Wenn die Zeit mal wieder knapp wird
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Gut betreut. Für berufstätige Eltern wird es immer schwieriger, Beruf und Familie in Einklang zu bringen. Foto: Thilo Rückeis |
Kinder und Beruf: Das passt oft nicht zusammen. „Beides miteinander zu vereinen, hat viel mit Logistik zu tun“, sagt Anita Gödiker. Die 52-Jährige muss es wissen. Sie leitet die Firma Satellite Office, die an vier Standorten Businesscenter betreibt: Sie liefert Firmen und Selbstständigen all das, was man so für den Arbeitsalltag braucht. Derzeit gehören 400 Firmen in 156 Büros zu ihrem Kundenstamm. Nicht nur die Räume bietet sie, sondern einen Rundum-Service. Wie das funktioniert, kann man im Eingangsbereich des Office-Centers im DomAquarée in Mitte sehen. Dort, ganz in der Nähe des Alexanderplatzes, hat auch Anita Gödiker ihr Büro.
Hinter einem schwarzen Tresen sitzt einer ihrer Mitarbeiter und nimmt Anrufe entgegen. Jedes Mal meldet er sich mit dem Namen einer anderen Firma, nimmt Nachrichten auf, stellt durch. Aber damit endet der Service noch lange nicht. „Wir versuchen, unseren Kunden eine Balance zwischen Arbeitsalltag und Privatleben zu ermöglichen“, sagt die Unternehmerin. Deshalb hat sie vor einiger Zeit einen Concierge-Service eingerichtet, der für ihre Kunden Hemden abholt, Einkäufe erledigt, das Auto wäscht, die Fische versorgt, wenn sie auf Geschäftsreise sind. Neulich habe man sogar ein Geburtstagsgeschenk für ein Patenkind besorgen müssen. „Wir wollen den Unternehmern ermöglichen, sich auf ihre Kernkompetenzen zu konzentrieren.“
Ihr neuestes Projekt: Ein Kinder-Service. Dafür hat sie eine Kooperation mit dem privaten Kindergarten und Kinderhotel „Kinderinsel“ in Mitte initiiert. Dort kann man seine Kinder an 365 Tagen im Jahr betreuen lassen – sogar über Nacht oder bis spät abends. Aufgenommen werden Babys und Kinder bis zu zwölf Jahren.
Bei unserem Service dreht sich alles um den Faktor Zeit
Gödikers Kunden im Businesscenter sind zum Beispiel Anwälte oder Softwareentwickler. „Die meisten haben keine Jobs von neun bis fünf. In diesem Haus wird rund um die Uhr gearbeitet. Sogar sonntags und morgens um fünf. Deshalb dreht sich bei unserem Service alles um den Faktor Zeit.“ Ihr Job sei es, die Bedürfnisse ihrer Kunden, also die anderer Unternehmer, zu erfüllen. Die Unternehmerin versucht ständig herauszufinden, welche das sind. Und in letzter Zeit drehten sich diese Bedürfnisse immer häufiger um Kinder, sagt sie. Ihre Kunden brauchen zum Beispiel Lösungen für die Zeit, wenn sie auf Geschäftsreise sind. Oder für Telefonkonferenzen mit einem anderen Kontinent, die wegen der Zeitverschiebung oft bis in die Nacht dauern, weil am anderen Ende der Welt der Arbeitstag gerade erst begonnen hat.
Und dann sind da noch jene berufstätigen Eltern, die ihr Kind gern in der Nähe haben möchten, während sie arbeiten. Neulich etwa habe ihr ein Softwareentwickler gegenübergesessen, erzählt Gödiker. Er war auf der Suche nach einem passenden Büro. Passend hieß für ihn: nicht zu weit entfernt von der Kita seiner Tochter. „Er sagte, dass vor allem er sich um das Kind kümmere“, sagt die Firmenchefin.
In ihrer eigenen Generation, sagt sie, sei so eine Rollenverteilung ja noch nicht üblich. „Früher tickten die Männer anders. Wenn Kinder kamen, musste man als Frau zu Hause bleiben. Dazu konnte ich mich nicht entschließen.“ Also hat sie keine Kinder bekommen, obwohl sie sich eigentlich eine Familie gewünscht hat: „Ich habe mein Privatleben ein Stück weit der Karriere geopfert. Mit Kindern hätte ich bestimmt nicht dieses Unternehmen aufbauen können. Ich bewundere all die Frauen, die beides unter einen Hut bekommen.“ Dafür ist Gödiker als Unternehmerin besonders erfolgreich: Sie ist geschäftsführende Gesellschafterin von fünf Firmen, jedes der vier Business-Center zählt als eigenständiges Unternehmen. Hinzu kommt noch eine Telefon-Service-GmbH. Bevor sie ihre eigene Firma gründete, hatte sie eine Führungsposition bei Siemens. Und vor der Firmengründung in Berlin leitete sie einen Reise-Service auf der griechischen Insel Mykonos. Ganz ohne Kinder findet ihr Leben aber nicht statt: Die Unternehmerin engagiert sich beim Kinderschutzbund.
