Auszeit vom Job – Karriere als Papa
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Mehr Zeit für Kinder: Miethke-Mitarbeiter Stefan Quitz ist gerade in Elternzeit. Genau wie Kollegin Michela Funk-Neubarth Foto: Thilo Rückeis |
Am Ende kommt die soziale Revolution ganz unspektakulär auf Socken in den Kinderzimmern an. Die Frau ist für Herd und Kind verantwortlich, der Mann für die Kohle – so war es noch vor 50 Jahren. Undenkbar damals, dass der Mann im Beruf aussetzt, um sich um Windeln und warme Milch zu kümmern. In vielen kleinen Schritten hat sich das Rollenverständnis seitdem gewandelt. Seit Einführung der staatlich geförderten Elternzeit auch für Väter vor zwei Jahren nehmen sich immer mehr Männer eine Auszeit vom Job, um vorübergehend Karriere als Papa zu machen.
Im vergangenen Jahr haben nach neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes in Deutschland über 118 000 Männer ihre staatlich geförderte Elternzeit abgeschlossen. Das waren immerhin 15 Prozent der Bezüge. Was für die Männer eine wertvolle Zeit ist, um die eigenen Kinder heranwachsen zu sehen, stellt viele Betriebe vor erhebliche organisatorische Probleme, insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen.
„Früher nahmen Frauen in der Regel ein bis drei Jahre Auszeit, da wird eine Vertretung eingestellt“, sagt Dörte Florack, Sprecherin der gemeinnützigen Beruf und Familie GmbH, die bundesweit Unternehmen beim Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf berät und zertifiziert. „Jetzt gibt es immer häufiger Männer, die nur zwei oder drei Monate aussetzen. Die stellen für kleine Betriebe eine große Herausforderung dar, da man für diesen Zeitraum meist keine Vertretung einstellen kann.
Unternehmen, die auf der Höhe der Zeit sind, finden auch für diese Herausforderung eine Lösung. Der Medizintechnik-Hersteller Miethke in Potsdam hat sich bei Beruf und Familie zertifizieren lassen und ist jetzt auf Väter in Elternzeit eingestellt. Stefan Quitz, Mitarbeiter in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung, nimmt gerade ein halbes Jahr Auszeit für die Töchter Johanna, neun Monate, und Luisa, vier Jahre. „Bei unserem ersten Kind ist meine Frau länger zu Hause geblieben, jetzt war ich mal dran“, sagt Quitz. Er freut sich, dass er die Zeit mit seinen Töchtern verbringen kann. „Aber ich freue mich auch, wenn ich zurück an die Arbeit komme“, sagt der Betriebswirt. In der Firma fühle er sich gerade auch deswegen wohl, weil sie ein familienfreundliches Betriebsklima habe, sagt Quitz. „In dieser Hinsicht ist mein Arbeitgeber ein Vorzeigeunternehmen, es gab bei meinem Chef und den Kollegen keinerlei Vorbehalte.“
Ich kehre gern in die Firma zurück
Er klingt, als wolle Quitz auf keinen Fall von Miethke weg. Das ist es, was sich Arbeitgeber generell erhoffen, wenn sie sich um eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf bemühen: Eine höhere Motivation der Mitarbeiter, eine stärkere Bindung ans Unternehmen und dadurch niedrigere Fluktuation. Eine aktuelle Broschüre des Berliner Senats mit dem Titel „Familienfreundlichkeit zahlt sich aus“ betont die Kosten einer Mitarbeitersuche: 23 000 Euro kostet die Nachfolgersuche im mittleren Einkommensbereich durchschnittlich. Bei hohen Einkommensgruppen müssen Unternehmen über 43 000 Euro ausgeben, um einen geeigneten Kandidaten zu finden.
Diese Kosten will man bei der Berliner Wirtschaftsprüfer- und Steuerberatungsfirma Röver Brönner vermeiden. „Wir erwarten von unseren Mitarbeitern hohe Flexibilität“, sagt Gertrud Bergmann, personalverantwortliche Partnerin bei RöverBrönner. „Dafür bieten wir ihnen auch Flexibilität im Umgang mit der Elternzeit.“
Torsten Volkmann weiß das zu schätzen. Der Steuerberater setzt gerade für 14 Monate aus, um sich um seine kleinen Töchter Marie Sophie und Elisa Kristin zu kümmern. „Wahrscheinlich waren nicht alle begeistert, dass ich so lange aussetze“, sagt Volkmann. „Aber niemand hat mir Steine in den Weg gelegt oder versucht, mir das auszureden“.
