Unter 30

Reden, Radeln, Burgen bauen

Die Wirtschaftsjunioren diskutieren auf ihrem Bundeskongress über Energie, Ausbildung und Kinderfreundlichkeit. Aber zuerst wird getanzt
Der Kongress radelt: Wirtschaftsjunioren auf einer Radtour durch Prenzlauer Berg Foto: Uwe Steinert

Just in dem Moment, als sich die Gruppe mit den 13 Radfahrern ein wenig anstrengen muss, weil es im Zickzackkurs den kleinen Berg im Mauerpark hinaufgeht, in dem Augenblick also, da man erwartet, vom einen oder anderen ein leises Keuchen zu hören, übertönt das Gegröle zweier Bierflaschen schwenkender Mittzwanziger jedes Geräusch. „Das hier ist der Prenzlauer Berg“, rufen sie – und mit Blick in Richtung Westen: „Schaut nur, wie hässlich der Wedding ist.“ Was provokant oder originell sein soll, ist einfach nur amüsant, es wird nicht gekeucht, sondern gelacht. Originell sind vielmehr die Kommentare der Teilnehmer: „Sind die beiden auch engagiert?“

Natürlich sind die Betrunkenen nicht bestellt. So abwegig ist die Idee aber nicht. Denn hier radeln zwölf Wirtschaftsjunioren; die „Mauertour“ ist ein Programmpunkt ihrer Bundeskonferenz. Und die ist bis aufs I-Tüpfelchen durchorganisiert. Nicht nur, dass Konferenzdirektor Klaus-Joachim Drese und sein Team ein viertägiges Programm mit mehr als 150 Seminaren, Vorträgen, Diskussionen und Freizeitaktivitäten auf die Beine gestellt haben. Auch für die Betreuung der Kinder ist rund um die Uhr gesorgt. Und selbstverständlich für Essen und Trinken. Auch auf der Fahrradtour muss niemand hungern oder dursten – ein Carepaket mit Apfelsaft, Müsliriegel, Obst und Bifi hilft, die vier Stunden zu überstehen. Nur für das pünktliche Erscheinen am jeweiligen Veranstaltungsort ist man selbst verantwortlich – weshalb das nicht immer reibungslos klappt. „Ich wollte heute morgen zu einem Seminar nach Potsdam fahren, aber der Zug fiel aus“, sagt Sabrina Nürnberger, die sich, wie jeder hier, nur mit ihrem Vornamen vorstellt. Die 28-Jährige Agenturinhaberin aus Erfurt zuckt mit den Schultern. „Egal, ich hab`s immerhin probiert.“
Etwa 1500 aktive und ehemalige Wirtschaftsjunioren sind an diesem Wochenende nach Berlin und Potsdam gekommen, um an der diesjährigen Bundeskonferenz teilzunehmen. Man wundert sich nicht, dass es so viele sind. Bei deutschlandweit 10 000 aktiven Mitgliedern fragt man sich eher, warum nicht noch mehr Unternehmer und Führungskräfte den Weg in die Hauptstadt gefunden haben. An den Kosten kann es nicht liegen. Je nachdem, zu welchem Zeitpunkt man sich angemeldet hat, zahlt man zwischen 100 und 250 Euro. Darin ist außer der Anreise und den Übernachtungskosten alles enthalten, was den Aufenthalt angenehm macht. „Man gibt das Portemonnaie quasi beim Einchecken im Hotel ab“, sagt Thomas aus Detmold.

Sponsoren wie Gothaer oder Oracle machen es möglich, ein Programm anzubieten, das – ohne jegliche Übertreibung – grandios ist. Es beinhaltet Segelkurse, Tauchgänge und Paddeltouren, eine Reise im Rosinenbomber, einen Besuch im Stasigefängnis Hohenschönhausen, eine Führung durch den Honecker-Bunker in Prenden, einen Besuch des Olympischen Dorfes aus dem Jahr 1936, einen Gang durch die Berliner Unterwelten, eine Pokerpartie in der Potsdamer Spielbank oder eine Bustour durch die Berliner Popmusikgeschichte – dahin, „wo David Bowie, Iggy Pop und U2 ihre Platten aufnahmen und Wir sind Helden am liebsten ihr Feierabend-Bier trinken.“ Und das ist nur ein Auszug aus dem Rahmenprogramm.
Nicht minder interessant sind die zahlreichen Seminare, in denen zum Teil hochkarätige Referenten den jungen Unternehmern und Führungskräften beibringen, wie man Kunden begeistert, sich selbst vermarktet, Konflikte löst, dem Stress entkommt oder was die Trends von morgen sind. Letzteres scheint die junge Wirtschaftselite allerdings nicht sonderlich zu interessieren: Trotz 250 freier Plätze gab es gerade einmal 18 Anmeldungen. „Wie soll man die Veranstaltungen auch alle unter einen Hut bekommen?“, fragt Funny, Führungskraft aus Essen. Man könne sich ja schlecht zweiteilen. Funny hat sich für die Mauertour entschieden, da hat sie Gelegenheit, „nebenbei noch die Stadt kennenzulernen“. Das ist ganz im Sinne von Konferenzdirektor Drese, der zu Beginn der Veranstaltung „Wissensmehrung und Freundschaften“ wünscht.