Ich bewundere die Frauen, die Karriere und Familie unter einen Hut bekommen
Anders als Anita Gödiker war der Softwareentwickler und Vater auf der Suche nach einem Büro nicht bereit, im Familienleben Abstriche zu machen. Als er erfuhr, dass es keine Kita im Business-Center gibt, entschied er sich dagegen, dort ein Büro einzurichten. „Ich habe in letzter Zeit immer mehr Anfragen nach einer Kita gehabt“, sagt Anita Gödiker. Es war an der Zeit, etwas für das Bedürfnis ihrer Kunden zu tun. Auch, weil immer mehr Väter Elternzeit nehmen und sich intensiver um ihre Kinder kümmern wollen. Also versuchte die Unternehmerin zunächst, im DomAquarée eine Kita einzurichten. Sie steht am Fenster des Konferenzraumes ihrer Firma und zeigt nach draußen: „Dort unten, wo jetzt das Geschäft ist, könnte man umbauen und daraus einen schönen Platz für Kinder machen.“ Doch bei den Zuständigen stieß sie auf Unverständnis. „Kinder sind doch laut, habe ich zu hören bekommen“, erzählt sie. Außerdem sei es schwierig, in dem Bürogebäude die offiziellen Auflagen für Kitas zu erfüllen, zum Beispiel einen Zugang zu einem Park oder Garten einzurichten, wo die Kinder spielen können. Auch die Treppen seien nicht für Kinder geeignet. Gödiker sah ein, dass der Aufwand sehr groß war – auch wenn sie die Idee noch nicht ganz aufgegeben hat.
Also musste eine Alternative her. „Ich bin losmarschiert und habe eine Möglichkeit gefunden“, sagt sie. Zusätzlich zur Kooperation mit der Kinderinsel hat sie einen Hol-und-Bring-Service und einen Babysitter-Service für die Kinder eingerichtet. „Wenn es mal länger dauert, wird das Kind ins Büro gebracht.“ Und wenn die Eltern doch keine Zeit haben, kann das Kind in der Kinderinsel bleiben, auch über Nacht. Die Eltern müssen für solche Probleme nur am schwarzen Rezeptionstresen anrufen, dann wird alles arrangiert.
„Karriere ohne dieses pausenlos schlechte Gewissen wegen der Familie,“ nennt Gödiker das, was sie für ihre Kunden anstrebt.
Adresse: Karl-Liebknecht-Str. 5,
10178 Berlin
Umsatz: 4,5 Mio. Euro
Mitarbeiter: 19
Telefon: 030 / 700 14 01 40
Web: www.satelliteoffice.de
Dieses schlechte Gewissen war es, das sie nicht wollte. Heute, sagt sie, sei es nicht mehr ganz so schwierig, als berufstätige Frau eine Familie zu haben, wie vor 20 Jahren, unter den heutigen Umständen hätte sie es vielleicht auch versucht. „Aber wir tun noch immer nicht genug“, sagt sie. „Es muss noch viel bessere Angebote geben.“ Vor allem die Einstellung der Gesellschaft müsse sich noch sehr ändern. Wie negativ viele Leute über Kinder in der Nähe eines Büros denken, hat sie kürzlich erlebt: Eine Kindergruppe auf dem Weg ins benachbarte Aquarium hatte sich ins DomAquarée verlaufen. Allein ihre Anwesenheit im Foyer habe viele Erwachsene verärgert, erzählt Anita Gödiker.
Es gibt aber immer mehr Arbeitgeber, die etwas für die Vereinbarkeit von Job und Familie tun: Eine Mitarbeiterin der Kinderinsel sagt, sie kooperierten auch mit der Telekom und dem Arbeitsamt Mitte. Bislang sei es üblich, das Privatleben um die Wohnung herum zu organisieren, sagt Gödiker. Vor allem, wenn es um die Kita oder die Schule gehe. Genau da sieht sie eine Verbesserungsmöglichkeit: „Das Leben der meisten Berufstätigen dreht sich doch um den Arbeitsplatz“, sagt sie. „Da sollte man den Job doch auch zum Lebensmittelpunkt machen.“
Ihrer Meinung nach ließen sich viele Probleme lösen, wenn man statt in der Nähe der Zehlendorfer Wohnung einen Kitaplatz in der Nähe des Büros in Mitte suche. Gödikers Visionen von einem Leben, das sich um den Arbeitsplatz dreht, enden da aber noch nicht: „Am liebsten würde ich hier im Businesscenter auch noch ein Fitnesscenter einrichten.“
Daniela Martens
Aus der Ausgabe 5 / 2010
