Babypause – ein Kinderspiel

In der Landau Media AG wird die Familie großgeschrieben. Drei junge Mütter erzählen von ihrem Wiedereinstieg
Frauenförderer: Lothar Landau, Chef der Landau Media AG, mit Katrin Rauch, Doreen Bartsch und Jana Gehrmann Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Annica, Jacob, Henry und Selina – alle vier sind auf einer Wand in der Betriebskantine verewigt. So wie alle anderen Mitarbeiterkinder der Landau Media AG, die seit der Firmengründung im Jahr 1997 geboren wurden. 55 sind es inzwischen, jedes Kind ist symbolisch mit einem Storch und seinem Geburtsjahr dargestellt. Der Firma sind die Kinder wichtig – weil sie ihre Mütter nicht als Arbeitskräfte verlieren wollen.

Ganz unverhofft ist Katrin Rauch mit Selina schwanger geworden. Viele berufstätige Frauen rücken erst im letzten Moment mit der Sprache raus, dann wenn sich der Bauch gar nicht mehr verstecken lässt. „Mir war es auch unangenehm“, erinnert sich Katrin Rauch. Doch ihre Vorgesetzten hätten ganz positiv reagiert und sich für sie gefreut. Acht Jahre war die 35-Jährige bereits in der Lohn- und Gehaltsabrechnung der Firma für Medienanalyse tätig, bis am 4. Januar 2007 ihre Tochter zur Welt kam. Rauchs Vertretung war schon Monate im Voraus eingestellt worden. Ein Jahr lang ist die junge Mutter zu Hause geblieben. Der Kontakt zu Kollegen und Vorgesetzten ist nicht abgebrochen. Darum war sie über Neuerungen immer auf dem Laufenden. Schon vier Monate, bevor sie zurück an den Arbeitsplatz kehrte, traf die frischgebackene Mama ihren Bereichsleiter, um zu besprechen, wie man sich den Wiedereinstieg vorstellt.

Ob Frauen nach einer Babypause in den Betrieb zurückkehren,  hängt stark davon ab, wie die Betriebe den Wiedereinstieg organisieren. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. Wenn die Arbeitsbedingungen ungünstig sind, kehrten viele Frauen nach einer Erwerbspause spät oder gar nicht in ihren Beruf zurück. Schneller kämen Frauen in die Erwerbstätigkeit zurück, wenn sie aus Berufen mit flexiblen und meist selbstbestimmten Arbeitszeiten kommen – vor allem an Wochenenden und Feiertagen.

Als Mutter und Teilzeitkraft braucht man ein richtig gutes Zeitmanagement

Katrin Rauch arbeitet jetzt ihrem Wunsch entsprechend 32 Stunden. Um halb vier kann sie gehen. Am Anfang gab es für sie eine Art Schonfrist, in der sie auch in andere Bereiche reinschnupperte, um zu sehen, was sich da so getan hat. „Mein Chef hatte mir auch angeboten, ganz langsam mit 20 Stunden anzufangen.“ Aber das Bedürfnis, wieder zu arbeiten, war stärker.

Nicht nur Arbeitszeit, sondern auch Arbeitsweise hat sich seit ihrer Rückkehr geändert. Spontane Überstunden sind nicht mehr drin, um halb vier muss sie aufbrechen, um Selina aus der Kindertagesstätte abzuholen. Hier ist gutes Zeitmanagement gefragt. „Ich denke nicht mehr so lange über alles nach, sondern mache einfach“, sagt Rauch. Sie muss immer damit rechnen, dass die Kita anruft, wenn Selina krank wird. „Darum versuche ich immer, einzelne Aufgaben hintereinander abzuarbeiten und nicht gleichzeitig“, sagt Rauch. Denn man wisse nie, wann man plötzlich weg muss.

