Ein Ballack gehört nicht ins Tor

Ein Unternehmen gründen ist wie eine Fußballmannschaft aufstellen: Die Kompetenzen der Teammitglieder müssen sich gut ergänzen
Modekenner trifft Betriebswirtschaftler: Christian Heitmeyer und Constantin Bisanz sind die Gründer von brands4friends. Foto: promo

Es ist ein Uhr nachts in Las Vegas. Die Handyverbindung bricht einmal ab — aber beim zweiten Versuch hört man Christian Heitmeyers Stimme. Im Hintergrund lärmt es. „Warten Sie einen Moment, gerade kommt eine laute Ansage.“ Heitmeyer ist am Flughafen — geschäftlich unterwegs für sein junges Unternehmen brands4friends. Als echte Gründernatur ist er nicht nur nachts sondern auch am anderen Ende der Welt immer erreichbar.

Brands4friends heißt das Internetportal, das er gemeinsam mit seinem Partner Constantin Bisanz im Sommer 2007 gegründet hat. Die Idee hinter dem sogenannten  Online-Shopping-Club ist simpel: In einer geschlossenen Community werden Überproduktionen von über 300 internationalen Mode- und Lifestyle-Marken in zeitlich- und volumenbegrenzten Aktionen verkauft. Auf diese Weise sind die Markenartikel günstiger zu haben. Mitglied wird nur, wer von einer anderen Person aus der Community eingeladen wird.
Die Idee hat Heitmeyer aus Frankreich mitgebracht. Zu dem Zeitpunkt war der damals 41-Jährige schon einige Jahre in der Modebranche tätig. Mitgründer Konstantin Bisanz lernte er über Kollegen kennen. Ein Zufall war das nicht. „Ich habe überall herum gefragt, nach jemandem, der sich mit den Bereichen Internet und Online gut auskennt“, sagt Heitmeyer. Die passgenaue Suche scheint sich gelohnt zu haben: Gerade mal eineinhalb Jahre nachdem brands4friends.de online gegangen ist, kann das Portal schon auf eine stolze Erfolgsgeschichte zurückblicken: Rund 10 000 neue Nutzer täglich, 25 Millionen Umsatz  im ersten Geschäftsjahr, 100 feste und 40 freie Mitarbeiter, davon 70 Neueinstellungen im letzten Jahr. Außerdem haben sie schon einige Nachwuchspreise abgeräumt.

Ein Gründer muss das Feuer in den Augen haben

Die Geschichte von Bisanz und Heitmeyer zeigt: Damit ein Unternehmen erfolgreich wird, braucht es mehr als eine gute Idee. Es braucht auch die passenden Persönlichkeiten.
„Wer eine Gründeridee umsetzen möchte, muss auf der einen Seite eine Siegernatur sein, andererseits bleibt natürlich die Gefahr der Selbstüberschätzung“, sagt Wolfgang Pfeifer, Gründungsberater des betriebswirtschaftlichen Fort- und Weiterbildungsinstitut e.V. (bfwi). Mit Biss und ohne Scheu vor Stress sollte man die Sache möglichst realistisch angehen. Denn gerade in der Anfangsphase kommt eine scheinbar nicht enden wollende Durststrecke auf die Gründer zu. „Wir haben in den ersten Monaten 24 Stunden am Tag gearbeitet“, erinnert sich Heitmeyer. Es wurde gemeinsam im Büro gefrühstückt, gemeinsam zu Abend gegegessen und die Nächte durchgearbeitet. Und auch heute noch sind 15-Stunden-Arbeitstage keine Seltenheit.
„Ein Gründer muss das Feuer in den Augen haben“, sagt Maria Kiczka-Halit, geschäftsführender Vorstand bei der Gründerberatung Lok e.V. Aber er muss natürlich auch fachlich in der Lage sein, die Idee umzusetzen. „Begeisterung allein reicht nicht aus“, sagt die Beraterin. Fachwissen aber auch nicht.

Perfekt ist es, wenn ein Unternehmer fachliche Kompetenzen und Gründergeist in sich vereint. Oder wenn er sich die fehlenden Eigenschaften in Form von Partnern mit ins Boot holt. Gerade im Team geht es nach Meinung von Kiczka-Halit nur, wenn sich die fachlichen Qualifikationen der Einzelnen ergänzen.
Nicht selten wollen junge Hochschulabsolventen, die gemeinsam zur Uni gegangen sind, eine Gründeridee umsetzen. „Die kennen sich dann zwar schon lange, haben aber das Gleiche studiert und ergänzen sich nicht unbedingt“, sagt bfwi-Berater Pfeifer.
Christian Heitmeyer selbst vergleicht eine Unternehmensgründung mit einem Fußballspiel: „Ein Ballack alleine kann keinen Pokal holen“, so seine These. „Und  ein Ballack muss auf jeden Fall im Mittelfeld spielen, denn das kann er am Besten. Für das Tor muss er sich einen Oliver Kahn dazu holen.“

Bei brands4friends funktioniere dieses Konzept: Heitmeyer hat seine Kontakte in der Modebranche mit eingebracht, sein Partner Constantin Bisanz das Gespür für den Onlinemarkt. Dazu haben sich die beiden noch weitere Mitstreiter mit ergänzenden Fähigkeiten ins Boot geholt. In wichtigen Abteilungen wie dem Marketing oder auch im Einkauf sitzen ebenfalls Mitarbeiter mit ausreichender Vorerfahrung.
Welche Persönlichkeiten eine erfolgreiche Gründung braucht,  hängt natürlich von der Geschäftsidee ab. Ein paar Grundeigenschaften aber braucht jedes Unternehmen: „Man braucht den Kreativen mit den Ideen, den eher Bodenständigen, der sich um die Zahlen kümmert und unbedingt auch einen Kommunikativen, der das Unternehmen nach außen vertreten kann“, erklärt Maria Kiczka-Halit.