Bildung ist ein Wettbewerbsvorteil und wir sitzen hier diesbezüglich auf einer Goldader

„Kommt zusammen“ lautet das offizielle Motto der Konferenz. Und das ist schon deshalb gut gewählt, weil es jeder auf seine Weise auslegen kann. „Ich komme hierher, um neue Leute zu treffen“, sagt Markus aus Dortmund. „Ich bin hier, um zu netzwerken“, sagt Michael aus Ingolstadt. „Kommt zusammen – und lasst uns Großes bewegen“, sagen die Veranstalter. „Lasst uns in den Dialog treten und die Herausforderungen der Zukunft gemeinsamem gestalten.“ Als die drängenden Probleme – oder eben die Herausforderungen der Zukunft – haben die Wirtschaftsjunioren vor allem die Themen „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, „Energie für die Zukunft“ und Bildung beziehungsweise Ausbildung ausgemacht, weshalb das große Konferenzthema der Konferenz „Energie-Aus-Bildung“ lautet und die Podiumsdiskussionen zu den Themen Energie und Familie prominent besetzt sind. So diskutieren unter anderem die stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Katherina Reiche und der Staatssekretär im Bundefamilienministerium, Gerd Hoofe, in der Potsdamer Staatskanzlei. Weil aber nicht nur geredet, sondern auch gehandelt werden soll, unterzeichnen mehrere Unternehmer die „Gemeinsame Erklärung Erfolgsfaktor Familie“. Damit bekennen sie sich öffentlich zu einer familienfreundlichen Unternehmensführung, was bedeutet, Müttern und Vätern bei der Kinderbetreuung oder beim Wiedereinstieg in den Beruf zu helfen. Später tauschen die Unternehmer dann den Kugelschreiber gegen eine Schippe ein: Für die Aids-kranken Kinder der Berliner Kindertagesstätte „Nestwärme“ bauen die Wirtschaftsjunioren eine Ritterburg.
„Wir stellen nicht nur Forderungen auf dem Papier. Wir stehen bereit, uns in Projekte einzubringen“, erklärt die Bundesvorsitzende Anja Kampfer das Engagement. Damit meint sie nicht nur den Burgbau in Berlin, sondern auch die zahlreichen Projekte, die im Unternehmeralltag angepackt werden – zum Beispiel die Verleihung des „B-Family Awards“ in Kalrsruhe oder die Gründung der „Leipziger Allianz für Familie“. Doch davon muss Kampfer nicht ausführlich berichten. Erstens sind die Projekte im „quip“, dem Magazin der Wirtschaftsjunioren beschrieben. Zweitens will Kampfer als letzte Rednerin der Konferenzeröffnung am Freitagmorgen die Zuhörer nicht unnötig strapazieren.

Auch die anderen Redner hatten sich aufs Wesentliche konzentriert: Victor Stimming, Präsident der IHK Potsdam, lobt die Wirtschaftskraft und die Lebensqualität Brandenburgs. „Sowohl die Kanzlerin als auch der Kanzlerkandidat halten sich gerne und häufig im Land auf.“ Eric Schweitzer, Präsident der IHK Berlin, preist die Wirtschaftskraft und die Lebensqualität Berlins. „Bildung ist ein entscheidender Wettbewerbsvorteil – und diesbezüglich sitzen wir hier auf einer Goldader“. DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben erwähnt die Wirtschaftskraft Deutschlands und die Lebensqualität der Region, tadelt dafür aber die Politik, weil sie sich „einseitig um die Alten und Kranken der Gesellschaft kümmert“ und jene Unternehmer, „die Angst bekommen, wenn die Konjunktur nach unten geht“.
Leider sprechen die Damen und Herren vor weniger als 200 Gästen. Vermutlich ist den meisten Wirtschaftsjunioren der Neunuhrtermin zu früh, dem ein oder anderen steckt sicher noch der gestrige „Welcome-Abend“ in den Knochen. Der stand nämlich ganz im Zeichen des Sich-Näher-Kommens. Im Szeneclub Spindler & Klatt, direkt an der Spree gelegen und mit herrlicher Aussicht aufs Friedrichshainer Ufer, tanzen fast 1000 junge und nicht mehr ganz so junge Leute bis in den Morgen hinein. Mit der Familienfreundlichkeit hat es hier ein Ende. Die Stripperin auf der Tanzfläche ist garantiert nicht jugendfrei.

Sabine Hölper

Aus der Ausgabe 8 / 2008

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