Auch Jacob und Henry sind namentlich neben der Eingangstür zur Kantine verewigt. Die Mutter der kleinen Jungs, Jana Gehrmann, hat also schon zwei Babypausen hinter sich. Bei der Geburt des ersten Sohns Jakob 2003 war die Medienanalystin erst ein Jahr bei der Firma in der Friedrichstraße beschäftigt. Während der jeweils einjährigen Babypausen hat die 35-Jährige das letzte halbe Jahr von zu Hause aus gearbeitet. Und auch jetzt ermöglicht ihr Aufgabenfeld, mal einen Tag zu Hause die wichtigsten Dinge zu erledigen, wenn Jacob oder Henry krank sind.

Firmeninfos
| Landau Media AG |

Landau Media sucht Webentwickler, Medienanalysten und Kundenberater; Nostalgic-Art sucht Vertriebspersonal

Vorstandsvorsitzender:
Lothar Landau
Adresse: Friedrichstraße 30,
10969 Berlin
Mitarbeiter: 206
Telefon: 030 / 20 24 21 00
Web: www.landaumedia.de

Nostalgic-Art Merchandising GmbH
Geschäftsführer: Teja Engel
Adresse: In der Kanonenhalle,
Am Borsgiturm 156, 13507 Berlin
Mitarbeiter: 22
Telefon: 030 / 30 64 70 00
Web: www.nostalgic-art.net

Während der Mutterschaftszeit besuchte sie firmeninterne Seminare ihrer Abteilung – das sei wichtig, denn es verändere sich einiges. Jana Gehrmann freut sich, dass alles so unkompliziert abgelaufen ist. „Es ist nicht selbstverständlich, auf den Platz zurückzukommen, auf dem man war.“ Auch von einer Vier-Tage-Woche können andere Mütter nur träumen. „Ich habe eine lange Anfahrt, und für vier Stunden am Tag zu kommen, lohnt sich nicht.“ Die Lösung kam vom Chef selbst: „Dann komm doch vier Tage!“

Neben den individuellen flexiblen Arbeitszeiten, Heimarbeit und Kontaktpflege bietet die Landau Media AG viele weitere Maßnahmen wie einen Kita-Zuschuss oder die Freistellung von Vätern bei einer Geburt. In „Gullivers Reich“, einem Spielzimmer, können Kinder im Notfall unterkommen. „Es darf nicht sein, dass beruflich starke Menschen keine Kinder kriegen können“, erklärt der Vorstandsvorsitzende Lothar Landau. Der Unternehmensgründer ist überzeugt, dass Leistungswillige auch die Chance haben sollten, zu arbeiten. Und die Familienförderung sei neben Teamgeist und Transparenz Teil der gesamten Unternehmenskultur. Die Maßnahmen zeigen Erfolg: Die Rückkehrquote bei den Mitarbeiterinnen nach einer Schwangerschaft beträgt 100 Prozent.

Die Mutter der zweijährigen  Annica, Doreen Bartsch, arbeitet seit zehn Jahren im Versand der Landau Media. Die Kollegen haben ihre Schwangerschaft sofort entlarvt, weil sie plötzlich nicht mehr rauchte. Die 36-Jährige ist zwei Jahre zu Hause geblieben. „Diese ersten beiden Jahre meiner Tochter wollte ich unbedingt miterleben.“ Erst vor Kurzem hat sie ihre Arbeit wieder aufgenommen. Fremd fühlt sie sich trotzdem nicht im Betrieb. Bei Betriebsfesten wie Weihnachtsfeiern war sie immer dabei. Und Annica wurde auch schon bei diversen Firmenbesuchen vorgestellt. „Regelmäßig den Kontakt zu Kollegen zu halten ist unheimlich wichtig“, sagt Bartsch. Zu wissen, dass man bei der Rückkehr offen und warmherzig empfangen wird, erleichtert die Rückkehr.

