Gutes Klima und Kinderbetreuung
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Familienfreundliches Arbeiten: Mehr Frauenförderung ist in dem kleinen Betrieb von Fotografin Leila Paul nicht drin. Foto: promo |
Fachkräfte sind Mangelware, das bereitet auch Berliner Betrieben immer mehr Sorgen. Umso wichtiger wird es für die Unternehmer, die schon vorhandenen Fachkräfte im Unternehmen zu halten. Das gilt ganz besonders für die gut ausgebildeten Frauen.
Die schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie führt oft dazu, dass die weiblichen Topkräfte die Unternehmen verlassen, wenn sie Kinder bekommen. Aber auch über die Familienfreundlichkeit hinaus haben Frauen andere Ansprüche an den Arbeitplatz, als Männer.
Oft sind sie immer noch zurückhaltender und weniger selbstbewusst im Job als ihre männlichen Kollegen. „Eigentlich wollen wir alles, trauen uns aber nicht“, sagt Beate Roll, Vorsitzende der Unternehmerfrauen im Handwerk. „Es ist schwer, Frauen zu motivieren, sich klar im Beruf zu positionieren.“ Individuelles Coaching und eine gute Begleitung durch den Betrieb könnten dem entgegenwirken. Da sich jedoch insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen solche Anstrengungen selten leisten können, fordert Beate Roll mehr Unterstützung von der Berliner Politik.
In großen Unternehmen und Konzernen sind ganze Personalbereiche damit beschäftigt, Mentoring- und Diversity-Förderprogramme zu konzeptionieren, um Frauen und die Vielfalt der Mitarbeiter allgemein zu fördern, weiß Nina Bessing, Bereichsleiterin Wirtschaft der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft (EAF). In kleineren Betrieben hingegen bedeutet Frauenförderung meist nicht mehr als die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Es ist schwer, Frauen zu motivieren, sich klar im Beruf zu positionieren
Leila Paul, Inhaberin des Geschäfts Die FotoGrafen in Adlershof ist überzeugt, dass sich viele Betriebe mehr finanziell auch gar nicht leisten könnten. Das ist in ihrem kleinen Fotostudio nicht anders. Die Familienförderung betreibt sie jedoch mit viel Engagement: Vor einiger Zeit stand für das Kind einer ihrer Mitarbeiterinnen kein Kita-Platz zur Verfügung. „Da war mein guter Draht zum Stadtbezirk sehr hilfreich“, freut sich die Chefin von vier Angestellten. „Ich bin dort vorstellig geworden, habe um einen Platz gebeten, und das hat geklappt.“
Weil zwischen Mann und Frau die traditionelle familiäre „Arbeitsteilung nach wie vor weit verbreitet ist, ist das eben der größte Brennpunkt in den kleinen Betrieben“, sagt auch EAF-Expertin Nina Bessing. Andere Formen gezielter Frauenförderung wie etwa Mentoring oder Weiterbildung blieben da auf der Strecke, „denn viele Betriebe haben ganz andere Probleme, oder machen sich einfach zu wenig Gedanken darüber, dass sie ihre Frauen mehr fördern müssten.“ Das liege auch daran, sagt Nina Bessing, dass häufig „kleine und mittlere Unternehmen über kein professionalisiertes Personalmanagement verfügen“. In Betrieben mit drei, fünf oder auch zehn Mitarbeitern gibt es keine Personalabteilung, diese Angelegenheiten erledigt der Chef meist nebenbei.
