Die mit den Männern flüstert

In einem Seminar lernen Frauen, wie sie Kommunikationsprobleme mit dem anderen Geschlecht ausräumen können
Praxisnah: Nicole Stange (Mitte) bringt Frauen in Rollenspielen bei, wie sie mit Männern reden sollten - und wie nicht. Foto: promo

Der Satz bleibt einige Sekunden unerwidert im Raum stehen: „Die Wand ist gelb, und der Vorhang ist weiß, und darum geht es.“ Die Frau, die ihn sagt, sitzt in einem gemütlichen Stoffsessel, hat sich entspannt nach hinten gelehnt und blickt erwartungsvoll in die Runde. Um ihr Gesicht herum wallen ungezähmte blonde Locken, ihre Beine, die in hohen Lederstiefeln stecken, hat sie lässig übereinander geschlagen. Vor ihr sitzen in einem Halbrund aus Stühlen sechs Frauen. Sie halten Schreibblöcke und Stifte in ihren Händen. Eine hält den Kopf ein wenig schräg und lächelt, eine andere nickt versonnen. Wie die Trainerin den Satz so sagt, klingt er eigentlich ganz einfach, denken ihre Zuhörerinnen.

„How to talk to men“ heißt das Seminar, zu dem Nicole Stange an diesem Winterwochenende in den Schöneberger Trainingsraum geladen hat. Zu Deutsch: wie man mit Männern spricht. Untertitel „Ziele an den Mann bringen“. In dem Kurs sollen Frauen lernen, wie sie es anstellen, dass Männer sie verstehen – und umgekehrt. „Werden Sie zu einer Männerflüsterin“, heißt es in der Beschreibung. Und die sechs Teilnehmerinnen sind auch nach mehreren Stunden noch hochkonzentriert bei der Sache.

Dabei wirkt keine einzige von ihnen wie ein eingeschüchtertes Mauerblümchen, das nicht weiß, wie man sich in der Männerwelt Gehör verschafft. Wenn sie stehen, halten sie den Rücken gerade und wenn sie sprechen, dann klingt das so, wie es klingen soll: laut genug und nachdrücklich. In der Kennenlernrunde haben sie erzählt, dass sie erfolgreich im Job sind und dass zu Hause Männer auf sie warten, die sie unterstützen und denen sie vertrauen.

Trotzdem ist da etwas, was sie lernen wollen. Was das ist, wird erst im Verlauf des Seminars deutlich. Da ist zum Beispiel eine Frau, nennen wir sie Jana. Sie arbeitet als Führungskraft in der Tourismusbranche. Ihre Aufgabe ist es unter anderem, die Arbeit ihrer Mitarbeiter zu bewerten. Und einer von ihnen scheint ein besonderer Härtefall zu sein. Er lässt sich keine Kritik gefallen. Jede Besprechung mit ihm artet irgendwann in Streit aus, weil er ihr nicht zuhört und sich immer im Recht wähnt.

Frauen sagen oft nicht klar und deutlich, was sie eigentlich meinen

In einem Rollenspiel soll Jana vormachen, wie so ein Gespräch verläuft. Eine andere Kursteilnehmerin spielt den Mann. Jana und ihr Mitarbeiter sitzen sich gegenüber. Sie spricht mit sicherer Stimme und sagt, was ihr an seiner Arbeit nicht gefallen hat.

Der Mann widerspricht. Er findet seine Arbeit sensationell und wird schnell persönlich. „Mein Gott, was gibt es denn daran auszusetzen. Musst du immer gleich so rumzicken“, imitiert die Mitspielerin den Kollegen. Jana merkt, hier kommt sie nicht weiter.
Es sind Grenzen wie diese, an die auch die anderen Kursteilnehmerinnen irgendwann in ihrem Alltag immer wieder stoßen. Und sie hoffen, dass Trainerin Nicole Stange ihnen zeigt, wie sie es anstellen sollen, damit es mit den Männern nicht mehr so schwierig ist.

Was die 40-Jährige ihnen anbieten kann, ist eine Art Werkzeugkasten für den Umgang mit Männern. Wenn sie sagt: „Die Wand ist gelb, und der Vorhang ist weiß, und darum geht es“, ist das mehr als nur irgendein Satz. Es sind Worte, die ein Kernproblem zwischen männlicher und weiblicher Kommunikation aufzeigen und das heißt, so sagt es Nicole Stange: „Frauen sagen oft nicht klar und deutlich, was sie eigentlich meinen.“ Dass die Wand im Schöneberger Trainingsraum gelb und der Vorhang weiß ist, ist eine Tatsache. Ein Satz ohne Spielchen, ohne Vorwurf, ohne Erwartungen, ohne Hintergedanken. Ein Modellsatz dafür, wie Frauen etwas sagen sollten, wenn sie etwas sagen wollen.

Wenn Nicole Stange ihre Zuhörerinnern mit solchen Aussagen konfrontiert, dann merkt sie, wie sich bei ihnen erst einmal Widerstand regt. „Das ist ungerecht“, scheinen die Blicke der Frauen zu sagen. „Warum soll ich Schuld daran haben, wenn die Männer mich nicht verstehen?“ Stange, die nach ihrem Pädagogikstudium in Tübingen eine Ausbildung zur systemischen Familientherapeutin gemacht hat, kennt diese Blicke. Und sie kennt die Gefühle, die bei den Frauen entstehen. „Ich habe selbst viele Jahre lang damit verbracht, gegen Männer zu kämpfen“, erzählt sie in ihrem schwäbischen Dialekt, der angenehm ruhig klingt.

