch in der Wirtschaft. Vor allem Gründer profitieren davon
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Das Team vom Berliner Start-Up Life Action Games GmbH (v. l.) Stefanie Rölke (Qualitätsmanagement), Kai Limadjaja (Technischer Leiter), Tobias Bartosch (Gründer und Produktentwicklung Live-Spiele), Michael Schiemann (Gründer und Geschäftsführer), Beno Brezan (Marketing und Vertrieb), Maksimilian Grienig (Augmented Reality Design) Foto: promo |
Dass es recht schnell gehen würde – davon war Michael Schiemann ausgegangen. „Ich dachte, so eine Woche etwa“, sagt er. Dass es so schnell ging, hat den Geschäftsführer der Berliner Life Action Games GmbH dann aber selbst überrascht. Nach 27 Minuten war der Mindestbetrag von 50 000 Euro zusammengekommen, nach weiteren 104 Minuten war die Maximalsumme von 100 000 Euro erreicht. „Wir sind mit dem Ergebnis sehr zufrieden“, sagt Schiemann und meint damit nicht nur die Geschwindigkeit, in der sein Start-up um 100 000 Euro reicher wurde. Auch die Finanzierungsform lobt der junge Unternehmer. Sie heißt Crowdfunding.
| Life Action Games GmbH |
Das Unternehmen sucht derzeit vier bezahlte Praktikanten/Werkstudenten für die Bereiche Online- Marketing und Marketing/Vertrieb, Design und Softwareentwicklung.
Spin-Off Zone an der Humboldt-Universität zu Berlin
Geschäftsführer: Michael Schiemann
Adresse: Wegedornstraße 36
12524 Berlin
Umsatz: 20 000 Euro
Mitarbeiter: 7
Telefon: 030 | 209 34 66 02
Web: www.life-action.eu
Crowdfunding ist eine Finanzierungsalternative, bei der es die Masse macht. Nicht ein Investor gibt dem Unternehmen Kapital, sondern eine Vielzahl von Investoren. Meist sind das weder Banken noch institutionelle Anleger, sondern Privatpersonen. Sie beteiligen sich mit geringen Beträgen ab etwa 250 Euro aufwärts an der Finanzierung eines Unternehmens. Dass trotzdem respektable Summen dabei herauskommen, liegt an der relativ hohen Zahl der Geldgeber. Bei Life Action Games sind es 165 Mikroinvestoren.
In Deutschland ist Crowdfunding ein noch junges Finanzierungsinstrument. Die Idee ist aus den USA herübergeschwappt, wo Crowdfunding 2006 seinen Anfang nahm. Als damals die amerikanische Musikbranche wegen sinkender Einnahmen in Krisenstimmung war, versuchte sie, die Fans als Finanziers zu gewinnen. Also wurde sellaband.com, die erste Crowdfunding-Plattform überhaupt, gestartet. Über diese Webseite konnten die Fans den Künstlern Geld für die Produktion ihrer Alben zur Verfügung stellen. Der Erfolg von sellaband rief Nachahmer auf den Plan. Ab 2010 dann auch in Deutschland, wo Crowdfunding-Plattformen wie Startnext, Pling oder Inkubato an den Start gingen. Ebenso wie ihre Vorbilder aus Amerika verhelfen sie Künstlern zu Kapital.
| So geht‘s |
1) Das Start-up schickt der Crowdfunding-Plattform einen kurzen Businessplan zu.
2) Im Falle einer positiven Bewertung reicht das Unternehmen einen vollständigen Businessplan ein.
3) Der Fundingvertrag wird geschlossen.
4) Das Start-up lässt der Plattform Informationen für die Präsentation auf der Plattform zukommen.
5) Der Unternehmer legt die Fundingschwelle und das Fundinglimit (minimale und maximale Fundingsumme) fest.
6) Der Fundingprozess startet. Das Projekt wird auf der Plattform live geschaltet. Die (registrierten) Nutzer können investieren.
7) Ist das Funding erfolgreich, erhält das Unternehmen das Kapital.
2) Im Falle einer positiven Bewertung reicht das Unternehmen einen vollständigen Businessplan ein.
3) Der Fundingvertrag wird geschlossen.
4) Das Start-up lässt der Plattform Informationen für die Präsentation auf der Plattform zukommen.
5) Der Unternehmer legt die Fundingschwelle und das Fundinglimit (minimale und maximale Fundingsumme) fest.
6) Der Fundingprozess startet. Das Projekt wird auf der Plattform live geschaltet. Die (registrierten) Nutzer können investieren.
7) Ist das Funding erfolgreich, erhält das Unternehmen das Kapital.
Einst als Finanzierungsalternative für Kreative gestartet, steht Crowdfunding seit etwa einem Jahr auch jungen Unternehmen offen. Anbieter wie Seedmatch, Mashup-finance oder Innovestment haben sich auf Crowdinvesting, also Crowdfunding für Unternehmen, spezialisiert. Zur wirklich interessanten Finanzierungsalternative hat sich das Instrument aber erst in den vergangenen Monaten entwickelt, seit diverse Firmen mit ähnlich schnellen Finanzierungsrunden wie Life Action Games von sich reden machten. Noch Ende letzten Jahres dauerten die Fundingprozesse relativ lange. NeuroNation, eine Berliner Plattform für kognitives Training und das erste über Seedmatch finanzierte Unternehmen, musste sich Monate lang gedulden, bis die Mindestsumme von 50 000 Euro eingesammelt war. Ein halbes Jahr später kommt binnen Stunden der doppelte Betrag zusammen. Die Schnelligkeit ist ein Argument, das für Crowdinvesting spricht. Allerdings muss man relativieren: Vom Zeitpunkt der Bewerbung bis zum abgeschlossenen Investmentprozess vergehen Wochen, wenn nicht Monate. Denn das ist die Kehrseite des Booms: Eine Vielzahl von interessierten Unternehmen trifft auf noch immer recht wenige Anbieter, die sich vor Bewerbungen nicht retten können und deshalb nicht mehr hinterher kommen. Die Start-ups müssen sich folglich auf Wartezeiten einstellen.