Auch Heide Meyer, die in ihrem Dessous-Geschäft Lady M in Wilmersdorf fünf Frauen beschäftigt, versucht, die familiären Belange ihrer Mitarbeiterinnen und die ihres Ladens unter einen Hut zu bringen, auch wenn das machmal eine große Herausforderung darstellt. „Für mich ist das selbstverständlich, da ich nur Frauen beschäftige“, sagt sie. „Als eine meiner Mitarbeiterinnen ein Kind bekommen hat, ist sie für ein Jahr daheimgeblieben.“ Für kleine Betriebe kann so eine personelle Lücke teuer, sogar existenzbedrohend sein. Doch für Heide Meyer war das kein Kündigungsgrund: „Wir haben uns damals gesagt, dass wir das durchhalten.“
Von einer familienfreundlichen Personalpolitik können aber nicht nur die Frauen, sondern auch die Unternehmen profitieren. Das belegt eine Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts Prognos im Auftrag des Bundesfamilienministeriums. Seit Unternehmen erkannt haben, „dass es sinnlos ist, wenn gut ausgebildete Frauen mit dem ersten Kind nach Hause geschickt werden, hat das Thema überraschend an Zuspruch gewonnen“, sagt Tillmann Knittel von Prognos.
Diese Einstellung wirkt sich auch auf die Motivation aus, „denn für Frauen ist ein gutes Arbeitsklima wichtig, um produktiv zu sein“, sagt Heide Meyer, die seit 44 Jahren Führungsverantwortung trägt. Unter Frauenförderung versteht sie aber noch mehr: Neben Fortbildungen will sie ihren Verkäuferinnen auch eine gute Ausstattung bieten, und „dazu gehört auch ein extra Stuhl im Aufenthaltsraum, damit die Frauen nachmittags ihre Beine hochlegen können.“
Weil viele Frauen Wert auf ein gutes und harmonisches Arbeitsklima legen, ist es für die Berliner Steuerberaterin Regina Rogge zudem wichtig, dass ihre Mitarbeiterinnen wissen, dass sie auch mit privaten Sorgen zu ihrer Chefin kommen können. „Man kriegt dafür soviel zurück, gerade wenn es wirklich mal einen betrieblichen Engpass gibt.“ Weil ihre drei Mitarbeiterinnen schulpflichtige Kinder haben oder Angehörige betreuen müssen, versucht sie, die Arbeitszeiten so flexibel wie möglich zu gestalten.
Auch beim Berliner Hausverwalter Lotz Consulting geht es zeitlich flexibel zu. Personalleiterin Sandra Paukstadt ist selber erst vor einiger Zeit Mutter geworden und kann sich ihre Arbeit im Büro frei einteilen. „Ich kann von zu Hause arbeiten und auch mal Hals über Kopf weg, wenn was Dringendes anliegt.“ Für sie ist betriebliche Frauenförderung wichtig, am Ende aller Überlegungen kommt aber auch sie zu dem Punkt, dass es dabei gerade in kleinen und mittleren Firmen hauptsächlich um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ginge.
Wer einen Nachfolger sucht, denkt oft nicht an eine fähige Mitarbeiterin
Die Zeiten, in denen Frauen einer besonderen Förderung bedurften, sind allerdings nach Ansicht von Petra König, Leiterin der Abteilung Wirtschaftspolitik der IHK Berlin vorbei. „Heute sind Frauen gut qualifiziert und selbstbewusst.“ Studien zeigten jedoch, dass sich die Qualifikation nicht in gleicher Entlohnung niederschlägt. „Allerdings belegen diese Studien, etwa des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, auch, dass der geschlechterbezogene Unterschied mit steigender Qualifikation abnimmt.“
Eine große Herausforderung der Unternehmen sieht Petra König jedoch darin, Rahmenbedingungen zu schaffen, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Männer und Frauen in noch stärkerem Maße fördern. „Unternehmen sind hier gefragt, durch kreative Arbeitszeitmodelle die Beruftätigkeit von Eltern zu erleichtern.“
Doch gerade wenn es um die Ausbildung geht, zeigen sich wenige Betriebe dahingehend kooperativ. Die Berliner Organisation Life e.V., die Geschlechtergerechtigkeit in Bildung und Beschäftigung durchsetzen will, hat in einer Studie belegt, dass in Berlin mehr als 13 000 junge Mütter unter 25 Jahren ohne Berufsausbildung leben. Und das, obwohl viele einen guten Schulabschluss haben. Gerade junge Mütter bräuchten oft Unterstützung und Begleitung zu Beginn und auch während der Berufsausbildung. Die Autorinnen der Studie fordern daher mehr betriebliche und außerbetriebliche Teilzeit-Berufsausbildungsplätze in Berlin.
