Magazin Frauen
Geschäftsidee: Eine bessere Welt
Frauen ergreifen nicht nur mit Vorliebe soziale Berufe,
sie gründen auch soziale Unternehmen. Profit zählt nur am Rande
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Gutmenschen mit unternehmerischen Absichten: Frauke Godat und Wiebke Koch Foto: David Heerde |
„Die Methoden eines Unternehmers mit der Absicht eines Gutmenschen“
Soziale Unternehmer, darunter verstehen Godat und Koch Menschen, die gesellschaftliche Probleme lösen wollen und dafür eine privatwirtschaftliche Lösung finden. „Die Methoden eines Unternehmers mit der Absicht eines Gutmenschen“, sagt Wiebke Koch. Sie ist die Gründerin der Self EG. Dass ihre Absichten gut sind, ist nicht zu übersehen: Die Regale im Raum hat sie selbst gebaut, aus Wellpappe, das dämpft die Geräusche in der großen Halle und schadet der Umwelt nicht. Aus den Resten ist ein Pappe-Kunstwerk entstanden, das von der Decke baumelt. Sie haben eine große Gemeinschaftsküche, in der die Mieter mittags zusammen kochen können und sie haben eine Toilette für Behinderte. „Eine Behinderte haben wir schon im Netzwerk“, sagt Koch. Es klingt, als sei sie ein bisschen stolz darauf.
Die Idee erscheint erstmal merkwürdig: Ein Unternehmen gründen, um etwas Gutes zu tun. Aus dem Mund von Wiebke Koch klingt es alles logisch. Sie ist in der DDR großgeworden. Nach der Schule hat sie angefangen, Deutsch und Russisch zu studieren. Vielleicht wäre sie Lehrerin geworden, wenn die Mauer nicht gefallen wäre. Da war sie 20 und sah, wie viele DDR-Bürger überfordert waren mit den Angeboten aus dem Westen. Leichte Beute für windige Versicherungsvertreter oder Immobilienhändler. „Ich wollte nicht, dass mir oder meiner Familie so etwas passiert“, sagt Wiebke Koch. „Ich musste verstehen, wie das funktioniert, das kapitalistische System.“ Sie studierte Betriebswirtschaft und arbeitete in großen Unternehmen. Dabei lernte sie schnell, was sie nicht werden wollte, nämlich „Ellbogen-Hardcore-Kapitalist“. „Da hat mir der Sinn gefehlt“, sagt Koch. „Es ging immer nur darum, schnell mehr Geld zu scheffeln.“
Sie selbst glaube, dass zufriedene Mitarbeiter und eine saubere Umwelt wichtiger seien als schnelles Wachstum und Innovationsdruck. „Was dabei rauskommt, sieht man doch“, sagt Koch und zeigt zum Fenster. Fünf Minuten sind es bis zum U-Bahnhof Kottbusser Tor. Da hängen sie rum, die Jugendlichen ohne Perspektive, die Hartz-IV-Empfänger von morgen.
Sie hat dann auch eine Weile für Non-Profit-Organisationen gearbeitet. Auch da hat sie keinen tieferen Sinn gefunden. Schnell musste sie feststellen, dass große Organisationen oft keine großen Veränderer sind, sondern große Bewahrer. „Die haben gute Absichten, können sie aber nicht effektiv umsetzen“, sagt sie. Ein Kirchenmann brachte sie auf die Idee, dass man sich vielleicht gar nicht entscheiden muss, dass soziales Denken und wirtschaftliches Handeln auch zusammen gehen können. Pater Nick Francis hat in Australien eines der ersten Netzwerke für „social entrepreneurship“ gegründet. Mittlerweile hat er weltweit Nachahmer gefunden. In Deutschland war Wiebke Koch die erste.
„Ich verwirkliche mich hier selbst“
Mitstreiter fand sie schnell: 27 Mitglieder haben für ingesamt 50 000 Euro Anteile an der Genossenschaft gekauft. Die GLS Gemeinschaftsbank gab ihnen einen Kredit über 100 000 Euro. Bis sie sich selbst finanzieren können, wird es noch dauern: Im Januar eröffnete die Self EG, sechs Mieter haben sie inzwischen. Um kostendeckend zu arbeiten, bräuchten sie aber deutlich mehr. Dabei zahlen sich die Geschäftsführerinnen Frauke Godat und Wiebke Koch zur Zeit noch nicht mal ein Gehalt: Ihren Lebensunterhalt verdienen die beiden mit Coaching und Seminaren, die sie nebenbei geben. Wiebke Koch sagt, sie wolle nicht reich werden mit der Self EG. „Ich verwirkliche mich hier selbst.“ Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass sich bisher mehr Frauen für die Mitarbeit in der Self EG interessiert haben.
„Frauen sagen oft: Ich will ein Projekt machen. Und dann merken sie erst auf dem Weg, dass da ein ganzes Unternehmen hintersteckt“, sagt die Unternehmensberaterin Angela Pritzkow, die mit vielen Gründerinnen zusammenarbeitet.
