Die Ladenhüterinnen
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Gründermutter des Friedrichshainer Netzwerks: Buchhändlerin Beate Klemm vor ihrem Laden in Friedrichshain Foto: Doris Spiekermann-Klaas |
Buchhändlerin Beate Klemm kann sich genau erinnern, wie die Idee für das Netzwerk „Die Ladenhüterinnen“ geboren wurde: „Ich habe mal im Auto eine Radioreportage über afrikanische Marktfrauen gehört. Die haben sich zusammengeschlossen und immer Geld in einen gemeinsamen Topf eingezahlt. Wenn eine von ihnen dringend etwas brauchte, hat sie es bedingungslos bekommen“, erzählt Klemm. Der Gedanke gefiel ihr. „Damals waren schon die LPG-Frauen, Jana Gunia vom Spielzeugladen Siebenschön und Sabine Abel von der Brillenkammer gute Kundinnen bei mir. Wir hatten mit der Zeit engeren Kontakt, auch wenn wir uns nur über den Kassentisch hinweg unterhalten haben.“
Mit der Idee des afrikanischen Geldtopfes machten sich Klemm und die anderen Geschäftsfrauen auf die Suche nach passenden Partnerinnen. Jede brachte mal jemanden mit zu einem Treffen, eine oder zwei Kandidatinnen passten nicht, andere wollten nicht mitmachen. Übrig blieben elf Frauen mit acht Läden rund um den Boxhagener Platz in Friedrichshain. „Ursprünglich wollten wir auch Dienstleisterinnen dabeihaben, aber die haben einfach eine andere Zielsetzung als wir“, sagt Buchladen-Inhaberin Klemm.
Die erste Idee, einen gemeinsamen Geldtopf einzuführen, um sich gegenseitig abzusichern, erwies sich schnell als unrealistisch. „Im Nachhinein funktioniert das in Deutschland nicht. Hier braucht man für alles Belege“, sagt Klemm. „Im Endeffekt haben wir uns dann auf einen emotionalen Schwerpunkt geeinigt. In unserer Gesellschaft ist das Netzwerken einfach viel wert.“
Bei „Siebenschön“ steht Jana Gunia inmitten zahlloser schwarzbrauner Regale und beobachtet lächelnd die kleinen Besucher, die durch ihren Laden stromern – Anfassen ist hier erlaubt. „Siebenschön“ gibt es seit Dezember 2003. Beate Klemms Idee eines Netzwerks hat Gunia schnell angesteckt. „Wir haben dann versucht, eine Gruppe zu finden, die zusammen passt“, sagt Gunia. „Wir haben uns alle Läden angeguckt und auch darauf geachtet, dass verschiedene Produktgruppen dabei sind. Der Gedanke war von Anfang an der Austausch in Alltagsfragen.“ Auf den gemeinsamen Namen „Die Ladenhüterinnen“ einigten sich die Frauen schnell; es sollte ein femininer Begriff sein. Die Entwicklung vom negativ besetzten „Ladenhüter“ zum mütterlich anmutenden „Hüterinnen“ gefiel allen. Die Zusammenarbeit ging bald über den Gedankenaustausch hinaus: Die Ladenhüterinnen entwarfen gemeinsam Postkarten und Papiertüten und planten Werbeaktionen.
Bei uns geht es um Vernetzung
Katharina Pech war Auszubildende in der „Brillenkammer“, als sich die Ladenhüterinnen im Sommer 2004 zusammenschlossen. Geschäftsinhaberin war damals noch Sabine Abel. „Bei den Treffen war ich aber häufig dabei, Sabine wollte das nicht allein machen“, berichtet Pech. Im Nachhinein dürfte ihr das später den vollwertigen Einstieg bei den Ladenhüterinnen erleichtert haben. Sabine Abel zog um und gab die Brillenkammer ab, als Pech ihren Meister gemacht hatte. Das war für die heute 29-Jährige der Sprung in die Selbstständigkeit.