Petra König erwartet deshalb von der Berliner Poilitik noch mehr Unterstützung der kleinen Betriebe hinsichtlich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. „Berlin hat bereits ein quantitativ gutes Betreuungsangebot, das allerdings in qualitativer Hinsicht und auch was die Flexibilität anbelangt, etwa bei den Öffnungszeiten, noch verbessert werden sollte.“
EAF-Expertin Nina Bessing hat aber noch mehr Vorschläge für kleine und mittlere Unternehmen, die Frauen entschlossener fördern wollen. Ein Schritt in die richtige Richtung ist, wenn Betriebe aus männerdominanten Branchen mehr Frauen einstellen. „Viele Mädchen interessieren sich durchaus für Ausbildungsberufe, wie Elektroinstallateurin oder KFZ-Mechanikerin“, sagt Bessing, „aber sie trauen sich oft nicht, sich auch zu bewerben.“
Programme wie der Girls´Day sollen die Hemmschwelle bei Mädchen und Unternehmen abbauen. Eine Studie des Kompetenzzentrums Technik-Diversity-Chancengleichheit, das den Mädchentag seit acht Jahren ausrichtet, zeigt, dass Unternehmen, die mehrfach teilgenommen haben, verstärktes Engagement zeigen, junge Frauen für technische Berufe zu gewinnen. So organisieren mehr als 30 Prozent dieser befragten Unternehmen geschlechtersensible Bewerbungs- und Einstellungsverfahren. Betriebe, die am Girls´Day aktiv sind, können den Kontakt zu jungen Frauen knüpfen und sie werden „dafür sensibilisiert, in Frauenkategorien zu denken“, sagt Almut Borggrefe von Life e.V., die auch Girls´Day in Berlin koordiniert. „Viele Betriebe sind leider erst wegen des demografischen Faktors aufgewacht.“
Nina Bessing rät Unternehmern zudem, genauer hinzusehen, wo Führungspotenziale in ihren Betrieben vorhanden sind. Gerade das Nachfolgeproblem in Deutschland könne so angegangen werden, denn „wer einen Nachfolger sucht, zieht oft nicht die eigene Tochter oder eine begabte Mitarbeiterin in Betracht.“
Für Unternehmer, die die Karriere ihrer Mitarbeiterinnen fördern möchten, entwirft die EAF auch individuelle Konzepte und Verbundprojekte. Mehrere kleine Betriebe können sich etwa zusammenschließen und teilen sich die Kosten eines maßgeschneiderten Förderprogramms wie etwa Cross-Mentoring – ein Austauschprojekt, bei dem Mitarbeiterinnen verschiedener Firmen neben Seminaren in die Partnerbetriebe hineinschnuppern und so Erfahrungen austauschen können.
Tina-Marlu Kramhöller
Firmeninfos
Lotz Consulting sucht Hausverwalter, Fremdsprachensekretäre und Property Manager
Die FotoGrafen
Geschäftsführerin: Leila Paul
Adresse: Dörpfeldstraße 22, 12489 Berlin
Telefon: 030 / 63 97 90 90
Web: www.die-foto-grafen.de
Lady M Dessous
Geschäftsführerin: Heide Meyer
Adresse: Westfälische Straße 43, 10711 Berlin
Telefon: 030 / 892 39 34
Web: www.ladym-dessous.de
Lotz Consulting GmbH
Geschäftsführer: Stéphanie Lotz-Pech, Jörg Lotz
Adresse: Leibnizstr. 49, 10629 Berlin
Telefon: 030 / 88 55 44 70
Web: www.lotz-consulting.com
Steuerberaterin Regina Rogge
Adresse: Rudower Chaussee 29, 12489 Berlin
Telefon: 030 / 63 92 25 05
Web: www.regina-rogge.de
Aus der Ausgabe 8 / 2008