Es fühlt sich ganz anders an, ich fühlte mich akzeptiert

Das habe sie viel Kraft gekostet und sie sei immer wieder an ihre Grenzen gestoßen. Irgendwann kam ein Mann, ein Kommunikationstrainer, der ihr sagte: „Du musst begreifen, dass die Männer eigentlich dazu da sind, dir die Sterne vom Himmel zu holen.“ Das saß. Nicole Stange hörte auf, zu kämpfen und begann, das ABC der erfolgreichen Kommunikation mit Männern anzuwenden (siehe Kasten). Plötzlich klappte es viel besser mit den Männern – beruflich und privat.

Einigen hundert Frauen hat Nicole Stange ihr Wissen mittlerweile mitgeteilt. „Man lernt hier eine neue Sprache“, sagt sie. Dabei arbeite sie viel mit einfachen Erklärungen und Mustern, um die Dinge klarer auf den Punkt zu bringen.

| Das ABC der Männerflüsterin |

A wie Annerkennung, Akzeptanz und Aufmerksamkeit

Die Fähigkeit, anzuerkennen, was da ist – ohne Meinung, Urteil, Erwartung oder Groll.

B wie Believe (glauben) und Belonging (zugehörig sein)

Der Glaube einer Frau an den Mann kann Berge versetzen. Männer brauchen immer wieder Bestätigung, dass man an sie glaubt.

C wie Connection (Verbindung) und Curiosity (Neugier)

Gute Verbindungen zu Männern sind wichtig. In Verbindung kommt man über Anerkennung und Neugier.

D wie Disziplin, „dran bleiben“ und „deep interest“

Wachheit, Beobachtung und Fokus auf den Anderen. Launen nicht einfach rauslassen.

aus dem Kurs „How to talk to men“

In einem Hefter, den sie an ihre Kursteilnehmerinnen ausgeteilt hat, stehen Dinge wie: „Der Mann ist als Jäger, die Frau als Sammlerin unterwegs.“ Das klingt verdächtig nach Klischee und mit modernen Rollenverteilungen hat es auch nicht viel zu tun. Was Stange ihren Kursteilnehmerinnen aber beibringen will ist das: Es geht hier nicht darum, Gerechtigkeit oder Fairness herzustellen. Es geht nicht darum, wer recht hat. Es geht noch nicht einmal darum, sich durchzusetzen. „Es geht einzig und allein darum, wie ihr eure Ziele erreicht.“ Und da helfe es nicht, das Verhalten der Männer ändern zu wollen. „Ihr müsst euer eigenes ändern.“

Beim Rollenspiel ist Jana inzwischen an dem Punkt angelangt, wo sie ein bisschen verzweifelt in Richtung Trainerin schaut. Die gibt Tipps: Weniger dominieren, mehr Anerkennung zeigen. „Anerkennung heißt nicht loben. Es heißt, dass ich sehe und sage, was derjenige geleistet hat“, erklärt Stange. Sich ohne Vorurteile immer wieder neu auf den Gesprächspartner einlassen, neugierig sein. Das seien Dinge, mit denen man Männer gewinne.

Jana probiert es aus. Zuerst sagt sie, dass sie froh sei, einen so guten Mitarbeiter zu haben. Dass sie sich immer darauf verlassen könne, dass er seine Aufgaben pünktlich erfüllt. Ihr nächster Satz beginnt mit einem tiefen Seufzer und einem langen „Aber ...“ Nicole Stange springt ein. „Bei diesem Aber weiß Dein Mitarbeiter genau, dass jetzt der Hammer kommt. Versuche mal, ganz einfach zu sagen, was du von ihm erwartest.“

Jana versucht es noch einmal. Und noch einmal und noch einmal. Und irgendwann merkt sie, dass es besser klappt, wenn sie ihren Mitarbeiter zu besseren Leistungen anspornt, anstatt ihn für die ungenügenden zu kritisieren. Auch die Mitspielerin, die in der Rolle des Mannes steckt, hat es gemerkt: „Es fühlt sich ganz anders an, ich fühlte mich akzeptiert.“

Es sind diese Aha-Erlebnisse, mit denen Nicole Stange die Frauen erreichen will. Das solle nicht heißen, dass man nicht auch kritisieren könne. „Natürlich kann man einem Mann auch mal sagen das war einfach schlecht“, sagt sie. Wichtig sei aber immer, dass man die vier goldenen Regeln der Kommunikation befolge. Ob ihre Kursteilnehmerinnen das auch in der Realität schaffen, müssen sie nun ausprobieren.

Warum ausgerechnet die Frauen damit anfangen sollen, Kommunikationsprobleme zu lösen, ist für Nicole Stange schnell erklärt: „Es ist nicht fair, dass wir die ganze Arbeit haben“ sagt sie und zwinkert. „Aber es funktioniert.“ Ein klarer Satz. So wie er sein sollte.

Ulrike Thiele


Aus der Ausgabe 3 / 2010

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