Wie die Säge den Blinddarm verlor

Wo Wissen Arbeit schafft (2): Studenten von der Invent Net GmbH helfen Unternehmen dabei, sich besser zu organisieren
Probleme lösen: Studenten der FHTW Berlin greifen Unternehmen unter die Arme. Foto: promo

Einer der großen Vorzüge des Wissenschafts- und Forschungsstandortes Berlin ist die mögliche enge Vernetzung mit der Wirtschaft. An den Hochschulen gewonnene Erkenntnisse können auf dem Weg über Ausgründungen direkt in neuen Unternehmen vermarktet werden. Universitäres Wissen kann aber auch bei der Problemlösung in Unternehmen helfen oder gar die Gründung eines Unternehmens erleichtern. In der gemeinsam mit „Berlin-Partner-Science“ präsentierten Berichtfolge „Wo Wissen Arbeit schafft“ stellt Berlin maximal heute die Invent Net GmbH vor, deren Ziel die Optimierung von Arbeitsprozessen ist.

Klaus Brandenburg, 65 Jahre alt, ist von Hause aus Volkswirt, von Beruf Unternehmensberater und er sieht aus wie ein rüstiger Pensionär, wie jemand, der gesund lebt und sich dauernd an der frischen Luft aufhält. Aber Klaus Brandenburg schreibt Sätze wie: „Ein Problem ist die subjektive Definition einer Aufgabenstellung, für die die Lösung unbekannt ist und möglicherweise auch der Lösungsweg“, und das klingt nicht so recht nach Ruhestand. Wenn Sie, liebe Leserin und lieber Leser, jetzt „Häh?“ denken, sind Sie bei Klaus Brandenburg genau richtig. Der lebt – und arbeitet – zwar tatsächlich da, wo der Himmel blau und die Wälder grün sind, südlich von Königs-Wusterhausen am idyllischen Mellensee, aber geht dort durchaus ernsten Geschäften nach. Brandenburg und seine Studenten beschäftigen sich mit nichts lieber als mit Menschen, die ein Problem haben, dieses nicht genau beschreiben können, aber trotzdem eine Lösung brauchen. Sie optimieren Arbeitsprozesse in Berliner und Brandenburger Unternehmen und helfen auch schon mal bei der Gründung eines Unternehmens.

Brandenburg und seine Studenten? Ja. Klaus Brandenburg hatte eine Vertretungsprofessur an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, der FHTW, die zum 1. April das „Fach“ im Namen streichen wird. So ist es in der jüngsten Änderung des Berliner Hochschulgesetzes geregelt. In dem Zuge wird Brandenburg Lehrbeauftragter und kümmert sich um Ingenieurstudenten, die sich mit ihren erworbenen theoretischen Kenntnissen der Technik und der Betriebswirtschaftslehre versuchen, in der Praxis zu bewähren.
Diese Praxisnähe ist aus der Sicht der Wirtschaft der entscheidende Vorteil eines Studiums an Fachhochschulen, auch wenn man denen die fälschlicherweise als diskriminierend empfundene Vorsilbe nun gestrichen hat. Nach dem Rahmenstudienplan lernen die Studenten ein Semester lang die theoretischen Grundlagen des Projektmanagements. Daran schließen sich zwei Semester in einem Unternehmen an. Und da kommt Klaus Brandenburg ins Spiel.

Abläufe müssen optimiert werden. Für die Lösung sind die Studenten gerüstet

Oftmals wird der Kontakt zu ihm über die Industrie- und Handelskammer hergestellt. Im Fall des international renommierten Berliner Schuhcremeherstellers Collonil geschah das mehr beiläufig am Rande einer Firmenbesichtigung durch den IHK-Stammtisch. Der Forschungs- und Entwicklungschef des Reinickendorfer Betriebes erzählte von räumlichen und logistischen Schwierigkeiten bei der Entwicklung und Stationierung einer Mischmaschine, die größere Mengen des Produktes herstellen sollte. Brandenburgs Studenten entwickelten ein Pflichten- und Lastenheft, die Voraussetzung für jeden Auftrag, und fanden einen Weg, die gewünschte Expansion am bisherigen Unternehmensstandort zu realisieren.

Bei dem Feinmechanikunternehmen Steingross in Berlin-Köpenick, ein anderer, von Brandenburg geschilderter Fall, hatte sich die bestehende Fabrikanlage als zu klein und der Unternehmensstandort zudem als falsch erwiesen. Da das Unternehmen auch für die Satellitentechnik hochfeine Bauteile herstellt, war ein zukunftsorientiertes Konzept gefordert. Die Studenten der künftigen HTW lieferten es, heute produziert die Firma in einer neuen Halle am neuen Standort.

