Die neue Gründerzeit
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Eigener Laden statt arbeitslos. Alexander Schöne hat im Januar sein Angelgeschäft »Fischers Fritze« gegründet. Foto: Thilo Rückeis |
Not macht bekanntlich erfinderisch. Das gilt vor allem für Arbeitslose wie Alexander Schöne. Der 45-jährige Experte für Angelbedarf hätte bis vor kurzem noch nicht im Traum daran gedacht, dass er sich einmal selbstständig machen würde. Jetzt ist er doch Unternehmer geworden.
„Vor einem Jahr habe ich meinen Job als Filialleiter in einem Angelladen verloren. Das war für mich eine vollkommen neue Situation“, erzählt Schöne. Ein Dreiviertel- jahr habe er sich um einen neue Stelle bemüht. Je länger er suchte, desto deutlicher wurde ihm, dass es langsam enger werden würde auf dem Arbeitsmarkt. „Darum stand eines Tages mein Entschluss fest: Ich gründe meinen eigenen Angelladen“, sagt Schöne. Seit Mitte Januar nun ist er Chef von „Fischers Fritze“ am Goslarer Platz in Charlottenburg.
Langzeitbeobachtungen zeigen: Je schlechter die Situation auf dem Arbeitsmarkt ist, desto mehr Menschen machen sich selbstständig. Und so könnte ausgerechnet in diesem Jahr, während es mit der Wirtschaft weiter abwärts geht, eine neue Gründerzeit beginnen. „Spätestens im zweiten Halbjahr 2009 rechnen wir mit einer Gründungswelle“, sagt Marc Evers, Gründungsexperte beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Seine Vermutung stützt Evers unter anderem auf Berichte aus den Industrie- und Handelskammern in den Ländern. Seit einigen Monaten sammelten sich dort die Anfragen von Existenzgründern, die sich beraten lassen wollen. „Je länger die Rezession dauert, desto stärker nimmt die Nachfrage zu“, berichtet er.
Wir rechnen mit einer Gründungswelle
Susanne Schmitt-Wollschläger, die bei der Berliner IHK Gründer berät, bestätigt diesen Trend. Gut habe sie ihn bei den Gründertagen beobachten können, die Anfang März in Berlin stattgefunden haben. „In diesem Jahr war im Vergleich zu den Vorjahren traumhaft viel los.“ Im Vergleich zu früheren Jahren seien zudem die Gründungsideen ausgereifter gewesen.
Dabei hatte das Interesse an der Selbstständigkeit im Aufschwung der letzten Jahre kontinuierlich abgenommen: Noch 2008 gingen nach Angaben des Statistischen Bundesamts die Gründungen um 1,8 Prozent auf rund 833 000 zurück. In Berlin waren es mit gut 41 000 rund 3000 Anmeldungen weniger als 2007. „Im wirtschaftlichen Aufschwung herrscht regelmäßig Flaute bei den Existenzgründungen“, sagt DIHK-Experte Evers.
Allerdings zeigten frühere Erfahrungen, dass in der Rezession das Gründungsgeschehen wieder zunehme. Besonders auffällig war das Krisenjahr 2004. Damals sorgten die staatlich geförderten Ich-AGs noch zusätzlich für Auftrieb bei den Gewerbeanmeldungen. „Die Arbeitslosigkeit gibt den Takt der Gründungen vor“, sagt Evers. Viele qualifizierte und hochqualifizierte Angestellte sowie Menschen aus den mittleren und höheren Führungsebenen suchen in solchen Zeiten neue Herausforderungen und Perspektiven. Je mehr Leute ihren Job verlören, desto mehr seien sie auf Alternativen angewiesen. Freiwillig verzichteten sie dagegen selten auf die Sicherheit einer Festanstellung, die in Deutschland wesentlich höher eingestuft werde als in anderen vergleichbaren Ländern.
Adresse: Goslarer Platz 6,
10589 Berlin
Umsatz: k. A.
Mitarbeiter: 1
Telefon: 030 / 34 09 86 10
Web: www.fischersfritze.eu
Das traf auch auf Alexander Schöne zu. „Ich hatte viele Jahre einen wirklich gut bezahlten Job. Warum hätte ich den aufgeben sollen?“, fragt Schöne. Wer sich selbstständig macht, muss gerade am Anfang auf ein sicheres und regelmäßiges Einkommen verzichten. Und nicht nur das. Auf dem Weg zum erfolgreichen Unternehmen stoßen die meisten immer wieder auf neue, bislang unbekannte Hürden. So musste Alexander Schöne, weil er kein Eigenkapital besaß, Banken abklappern, eine Rentabilitätsvorschau erstellen und zahlreiche Unterlagen wälzen. „Ich bin doch Kaufmann und kein Banker“, sagt er ein wenig ärgerlich. Erreicht hat er sein Ziel dennoch: Neben der Bürgschaftsbank bewilligte ihm auch die Sparkasse einen Kredit. Zusammen mit dem Gründungszuschuss der Bundesagentur für Arbeit hat Schöne nun genug Geld, um die erste Zeit zu überbrücken, wie er sagt.
