Im Zeichen des Wandels
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Imam Kaloglu: "Es kann noch Jahre dauern, bis der Investor mit dem Bau beginnt" Foto: Max Stuttmann |
Sehr geehrter Herr Dr. Gerckens,
seit rund acht Jahren betreibe ich an der Karl-Liebknecht Straße zwischen Marien-Kirche und Bahnhof Alexanderplatz einen Imbiss und ein italienisches Restaurant. Mit jedem Jahr haben sich die Geschäfte besser entwickelt. Inzwischen beschäftige ich zehn feste Angestellte. Zu mir kommen viele Touristen aber auch Geschäftsleute in ihrer Mittagspause.
Zwar ist das Grundstück eigentlich als Grünfläche ausgewiesen. Aber ein Park im engeren Sinne ist das hier nie gewesen. Schon immer hat es an diesem Ort Gastronomie gegeben. Buden und Kioske standen hier schon vor der Wende. Ich achte darauf, dass mein Restaurant und mein Imbiss sehr ordentlich sind. Ich fühle mich für mein Grundstück und für das Umfeld verantwortlich, pflege es und halte es sauber.
Nun wurde ich von der Bezirksverwaltung aufgefordert, mein Restaurant zu räumen. Tatsächlich ist eine Sondernutzungsgenehmigung ausgelaufen. Eine neue Genehmigung habe ich beantragt, allerdings wurde sie mir verwehrt. Auf dem Grundstück will ein Investor ein Hotel bauen. Er hat das Gelände vom Liegenschaftsfonds gekauft. Konkrete Pläne liegen meines Wissens aber noch gar nicht vor. Es ist völlig ungewiss, ob die Bauarbeiten eines Tages beginnen werden. Anscheinend gibt es Schwierigkeiten mit Nachbarn. Schließlich würde denen mit einem Neubau ja der Zugang zur Straße weggenommen. Räume, die bislang schön sonnig waren, lägen dann im Schatten.
Es heißt, dass es noch zwei bis drei Jahre dauern kann, bis eine Einigung erzielt wird und alles so vorbereitet ist, dass auch gebaut werden kann. Warum darf ich nicht solange mein Restaurant weiterführen? Mir ist schon klar, dass ich hier nicht ewig bleiben kann. Aber wo die Notwendigkeit bestehen soll, dass ich schon jetzt gehen muss, kann ich nicht verstehen. Ich hatte mich selbst schon einmal für das Grundstück interessiert. Leider habe ich nicht das Potenzial eines großen Investors. Ich habe auch schon mit einem Nachbarn auf der anderen Straßenseite gesprochen, ob wir vielleicht kooperieren wollen. Aber wir haben uns noch nicht einigen können.
Derzeit habe ich keine Möglichkeit, auf einen anderen Standort auszuweichen. Sollte ich das Restaurant aufgeben müssen, stehe ich am Rand meiner wirtschaftliche Existenz. Ich würde mir wünschen, wenn man die Räumung aussetzen könnte. Sollte dann dennoch der Investor mit den Bauarbeiten beginnen wollen, könnte man meine Gebäude innerhalb von ein, zwei Wochen vollständig abreißen.
Ich würde mich auch freuen, wenn der Bezirk mit sich über einen Ausweichstandort reden lassen würde. Gerne würde ich hier in der Gegend bleiben. Hier kennen mich die Leute und ich habe meine Stammgäste. Jedes Jahr ist mein Betrieb ein kleines Stückchen mehr gewachsen. Es läuft sehr gut. Warum soll ich das jetzt alles ohne Not aufgeben?
Imam Kaloglu
Sehr geehrter Herr Dr. Gerckens,
seit 1991 bin ich mit einer Verkaufsstelle meines Unternehmens Hekticket am Alexanderplatz. Wir mussten schon dreimal umziehen. Jedes Mal lief es ähnlich: Zuerst hatte ich einen Stand direkt auf dem Alexanderplatz. Mein Pachtvertrag, der jedes Jahr verlängert werden musste, lief aus und das Bezirksamt ordnete die Räumung an, mit der Begründung, es würden Bauarbeiten anstehen. Ich musste alle Hebel in Bewegung setzen und bekam einen Platz an der Rathausstraße. Dann lief der Vertrag wieder aus und ich musste mir einen neuen Ort suchen. Bis ich schließlich an der Karl-Liebknecht-Straße ankam.
