Von Frauen lernen
|
Erfahrung trifft auf Ehrgeiz: Marianne Denk-Helmold (links) und Anja Wehler-Schöck lernten sich beim Mentoringprogramm kennen. Foto: Kai-Uwe Heinrich |
Anja Wehler-Schöck stand schon oft auf einem Podium. Die junge Frau, die seit knapp vier Jahren Referentin für Familienpolitik, Gender und Jugend bei der Friedrich Ebert Stiftung ist, moderiert häufig wissenschaftliche Diskussionen, das gehört zu ihrem Beruf, damit kennt sie sich aus. Und dennoch: „So richtig gut hat es sich nicht angefühlt, wenn ich vor einem großen Publikum gesprochen habe“, sagt die 31-Jährige. Unsicher sei sie gewesen, sie habe nicht gewusst, wie sie rüberkomme, ob sie ihre Sache wirklich gut mache. Wenn man mit Anja Wehler-Schöck spricht, kann man sich das kaum vorstellen, jeder Satz, den sie sagt, wirkt gut durchdacht und professionell. Was ihr aber fehlte, war jemand, der ihr genau das mal sagte. Jemand wie Marianne Denk-Helmold. Beide Frauen haben sich bei einem Mentoringprogramm kennen gelernt, das die Europäische Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft Berlin (EAF) und das Frauennetzwerk Soroptimist International gemeinsam organisieren.
Bei Marianne bin ich mir sicher, dass das Feedback ehrlich ist
Die Idee, die dahintersteckt: Eine erfahrene Frau in einer Führungsposition berät als Mentorin eine jüngere Frau, die beruflich aufsteigen oder sich umorientieren möchte. Sie gibt Tipps für den Berufsalltag und steht ihr als Vertrauensperson zur Seite. Sie soll ihr Mut machen und sie bestärken auf ihrem Weg nach oben, indem sie aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz schöpft.
Marianne Denk-Helmold hat sich eine Moderation von Anja Wehler-Schöck angehört und angeschaut. Ihr sei dabei aufgefallen, wie authentisch, engagiert, aber auch sicher ihr Mentee dabei wirkte. „Sie war wirklich gut, aber darüber war sie sich gar nicht im Klaren“, erzählt die 59-Jährige, die als selbstständige Kommunikationsberaterin in Berlin arbeitet. Also sagte sie es Anja Wehler-Schöck, schilderte ihren Eindruck, und half ihr somit, ihre Unsicherheit zu überwinden. „Das hat mir sehr geholfen, denn bei Marianne bin ich mir sicher, dass ihr Feedback ehrlich ist“, sagt Anja Wehler-Schöck. In dem einen Jahr, in dem sie als Mentorin und Mentee zusammen gearbeitet haben, haben sie sich so gut kennen gelernt, dass sie sich auch nach Auslaufen des Programms immer noch regelmäßig treffen.
Mentoringprogramme, in denen Frauen sich gegenseitig helfen, gibt es mittlerweile einige in Berlin und Brandenburg. Jedes Programm richtet sich an verschiedene Zielgruppen, mal geht es um den wissenschaftlichen Nachwuchs, mal um Geschäftsfrauen, mal um Künstlerinnen.
Die EAF und Soroptimist International richten ihr Mentoringprogramm seit 2003 aus. Es ist für Frauen aus allen Berufsgruppen gedacht. Wer als Mentee daran teilnehmen möchte, muss ein strenges Auswahlverfahren durchlaufen, denn die Teilnehmerzahl ist begrenzt. In jeder Runde können nur 15 bis 18 Frauen dabei sein.