Die Sparkassen-Finanzgruppe, die nach eigenen Angaben einen Großteil aller Gründungen finanziert, spürt insgesamt eine verstärkte Nachfrage nach Beratungsangeboten für Existenzgründer, seitdem die Zahl der Erwerbslosen in Deutschland wieder steigt, also seit Dezember. „Die Anfragen haben seit Jahresbeginn im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 15 Prozent zugelegt“, sagt Christian Segal, Leiter des Kompetenzcenters Gründungen der Berliner Sparkasse. Die Erfahrung zeigt, dass mit 45 Prozent die meisten Gründungen aus dem Dienstleistungssektor kommen, danach folgt der Handel (28 Prozent) und an dritter Stelle das Handwerk. Der Rest sind Freiberufler, etwa Anwälte, und Gründer aus dem produzierenden Gewerbe. Segal und Schmitt-Wollschläger zufolge dürfte sich diese Entwicklung fortsetzen.
Rolf Sternberg, Gründungsforscher an der Leibniz-Universität in Hannover, rechnet überdies damit, dass sich viele Fachleute aus der Finanzwelt selbstständig machen werden, die infolge der Krise ihre Jobs verloren haben. „Die Chance, dass sich die Qualität der Gründungen in diesem Zyklus verbessert, ist groß“, folgert er. Sonst sei etwa die Hälfte einer durchschnittlichen Gründungskohorte eines Zyklus nach sieben Jahren wieder vom Markt verschwunden. „Das könnte dieses Mal anders sein.“ Einen negativen Effekt könne die Finanzkrise dennoch auf den Gründungsprozess haben, meint Sternberg. Dann, wenn die Banken bei der Kreditvergabe knausern. „Das könnte das Tempo verlangsamen“, sagt er.
Arbeitslos – das war für mich völlig neu
Der Sparkassenverband versichert, dass man nicht zurückhaltender sei als sonst, wie früher aber jeden Antrag sehr sorgfältig prüfe. Auch Schmitt-Wollschläger berichtet: „Bisher gibt es bei der IHK noch keine Beschwerden von Gründern.“
Alexander Schöne meint, dass er die richtigen Voraussetzungen mitgebracht hat und auch Glück hatte. „Ich habe Kredite bekommen, weil ich 20 Jahre lang in der Angelbranche gearbeitet habe, also das ganze Fachwissen drauf habe“, meint er. Außerdem besitze er ein privates Grundstück, das als Sicherheit gilt. „Andere Gründer haben es da schon schwerer.“
trotz Krise |
» Unternehmertyp
Nicht jeder hat das Zeug zum Unternehmer. Nur aus der Not heraus und ohne großen Eifer zu gründen, ist keine gute Idee.
» Businessplan
Geldgeber wollen einen Businessplan sehen, der klare Ziele steckt und mögliche Hürden benennt. Mit seiner Hilfe sollte man auch selbst regelmäßig überprüfen, ob noch alles nach Plan läuft.
» Startkapital
Wichtig ist eine realistische Kalkulation. Viele Gründer unterschätzen den Bedarf für späteres Wachstum.
» Finanzierungsquellen
Geld bei Freunden oder Verwandten zu leihen ist riskant. Sinnvoller ist, sich um Fördergelder zu bemühen, bei der KfW-Bankengruppe, der Investitionsbank Berlin oder beim Bundeswirtschaftsministerium. Arbeitslose erhalten Gründerzuschüsse.
» Beratung
Die Industrie- und Handelskammern bieten Gründungsseminare an: www.ihk-berlin.gruenderkurs.de
Die Experten führen dies jedoch auch darauf zurück, dass bei manchen Gründungen die Not und nicht die unternehmerische Qualität im Vordergrund stehe. Solche Fälle fielen „schon mal durchs Raster“, heißt es etwa bei der Investitionsbank Berlin (IBB). Dabei müsse eine gewisse Vorsicht bei der Gründung grundsätzlich gegeben sein, die in der Krise noch ernster genommen werden müsse. Denn die Gefahr sei groß, dass bei einer schlechten wirtschaftlichen Lage die Gründung misslingt. Die Experten empfehlen daher, gründlicher denn je zu planen (siehe Kasten).
Wie viele Menschen wie Alexander Schöne den Schritt in die Selbstständigkeit in dieser Rezession tatsächlich wagen, mag keiner der Experten voraussagen. Das sei so ungewiss wie der gesamte Verlauf der Krise. In einem Punkt aber ist sich Forscher Sternberg sicher: Die Gründungen – ob klein oder groß – bringen viel Positives für den nächsten Aufschwung mit: neue Ideen, neue Produkte und neue Wirtschaftszweige.
Yasmin El-Sharif
Aus der Ausgabe 5 / 2009