Nie hat man sich mal mit mir an einen Tisch gesetzt, um über mögliche langfristige Konzepte zu sprechen. Die Ämter zeigten sich immer erst dann kooperativ, wenn Druck von außen kam. Wir würden gerne in unmittelbarer Nähe des Alexanderplatzes bleiben. Es ist wichtig, zwischen Hotels und Kaufhäusern eine Instanz zu bewahren, die für die Kultur steht. An diesem Platz muss Berlin zeigen, dass es mehr zu bieten hat als die zigste Modehausfiliale. Ich habe dabei die Unterstützung von über 50 Berliner Bühnen. Auch die Bezirksverordnetenversammlung steht hinter mir.
Ich will ja auch konstruktiv mitwirken. In Zusammenarbeit mit dem Studiengang Architektur der Universität der Künste Berlin (UdK) und mit Unterstützung vieler Berliner Bühnen und Veranstalter sind verschiedene Entwürfe für einen Kultur-Pavillon am Alexanderplatz entstanden.
Der Pavillon soll als Kulturinformationszentrum wirken, mit Infoterminals und großen Bildschirmen. Auf denen könnten zum Beispiel Aufführungen aus den Theatern gezeigt werden. Der Pavillon soll aber auch durch sein Design ein Zeichen setzen. Ähnliche Projekte gibt es in Metropolen wie New York, London oder Paris. Es sollte sich doch dafür ein geeigneter Ort finden können. Das öffentliche Interesse an einem Kartenverkauf von Last-Minute-Tickets ist in jedem Fall da. Und noch ist Zeit eine gemeinsame Lösung zu finden.
Andreas Richter
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Sehr geehrter Herr Kaloglu, sehr geehrter Herr Richter,
ich habe mich inzwischen mit dem Bezirksamt Mitte in Verbindung gesetzt. Natürlich weist man dort auf die besonders exponierte Lage des Grundstücks hin. Eine Entwicklung durch einen Investor ist durchaus gewollt und auch erwünscht. Ganz unumstritten ist der geplante Bau im Bezirk allerdings nicht. Schon im vergangenen Jahr wurde etwa die Fassade des Hotels kontrovers diskutiert. Zu sehr erinnere sie an „DDR-Architektur der 70er Jahre“, wie ein Kritikpunkt im Stadtentwicklungsausschuss der Bezirksverordnetenversammlung lautete. Der Investor, die Kanzlei Hilpert aus Würzburg, hatte damals Gesprächsbereitschaft gezeigt und war offen, über Änderungswünsche im Entwurf zu reden.
Wie weit nun die Verhandlungen mit den Eigentümern der angrenzenden Grundstücke gediehen sind, mochte mir die Kanzlei allerdings nicht sagen. Am grundsätzliche Plan, an diesem Ort ein Hotel in einem mittelpreisigen Segment aufzubauen, hält die Kanzlei aber weiterhin fest. Nach derzeitigem Stand werden also über kurz oder lang in jedem Fall Bauarbeiten auf diesem Grundstück beginnen, worauf sie sich einstellen müssen.
Der Bezirk wird voraussichtlich Ihre beiden Geschäfte auch nicht bis zu einem Beginn der Bauarbeiten an diesem Standort dulden. Eine von mir vorgeschlagene Fristenlösung, in der Sie Zeit finden könnten, sich einen neuen Standort zu suchen, wurde leider abgelehnt. Allerdings zeigte der Bezirk grundsätzlich Bereitschaft, bei der Suche nach einem Ausweichquartier hilfreich zu sein. Insbesondere für Sie, Herr Richter, scheint mir die Lage recht aussichtsreich, vor Ort mit Ihrem Kiosk bleiben zu können. Das hat zum einen damit zu tun, dass man dem Thema Kultur recht offen gegenübersteht und das Konzept des Verkaufs von verbilligten Restkarten für die Berliner Bühnen grundsätzlich interessant findet.
Natürlich hat es aber auch damit zu tun, dass Ihr Verkaufsstand allein schon wegen seiner übersichtlichen Größe recht gut in die vorhandenen Immobilien integriert werden könnte. Ob allerdings das Konzept ihres Kulturpavillons direkt auf dem Alexanderplatz umgesetzt werden kann, ist zweifelhaft, obwohl die Entwürfe sicherlich sehr interessant sind. In Zukunft wird es immer schwieriger werden, Ausnahmen für so wichtige Berliner Plätze wie den Alexanderplatz gegenüber den Bezirken durchzusetzen. Dies hängt mit der enormen Nachfrage, etwa für Werbeaktionen, zusammen, aber auch mit dem Bedürfnis der Bezirke, die Plätze nicht zu entwerten. Das große Interesse spiegelt sich auch in den Bauprojekten im Umfeld des Alexanderplatzes wider. Der Bezirk muss aufpassen, dass dabei der Mittelstand nicht zur Gänze durch finanzstarke Investoren verdrängt wird.
Ihr Pierre Gerckens
Aus der Ausgabe 7 / 2008

