Die Quotenfrau

In den Chefetagen sind Frauen nach wie vor eine Ausnahme. Es fehlen Vorbilder – und eine weiblichere Unternehmenskultur
Allein auf weiter Flur: In den Schaltzentralen der deutschen Wirtschaft sitzen nahezu ausschließlich Männer.
Foto: IBM/dpa/gms

Wenn Larissa Laternser, die Chefin der Firma High Stream Systems, einen Kollegen zu einem Termin mitnimmt, passiert sie immer wieder, „die Sache mit den Visitenkarten“: Die Gesprächs-
partner drücken ihre Karten am Ende nicht ihr, sondern ihrem Mitarbeiter in die Hand, weil sie glauben, dass der Mann der Chef der Firma ist.

Meistens lächelt Larissa Laternser dann. Sie weiß ja, dass sie, eine 27-jährige Frau mit langen, blonden Haaren, die gern schicke Röcke und hohe Schuhe trägt, mit dem Stereotyp des Computerunter-
nehmers nicht das Geringste gemein hat. „Wenn Du wüsstest“, denkt sie dann, „dass ich vier Sprachen fließend spreche, einen Uniabschluss mit Auszeichnung gemacht und erfolgreich eine Firma aufgebaut habe.“

Und trotzdem fragt sie sich jedes Mal, was sie in dem Gespräch gerade wieder falsch gemacht hat. War sie zu nett? Zu zickig? Zu bescheiden? War sie vielleicht zu weiblich?
„In der Wirtschaft sind die Spielregeln immer noch überwiegend männlich geprägt“, sagt Alexandra Schwarz-Schilling. Vielen Frauen fiele es schwer, dort mitzuspielen, weil sie naturgemäß andere Prioritäten setzen würden. Die Inhaberin der Coaching-Spirale ist Psychologin und Betriebswirtin.

Männlich, so Schwarz-Schilling, das heißt vor allem: heiß auf Wettbewerb. Männer lieben das Risiko und den Konkurrenzkampf, sie haben vor allem die eigene Karriere im Blick und sind dabei extrem zielorientiert. Egoistisch zu handeln ist für sie kein Makel. „Männer nehmen Männern das nicht krumm“, sagt Schwarz-Schilling. Vor allem kennen sie keine Skrupel, wenn es darum geht, die eigene Leistung zur Schau zu stellen – auch dann nicht, wenn sie zu dem Erfolg selbst wenig beigetragen haben.

Typisch weiblich hingegen sei die Bescheidenheit, „Frauen zweifeln viel mehr an sich und ihren Leistungen.“ Sie konzentrierten sich bei der Arbeit lieber auf die Sache denn auf die Karriere, sind vorsichtiger und steckten viel Energie in die Pflege von Beziehungen. Logisch, sagt Alexandra Schwarz-Schilling, könnten Frauen auch mal männlich und Männer eher weiblich handeln.

Wenn Männer in einem Meeting sitzen, erzählen sie sich erst mal von ihren Erfolgen

Larissa Laternser hat sie auch beobachtet, die Stereotype männlichen und weiblichen Geschäftsgebahrens: „Wenn ich mit Männern in einem Meeting sitze, erzählen die sich erstmal gegenseitig von ihren Erfolgen“, sagt Laternser. „Und die Frauen werden ganz hibbelig, weil wir endlich mit der Arbeit anfangen wollen.“ Und während sie selbst anschließend stundenlang darüber grübeln würde, welche Figur sie in dem Gespräch gemacht hat, würden die Männer sofort zur Tagesordnung übergehen. Als Selbstständige kann sie natürlich über viele Spielregeln bestimmen. Demnächst aber wird sie ihre Anteile an High Stream Systems verkaufen und in die LAT einsteigen, das Bauunternehmen ihres Vaters. Dort wird sie sich wieder neu behaupten müssen, das weiß sie.

