Ich würde ihr den Oskar gönnen
Regina und Tanja Ziegler sind Mutter und Tochter und führen gemeinsam die Produktionsfirma
Ziegler Film
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Tanja Ziegler: Ich hatte das Glück, dass ich hier gar nicht erst als Tochter eingestiegen bin. Wir haben von Anfang an als gleichberechtigte Geschäftsführerinnen gearbeitet, schon bevor ich Mehrheitsgesellschafterin wurde.
Regina Ziegler, Sie sind 64 Jahre alt, leiten das Unternehmen seit 35 Jahren. Als Filmproduzentin haben Sie fast alles erreicht. Sie haben die Berlinale-Kamera und das Bundesverdienstkreuz erhalten. 2006 hat Ihnen das Museum of Modern Art eine Retrospektive gewidmet. Kann man sich da nicht langsam entspannt zurücklehnen und die anderen machen lassen?
Regina Ziegler: Ich bitte Sie, ich habe das Rentenalter doch noch gar nicht erreicht. Und ich lese überall, dass man die Älteren und ihre Potenziale sträflich unterschätzt. Es war auch nie geplant, dass ich aufhöre würde, wenn Tanja einsteigt. Als Mehrheitsgesellschafterin übernimmt sie Verantwortung für das Unternehmen. Das schafft mir ja auch gewisse Freiräume.
Wie sieht denn die Aufgabenteilung bei Ihnen aus?
Regina Ziegler: Da muss ich Sie enttäuschen. Wir haben keine. Jede von uns überlegt sich, welche Projekte sie realisieren möchte. Manche Filme produzieren wir selbst, andere Projekte laufen in unseren Tochterfirmen in Köln und München.
Sie produzieren aber ja nicht nur Filme, Sie haben ja auch eine Firma mit inzwischen 35 Mitarbeitern. Wer kümmert sich denn um Personalfragen und Buchhaltung?
Regina Ziegler (lacht): Na, ich hoffe doch, dass die Mehrheitsgesellschafterin sich darum kümmert.
Tanja Ziegler: Ja, ich kümmere mich unter anderem um die Personalführung. Aber wir sind ja eine sehr familiäre Firma. Da gibt es auch mal jemanden, der möchte lieber mit Regina sprechen.
Regina Ziegler: Oder einen, der lieber mit Tanja spricht!
Tanja Ziegler: Das liegt auch daran, dass ich vor Ort bin. Ich habe eine kleine Tochter, da versuche ich, nicht zu oft unterwegs zu sein. Regina übernimmt zur Zeit mehr die Auslandsproduktionen. Das führt dazu, dass ich hier bin und Regina zum Beispiel in Namibia, wo sie gerade einen neuen Film mit Christine Neubauer dreht. Aber über das Controlling sprechen wir gemeinsam, klar. Wir schauen uns die Zahlen an, schauen, wo wir stehen und wo die Reise hingeht.
Haben Sie schon mal ein Filmprojekt Ihrer Mutter abgelehnt, weil Sie glaubten, es würde sich nicht lohnen?
Tanja Ziegler: Nein. Regina würde nichts planen, von dem sie wüsste, dass ich es nicht haben möchte.
Und Sie Frau Ziegler, haben Sie Ihrer Tochter schon einmal etwas ausgeredet?
Regina Ziegler: Nein. Wir sind beide Produzentinnen. Wir wollen unsere Projekte, an denen wir mit Leidenschaft arbeiten, ins Kino oder ins Fernsehen bringen. Übrigens: wer heute produziert, kann so richtig wählerisch gar nicht sein. Nächste Woche fangen wir an, Henri Quatre nach Heinrich Mann zu drehen, mit einem Riesenbudget von 18 Millionen Euro. Das ist ein sehr aufwendiges, riskantes Projekt. Natürlich weiß Tanja: Das ist kein Film, mit dem die Firma Ziegler Geld verdienen wird.
Tanja Ziegler: Ich habe mir das angesehen und gesagt: Wenn Du das machen möchtest, dann ist es wichtig, dass Du das machst. Und wer sorgt dafür, dass am Ende des Jahres schwarze Zahlen dabei herauskommen?