„Ich habe schon lange den Wunsch gehabt, mich mal mit jemandem über meine berufliche Zukunft auszutauschen“, schildert Anja Wehler-Schöck. Als sie die Ausschreibung in der Zeitung sah, habe sie sofort gewusst, dass dieses Programm für sie geschaffen sei. „Mir hat gefallen, dass es sich speziell von Frauen an Frauen richtet“, sagt sie. Unter ihnen, so habe sie beobachtet, herrsche eine andere Dynamik als in gemischten oder reinen Männergruppen. „Frauen gehen miteinander unterstützend um, es entsteht nicht so ein starker Konkurrenzdruck.“ Wehler-Schöck bewarb sich mit einem Motivationsschreiben. Anschließend wurde sie zu zwei Auswahltagen eingeladen, an denen sie ihre Eignung für das Programm beweisen musste. Wer diese Auswahl übersteht, für den sucht die EAF eine Mentorin aus.
„Bei der Entscheidung, wer mit wem zusammenarbeitet, achten wir in erster Linie auf die Interessen und Wünsche der Mentees“, sagt Kathrin Mahler Walther, die das Projekt bei der EAF betreut. So sucht die eine jemanden, der sie bei einem beruflichen Wechsel unterstützt, die andere möchte jemanden, der Erfahrungen darin hat, wie man Beruf und Kinder auch in Führungspositionen unter einen Hut bekommen kann, und die Dritte möchte Ratschläge von einer Unternehmerin, die auf dem Land lebt. Aus dem gleichen Beruf müssen sie dabei nicht kommen, manchmal sei auch der Blick von außen hilfreich. „Wichtig ist, dass die Chemie zwischen beiden stimmt“, erklärt Mahler Walther. Einmal im Monat treffen sich Mentorin und Mentee zu einem Gespräch. „Es gibt ganz verschiedene Möglichkeiten, wie die monatlichen Treffen stattfinden. Manche Frauen treffen sich zwischen den Geschäftsterminen auf einem Flughafen, andere halten ihre Gespräche auch per Skype ab“, sagt Mahler Walther. Anja Wehler-Schöck und Marianne Denk-Helmold hatten das Glück, am selben Ort zu wohnen, und konnten sich so in ruhiger Atmosphäre im Restaurant treffen.
Viele junge Frauen sind heute so zaghaft. Wir haben früher einfach gemacht
Für die Mentees kostet die Teilnahme am Programm 600 Euro, dafür bekommen sie neben der Unterstützung durch ihre Mentorin fünfmal im Jahr spezielle Seminare, in denen sie Schlüsselqualifikationen wie Kommunikations- und Führungskompetenz lernen sollen. Die Mentorinnen bekommen für ihre Arbeit kein Geld, sie helfen als Mitglieder von Soroptimist International ehrenamtlich.
Marianne Denk-Helmold ist schon zum zweiten Mal Mentorin. Ursprünglich habe sie der Gedanke gereizt, einer jungen Frau die Unterstützung zu geben, die sie früher gern gehabt hätte. „Als ich in den Beruf gestartet bin, gab es so etwas gar nicht, und ich hätte mich gefreut, wenn ich mir bei jemandem hätte Rat holen können“, sagt sie. Als junge Journalistin in Köln machte sie nach ihrem Studium die Erfahrung, dass sie als Frau beruflich nicht weiterkam. „Ich hatte das Gefühl, dass ich mich nicht gegen die Männer an der Spitze durchsetzen konnte, selbst wenn sie unfähig waren“, erzählt sie. Mit der Erfahrung, die sie heute habe, würde sie einer jungen Frau in derselben Situation vermutlich raten, das Problem „einfach auszusitzen“. Nachdem sie bereits zwei Mentees hatte, habe sie aber auch gemerkt, dass die Treffen keine einseitige Sache sind, sondern dass sie von den jungen Frauen auch etwas zurückbekomme. „Ich bekomme einen Einblick in die heutigen Probleme, mit denen die Frauen zu kämpfen haben. Ich würde sagen, ich bin nicht mehr so ganz unpolitisch wie früher“, sagt Marianne Denk-Helmold. Sind diese Probleme denn andere als in der Zeit ihres Berufsbeginns? „Ich habe das Gefühl, dass die zwischenmenschlichen Dinge schwieriger geworden sind“, versucht die 59-Jährige zu erklären. Heute seien junge Frauen zwar einerseits selbstbewusster als zu ihrer Zeit, sie reflektierten aber auch jeden ihrer Schritte viel mehr, seien viel mehr auf ihr Image bedacht und trauten sich dadurch im Endeffekt doch weniger. „Früher hat man keine strategischen Überlegungen und Planungen angestellt, da hat man einfach gemacht“, sagt Marianne Denk-Helmold. Sie habe beobachtet, dass viele in einigen Fragen viel zaghafter seien, in denen sie „einfach drübergemäht“ hätte.
