Von Frau zu Frau

Im Autohaus Senorita Maria in Hennigsdorf arbeiten ausschließlich weibliche Mitarbeiter. Der Service des jungen Teams ist ganz auf die Bedürfnisse von Frauen zugeschnitten – aber auch Männer sind als Kunden willkommen
Gut gelaunte junge Mannschaft: Das Team von Senorita Maria im Verkaufsraum des Autohauses Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Fahrzeuge, Motorenöl, Karosserieteile, Autoreifen, Wagenheber und dazwischen jede Menge männliche Mechaniker im Blaumann: So stellt man sich die klassische Autowerkstatt vor. Auch bei „Senorita Maria“ dürfen die Männer nicht fehlen – aber nur auf dem Kalender an der Wand. Mehr Mann ist nicht drin in dem Hennigsdorfer Autohaus von Frauen für Frauen.

Elke N. beugt sich über den offenen Motorraum eines Kleinwagens, auf ihrem Overall am Rücken prangt ein roter Kussmund, das Firmenlogo von Senorita Maria. Am Empfang sitzt Nadine Unger und vergibt Termine für Reparaturen. Die Chefin von Senorita Maria ist eine zierliche blonde Frau. Maria Erkner ist praktisch in Autohäusern aufgewachsen, ihr Vater ist seit Jahrzehnten im Geschäft. Aber etwas störte sie.

Die angestellten Frauen konnten nicht das machen, was sie wollten

„Die angestellten Frauen konnten nicht das machen, was sie wollten“, sagt Erkner. Dann erzählt sie von Jennifer Dambeck, die sich als Angestellte beispielsweise für den Servicebereich weiterbilden wollte. Dambeck fragte immer wieder nach, aber es passierte nichts. In diesem Moment kommt Nadine Unger herein. Maria Erkner stellt sie als diejenige vor, die mit ihr die Idee für das Autohaus entwickelte. Sie war es auch, die den Chef und Vater von Maria Erkner fragte, ob er etwas gegen Frauen hätte. Denn irgendwann reichte es Nadine Unger, die im Service als Automobilkauffrau tätig und Ansprechpartnerin für die unglückliche Dambeck war. Natürlich sagte Sven Erkner Nein, aber die Benachteiligung in dieser Männerdomäne konnte er nicht leugnen. Das war einer der Momente, die Nadine Unger und Maria Erkner auf die Idee brachten, ein Autohaus nur mit Frauen aufzubauen.

Sie hatten keine Lust mehr, einen Mann als Chef zu haben. Das sei zwar nicht generell schlecht, aber in der Autobranche würden Frauen öfter von den männlichen Kollegen übergangen, sagt Unger. Also schlugen sie der Automarke Seat das Konzept eines Frauenautohauses vor. Dort war man begeistert.

Inzwischen arbeitet Jennifer Dambeck im Servicebereich des Autohauses Senorita Maria. Sie hat mit den meisten der neun Frauen gemein, dass sie vorher bei Maria Erkners Vater arbeiteten oder lernten. „Da sind mehr als 200 Leute angestellt, und nach der Abwrackprämie hätte er sowieso sparen müssen“, sagt Tochter Maria Erkner.

Auf jeden Fall sei ihr Vater stolz, sagt die Autohaus-Chefin.  Er habe sie von Anfang an unterstützt und stehe ihr auch mit Ratschlägen für das junge Unternehmen zur Seite. Seit einem halben Jahr können Kunden bei ihr im Hennigsdorfer Gewerbegebiet, das an Spandau und Reinickendorf grenzt, Autos kaufen und reparieren lassen. Das Team ist jung, die Kolleginnen sind zwischen 19 und 26 Jahren alt.

„Hier werden sie nicht belächelt, wir lächeln ihnen entgegen“, heißt der Leitspruch der Damen. Das Autohaus ist offen, freundlich und hell, die Farbe rot dominiert. Für die Kunden gibt es ein Damen- und ein Herren-WC, ausgestattet mit Tampons für die Frauen und Deo für die Männer. Auf rund 700 Quadratmetern gibt es drei Werkstatträume, es ist noch Platz für mehr, aber erst mal dienen die zwei anderen Räume als Reifen- und Ersatzteillager. Dazu kommt der große Verkaufsraum, in dem die Wagen ausgestellt werden. Von der Decke baumeln Frühlingsblumen, vor dem Empfangsbereich hängt während der Fußballweltmeisterschaft eine Girlande. Passend dazu steht ein Kicker in Miniformat auf einem Tisch, im Wartebereich liegen Autozeitschriften.