Das ist ein Wermutstropfen, nimmt der Finanzierungsalternative an sich aber nichts von ihrer Attraktivität. Vor allem für junge Start-ups, die noch kein Produkt auf den Markt gebracht haben, ist die Schwarmfinanzierung eine gute Möglichkeit, um an Kapital zu kommen. Schließlich haben sie es schwer, institutionelle Investoren an Bord zu holen. Im Gegensatz zum Bankkredit wiederum erhalten sie die Mittel von der Masse, ohne Sicherheiten stellen zu müssen. Außerdem handelt es sich bei dem eingesammelten Geld um Beteiligungskapital, was die Eigenkapitalbasis stärkt – und somit die Chancen auf eine Anschlussfinanzierung steigert. Auch für Life Action Games waren die 100 000 Euro von der Masse ein Sprungbrett. „Für ein Darlehen von der IBB über knapp eine halbe Million Euro brauchten wir Eigenkapital in Höhe von 20 Prozent“, sagt Schiemann. Das Geld ist nun vorhanden, die Zusage von der Berliner Förderbank gilt als sicher.
Die Firmen müssen Kommunikation mögen und beherrschen
Life Action Games ist ein Paradebeispiel für Crowdinvesting. Denn die größten Chancen auf Geld von der Masse haben Firmen, die ein Produkt anzubieten oder in der Pipeline haben, das die Menschen gerne besitzen würden. Die Kapitalgeber investieren nämlich nicht nur in der Hoffnung, dass sich ihr Anteil am Unternehmen in den nächsten Jahren vervielfacht, sondern auch deshalb, „weil sie bestimmen können, was in den Markt kommen soll“, sagt Seedmatch-Geschäftsführer Uwe Sauer. Ausschlaggebend sei dieser Aspekt vor allem dann, wenn der Investor einen persönlichen Bezug zu den Produkten des Unternehmens habe. Wenn also ein Start-up wie Life Action Games, das digitale Live-Rollenspiele entwickelt, 165 Investoren mobilisieren kann, dann ist anzunehmen, dass es sich bei den Geldgebern um Menschen handelt, die sich für Spiele interessieren – und deshalb ein Interesse an einer Innovation in diesem Bereich haben. „Die Leute freuen sich auf unsere Produkte“, bestätigt Schiemann. Untermauert wird diese These von der Tatsache, dass das Berliner Start-up den Geldgebern das Investment mit einem Rabatt schmackhaft gemacht hat: Jeder Investor bekommt das erste digitale Live-Rollenspiel, das im Sommer in Berlin starten wird, für den halben Preis. Die erste Spiele-App, die Schiemann für Ende des Jahres ankündigt, gibt es sogar gratis.
Dass sich die Konsumenten so stark mit einem Unternehmen und dessen Produkten identifizieren, dass sie zu Investoren werden, ist charakteristisch für Crowdfunding. Und es ist seine große Stärke. Denn Investoren, die auch potenzielle Kunden sind, empfehlen das Unternehmen weiter. Sie werden zu Multiplikatoren, betreiben wichtige Mund-zu-Mund-Propaganda. „Crowdfunding ist Marketing im besten Sinne“, sagt Schiemann. „Das ist ein großer Vorteil.“ Das Unternehmen bekomme Aufmerksamkeit, die es anders nie bekommen würde. „Wir hatten auch schon interessante Anfragen bezüglich Kooperationen“, freut sich der 30-Jährige.
Ich glaube an die Intelligenz der Masse. Input von außen
bringt uns weiter
Ganz von selbst stellt sich der Marketingeffekt allerdings nicht ein. Ebenso wenig ist eine erfolgreiche Finanzierung garantiert. Finden sich nicht genügend Investoren, um wenigstens den angepeilten Mindestbetrag zusammen zu bekommen, platzt die gesamte Finanzierung. Damit das nicht passiert, müssen die Start-ups aktiv werden. Sie müssen die Crowd mobilisieren, und sich und ihre Produkte anpreisen. „Die Firmen müssen Kommunikation mögen und beherrschen“, sagt Seedmatch-Gründer Sauer. „Crowdfunding lebt vom unmittelbaren Kontakt zwischen Unternehmen und Mikroinvestoren.“ Und das gilt nicht nur im Vorfeld beziehungsweise während des Fundingprozesses. Auch nach erfolgreicher Finanzierung muss das Unternehmen die Anteilseigner (also die Investoren) regelmäßig informieren. Alle drei Monate müssen sie einen Quartalsbericht versenden, zwischendurch machen sich auch persönliche Updates gut. „Über die Pflichten sollte man sich im Vorfeld im Klaren sein“, mahnt Michael Schiemann. „Immerhin können die Anteilseigner in die Bücher schauen.“ Den Life Action Games-Chef hat das aber nicht abgeschreckt. Im Gegenteil: Er freut sich über „viel positives Feedback“ von der Crowd und glaubt an die Intelligenz der Masse: „Input von außen bringt uns doch weiter.“
Sabine Hölper
redaktion@berlin-maximal.de