Um in Kontakt mit dem Unternehmen zu bleiben, hat Volkmann zu Hause einen Heimarbeitsplatz eingerichtet. Bei Fragen, die seine Mandanten oder sein Fachgebiet betreffen, ist er für die Firma noch erreichbar. „Es fiel mir vor allem anfangs nicht leicht, komplett loszulassen“, erzählt Volkmann. „Aber ehrlich gesagt ist man mit zwei kleinen Kindern zeitlich ziemlich gut ausgelastet“, fasst er eine Erfahrung zusammen, die früher fast ausschließlich den Müttern vorbehalten war.
Es ist noch gar nicht lange her, dass Männer, die für die Familie beim Job kürzer traten, beim Chef unten durch waren. „Als mein Mann sich vor 13 Jahren entschieden hat, sich um unsere Kinder zu kümmern, bedeutete das für ihn noch einen Karriereknick“, sagt Röver Brönner-Partnerin Gertrud Bergmann. Ihr Mann arbeitete in einem international tätigen Berliner Industriebetrieb und beantragte 1996 Erziehungszeit. „Der Arbeitgeber hat ihm klar gemacht, dass es mit der zuvor in Aussicht gestellten Führungsposition nichts mehr wird“, sagt Bergmann.
Gesellschafter:
Die Gruppe hat 20 Partner
Adresse: Auguste-Viktoria-Straße 118,
14193 Berlin
Mitarbeiter: 350
Telefon: 030 / 890 62-0
Web: www.roeverbroenner.de
Miethke GmbH & Co. KG
Geschäftsführer: Christoph Miethke
Adresse: Ulanenweg 2,
14469 Potsdam
Mitarbeiter: 40
Telefon: 0331 / 620 83-0
Web: www.miethke.com
Auch im Bekanntenkreis gab es Sticheleien. Bergmann erinnert sich an Fragen wie: „Und hast Du Dir schon eine Schürze gekauft?“ Ihr Mann ließ sich nicht beirren, wurde trotzdem Vollzeitpapa (für insgesamt drei Kinder) und kehrte nicht mehr in die alte Firma zurück. Geprägt durch die eigene Familienerfahrung hat Gertrud Bergmann volles Verständnis, wenn heute ein Vater in Elternzeit gehen will. „Ich merke in Bewerbungsgesprächen, dass viele männliche Bewerber immer noch Hemmungen haben, das Thema Beruf und Familie anzusprechen“, sagt sie. Sie spüre oft Erleichterung, wenn sie das Thema von sich aus anspreche, sagt Bergmann. „Bei der Suche nach kompetenten Mitarbeitern haben wir einen Vorteil als Arbeitgeber, der die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglicht“, sagt Bergmann. Die Firma, sagt sie, sieht sich hier auch einer Tradition verpflichtet: Die Firma Röver, die vor einigen Jahren mit Brönner fusionierte, wurde nach dem zweiten Weltkrieg von Maria Röver gegründet. Dass es eine Frau wagte, sich in diesem Wirtschaftszweig selbstständig zu machen, war für damalige Verhältnisse äußerst fortschrittlich.
Auch in der Industrie- und Handelskammer wird immer häufiger Vaterzeit angemeldet. „Es greift um sich“, sagt IHK-Referent Thomas Letz. Weil der Beratungsbedarf auch bei den Mitgliedern groß zu sein scheint, hat er gerade
eine Veranstaltung zum Thema „Die neuen Väter – Herausforderungen und Chancen für Unternehmen“ organisiert. Letz rät allen Berliner Firmen, sich auf die Wickelväter einzustellen. Schließlich gebe es hier besonders viele von ihnen, sagt Letz: „Im Ländervergleich ist Berlin Spitze, hier wird jeder fünfte Antrag auf Elterngeld von einem Mann gestellt.“
Alexander Visser
Aus der Ausgabe 4 / 2009