Doch sind das typische Frauenprobleme? Was ist mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, was ist mit den berüchtigten Männernetzwerken, in denen Frauen keine Chance haben, was ist mit der geringen Zahl von Frauen in Führungspositionen? Die habe es damals wie heute gegeben, sagen beide Frauen. „Nur heute wird darüber gesprochen, was aber nicht automatisch heißt, dass sie deshalb gelöst sind“, sagt Denk-Helmold.
Web: www.mentoring.udk-berlin.de
» Mentoring für Frauen der Unis Potsdam, Cottbus und Frankfurt/Oder
Richtet sich an Studentinnen und Promovierende, die kurz vor ihrem Abschluss stehen
Web: www.mentoring-brandenburg.de
» Professionalisierung für Frauen in Forschung und Lehre
Das Programm fördert hoch qualifizierte Wissenschaftlerinnen auf dem Weg zur Professur.
Web: www.profil-programm.de
» Small business mentoring
Das Programm der Gründerinnen-agentur soll Frauen in schwierigen Lebensphasen dabei unterstützen, den Weg in die Selbstständigkeit zu finden.
Web: www.gruenderinnenagentur.de
Die Schwierigkeiten, auf die Frauen im Berufsleben stoßen, zeigten sich meist noch nicht am Anfang ihrer Karriere, sagt Kathrin Mahler Walther vom EAF. „Zu Beginn der Karriere ist noch alles in Ordnung, da sieht man seine Grenzen noch nicht“, sagt sie. Darum seien die Zielgruppe für ihr Mentoringprogramm auch nicht Berufseinsteiger, sondern Frauen, die schon drei bis fünf Jahre in ihrem Beruf gearbeitet hätten und nun aufsteigen wollten, eine Führungsposition anstrebten oder sich in ihrem Beruf verbessern wollten. „Wir wollen Frauen fördern, die eine hohe Motivation in ihrem Beruf mitbringen und die sich auch gesellschaftspolitisch engagieren“, sagt Mahler Walther.
Was steht diesen hochmotivierten, qualifizierten Frauen heute noch im Weg? Nach Ansicht von Anja Wehler-Schöck sind es auch sie selbst. „Ich habe das Gefühl, dass manche Frauen an den entscheidenden Stellen nein sagen“, sagt sie. Etwa wenn es darum geht, leitende Positionen zu übernehmen. Frauen trauten sich oft weniger zu als Männer. Frauen sollten sich ihrer Stärken bewusst werden und besser netzwerken, sagt sie. Das Mentoring habe ihr geholfen, selbstsicherer zu werden. Sie habe außerdem Frauen kennen gelernt, die genau wie sie nach der Geburt ihres Kindes schnell wieder arbeiten wollten – und zwar Vollzeit. „Ich hatte vorher oft das Gefühl, ich müsse mich dafür rechtfertigen, dass ich als Mutter wieder voll in den Beruf einsteigen will“, sagt Anja Wehler-Schöck. Der Austausch mit anderen berufstätigen Müttern habe ihr gezeigt, dass der Wunsch, auch mit Kind Karriere zu machen, kein außergewöhnlicher ist.
Von ihrer Mentorin habe sie vor allem eines gelernt. „Ich brauche mich nicht verstellen, sondern kann ganz ich selbst sein.“ Und wenn sie das nächste Mal auf einem Podium steht, weiß sie, dass sie das gut machen wird. „Schließlich hat es schon mehrmals geklappt, warum sollte es also diesmal nicht klappen?“
Ulrike Thiele
Aus der Ausgabe 10 / 2009