Tanja Ziegler: Wir sprechen da von einer Mischkalkulation. Jeder größere Produzent subventioniert sich quer. Es gibt Projekte, die lohnen sich. Und dann gibt es Herzblutprojekte, die leisten wir uns. Beide. Es gibt aber auch Banken und es gibt Zahlenwerke, die wir bedienen müssen. Da wachsen die Bäume nur selten in den Himmel. Aber sie müssen wachsen können.
Das klingt wahnsinnig harmonisch. In vielen Familienunternehmen läuft der Übergang zwischen den Generationen nicht so reibungslos ab.
Tanja Ziegler: Ehrlich gesagt, war ich selbst erstaunt, wie viel Regina abgeben konnte. Aber ich war ja auch schon 33, als ich hier eingestiegen bin. In dem Alter hat man schon einiges erlebt. Ich habe am Theater gearbeitet und in Werbeagenturen, habe studiert und mit einem Kommilitonen eine eigene Produktionsfirma aufgebaut, für Dokumentar- und Imagefilme. Da hat man schon eine Idee, wie man das machen will. Und ich war erstaunt, wie schnell ich hier ganz viel tun durfte.
Sie hätten auch Kamerafrau oder Regisseurin werden können. Warum ausgerechnet Produzentin? Das stand für mich nie zur Debatte, vielleicht auch, weil ich das so früh mitbekommen habe von Regina. Ideen zu entwickeln, Dinge anzuschieben, zu formen, das hat mir besser als alles andere gefallen.
Ihre Mutter ist eine der erfolgreichsten Filmproduzentinnen überhaupt. Setzt Sie das unter Druck?
Tanja Ziegler: Natürlich war das komisch, mit Mitte 20 auf der Filmhochschule, als die Professoren mich gefragt haben: Wie war denn das, als Ihre Mutter in Polen Korczak gedreht hat? Und ich habe gesagt: Fragt Sie sie doch selbst! Da hat so ein Ablösungsprozess eingesetzt. Und irgendwann habe ich mich der Situation gestellt und akzeptiert, dass es eben immer so sein wird. Jetzt bin ich ganz entspannt stolz auf das, was Regina in der Branche stemmt und was sie alles angestoßen hat. Aber ich vergleiche mich nicht mit ihr. Keine Konkurrenz unter Künstlerinnen?
Tanja Ziegler: Sie werden lachen: Wir waren tatsächlich einmal Konkurrentinnen, beim Fernsehpreis im letzten Jahr. Da waren wir beide mit einem eigenen Film nominiert. Das hat uns unheimlich viel Spaß gemacht. Wir haben die Nominierungen gefeiert.
Wer hat am Ende gewonnen?
Regina Ziegler: Keine von uns beiden.
Frau Ziegler, es ist kein Geheimnis, dass Sie davon träumen, den Oscar zu gewinnen. Was wäre, wenn Ihre Tochter ihn bekäme? Regina Ziegler: Da würde ich mich von Herzen für sie freuen. Ich weiß, wie das ist. Ich war schließlich einmal nominiert und bei so einer Verleihung dabei zu sein, das ist schon ein erhebendes Gefühl.
Tanja Ziegler: Ich glaube, dass man ein Familienunternehmen in so einer Konkurrenzsituation so nicht führen kann, sonst wäre die Stimmung auf Dauer im Keller. Wir machen das jetzt seit fast zehn Jahren, ich sitze im dritten, Regina im vierten Stock. Wenn wir uns treffen, erkennen wir uns immer sofort.
Mütter neigen ja dazu, ihre Töchter beschützen zu wollen. Gab es Situationen in Ihrer Karriere, vor denen Sie Ihre Tochter gern bewahren würden, Frau Ziegler?
Regina Ziegler: Solche Situationen gibt es in einem Produzentenleben häufig, auch bei uns. Als Produzentin trägt man ein hohes, eigenes Risiko. Wenn die Produktion überzogen ist, weil Sie ein paar Tage schlechtes Wetter hatten, kriegen Sie von niemandem eine Nachfinanzierung, da müssen Sie Geld reinstecken. Ich habe oft in meinem Leben Hypotheken auf das Haus, in dem ich wohne, eintragen müssen, um einen Film fertig zu machen. Das war existenziell.