Firmeninfo
| Seat-Autohaus Senorita Maria |

Das Autohaus sucht Automobilkauffrauen/-männer

Geschäftsführerin: Maria Erkner
Adresse: Fabrikstraße 8,
16761 Hennigsdorf
Umsatz: k. A.
Mitarbeiter: 9
Telefon: 03302 / 78 62 66-0
Web: www.senorita-maria.de

Nadine Unger begrüßt ihre Kundschaft mit einem Lächeln. Ganz anders in einer Männer-Werkstatt, ist sie überzeugt. „Die sind ruppiger und meist eher mit Schrauben und Werken beschäftigt, da bemerken die einen Kunden nicht sofort“, sagt Erkner. Sie macht die Buchhaltung, verkauft Autos und ist Geschäftsführerin. Neben ihrem BWL-Studium hat sie in den Autohäusern des Vaters gearbeitet, erinnert sich noch gut an den manchmal rauen Ton einiger Mechaniker. Ihrer Erfahrung nach achten Frauen beim Kauf eines Fahrzeugs nicht so sehr auf Details. Aber es sei ein Klischee, dass ihnen die PS nicht wichtig seien. Im Gegensatz zu Männern hätten sie mehr Mut zur Farbe, zitrusgelb käme beispielsweise gut an.

Für die Marke Seat hätten sie sich entschieden, weil sie gut zu Frauen passen würde, und auch die Preise für die Autos nicht zu hoch seien. Zudem habe es in der Gegend fünf Jahre keinen Seathändler gegeben, sagt Erkner. Im Moment ist das Team dabei, eine Stammkundschaft aufzubauen und sich am Markt zu etablieren. Ihre Nachbarn, darunter auch ein Autohaus ihres Vaters, sind ebenfalls Autohäuser, „ein Vorteil“, glaubt Erkner, die brächten Laufkundschaft. Die Geschäftsführerin ist zufrieden mit der Entwicklung, die nächsten ein bis zwei Jahre seien entscheidend für die weitere Zukunft. Wenn das Konzept funktioniert, wollen sie vielleicht weitere Standorte ausbauen. 420 Werkstatt- und 220 Verkaufskunden kamen bisher in ihren Betrieb.

Wir wollen Frauen die Angst nehmen, den Wagen zur Reparatur zu bringen

Und nicht nur Frauen. Zwar sollen vorwiegend weibliche Kunden angesprochen werden. „Es geht uns um einen Service für Frauen, darum, ihnen die Angst zu nehmen, ins Autohaus zu gehen oder den Wagen zur Reparatur bringen zu lassen“, sagt Maria Erkner. Vielen Frauen sei es unangenehm, den Wagen in die Werkstatt zu fahren. Da würden sie doch nur übers Ohr gehauen, das sollten lieber die Männer machen, die kennen sich schließlich damit aus – sei der Tenor.

Tatsächlich fuhren bei Senorita Maria zunächst vor allem Männer vor. Erkner erklärt sich das mit tradierten Rollenmodellen, die in der Praxis immer noch greifen: Der Mann kümmert sich ums Auto. Trotzdem wüssten viele so einiges nicht über die Karosserien. „Die geben dann schon zu, dass sie keine Ahnung haben von Autos, geschweige denn von Reparaturen. Bei uns trauen sie sich das eher“, sagt Erkner.

Manche Männer kommen aber auch nur zum Gucken. Sie führt nicht ihr kaputtes Auto zu den Frauen, sondern die Neugier. Bei einigen vielleicht auch Häme, „die schlendern dann durch das Autohaus, um sich zu überzeugen, dass hier wirklich nur Frauen arbeiten und tatsächlich einen guten Job machen“. Häufig bekommt die Geschäftsführerin Initiativbewerbungen von Männern. Die leitet sie dann an die zentrale Personalstelle von Seat weiter, genau wie die Bewerbungen der Frauen.

Bei Senorita Maria gehört es zum Konzept, dass die Mechanikerinnen nachfragen, ob sie die Reparaturen, Wartungen oder einen Ölwechsel ihren Kunden auch erklären sollen. Elke N. macht dieser Service Spaß. Die 22-Jährige wurde im Internet auf das Autohaus von Frauen für Frauen aufmerksam. Ihr gefiel der Gedanke, nur mit weiblichen Kollegen zusammenzuarbeiten – sie  schaute sich den Betrieb an. Elke N. war begeistert, schickte ihre Bewerbung – und bekam den Job. Elke N. schätzt das Arbeitsklima in dem Autohaus, die Hierarchien sind hier flach, Entscheidungen werden im Team getroffen. Auch die Arbeitszeiten sind flexibler gehalten. Und später, falls eine der Mitarbeiterinnen Mutter wird, gehört es zum Konzept, gemeinsame und flexible Lösungen zu finden. „Ich will die Mitarbeiter fördern“, sagt Erkner. Elke N. schätzt das Verständnis untereinander, „Frauen haben auch mal eine Schmerztablette dabei“, sagt sie lachend.

Nadine Unger geht mit der Mechanikerin noch Bestellungen für Ersatzteile durch. Die 25-jährige Automobilkauffrau macht alles  – außer Reparaturen. „Das sollen die Damen machen, die das können“, sagt sie.

Saskia Weneit


Aus der Ausgabe 7 / 2010

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