„Bei den Ladenhüterinnen geht es ja vor allem um den Vernetzungsgedanken“, erklärt sie. „Man kann Projekte stemmen, die man sonst allein nicht hinkriegt.“ Die Ladenhüterinnen haben schon einen Malwettbewerb, einen Fotowettbewerb und eine Plakatkampagne veranstaltet, waren auf Wochen- und Weihnachtsmärkten präsent und haben gemeinsam Karten und Aufkleber mit dem Ladenhüterin-Logo im Sechzigerjahre-Stil drucken lassen. Katharina Pech geht hinter ihren Tresen und zieht eine hellblau karierte Papiertüte hervor, auf der handgroß die bezopfte Ladenhüterin prangt. „Ich bin die Einzige, die noch solche Tüten hat“, sagt sie mit verschmitztem Lächeln. „Die sind sehr beliebt.“
Adresse: Grünberger Straße 58,
10245 Berlin
Mitarbeiter: 3
Telefon: 030 / 27 58 98 49
Web: www.brillenkammer.de
Siebenschön
Geschäftsführerin: Jana Gunia
Adresse: Gärtnerstraße 26,
10245 Berlin
Mitarbeiter: 3
Telefon: 030 / 74 07 88 33
Web: www.siebenschoen-berlin.com
Lesen und Lesen Lassen
Geschäftsführerin: Beate Klemm
Adresse: Wühlischstraße 30,
10245 Berlin
Telefon: 030 / 291 53 82
Mitarbeiter: 5
Web: www.lesen-und-lesen-lassen.de
So reibungslos wie die Namensfindung liefen nicht alle Entscheidungen im Netzwerk. „Man stößt schon manchmal an seine Grenze und denkt: Ich will das nicht mehr, was bringt mir das eigentlich“, sagt Klemm. „Wir sind alle gestandene Geschäftsfrauen. Da ist es nicht immer einfach, sich unterzuordnen.“ Alle Mitglieder der Ladenhüterinnen haben aber einen gemeinsamen Hintergrund; es sind Fachfrauen, die sich beruflich selbstständig gemacht haben und nicht rein profitorientiert arbeiten, sondern mit Liebe zu ihrem Produkt. Der Kreis der Ladenhüterinnen hat sich seit der Gründung 2004 nicht vergrößert. „Das ist gar nicht so einfach, sich immer zu einigen“, erklärt auch Jana Gunia. „Die Ideen gehen schon manchmal auseinander, wir kamen nicht zusammen und haben dann kreative Pausen gemacht. Außerdem haben viele von uns Kinder, da ist schon das regelmäßige Treffen schwierig.“
Zurzeit etwa gibt es keine Aktivitäten zum Nachdruck der Papiertüten mit dem Ladenhüterinnen-Logo – obwohl sie so populär sind. „Man sollte den Werbefaktor dieser Tüten nicht unterschätzen“, sagt Gunia. „Auch die Postkarten waren eine Zeitlang richtige Sammlerobjekte, gerade bei den Weihnachtsversionen.“ In Phasen, in denen bei einer oder mehreren Ladenhüterinnen viel los ist, bleibt jedoch kaum Zeit für Gemeinschaftsaktionen.
„Im Moment ist es sehr ruhig“, sagt Pech. „Einige von uns haben sich umstrukturiert, die sind gerade mit sich selbst beschäftigt. Und seit 2004 ist auch eine Menge passiert. Ein Laden ist verkauft worden, eine ist bei uns ausgestiegen.“ Den Zusammenhalt schmälere das aber nicht, betont sie. „Wir treffen uns alle zwei Monate und essen zusammen. Es ist einfach schön, sich auszutauschen.“
Am Anfang hatten die Ladenhüterinnen noch den Ehrgeiz, auch mit anderen Frauennetzwerken Erfahrungsaustausch zu betreiben – doch das Vorhaben scheiterte an Zeitmangel. „Am Anfang haben mich öfter mal Frauen angesprochen, die auch Netzwerke gründen wollten“, erzählt Klemm. „Da war ich zuerst auch ganz begeistert, mit der Zeit bin ich aber vorsichtig geworden. Das klappt nicht immer, es gehört eine Menge Vertrauen dazu, und auch wir mussten Lehrgeld zahlen.“
Der Austausch ist sehr hilfreich
Neben den gemeinsamen Aktionen der Ladenhüterinnen, bei denen der finanzielle Aufwand auf mehrere Schultern verteilt wird, spielt vor allem der soziale Aspekt eine große Rolle: emotionaler Halt, gegenseitige Hilfe etwa bei der Raumsuche, Tipps für Steuererklärungen und Personalführung. Die Ladenhüterinnen haben mittlerweile alle mindestens einen Mitarbeiter. Gerade in Personalfragen sei der Austausch mit den Kolleginnen sehr hilfreich, erzählt Pech. „Wenn ich zum Beispiel Mitarbeiter suche, dann frage ich die anderen, wie die das machen. Gehen sie zum Arbeitsamt oder hängen sie Zettel auf? Worauf muss ich bei einem Bewerbungsgespräch achten? Wie führe ich es überhaupt? Woran erkenne ich, ob jemand zu meinem Unternehmen passt? Das ist viel besser, als wenn man zu einem Profi geht, der einen Haufen Geld kostet und im Zweifel nicht so nah dran ist.“
Den Wert der Ladenhüterinnen schätzt auch Klemm, mit allen Höhen und Tiefen. „In einem Szenebezirk wie Friedrichshain ist es nicht immer einfach, selbstständig zu sein“, sagt die Ladeninhaberin. „Ich hoffe einfach, dass wir eine Trendwende früher mitkriegen würden als andere. Wir schauen uns gegenseitig doch genauer in die Bücher, als man das bei der Konkurrenz könnte. Für uns war es wirklich ein Glücksfall, dass wir uns getroffen haben und alle so motiviert waren.“
Meike Ferrari
Aus der Ausgabe 11 / 2009

