Neugierig auf IT
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Berlin Berlecon Research GmbH, Geschäftsführerin Nicole Dufft im
Sitz der Firma, Oranienburger Straße 32 in Mitte Foto: Doris Spiekermann-Klaas |
Ich bin ein Exot“, sagt Claudia Meier. Das Exotendasein mache ihr aber nicht nur Spaß, es erleichtere auch vieles. „Wenn ich auf einer Veranstaltung unter lauter Männern stehe, dann falle ich auf. Ich genieße es, in dieser Welt allein zu sein.“ Diese Welt ist die Welt der Software und der Informationstechnik (IT). Und wirklich ganz allein unter Männern ist Claudia Meier, Chefin der IT-Beratunfgsfirma Procedera Consult, dort natürlich nicht. Allerdings: „Wenn ich mich auf Kongressen und Konferenzen umsehe, dann sind da nur sehr wenige Frauen“, sagt auch Nicole Dufft, Geschäftsführerin von Berlecon Research.
Tatsächlich liegt der Anteil der weiblichen Beschäftigten im Hightech-Sektor nach Angaben des europäischen Statistikamtes Eurostat nur etwa bei einem Drittel. Und so wie es aussieht, wird ihr Anteil in Deutschland auch künftig nicht steigen. Denn im Jahr 2007 waren nur 17 Prozent der Studienanfänger im Fach Informatik weiblich. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 waren es laut Branchenverband Bitkom immerhin 20 Prozent. Die Tendenz ist auch in den Lehrberufen rückläufig. Der Frauenanteil unter den Ausbildungsanfängern ist seit dem Jahr 2002 von 14 Prozent auf nur noch 9,1 Prozent im Jahr 2007 gesunken.
Auch Nicole Dufft kommt es zu Gute, dass sie eine der wenigen Frauen in dem Geschäft ist. „Viele Veranstalter schätzen es, wenn unter den vielen Männern auf dem Podium auch einmal eine Frau vorträgt.“ Dennoch fände sie es gut, wenn mehr Frauen sich in die Branche wagen würden. Denn da wo Männer und Frauen zusammen arbeiten, sei die Arbeit anregender, inspirierender und kreativer.
Dabei hat Nicole Dufft zunächst gar keine Karriere in der IT-Wirtschaft angestrebt. Die 37-Jährige ist in Hamburg geboren, ging in Köln zur Schule, studierte Volkswirtschaft in Trier und Kiel und begann ihre berufliche Karriere 1995 als Analystin im Investmentbanking. Für das Bankhaus Metzler arbeitete sie auch in Los Angeles. Über eine Rückkehr nach Deutschland dachte sie nach, als in Berlin gerade die New Economy boomte. „Es war extrem spannend zu sehen, wie die neue Technik das Leben, das Arbeiten und die Wirtschaft durchdringt“, sagt Dufft. „Ich wollte wissen, was dahinter steckt, welche fundamentalen Veränderungen das Internet bringt und was nur heiße Luft ist.“ Damals traf sie Thorsten Wichmann, den Gründer von Berlecon Research. Die Firma erstellt Analysen, in denen sie das Potenzial neuer Technologien bewertet und berät sowohl Anbieter als auch Anwender, über Chancen und Risiken dieser neuen Technologien. „Es ist ein spannendes Umfeld in dem Berlecon arbeitet, an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Technik“, sagt Dufft. Außerdem gefällt es ihr, in einem kleinen Unternehmen zu arbeiten, das viel Raum für Kreativität lasse. „In der Finanzbranche geht es immer um dieselben Themen, in der IT kommen ständig neue Dinge dazu“, sagt Dufft.
Die Vorstellung, ein und dasselbe jeden Tag machen zu müssen, fand ich fürchterlich
Neugier brauche man in dem Job, sagt die Berlecon-Chefin, das Bedürfnis hinter die Kulisen schauen zu wollen. „Analytisches Denken ist genauso wichtig, ebenso die Fähigkeit, Dinge klar zu strukturieren und zu hinterfragen.“
Seit 2006 muss sich Dufft auch mit Managementaufgaben wie Finanzen und Personal befassen. Damals starb ihr Chef Thorsten Wichmann. „Ich habe intensiv überlegt“, sagt Dufft, auch weil sie zwei kleine Kinder hat. Dann hat sie die Herausforderung an- und die Geschäftsführung übernommen. Dass sie Kinder und Karriere verbinden kann, liege auch daran, dass jeder im Team unternehmerisch denke und Verantwortung mittrage.
Die größte Herausforderung für Unternehmen im Internetzeitalter sei, die Masse an Informationen, die jederzeit global verfügbar ist. „Es geht darum, wie Unternehmen die Informationen aus dem Netz, die internen Informationen und die entsprechende Kommunikation darüber effizient gestalten“, sagt Dufft. Die fundamentale Veränderung sei, dass Informationstechnik längst nicht mehr nur Hilfsmittel sei, sondern inzwischen fast alle Geschäftsprozesse durchdringe und sich zu einem strategischen Instrument entwickelt habe.