In großen Unternehmen entscheiden in der Regel Männer darüber, wer aufsteigt und wer wieviel verdient. Wer Karriere machen will, muss männliche Attribute einsetzen, muss auf sich aufmerksam machen, muss beißen können – egal ob Frau oder Mann. Die jüngste Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) kam zu dem Ergebnis, dass in den Schaltzentralen der deutschen Wirtschaft immer noch nahezu ausschließlich Männer sitzen. In den Vorständen der 100 größten Banken, der 65 größten Versicherungen und den 200 umsatzstärksten Unternehmen außerhalb des Finanzsektors stellen Frauen nur ganze zwei Prozent.

Und es sieht nicht so aus, als würde sich das bald ändern. Seit der letzten DIW-Studie vor sieben Jahren hat sich kaum etwas geändert. Auch der Bund junger Unternehmer (BJU) ist klar männlich dominiert: Nur zwei von 16 Regionalkreisleitern sind weiblich, im Bundesvorstand sitzen zwei Frauen unter 18 Männern, eine davon ist Larissa Laternser. Den jungen Frauen fehle es an weiblichen Vorbildern, sagt Alexandra Schwarz-Schilling. Natürlich gebe es sie, die Vorzeigefrauen an den Konzernspitzen. Das seien aber meistens Frauen, die eher männlich führten. 

Solange es keine Chefinnen gebe, die ihre weiblichen Qualitäten einsetzten anstatt sie zu verleugnen, würden die meisten Frauen lieber Angestellte bleiben. Oder sich selbstständig machen, am liebsten in Bereichen, in denen weibliches Einfühlungsvermögen traditionell gefragt sei, in Dienstleistungsgewerben oder in der Altenpflege.

Bei der Solon SE ist weiblicher Führungsstil ausdrücklich erwünscht. „Frauen treiben Dinge sehr stark voran, kommunizieren offener und beharren auf Themen, von denen sie überzeugt sind“, sagt Personalchefin Anke Hunziger. Als sie 2005 zu dem Solarzellenproduzenten kam, waren erst acht Prozent der Führungskräfte Frauen. „Wir hatten alle so typische Bilder im Kopf, wie ein technischer Einkäufer aussehen muss oder wie sich ein Fertigungsleiter benimmt“, erzählt Hunziger. Diese Rollenbilder hätten sie aufgebrochen, indem sie ganz gezielt Frauen einstellten, in allen Positionen.

Firmeninfo
| Solon SE |

Bei Solon sind 40 Stellen zu besetzen: www.solon.com

Vorstand: Thomas Krupke,
Lars Podlowski, Gero Wiese,
Anke Hunziger, Simone Prüfer
Adresse: Am Studio 16,
12489 Berlin
Umsatz: 815 Millionen
Mitarbeiter: 900 weltweit

Dafür hätten sie auch den Stil der Vorstellungsgespräche so verändert, dass Frauen mit weiblichen Attributen punkten konnten. Ein Beispiel: „Wenn man einen Mann fragt, trauen Sie sich das zu?, sagt er: Na klar. Auch wenn er das noch nie gemacht hat. Eine Frau würde antworten: Ich weiß nicht. Und dabei sind sie beide fachlich gleich qualifiziert.“ Jetzt werden bei Solon auch Kompetenzen wie Kreativität, Motivation oder Kommunikationstalent systematisch abgefragt.

Die Folge: 40 Prozent aller Mitarbeiter sind Frauen, auch in den Chefetagen. Anke Hunziger selbst ist mittlerweile in den Vorstand aufgerückt, auch der Finanzvorstand bei Solon ist weiblich. Mittlerweile fänden es die Mitarbeiter normal, wenn eine Abteilungsleiterin schon nachmittags das Haus verlässt, weil sie sich um ihre Kinder kümmern möchte. „Dann liest sie ihre E-Mails eben abends noch. Bei uns zählt das Ziel, nicht der Weg“, sagt Hunziger.

Auch die Solon-Managerin findet, dass es in Deutschland viel zu langsam vorangeht mit der Gleichberechtigung. Darum wünscht sie sich eine gesetzliche Frauenquote für die Aufsichtsräte von Aktiengesellschaften. In Norwegen gibt es so ein Gesetz bereits. Auch  Alexandra Schwarz-Schilling plädiert für eine Quote. Larissa Laternser sieht das etwas anders: „Ich will doch keine Quotenfrau sein.“

Miriam Schröder


Aus der Ausgabe 5 / 2009

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