Auch die Nostalgic-Art Merchandising GmbH fördert Familie. Das Unternehmen für Werbung aus Blech wurde vom Bezirksamt Reinickendorf gerade als familienfreundlichstes Unternehmen des Bezirks ausgezeichnet. Hier hat man erkannt: Dass berufstätige Frauen wieder voll einsteigen können, ist oft auch abhängig vom Partner. Achim Rothe arbeitet montags bis mittwochs erst ab 15 Uhr. Seitdem seine Tochter Lia ein Jahr alt ist, übernimmt der Projektmanager von Nostalgic-Art Merchandising die Eingewöhnungszeit in der Kita. Seine Frau geht wieder arbeiten. Klappt die Eingewöhnung nicht so schnell, dürfen Väter bei Nostalgic Art auch länger als drei Wochen Teilzeit arbeiten.

Freiwillige Wiedereinsteigerinnen sind meist gut gebildet und hoch motiviert

Die Auszubildende Claudia Tietz ist Mutter zweier Kinder. Die zukünftige Grafikdesignerin arbeitet zu Hause. Bei der notwendigen Ausstattung wird sie von ihrem Arbeitgeber untestützt. „Das ist ein Geben und Nehmen,“ sagt Teja Engel, Geschäftsführer von Nostalgic-Art. Damit familienfreundliche Personalpolitik gelinge, müsse sich der Unternehmer natürlich auch auf seine Mitarbeiter verlassen können. Man könne ja nicht wissen, ob zu Hause wirklich gearbeitet wird.

Das Thema Wiedereinstieg wird das junge Unternehmen in den nächsten Jahren noch beschäftigen. „Es wäre dumm, gute Mitarbeiter ziehen zu lassen,“ erklärt Engel. Elf Unternehmen hatten sich für den Reinickendorfer Wettbewerb beworben. Der Sieger habe sein Preisgeld von 1000 Euro für einen gemeinnützigen Zweck gespendet, lobt die Frauenbeauftragte des Bezirkes, Brigitte Kowas. Es sei nicht leicht, nach einer Babypause an den Arbeitsplatz zurückzukehren. Um auf diesen Umstand aufmerksam zu machen, schreiben auch Treptow-Köpenick und Pankow Wettbewerbe aus.

Freiwillige Wiedereinsteigerinnen seien meist gut ausgebildet, hoch motiviert und verfügten über umfangreiche soziale Kompetenzen, sagt Familienministerin Ursula von der Leyen. Es gelte, „diesen Frauen eine Brücke zurück in die Arbeitswelt zu schlagen“. Das Aktionsprogramm des Ministeriums „Perspektive Wiedereinstieg“ soll Frauen, die zurück in den Beruf wollen, informieren und begleiten. Drei Jahre lang wird es mit 30 Millionen Euro gefördert. Ein Teil des Programms sind die lokalen Bündnisse für Familie.

Sie vernetzen Unternehmen und beraten bei Maßnahmen der Familienförderung, wie Seminare zum Wiedereinstieg oder Weiterbildungsmöglichkeiten in der Elternzeit. In Berlin gibt es zehn solcher Bündnisse. Auch das Unternehmensprogramm „Erfolgsfaktor Familie“, eine Initiative des Familienministeriums und des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, unterstützt Firmen bei der Umsetzung familienfreundlicher Arbeitsbedingungen. Das sei angesichts der schlechten Vereinbarkeit von Familie und Beruf dringend nötig, findet der Berliner Beirat für Familienfragen. 33 Prozent der Berliner Familien mit Kindern unter 18 seien Ein-Eltern-Familien. Für Alleinerziehende ist die Organisation von Kind und Karriere besonders schwierig. Der Beirat setzt sich mit der IHK Berlin, der Handwerkskammer und dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) für familienfreundliche Personalpolitik ein. Doro Zinke, stellvertretende Vorsitzende des DGB Berlin-Brandenburg, sieht die Arbeitgeber in der Pflicht: „Wir brauchen familiengerechte Jobs, nicht jobgerechte Familien.“

Young-Sim Song


Aus der Ausgabe 12 / 2009

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