Für Banken gilt dies allemal. Und das ist der Bereich in dem Claudia Meier tätig ist. Auch die 43-Jährige kommt ursprünglich aus der Bankenwelt und ist aus Neugier in die IT-Welt geraten. „Die Bankenwelt kannte ich ja. Und die Vorstellung, ein und dasselbe jeden Tag machen zu müssen, fand ich fürchterlich“, sagt Meier. Mit ihrem Unternehmen berät sie nun vorwiegend Banken in Veränderungsprozessen, etwa bei Zusammenschlüssen. „Solche Veränderungsprozesse sind meist mit einer Umstellung der EDV verbunden“, sagt Meier.
Wir konnten uns vor Aufträgen kaum noch retten
1999 hat Meier nach 16 Jahren bei der Bankgesellschaft ihre erste Unternehmensberatung gegründet. „Damals stand bei der Bank einen Personalabbau an, da habe ich selbst gekündigt.“ Sie stellte Softwareentwickler ein und stellte ein eigenes Produkt her. Dieses Geschäft hat sie inzwischen verkauft und mit Procedera im vergangenen Jahr ein neues Unternehmen gegründet, mit dem sie sich wieder ganz auf die Beratung konzentriert.
Ganz anders war Maya Biersacks Zugang zur IT-Welt. „Ich fand schon in der Schule Mathematik ganz toll und war sehr gut“, sagt die 42-Jährige. Nach der Schule und einer Reise um die Welt begann sie ein Ingenieurstudium. „Das ist wirklich eine reine Männerwelt“, sagt sie. „Da sind Frauen überhaupt nicht akzeptiert.“ Sie wechselte in die Informatik – im Gegensatz zum Ingenieurstudium eine junge Wissenschaft. Auch in diesem Fach gab es nur wenige Frauen. „Aber da war die Atmosphäre viel besser, die Kommilitonen waren aufgeschlossen, locker und nett.“ Zwar hätten bei der Gruppenarbeit selten die Frauen die Tastatur, sie säßen meist in der zweiten Reihe. Doch stehen sie den Männern beim Abschluss in nichts nach.
Auch Maya Biersacks Abschluss war so gut, dass ihr eine akademische Laufbahn offenstand. „Aber das war nicht mein Ding“, sagt sie. 1997 machte sie sich mit ihrem Bruder Alexander Biersack als Freiberuf ler selbstständig. Meist arbeiteten die beiden Informatiker als Subunternehmer für andere Firmen, die die Aufträge erhielten, aber die Arbeit von anderen erledigen ließen. Die beiden Biersacks hatten gut zu tun.
Doch als die Zeiten in der ITWirtschaft immer besser wurden, merkten beide, sie kommen an die großen Aufträge nicht heran. Es fehlte schlicht am Marketing. Mitte 2000, also am Ende des New- Economy-Booms, gründeten sie dann gemeinsam mit dem Bruder Peter Biersack die Espresto AG. Nun gab es auch jemanden, der sich um Akquise und Vermarktung kümmerte. „Wir konnten uns vor Aufträgen kaum noch retten“, sagt Biersack. So seien sie über die schlechten Jahre der Branche gut hinweggekommen. Anfangs hatte das Unternehmen neben den Geschwistern einen Mitarbeiter, heute sind es 19.
Die Espresto AG verkauft keine Produkte, sondern entwickelt individuelle E-Business-Lösungen. Dabei setzt Espresto nicht nur den gesamten Internet-Auftritt um, sondern sorgt auch dafür, dass dieser unmittelbar an interne Geschäftsprozesse angebunden ist. Wenn zum Beispiel die Personalabteilung eines Unternehmens eine Stellenanzeige schaltet, gelangt diese automatisch auch auf die Web-Seite.
„Es ist immer noch eine Männer- Domäne“, sagt Maya Biersack über die Software-Branche. „Aber das stört mich nicht.“ Dennoch würde sie sich freuen, wenn mehr Frauen in die Branche einsteigen würden. Das sei gut fürs Gleichgewicht. Doch es bewerben sich zu wenig Frauen. Im eigenen Unternehmen ist unter den 14 Softwareentwicklern nur eine Frau. Dabei ist Biersack, Mutter von zwei Söhnen, stolz darauf, dass Espresto eine familienfreundliche Firma ist, die sehr flexible Arbeitszeiten biete. Dass sie selbst Firma und Familie verbinden kann gehe aus einem Grund: „Ich habe einen modernen Mann“, sagt die Informatikerin.
Corinna Visser
Firmeninfos
Espresto sucht Softwareentwickler, Procedera einen Projektleiter
Berlecon Research GmbH
Geschäftsführerin: Nicole Dufft
Adresse: Oranienburger Straße 32, 10117 Berlin
Mitarbeiter: 10
Telefon: 030 / 285 29 60
Web: www.berlecon.de
Procedera Consult GmbH
Geschäftsführerin: Claudia Meier
Adresse: Hardenbergstraße 19, 10623 Berlin
Mitarbeiter: 5
Telefon: 030 / 311 88 97 20
Web: www.procedera.de
Espresto AG
Geschäftsführer: Alexander, Maya und Peter Biersack
Adresse: Breite Straße 30–31, 10178 Berlin
Mitarbeiter: 19
Telefon: 030 / 90 22 67 50
Web: www.espresto.de
Aus der Ausgabe 6 / 2008