Die „Wandlitzer Erden“ hingegen ist eine Unternehmensneugründung, die von Invent-Net begleitet wurde. Hier sollte die wissenschaftliche Erkenntnis in die Praxis umgesetzt werden, dass man aus der auf Bauernhöfen anfallenden Gülle, Holzspänen und bestimmten Mikroben eine besonders anspruchsvolle Erde für Gartenbaubetriebe herstellen kann. Das Unternehmen produziert heute überaus erfolgreich für einen wachsenden Markt und verdient im wahren Sinne des Wortes mit Mist Geld.

Als Hochschullehrer ist Brandenburg Verfasser einer Reihe von Publikationen über Unternehmensführung und Prozessrationalisierung. Der Unternehmensberater wird als Ansprechpartner von Geschäftsführern und Eigentümern von Betrieben geschätzt. Immer wieder stellt sich, so seine Erfahrung, bei diesen Gesprächen heraus, dass in erster Linie Unternehmensabläufe optimiert werden müssen. Hier wird Material verschleudert, dort geht Zeit verloren. An einer dritten Stelle hapert es mit den Absprachen, an einer vierten hat sich in Traditionsunternehmen ein Gestrüpp an sich überkreuzenden Zuständigkeiten entwickelt, das gelichtet werden müsste.

Für die Lösung all dieser Problemstellungen sind die HTW-Studenten gut gerüstet. Und der besondere Vorteil gerade für kleine oder mittelständische Auftraggeber: Sie müssen zwar den Unternehmensberater Brandenburg honorieren, aber der Arbeitseinsatz der Studenten kostet sie nichts. So profitieren letztlich alle: Kleine Betriebe erhalten kostengünstig Lösungen ihrer Probleme und die Studenten gewinnen Praxis. Oft arbeiten sie sich so in Unternehmen ein und gewinnen so viele Kontakte, dass sie nach Abschluss der Projekte und ihrer Studien direkt Jobangebote bekommen.

Firmeninfo
| Invent Net GmbH |
Am Standort in Brandenburg werden Projektentwickler gesucht

Geschäftsführer: Klaus Brandenburg
Adresse: Ostendstraße 25,
12459 Berlin
Umsatz: k. A.
Mitarbeiter: 4
Telefon: 030 / 53 04 17 99
Web: www.invent-net.de

Dass die Invent Net GmbH ihren Firmensitz sowohl in Brandenburg als auch in Berlin angemeldet hat, basiert auf praktischen Überlegungen. In Berlin sind Studenten und Auftraggeber, aber in Brandenburg arbeitet man intensiv mit Landesbehörden und Kommunen zusammen. Außerdem sind die Förderungen durch die Europäische Union in Brandenburg umfangreicher. Besonders stolz ist Klaus Brandenburg darauf, dass seine Firma vom Bundeswirtschaftsministerium für die Umsetzung des Förderprogramms „Innovationsmanagement“ autorisiert worden ist. Kleine Firmen scheuen sich oft, Förderanträge bei der EU oder beim Land zu stellen. Sie fühlen sich durch den Formularaufwand überfordert, haben einfach Angst, etwas falsch zu machen. Die Invent Net GmbH darf, das ist der Vorteil der Autorisierung durch das Glos-Ministerium, diese Förderanträge für interessierte Unternehmen mit nicht mehr als 50 Mitarbeitern und weniger als zehn Millionen Euro Umsatz ausarbeiten und stellen.

Es sind zwischen 80 und 90 Studierende, die sich in den letzten zehn Jahren durch solche und andere Projekte für das Berufsleben fit gemacht haben. Manche Erfolge der Beratung durch die Berliner Studenten, manche Lösungsvorschläge, sind auf den ersten Blick nicht spektakulär – aber es musste eben erst mal jemand darauf kommen. Als Brandenburgs junge Mannschaft einem Sägemaschinenhersteller in Nordrhein-Westfalen helfen sollte, Kosten zu sparen, wurde der gesamte Herstellungsprozess analysiert. Dabei stießen die Studenten auf ein Bauteil der Sägemaschinen, dessen Funktion niemand erklären konnte. Kein Wunder: es hatte keine Funktion, genauer: es hatte sie verloren. Irgendwann einmal im Laufe der Jahrzehnte, war die Konstruktion der Maschine geändert worden, das Teil wurde dadurch überflüssig, aber eingebaut wurde es weiter. So entdeckte die Invent Net GmbH so etwas wie den Wurmfortsatz, den Blinddarm der Sägemaschine. Der Bauplan wurde geändert, das Geld für Material und Herstellung gespart.

Gerd Appenzeller


Aus der Ausgabe 2 / 2009

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