Auch Swantje Goldbach hatte zuerst eine Vision und dann eine Geschäftsidee. Die Gründerin des Lernwerks hat die Haare zu zwei Zöpfen geflochten und trägt bunte Turnschuhe. Neben ihr am Tisch sitzt ein Mädchen, etwa 16 Jahre alt. Sie heißt Lisa und ist zum Nachhilfeunterricht gekommen, weil sie Probleme mit der Zeichensetzung hat. Swantje Goldbach diktiert ein paar Sätze. Dann soll Lisa bestim- mte Wörter mit bunten Filzstiften einkringeln. Es ist eine eigenartige Regel, die sie anwendet, im Deutschunterricht einer Schule wird man sie kaum finden. Die Lernwerk-Chefin glaubt, dass die Methode schon wirkt: Lisa sei erst ein paar Mal dagewesen und mache kaum noch Fehler.
„Mein Gefühl ist: Das ist kein richtig kommerzielles Unternehmen“
„Lernen trotz Schule“, nennt Swantje Goldbach ihr Konzept. Entwickelt hat sie es, als sie noch angestellt war, an einer sogenannten „Schule für verhaltensauffällige Kinder“. „Kinder, die keine Schule mehr wollte“, sagt Goldbach. „Diese Kinder konnten dem normalen Unterricht nicht folgen, weil sie nicht stillsitzen konnten und nicht gut zuhören“, erzählt Goldbach. Damals hat sie sich die Frage gestellt: Wie lernt man eigentlich Lernen? Mit ihren alternativen Methoden habe sie einige dieser Schüler bis zum Abitur begleitet. Irgendwann hatte sie keine Lust mehr, normalen Unterricht zu geben. Lieber wollte sie an den neuen Regeln arbeiten und ausprobieren, wie man Schülern das Lernen leichter machen kann.
Dazu aber musste sie selbstständig sein. In einer größeren Institution, so ihre Angst, hätte sie andauernd Bedenken aus dem Weg räumen müssen. Swantje Goldbach rief ihren Bruder an. Der studierte damals BWL und ließ sich von der Idee überzeugen, ein Nachhilfeinstitut zu gründen. Die Banken lachten sie aus. „Schöne Idee“, hörten sie oft. Geld gab es keines, bis Goldbach einen reichen Privatmann für ihren Plan begeistern konnte. Der Plan ging auf, viel schneller als erwartet. Nach ein paar Monaten hatten sie schon mehr als Hundert Schüler, drei Jahre später eröffneten sie die erste Filiale. Heute ist Swantje Goldbach Chefin von zehn festen Mitarbeitern, beschäftigt über Hundert studentische Nachhilfelehrer und macht 1,5 Millionen Euro Umsatz.
Trotzdem: „Mein Gefühl ist: Das ist kein richtig kommerzielles Unternehmen“, sagt Swantje Goldbach. Ihr Bruder sagt, wenn sie mit dem Lernwerk richtig Geld machen wollten, dürften sie den Einzelunterricht nicht für 20 Euro in der Stunde anbieten. Das lohne sich eigentlich gar nicht. Goldbach sagt: „Mir geht es darum, dass lernschwache Kinder Abi-tur machen können.“ Wenn es in einer Familie finanzielle Probleme gebe, dürften die Kinder auch mal umsonst in eine Lerngruppe kommen. Mehr Kinder aus sozial schwachen Verhältnissen fördern, das könne sie nicht. „Ich würde ja schon auch gerne etwas mehr verdienen“, gibt sie zu. Auch Self EG-Chefin Wiebke Koch stößt manchmal an die Grenzen ihrer Selbstaufgabe. Sie erzählt, dass sie monatelang mit sich gerungen habe, und sich fragte, ob sie sich ein I-Phone kaufen dürfe, oder ob sie so viel Geld nicht in die Genossenschaft stecken müsse. Jetzt liegt das Handy vor ihr auf dem Tisch.
Miriam Schröder
| Adressen |
Self EG
Geschäftsführer: Frauke Godat, Wiebke Koch
Adresse: Erkelenzdamm 59–61,
10999 Berlin
Umsatz: k.A.
Mitarbeiter: 2
Telefon: 030 / 707 19 50
Web: www.self-germany.de
Lernwerk
Geschäftsführer: Swantje Goldbach, Jan Christopher Horn
Adresse: Rothenburgstraße 32, 12165 Berlin
Umsatz: 1,5 Millionen
Mitarbeiter: 10
Telefon: 030 / 530 00 50
Web: www.lernwerk.de
Geschäftsführer: Frauke Godat, Wiebke Koch
Adresse: Erkelenzdamm 59–61,
10999 Berlin
Umsatz: k.A.
Mitarbeiter: 2
Telefon: 030 / 707 19 50
Web: www.self-germany.de
Lernwerk
Geschäftsführer: Swantje Goldbach, Jan Christopher Horn
Adresse: Rothenburgstraße 32, 12165 Berlin
Umsatz: 1,5 Millionen
Mitarbeiter: 10
Telefon: 030 / 530 00 50
Web: www.lernwerk.de
Aus der Ausgabe 5 / 2008
