In Stöckelschuhen ganz nach oben
Die Agentur Romeo Media in Berlin-Tiergarten produziert die Band High Heelz. Bei dem Unternehmen arbeiten fast nur junge Frauen
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Sechs paar lange Beine: Die Mitglieder der Berliner Band High Heelz bei ihrem Konzert vor dem Brandenburger Tor während der Fanmeile zur Fußball-EM. Foto: promo |
Olli und ihre Kollegin Sara, genannt „Chay“, beginnen durch die Hallen zu stöckseln. Sie wollen Kontakte knüpfen. Die beiden sind zwei der sechs Sängerinnen der High Heelz, der „hohen Absätze“, die man aber entgegen der orthografisch korrekten Schreibweise mit „z“ und nicht mit „s“ am Ende schreibt – weil das Jugendliche heute so tun.
Unabhängig davon, dass Olli und Sara mit ihren 21 und 22 Jahren selbst noch jung sind, wissen sie sehr genau, was bei Jugendlichen in der Zielgruppe von 14 bis 28 gut ankommt. Sie müssen es wissen, denn das ist ihr Job. Oder besser: ihr Beruf. Die jungen Frauen singen und tanzen nicht nur, sie organisieren teils selbst ihre Auftritte, verhandeln mit potenziellen Sponsoren und pflegen Kontakte zu Fans und Förderern – aus eigenem Interesse, weil sie ganz nach oben wollen.
Jeder übernimmt eine Rolle
Mitten im Popkomm-Rundgang winkt Olli den Kameramann der Agentur herbei, der die Entstehung der High Heelz seit Februar
2008 auf Schritt und Tritt begleitet. Dann posiert sie für ihn vor einer Werbestellwand der Modekette „New Yorker“. Da war sie nämlich neulich, um darüber zu verhandeln, ob das Unternehmen die sechs Damen nicht ausrüsten möchte. Sie trällert spontan einen netten Aufsager, einen freundlichen Gruß, in die Kamera. Diesen Ton-Bild-Schnipsel wird sie den Gesprächspartnern des Meetings der letzten Woche zuschicken. Die implizite Botschaft ist klar: Schaut mal, wie super wir mit Eurem Logo aussehen. „Jeder von uns im Team übernimmt eine Rolle. Als Typ auf der Bühne, aber auch hinter den Kulissen“, sagt Olli danach.
Sie und Sara nennen die High Heelz nicht „die Band“ (das Wort „Girl-Band“ mögen sie übrigens noch weniger), sondern sprechen stets von „unserem Projekt“. Das Wort drückt tatsächlich treffender aus, worum es sich hier handelt: Ein Vorhaben das eher wie ein Wirtschaftsunternehmen funktioniert, bei dem die Protagonistinnen im Übrigen selbst als Freiberuflerinnen tätig sind. Auch wenn das die Pop-Illusion trüben mag: Mit Kunst im eigentlichen Sinne haben die High Heelz nur vordergründig zu tun.
Bis diese jungen Damen als echte Stars Ruhm genießen dürfen, wird wohl noch einige Zeit vergehen. Aber wenn man Erfolg betriebswirtschaftlich planen kann, könnten sie erfolgreicher werden, als viele der sterilen Musik- und Tanzgruppen, die in Privatsendern gecastet worden sind und nach zwei Singles wieder verschwanden. Wer erinnert sich noch an „Nu Pagadi“ (Sendung „Popstars“, 2004 auf Pro Sieben)?
| Romeo Media |
Die Agentur sucht einen Motivationscoach für Workshops
Geschäftsführer: Johannes Friedrich
Adresse: Potsdamer Straße 88, 10785 Berlin
Umsatz: k. A.
Mitarbeiter: 25
Telefon: 030 / 25 79 40 21
Web: www.romeo-media.eu
Geschäftsführer: Johannes Friedrich
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Web: www.romeo-media.eu
Besuch in der Agentur Romeo Media in Berlin-Tiergarten, wo die Idee zu den High Heelz vor eineinhalb Jahren geboren wurde: Formal wird das Unternehmen geleitet von Johannes Friedrich, dem Sohn des Ende 2000 verstorbenen Regisseurs und Theaterleiters Götz Friedrich. Allerdings ist man bei Romeo Media offenbar der Ansicht, dass das Vorhaben, eine deutsche Girl-Band zu etablieren, kaum gelingen kann, wenn gesetzte Herren dort allein den Hut aufhaben. Also arbeiten in der Agentur 80 Prozent Frauen, das gefühlte Durchschnittsalter liegt bei 22 Jahren.
Die Büroräume ähneln auf den ersten Blick denen einer gewöhnlichen Anwaltskanzlei oder Werbeagentur. In allen Räumen liegt roter Teppich. An den Wänden stehen Aktenschränke, davor Flipchart-Ständer, schlichte Schreibtische, PCs, kaum Schnickschnack. Hinter einer Glastür aber steht ein Mischpult, das so groß ist, als wollte man die Philharmoniker aufzeichnen. Im Nachbarraum, durch eine Scheibe getrennt, Klavier und Mikrofon.