Tanja Ziegler: Als ich klein war, hat meine Mutter oft mal gesagt: Wir sind Minusmillionäre.
Regina Ziegler: Bei uns war oft Schmalhans Küchenmeister.
Das hat Sie nicht davon abgehalten, selbst Unternehmerin zu werden. Tanja Ziegler: Nein, ich habe das auch nicht als Bedrohung empfunden. Meine Mutter hat mir nie das Gefühl gegeben, dass es morgen zu Ende sein könnte. Sie hat mir eher Mut gemacht. Bei uns galt nicht: Alles was man anpackt, könnte auch schief gehen. Jeder Mensch hat mal schlechte Phasen. Da muss man wieder rauskommen und sagen: Die Reise geht weiter. Und das habe ich vorgelebt bekommen.
Und die Mutter fand das gut?
Regina Ziegler: Natürlich. Ich freue mich darüber, dass Tanja hier eingestiegen ist. Dass sie weiterführen will, was ich aufgebaut habe, wofür ich so viel Kraft investiert habe, das ist auch wie eine Bestätigung, dass das alles nicht umsonst war. Wir wollen doch alle irgendwie ein bisschen Ewigkeit.
Es gibt nicht mehr viele mittelständische Unternehmen in der Filmbranche. Könnten Sie sich vorstellen, Ihre Firma zu verkaufen? Tanja Ziegler: Die Budgets und die Margen werden immer enger. Das merken wir auch. Natürlich kriegen wir Angebote, aber es müsste wirklich zu uns passen, wir müssen dabei immer noch so arbeiten können, wie wir es möchten.
Regina Ziegler: Für unser Familienunternehmen nehmen wir nicht jeden — ein solcher Bräutigam müsste Schmackes haben.
Das Gespräch führte Miriam Schröder
Zur Person
» Regina Ziegler wurde 1944 in Quedlinburg geboren. Ihr erster Berufswunsch war Jugendrichterin, doch das Jurastudium war ihr entschieden zu trocken. Stattdessen wurde sie Produktionsassistentin beim SFB. Mit 29 gründete sie ihre eigene Produktionsfirma. Ihr erster Film, „Ich dachte, ich wäre tot", gedreht von Ehemann Wolf Gremm, erhielt gleich den Bundesfilmpreis. Es folgten viele weitere, darunter auch eine Oskar-Nominierung für die Verfilmung von Erich Kästners Roman Fabian. Als das Museum of Modern Art in New York 2006 eine Retrospektive ihres Werks zeigte gehörten dazu Filme wie „Korczak" von Andrzej Wajda, „Kamikaze 1989" von Wolf Gremm oder die „Erotic Tales".
» Tanja Ziegler wurde 1966 in Berlin geboren. Bevor sie in das Familien-unternehmen einstieg, probierte sie sich aus: Sie war Kostümbildnerin am Theater, arbeitete in verschiedenen Werbeagenturen, studierte Film- und Fernsehproduktion an der Hochschule für Film- und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg. Anschließend baute sie die Produktionsfirma Luzi Film mit auf. Im Jahr 2000 wurde sie Mit-Geschäftsführerin von Ziegler Film, 2006 Mehrheitsgesellschafterin. Tanja Ziegler produzierte zahlreiche Dokumentar- und Spielfilme. Mit „Vom Ende der Eiszeit" (Regie: Friedmann Fromm) war sie letztes Jahr für den Deutschen Filmpreis nominiert.
Ziegler Film hat heute 38 feste Mitarbeiter und Standorte in Berlin, Köln und München. Das Unternehmen feierte im April 35-jähriges Jubiläum.
Ziegler-Filme im deutschen Fernsehen:
Der Heckenschütze, Krimi,
am 8.9.08 um 20.15 Uhr, ZDF
Die Tote in der Zisterne, Krimi,
am 2.10.08 um 20.15 Uhr, ARD
Der Besuch der alten Dame,
nach Friedrich Dürrenmatt,
am 13.10.08 um 20:15 Uhr, ARD