Manchmal kann auf dem demokratischen Weg keine Entscheidung getroffen werden

Eine Doppelbesetzung ist nicht nur ineffizient, sondern kann auch zu Kommunikationsproblemen führen, sagt ihr Kollege
Cetin Sahin. Deshalb frage er jedes Gründerpärchen oder -grüppchen, das mit einer Geschäftsidee zu ihm kommt, wo die Ergänzung durch den jeweils anderen liegt. „Die Begründung dafür, warum die Idee zu zweit oder zu dritt umgesetzt werden soll, muss nachvollziehbar sein.“
Auch wenn die fachlichen Qualifikationen das wichtigste Kriterium für eine erfolgreich Teambildung sind, geht es natürlich nicht ohne Sympathien. Dabei sollten die gründenden Partner tunlichst keine sehr guten Freunde sein. Denn obwohl sich Freunde oft lange kennen und gerne mögen, wissen sie meist nicht, wie der jeweils andere in echten Stresssituationen reagiert, meint Gründercoach Sahin. Man kennt sich nur aus der gemeinsamen Freizeit, in der es selten zu Konflikten kommt. In stressigen Zeiten am Arbeitsplatz können sich die Beteiligten nicht immer aus dem Weg gehen und müssen auch in unliebsamen Situationen zu gemeinsamen Lösungen kommen. Gute Freunde aber sind nach einem Kompromiss nicht selten sogar persönlich beleidigt.

„Gründungspartner müssen gemeinsam an einem Strang ziehen, sonst können sie es vergessen“, sagt Gründungsberater Pfeifer. „Was zählt ist eine gesunde Basis. Man braucht ein ähnliches Weltbild und die gleichen Vorstellungen von den gemeinsamen Zielen“, fügt Kiczka-Halit hinzu. Sie rät dazu, immer ehrlich zu sich selbst zu sein: „Wenn einem etwas an dem anderen nicht passt, dann passt es eben nicht.“ Dann sei es ratsam die Verbindung zu lösen und nach neuen Partnern Ausschau zu halten: Jeder werde seinen Deckel finden.

Firmeninfo
| brands4friends.de |
Gesucht werden Mitarbeiter in den Bereichen Grafik, Text und IT

Geschäftsführer: Christian Heitmeyer,
Constantin Bisanz und Kai Schoppen
Adresse: Johannisstraße 20,
10117 Berlin-Mitte
Umsatz: 25 Millionen Euro
Mitarbeiter: 100
Web: www.brands4friends.de

Auch die beste Fußballmannschaft funktioniert nicht ohne Spielregeln – das gilt auch für Unternehmerteams. Ohne klare Absprachen über Rechte und Pflichten geht es nicht. In stressigen Streitsituationen pochen gleichberechtigte Partner sonst gleichermaßen auf ihr Recht, sagt Maria Kiczka-Halit. „Es gibt immer Situationen, in denen auf dem demokratischen Weg keine Entscheidung gefunden wird“, weiß auch Christian Heitmeyer von brands4friends. Dann seien klar geregelte Hierarchien unabdingbar. Sonst komme man zu gar keiner Entscheidung und das sei für das Unternehmen auch nicht förderlich. Klare Vereinbarungen brauche man nicht nur für den laufenden Betrieb, warnt Lok-Berater Sahin. Er empfiehlt auch eine Exitstrategie festzulegen: „In der muss genau geregelt werden, wie die Partner aus der Sache wieder raus kommen, wenn die Gründung nicht erfolgreich verläuft.“

Brands4friends ist seit der Gründung schnell gewachsen. 70 Leute hat das Unternehmen allein im vergangenen Jahr eingestellt. Bei der Personalauswahl achet Christian Heitmeyer vor allem auf den Gründer-Biss: „Bei uns ist sehr viel Eigeninitiative und Einsatzbereitschaft gefragt.“ Nicht selten hätten Bewerber unrealistische Vorstellungen von der Arbeit in einem Start-Up-Unternehmen. 40-Stunden-Wochen seien bei brands4friends auch in den nächsten Jahren nicht drin. „Wer bei uns arbeiten möchte, sollte nach zwölf Stunden noch nicht müde sein“, sagt Heitmeyer. Er hat sich vorgenommen, den Jahresumsatz des Unternehmens in den nächsten drei Jahren zu verzehnfachen. Klar, das da nicht viel Zeit zum Schlafen bleibt.

Miriam Braun


Aus der Ausgabe 3 / 2009

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