Da arbeiten wir mit Hochdruck dran
Ein paar Türen weiter gibt es ein – man muss es so nennen – Mädchenzimmer: Darin stehen zwei weiße Sofas, auf einem Sideboard sind Sekt-Gläser aufgereiht, daneben steht ein bunter Glasperlen-Kerzenständer und in der Ecke ein riesiger Flachbildfernseher.
Im Konferenzraum am Ende des Flurs sitzen zehn Romeo-Media-Frauen an einem Tisch, darunter Olli, Sara und die 21-jährige Managerin der Band, Julia Peter. Es ist die High-Heelz-Konferenz und am Kopf des Tisches sitzt – ein Mann: Torsten Karlsch, Musikproduzent und Diplom-Eventmanager, ist zwar jünger als Promi-Produzent Dieter Bohlen, aber der einzige im Raum, der augenscheinlich genug Erfahrung hat, um ein derartiges Projekt bis in die letzte Konsequenz finanziell zu verantworten. Sein Tonfall aber erinnert an den Norddeutschen Bohlen – nur mit Berliner Schnauze: „Ok, Mädels. Bei dem Auftritt habt ihr Zeit für zwei oder drei Songs. Und abends lassen sich ja noch einige von Euch im Club blicken, oder? Wer begleitet sie? Du, Julia? Und immer dran denken: Zähneputzen nicht vergessen“, sagt Karlsch. Er spricht nicht so, als sei er auf Lacher aus. Daher gibt es auch kaum Gekicher. Einige Frauen schreiben mit. Es gibt Einwände, organisatorische Fragen. Was für Lieder die High Heelz am Ende singen, entscheiden sie selbst.
„Wir hatten vor zwei Jahren den Plan, eine Multi-Kulti-Band zusammenzustellen, es gab auch ein Casting an dem sich hunderte Frauen bewarben“, erklärt Karlsch später. Aber irgendwie hat sich die Sache dann verselbstständigt. Nur zwei der sechs Sängerinnen kamen wirklich über das Casting hinzu. Die gebürtige Russin Axana und Sara alias Chay, die hübsche Tochter eines Arztes aus Berlin-Steglitz.
Olli, die einzige gebürtige Deutsche und Berlinerin in der Gruppe, die sich auch um Kontakte zur Presse und Geschäftsleuten bemüht, hatte sich ursprünglich bei Romeo Media um einen Ausbildungsplatz beworben. Sie wurde Praktikantin und arbeitet jetzt bei der Agentur in einer Doppelrolle: Assistenz des Managements und als Sängerin. Auch July, Liz und Jazz, deren Eltern aus Russland, der Ukraine und Mittelamerika stammen, kamen eher zufällig dazu. Auch sie beteiligen sich aktiv an „dem Projekt“ – neben dem Tanz- und Gesangstraining.
Die Frauen der High Heelz haben sich zumindest in Berlin und teilweise in Deutschland einen Namen gemacht – was insofern bemerkenswert ist, da sie noch nicht mal eine Single auf den Markt gebracht haben. „Da arbeiten wir mit Hochdruck dran“, sagt Manager Karlsch. Derzeit singen die Mitglieder ihre Songteile ein: soulige R‘n‘B-Songs in russischer, spanischer und englischer Sprache.
Bis die CD auf dem Markt ist, absolvieren sie Auftritte mal für Gage wie bei der Kickboxweltmeisterschaft, aber auch ohne, auf Wohltätigkeits-Veranstaltungen. Sie sind Botschafter bei „Rock gegen Kinderarmut“, engagieren sich für eine Station krebskranker Kinder des Berliner Vivantes Klinikums – für Dinge, die ihnen „persönlich am Herzen liegen“, wie sie sagen.
Während viele Bands aus den großen TV-Shows wie „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) nach der Sendung zwar in den Schoß einer großen Plattenfirma fielen, Monate später aber zerbrachen, weil die Chemie in der Band nie stimmte, geht Romeo Media mit den Heelz einen anderen Weg. Langsamer Aufbau, die Persönlichkeiten entwickeln und eng in alle Entscheidungen einbinden. Die Folge: Die High Heelz werden einem Massenpublikum bekannt, ohne dass jemand je einen Song gehört hat. Die „Bild“-Zeitung schrieb unlängst: „Schwarz-rot-blond! Hier stöckelt Berlins neue Girlie-Band.“ Klar, auch das ist Kalkül: Die Frauen spielen mit ihrem Sex-Appeal. In der Hochglanz-Broschüre, die das Team von Romeo-Media über die Band erstellt hat, werden sogar die Köpermaße genannt: Kein Mitglied weicht deutlich von dem angeblichen „Idealmaß“ von 90-60-90 ab.
Sex sells, heißt es immer. Aber Manager Torsten Karlsch sagt, das langt nicht: „Wenn die Mädels nicht alle ihren eigenen Kopf und Intelligenz hätten, könnten wir das Projekt vergessen.“ Ob die Geschäftsleitung das Geld, das schon in das Projekt gesteckt wurde, jemals wieder sieht, sei völlig offen. Wenn nicht, hat man wenigstens von Berlin aus die Musikwelt richtig sexy aufgemischt.
Kevin Hoffmann
aus Ausgabe 9/2008
